Der Spurensucher

Jeder ungeübte Internetnutzer hinterlässt Spuren im Datensumpf des WorldWideWeb, die sich nur schwer wieder verwischen lassen. Nur bei Sebastian Mondial scheint das anders zu sein: Privates über ihn ist kaum zu finden im Netz, schon sein Alter muss per Mail hinterfragt werden – gesetzt den Fall, der Suchende findet seine Adresse. Von den Spuren seiner Arbeit hat hingegen fast jeder schon einmal gehört: Mondial war einer der zentralen Figuren beim Investigativ-Projekt „offshore-Leaks“.

Seit Jahren verdient er sein Geld mit dem Datenjournalismus, lebt vom großen internationalen Vertrauen in sein Können als investigativer Datenspezialist. Nebenbei trainiert er andere Journalisten darin, digitale Informationen in der Recherche zu erschließen und zugleich mit den eigenen Daten sicher umzugehen.

Einer seiner ersten Aufträge nach dem Studium an der TU Dortmund kam – heute muss man sagen ausgerechnet – von google. Unter der sperrigen Berufsbezeichnung eines Search Quality Raters suchte er gezielt nach Daten und Informationen, die die Suchmaschine mit ihrem Algorithmus nicht zu finden vermochte und machte diese zugänglich. Ein derartiger Mitarbeiter untersucht und ändert unter anderem, wie gut die Reihenfolge der Suchergebnisse zu der Anfrage passt. Tippt der Suchende beispielsweise bayrischer Wald ein, soll zuerst ein Link zur Karte oder zum Gebiet erscheinen und nicht ein Restaurant mit diesem Namen.

Nächste Station war die Nachrichtenagentur dpa, genauer die Redaktion dpa-RegioData. Zuvor hatte er einen Teil der Redaktion schon in computergestützter Recherche geschult. Als die dpa beschloss, eine Datenjournalismus-Redaktion aufzubauen – die erste Redaktion Deutschlands, die sich darauf spezialisierte –, war Mondial ein erster Ansprechpartner. Nachdem er als Datenjournalist beim stern und als als Trainer an der Henri-Nannen-Schule seine nächsten Spuren hinterlassen hatte, kam dann eine überraschende Einladung aus Übersee. Ohne genau zu wissen, worum es eigentlich gehen sollte, saß Mondial bald einem Mitarbeiter der größten länderübergreifenden Vereinigung aus investigativen Journalisten (ICIJ) an einem großen Konferenztisch in Washington gegenüber. Der schob ihm bald darauf eine Festplatte zu, mit der Bitte die enthaltenden Daten auf vermeintliche Spuren zu Herkunft und Manipulationen zu untersuchen.

260 Gigabyte Daten galt es mit speziellen Programmen nach Auffälligkeiten zu durchforsten. Der Tragweite des Projektes war sich Mondial zunächst gar nicht bewusst, erst nach einem halben Jahr zeigte sich in einem ersten internen Überblick auch die mediale Reichweite. Das Resultat von über einem Jahr Arbeit war das wohl größte digitale Leak über Steuerhinterziehung – bei einer Bank mit Offshore-Finanzplatz und weltweiter Akteure im Steuerparadies – mit Sebastian Mondial als einem der zentralen Rechercheure, bekannt als offshore leaks. Er arbeitete mit einer teuren Forensik-Software, die normaler Weise in Kriminalfällen verwendet wird, um die Datenmenge zu analysieren und Auffälligkeiten zu entdecken, die wiederum von insgesamt 80 Journalisten zu Geschichten verarbeitet wurden.

Nach diesem riesigen Erfolg ist der Datenspezialist jedoch keinesfalls abgehoben, die wenigen Spuren von seiner Person selbst im Netz mögen dafür bereits ein Indiz sein. Mit einem realistischen Blick freut er sich in Zukunft auch wieder auf bodenständigere Projekte. Die Hauptsache dabei: Daten.

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