Die undankbare Arbeit der Stringer

netzwerk recherche e.V. Jahreskonferenz 2014

Mogadischu, 1992 – In Somalia herrscht Ausnahmezustand: Ein Großteilteil der Bevölkerung ist vom Hungertod bedroht, während sich die verfeindeten Clans erbitterte Kämpfe liefern und sich das Scheitern der UN-Mission abzeichnet. In einem solchen Chaos kann sich ein ausländischer Journalist nur mit der Unterstützung eines Einheimischen zurecht finden – den Stringern. Ahmed Jimale war einer von ihnen.Sein erster Kontakt zur westlichen Medienwelt kam durch einen Zufall zustande: Albrecht Reinhardt, damaliger Leiter des ARD-Studios Nairobi war vor Ort und auf der Suche nach Mietwagen für sich und sein Filmteam. Ein Freund Jimales war Autovermieter, sprach allerdings kein Englisch. Also bat er Jimale, für ihn als Dolmetscher in den Verhandlungen mit den ARD-Journalisten auszuhelfen. Nach Abschluss des Autogeschäfts fragte ihn Reinhardt, ob er nicht noch bleiben und für ihn arbeiten wolle. Nachdem sich Jimale als vertrauenswürdiger Ortskundiger erwiesen hatte, wollte er  selbst filmen – und bekam spontan eine Kamera in die Hand gedrückt. „Dabei wusste ich leider überhaupt nicht, wie man so ein Ding bedient“, sagt er und lacht. Nur Wochen später sollte sein Filmmaterial von den Kämpfen in Mogadischu um die Welt gehen.

Für seine Arbeit bekam Jimale 600 Dollar, was ihn in Somalia zu einem reichen, angesehenen Mann machte. Damit wurde er aber auch zur Zielscheibe der rivalisierenden Clans. Mehrmals floh er deswegen nach Nairobi oder versteckte sich tagelang an geheimen Orten in Mogadischu. Als er gerade wieder einmal in Nairobi Unterschlupf gesucht hatte, bemerkte er, dass sein Gehalt seit Monaten überfällig war. Er rief im ARD-Studio an. Die knappe Antwort der Sekretärin: „Du arbeitest nicht mehr für uns, also gibt es auch kein Gehalt“. „Das war einer meiner schlimmsten Tage“, sagt er heute. Er hatte sich gerade erhofft, in Nairobi ein neues, friedlicheres Leben aufzubauen. Familie und Freunde hatten ihm aus Angst um sein und ihr eigenes Leben geraten, Somalia für immer zu verlassen.

Die vollkommen ungeregelten Arbeitsverhältnisse der Stringer sind nicht nur in Somalia ein Problem. Auch in anderen Ländern sind die Stringer willkommene Helfer auf Zeit, ohne Arbeitsvertrag oder gewerkschaftliche Absicherung, wie die taz-Korrespondentin Joanna Itzek zu berichten weiß. Wie könnte sich ihre Lage verbessern? „Durch Transparenz“, sagt Itzek. „Wenn jemand 50 Prozent einer Story mitmacht, muss er auch erwähnt werden. Außerdem ist  eine anständige Ausbildung wichtig, damit die Stringer in die internationale Journalistencommunity aufgenommen werden können.“

 

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