Alexa O’Brien über Chelsea Manning

netzwerk recherche e.V. Jahreskonferenz 2014

Du bist der Whistleblowerin Chelsea Manning in Deiner Arbeit rund um ihren Prozess so nahe gekommen wie sonst kaum jemand. Wer ist Chelsea Manning? 

Viele Leute wissen es nicht, aber tatsächlich habe ich noch nie direkt mit Chelsea gesprochen. Nur mit ihrem Anwalt. Es gab einen Briefwechsel zwischen uns. Aber so etwas wie eine Beziehung zwischen uns besteht nicht. Und trotzdem kann ich sagen, dass Chelsea in meinen Augen eine ernsthafte, junge amerikanische Soldatin war, die aus tiefer innerer Überzeugung heraus gehandelt hat. Jetzt, da das Militärtribunal zu Ende ist, darf sie sich wieder öffentlich äußern und ich bin sicher, wir werden noch viel von ihr hören.

Du hast vier Jahre lang 14 Stunden täglich an dem Fall gearbeitet. Außerdem bist Du während Deiner Arbeit an dem Prozess selbst in den Fokus der Geheimdienste geraten. Woher hast Du die Kraft für all das genommen?  

Das frage ich mich auch. Gerade beim Manning-Prozess habe ich gar nicht verstanden, woher die Energie in mir kam? Aber der Prozess verdiente einfach eine ausführlichere Berichterstattung, wie sie andere Prozesse in der amerikanischen Geschichte erhalten haben. Nicht mal mein eigener Wille hätte mich davon abhalten können, über diesen Prozess zu berichten.

Und Dein Privatleben? 

Über Jahre hinweg habe ich meine Familie und Freunde massiv vernachlässigt. Jetzt hatte ich gerade etwas Zeit, um mit einigen von Ihnen zu sprechen. Für mich hat es sich angefühlt, als hätten wir gestern miteinander gesprochen, so schnell ist die Zeit vergangen. Sie sehen das anders, aber verstehen, dass ich sehr beschäftigt war.

Du hast auf dem Podium eine weitere Triebfeder genannt: Der politische Prozess sei zerbrochen. Was meinst Du damit? 

Die Architektur der Regierungsmacht ist aus dem Gleichgewicht. Beispiele dafür sind das veränderte Präsidentenamt und der amerikanische Kongress. Die Regierung entzieht sich der Verantwortung. Der Präsident spricht zum Volk über das Fernsehen aber verantwortet sich kaum vor dem Parlament. Der Kongress ist jener politische Akteur in Washington, der der Bevölkerung am nächsten steht. Hundert Jahre der Finanzierungsreform für Parteispenden wurden aber in den letzten Jahren über Bord geworfen. Die Höhe von Spendensummen ist dereguliert, die Spenden müssen nicht öffentlich gemacht werden. Lobbyisten können mit diesem Hilfsmittel Gesetzesentwürfe konzipieren, die dann direkt in geltendes Recht umgesetzt werden, ohne, dass es Debatten darüber gibt an denen der Kongress oder die Bevölkerung teilhat.

Will die amerikanische Bevölkerung denn mit diskutieren? 

Ja. Es ist doch kein Wunder, dass die Menschen in Parks öffentlich debattieren, wie bei der Occupy-Bewegung. Die Bevölkerung will über die Herausforderungen, vor denen sie steht, und ihre Möglichkeiten diskutieren. Aber dafür brauchen wir die notwendigen Informationen. Das geht aber nicht, da inzwischen mehr Regierungsdokumente unter Verschluss als öffentlich sind, immer mit dem Verweis auf äußere Bedrohungen und Terrorismus. So kann man Regierungshandeln nicht beurteilen oder beaufsichtigen.

Du hast Deinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt nach Berlin verlegt. Unterscheidet sich Deutschland denn so grundlegend von den USA? 

Diese Frage muss erst noch beantwortet werden. Die deutsche Zivilgesellschaft ist stärker als die amerikanische. Dissidenten erfahren mehr Toleranz. Das leitet sich ab aus einer Grundskepsis der Menschen, aus einer historischen Perspektive die an den Missbrauch der Macht durch die Nazis geknüpft ist.

Und trotzdem geht der Großteil unserer Gesellschaft aller Enthüllungen zum Trotz nicht auf die Barrikaden. 

In Deutschland übernehmen zivilgesellschaftliche Organisation eine integrale Rolle nehmen Einfluss auf den öffentlichen Sektor und das Regierungshandeln. Sie haben eine Art Brückenkopffunktion, die es so in den USA nicht gibt. Trotzdem gibt es auch Grund, skeptisch zu sein, denn der Aufschrei müsste definitiv größer sein.

Zum Jahrestreffen von nr bist Du gerade aus New York angereist. Kannst Du inzwischen wieder ohne Probleme in die USA ein- und ausreisen? 

Seitdem der Gerichtsprozess von Chelsea Manning vorbei ist, werde ich bei der Ein- und Ausreise nicht mehr belangt. Aber ich glaube, dass die amerikanischen Geheimdienste verstanden haben, dass Sie mehr Informationen über mich erhalten, wenn sie im Verborgenen agieren.

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One Comment

  1. Alexa O’Brien hat mich auf zwei Ungenauigkeiten aufmerksam gemacht, die durch die Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche nicht richtig dargestellt sind:

    1. Alexa hat Chelsea Manning geschrieben, so etwas wie einen ‘Briefwechsel’ gab es jedoch nicht.
    2. Alexa wurde während des NDAA-Verfahrens (National Defense Authorization Act, http://www.spiegel.de/politik/ausland/guantanamo-obamas-anti-terror-gesetz-empoert-buergerrechtler-a-807132.html) bei der Ein-und Ausreise gestoppt. Bei diesem Prozess trat sie als Klägerin auf. Unter anderem ging es dabei um die unbegrenzte Inhaftierung Terrorverdächtiger. Während des Manning-Prozesses wurde sie zumindest offensichtlich von den Behörden nicht belangt.

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