Laudatio zur Verleihung des Leuchtturms

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

lieber Bastian Obermayer, lieber Uwe Ritzer,

Fangen wir ganz bescheiden an: Was haben der ADAC und der Journalismus gemeinsam? Die Antwort: Beiden fehlt es hier und da an Glaubwürdigkeit. Dass es dem ADAC einmal, wenn es ums Vertrauen geht, nicht besser gehen würde als zuweilen dem Journalismus und dass dafür Journalisten verantwortlich sein würden, daran war mehr als hundert Jahre lang kaum zu denken. So lange gibt es den ADAC schon – und bis auf einige Scharmützel schrieb er das, was man eine Erfolgsgeschichte nennt. Und zwar mit weitgehend freundlicher journalistischer Unterstützung.

Mit der journalistischen Unterstützung ist natürlich nicht das eigene Blatt, die ADAC motorwelt gemeint, mit ihrer Auflage von 14 Millionen. Unabhängig vom eigenen Zentralorgan konnte sich der ADAC meist auf die Medien verlassen. Richtig gefährlich wurde es für ihn in der öffentlichen Diskussion eigentlich nie und wenn er den Gelben Engel verlieh, konnte er sich auf die Medien verlassen – artig berichteten sie jahrein, jahraus.

In diesem Jahr hat der ADAC nun alle seine bisherigen Schlagzeilenrekorde gebrochen – er war in aller Munde, in allen Medien. Er wurde zum perpetuum mobile der Nachrichtenschleife und ist bis heute nicht zum Stillstand gekommen.

Journalisten haben den ADAC in seine Einzelteile zerlegt und Bastian Obermayer und Uwe Ritzer waren dabei die großen Meistermechaniker. Am 14. Januar dieses Jahres rechneten Obermayer und Ritzer dem Leser vor, dass etwas nicht stimmen könnte mit den Zahlen für den Gelben Engel, sie verwiesen dabei auf interne Dokumente. Der Verdacht gärte, der angekratzte ADAC grollte, so zog es sich ein paar Tage.

Erst mit Zeitverzögerung zündetet das Thema, explodierte dann quasi über Nacht. Mit dem Rücktritt des Kommunikationschefs Michael Ramstetter brach der große Riese rasch und regelrecht in sich zusammen. Schnell wurde der ADAC zum Steinbruch für Journalisten und Rechercheure. Wer wollte, konnte hineinspazieren, konnte hineinsehen und schubkarrenweise tolle Geschichten herausziehen und damit Furore machen. Ob fragwürdige Provisionsgeschäfte, Tricksereien im Versicherungsgeschäft, Bevorzugung von Fremdkunden, Rettungshubschrauber für Dienstreisen, gezielter Verkauf von Autobatterien oder interne Querelen: Eine Schlagzeile folgte der nächsten. Vier Wochen nach Beginn der Berichte war der einst imposante ADAC nur noch eine Ruine.

Bastian Obermayer und Uwe Ritze hatten ins gelbe Wespennest gestochen. Und sofort haben sie den ADAC profund durchdrungen, bis zur letzten Schraube haben sie fast jedes Teilchen der ADAC Mechanik in den Händen gehalten und unter die Lupe genommen. Sie haben dem Druck des größten Automobilclubs Deutschlands standgehalten – bis zum heutigen Tag. Sie sind nicht gegangen, als sie ihre Fuhre gemacht hatten mit dem ADAC. Sie sind sogar geblieben, als die anderen Kolleginnen und Kollegen längst schon wieder weg waren.

Wir arbeiten in einer Zeit, wo wir als Journalisten eigentlich eine auf den ersten Blick kuriose Fähigkeit entwickelt haben – wir sind so professionell geworden im Marketing. Im Marketing unserer Geschichten, im Marketing von uns selbst. Der Job bringt es mit sich – es ist also nichts grundlegend Neues und auch nichts grundlegend Verwerfliches. Neu ist, wie viel Präzision wir zuweilen an den Tag legen, um beispielsweise den Zeitpunkt einer Veröffentlichung zu bestimmen. Die Welt ist laut, das Rad dreht sich rasend schnell. Wann haben wir eine Chance durchzudringen, wann läuft eine Geschichte, wie kommt sie ins laufen? Mit welchem Lead einer Nachricht könnten wir Erfolg haben?

Die große ADAC-Lawine aber begann ganz anders: Es war vor allem eine gute Geschichte. Sie wurde nicht durch eine breaking news ins Rollen gebracht. In gewisser Weise begann sie heimlich, still und leise – vor allem: langsam. Fast ein wenig verhalten. Auf einer Seite 3 in der Süddeutschen Zeitung. Und der Leser weiß das: die Seite drei gibt es nicht einmal online – normalerweise. Im Falle des ADAC wurde rasch, nein, nach einer Ewigkeit online nachgeliefert. Und schnell nahm das Thema an Fahrt auf. Denn es ging ja sofort um die Frage: Woran sollen die Deutschen noch glauben, wenn nicht an den ADAC.

Im Nachhinein wundert man sich – warum haben wir diesen Fundus an Geschichten nicht schon viel eher entdeckt? Es stimmte ja nichts von alldem, was auch wir Journalisten offenbar jahrelang geglaubt, zumindest zu wenig in Frage gestellt hatten. Wie ist es möglich, dass uns all diese Betrügereien bislang entgangen waren? Darüber kann man nun staunen.

Man kann das aber auch als große Motivation nehmen: Die Augen zu öffnen, auch die kleinen Steine umzudrehen. Denn es gibt immer noch und immer neue ungehobene Schätze! Der Fall des ADAC und die Kollegen Bastian Obermayer und Uwe Ritzer machen Mut, sie zu suchen und zu entdecken.

Vielen Dank, liebe Kollegen und – herzliche Glückwünsche zum Leuchtturm!

(Vollständige Rede von Julia Stein, 2. Vorsitzende netzwerk recherche)

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