„Diese Tonart der maßlosen Selbstüberschätzung“

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Laudatio zur Verleihung der verschlossenen Auster 2014

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es hat ja an sich schon etwas Widersprüchliches an sich, eine Laudatio auf eine geschlossene Auster zu halten. Genau in diesem Widerspruch liegt aber auch der Reiz, und in diesem Fall ganz besonders. Ich werde es also versuchen und danke für die Einladung, diese Negatio halten zu dürfen.

Als ich am 14. Januar dieses Jahres die Süddeutsche aus dem Briefkasten holte, sprangen mir als Aufmacher auf der Titelseite die vier wohlbekannten Buchstaben entgegen, gemalt auf rissigen Asphalt, und dazu die Headline:

Ein feiner Club

In der dazu gehörenden Story auf Seite drei las ich dann, ebenso neugierig wie verblüfft, unter der Überschrift:

Abgefahren

Manipulationen bei der vom ADAC durchgeführten Wahl

Deutschland kürt sein Lieblingsauto“

Zwei Gedanken überholten mich gleichzeitig: Was ist an der Story so gewichtig, dass es der Süddeutschen ein Titelthema wert ist und: wie dicht sind die Informationen, die das Thema tragen?

Erst beim zweiten Durchlesen war mir dann klar: Hier ist ein besonders dickes Brett gebohrt worden, ein Thema mit Fortsetzung. Das lag einerseits an den Informationsquellen, die offenbar direkt vom ADAC stammten, andererseits an der besonders gründlichen Recherche, die an der Wurzel ansetzte: der Frage, wie es dazu kommen konnte. Wie es dazu kommen konnte, dass sich ein deutsches Denkmal quasi selbst vom Sockel stürzt?

Denn bis zum 14. Januar war die Reputation des ADAC so makellos wie bei kaum einer anderen deutschen Institution. Er war ein Image-Phänomen. Ein deutsches Phänomen. Der ADAC war, wie Bastian Obermaier in seinem sehr lesenswerten Recherchebuch

Gott ist gelb“

kurz und bündig feststellte:

Der ADAC war Deutschland.

Nun aber übte sich der Club, über die Manipulationsvorwürfe hinaus, in Selbstdemontage:

In Demontagephase 1 wurden sämtliche Vorwürfe erst einmal pauschal bestritten. Höhepunkt der ersten Verteidigungslinie war die Erklärung des Geschäftsführers Karl Obermair bei der scheinbar unbeeindruckt angesetzten Preisverleihung der „Gelben Engel“ am 16. Januar, als er den SZ-Bericht als „kompletten Unsinn“ abtat, voller Unterstellungen und Unwahrheiten. Dann verstieg er sich auch noch, von einem „Presseskandal“ zu sprechen und höhnte, dass „ohnehin nichts älter sei als die Zeitung von gestern, in die man bekanntlich den streng riechenden Fisch einwickle“.

Es war diese Tonart der maßlosen Selbstüberschätzung, der scheinbaren Unangreifbarkeit, die viele Journalisten vom ADAC und ganz besonders von seinem Kommunikationsdirektor bereits kannten.

Obermairs Erklärung sollte von ebenso kurzer Halbwertszeit sein, wie seine weitere Karriere beim ADAC, denn dann nahm die Causa eine Eigendynamik an, die fast beispiellos ist in der jüngeren Geschichte des Recherche-Journalismus.

Dennoch versuchte sich der Club, an der Phase 2 seiner Notfallstrategie, der Abwiegelung, nachdem er inzwischen sämtliche offiziellen Informationsschotten mit internen Ukas dicht gemacht hatte.

Und er suchte, mit Hilfe von externen Agenturen, Anwälten und Beratern nach den undichten Stellen im System. Sie durchforsteten systematisch den Mail- und Telefonverkehr der letzten Monate.

Nachdem der angeblich allein Schuldige gefunden und aus dem Verkehr gezogen worden war, sprach man von einem bedauerlichen Einzelfall der Manipulation, „unfassbar für das Präsidium und die Geschäftsführung.“ Kein Wort von der Mitverantwortung durch Selbstkontrolle. Auch diese Strategie, das wurde schnell deutlich, zerbröselte mit jedem Tag des Hinhaltens. Am Ende stand schließlich eine jahrelange Kette von Manipulationen, und dies auf verschiedenen Ebenen über die Preisverleihungen des „Gelben Engels“ hinaus.

Der Präsident des Vereins, Peter Meyer, der zunächst die Verantwortung für die zunehmende Konfusion auf das Hauptamt abzuwälzen versuchte, trat nach missglückten Fernsehauftritten am 10. Februar, knapp einen Monat nach der ersten Veröffentlichung in der „Süddeutschen Zeitung“ zurück. Sein Vize August Markl übernahm, und es sah, nach den dürren Verlautbarungen eher nach einem Putsch aus. Weitere zwei Wochen später musste Hauptgeschäftsführer Obermair seinen Stuhl räumen, drei weitere Geschäftsführer und mehrere leitende Mitarbeiter folgten.

Dieser scheinbaren Tabula rasa zum Trotz liefen nahezu täglich die Enthüllungsnachrichten über Missstände und Verfehlungen im Verein weiter. Es geht immer mehr an das Eingemachte, nämlich den mit steuerlichen Privilegien ausgestatteten Vereinsstatus und an das bisher wie ein Staatsgeheimnis gehütete Vereinsvermögen, das mangels Transparenz nur wenigen Insidern wirklich bekannt ist.

Bis zu zwanzig gut informierte, meist anonym bleiben wollende ADAC-Mitarbeiter melden sich in diesen Wochen bei Hans Leyendecker und seinem Team, Bastian Obermayer und Uwe Ritzer, aber auch bei anderen überregionalen Medien wie Spiegel, Stern und der Welt und packen aus über mehr oder weniger wichtige Vereins-Interna, die zusammen aber ein völlig neues Bild des ADAC zeichnen.

Es zeigt sich immer deutlicher, dass der ADAC, bisher stets ein Liebling der Medien, vor allem auch der öffentlich-rechtlichen Medien, diese Vertrauenskrise nicht managen konnte, in die er sich so unvermittelt selbst gestürzt hatte. Der Club, der wie kein anderer davon profitierte, eine Art Informationszentrale für Automobilitätsthemen aller Art zu sein, schaltete plötzlich auf stumm. Anfragen blieben in der Regel mit dem Stereotyp „kein Kommentar“ unbeantwortet und das Abwehrspiel trieb dann so seltsame Blüten wie die Antwort auf die unverfängliche Frage nach dem Vornamen der Ehefrau von Clubpräsident Meyer: „Zu privaten Details von Gattinnen von Funktionären nehmen wir grundsätzlich keine Stellung.“

Schotten dicht auch bei der mit Spannung erwarteten Jahreshauptversammlung des Clubs am 10. Mai in Saarbrücken. Keine Drehgenehmigung bei der Delegiertenkonferenz. Die mehr als 100 angereisten Journalisten wurden mit der Information versorgt, dass die Neuwahlen zum Präsidium auf einen späteren Zeitpunkt im Herbst verschoben werden.

Dagegen versichert sich der Verein im Abwehrkampf der Dienste der bekanntesten Medien-Anwaltskanzleien des Landes: Als bekannt wird, dass ich an einem Buch mit dem Titel „Die gelbe Gier“ arbeite, erhalte ich prompt zwei prophylaktische anwaltliche Droh- und Einschüchterungsschreiben mit massiven Warnungen, dies zu unterlassen. Weder Autor noch Verlag haben sich beeindrucken lassen.

Um noch einmal auf die Eingangsfrage zurück zu kommen:

Wie konnte es zu diesem Image-Totalschaden kommen, wie war das möglich?

Ich will versuchen, dies bildhaft zu erklären

Der Verein hatte sich im wirtschaftlichen Umfeld ein eigenes Biotop geschaffen, indem er sich unter dem Deckmantel einer Pannenhilfe-Organisation weitgehend dem Wettbewerb entzog.

Er schwamm sozusagen in seinem eigenen Teich, wie ein gelber Koi-Karpfen, während im anderen Teich die anderen Fische – sprich Versicherer – sich im freien Wettbewerb tummelten, um das Futter kämpften oder sich gegenseitig fraßen.

Dieser Koi-Karpfen ADAC wuchs schließlich zu solcher Größe heran, dass er keine andere Spezies mehr kannte – und dem Wahn erlag, der einzige Fisch zu sein. Weil er in seinem eigenen, abgeschlossenen Teich lebte, vergaß er schließlich ganz, was seine Bestimmung war,

Bis er zu gierig wurde, und platzte…

Hat der Verein, aus den Verwerfungen der letzten Monate gelernt, in die er durch die journalistische Recherche von Hans Leyendecker, Bastian Obermaier, Uwe Ritzer und vielen anderen Kollegen gedrängt wurde? Ich denke, man kann mit einiger Gewissheit sagen, dass durch ihre Berichterstattung längst fällige und dringend notwendige Reformprozesse eingeleitet worden sind, nach innen und nach außen.

Der ADAC sagt, er wird sich an Haupt und Gliedern reformieren. Kein Stein soll auf dem anderen bleiben. Mit einer Charme-Offensive, begleitet von Millionen teuren Imagespots, hat er jetzt begonnen. Auf der Bilanzpressekonferenz am vergangenen Montag in München wurden zwar erste zarte Pflänzchen zum Reformprozess für Vertrauen sichtbar, eine konsolidierte Konzernbilanz konnte der Verein allerdings noch nicht vorstellen.

Ob das reichen wird? Der ADAC wird, denke ich, aus seinen eigenen Widersprüchen herauskommen müssen, eine normale Versicherungsgesellschaft werden, geführt von einem normalen Management nach den normalen Regeln der Corporate Compliance, anstelle eines Funktionärs-Spielwaren- und Selbstbedienungsladens, mit der Transparenz, denen normale Unternehmen unterworfen sind.

Ob und wie er das wird, auf diesem Weg werden Sie ihn als Berichterstatter weiter begleiten, kritisch, aber auch konstruktiv.

Hamburg, 04. Juli 2014

Alfons Kifmann

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