„Glauben Sie nie dem Archivar“

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Wie wühlt man sich durch unsauber archivierte Akten, wie kommt man an Zeitzeugen? „Recherche im Gestern“ ist kein angestaubtes Thema, sondern aktuell und gefragt wie nie. Die freien Journalisten Ingolf Gritschneder, Rosalia Romaniec und Henning Sietz berichteten von ihren Recherchen zur Zeitgeschichte.

Recherchen_im_Gestern_ST_K6_B_49_Fast wäre seine Recherche schon am Archivar gescheitert. „Alle zwei Jahre kommt ein Journalist und fragt danach. Haben wir aber nicht“, hieß es beim Staatsarchiv in München, in dem eigentlich Akten über ein Attentat auf Adenauer im Jahr 1952 lagern sollten. Henning Sietz, als freier Journalist vor allem für die FAZ und DIE ZEIT unterwegs, war in einer Jahreschronik auf eine Notiz über das Attentat gestolpert. „Man wusste nichts darüber und das hat natürlich mein Interesse geweckt“, erzählt Sietz.

Er wälzte alte Zeitungen. Die Berichterstattung über die für Adenauer bestimmte Paketbombe, die im Polizeipräsidium München beim Versuch der Entschärfung explodierte und den Sprengmeister in den Tod riss, war nur kurz ein Thema. Sietz suchte nach den Ermittlungsakten zum Fall. Doch im Staatsarchiv München konnte man ihm nicht helfen, auch aus dem Adenauer-Haus in Bonn kam zunächst nichts Verwertbares. Doch nachträglich trudelte ein Brief ein mit einem Dokument, auf dem der Name des damaligen Ermittlungsleiters stand. Sietz machte ihn ausfindig – und der wiederum wusste noch genau, wie er die Akte damals beschriftet hatte: nicht mit „Attentat auf Adenauer“, sondern mit „Vergehen gegen das Sprengstoffgesetz“. So kam Sietz doch noch an die Polizeiakte und machte aus dem Fall ein Buch. „Glauben Sie dem Archivar nie, wenn er sagt, dass er die Akte nicht hat“, resümiert Sietz. Im Staatsarchiv München treffe an manchem Tag gern mal ein ganzer Möbelwagen neuer Akten ein. „Die meisten Archivare können gar keinen Überblick über ihre riesigen Bestände haben.“

Mit Archivrecherchen kennt sich auch Rosalia Romaniec bestens aus. Die gebürtige Polin, die arbeitete einen Vorfall auf, der sich in ihrer eigenen Familie abgespielt hatte. Ein verloren geglaubter Sohn – Romaniecs Onkel – tauchte plötzlich wieder auf, stellte sich jedoch später als polnischer Spion heraus. Mit viel Geduld arbeitete sie drei Jahre lang die Geschichte aus der Perspektive der Opfer auf. Dann entschloss sie sich, auch den ehemaligen Spion mit den Geschehnissen zu konfrontieren. Mit zwei Kamerateams reiste sie nach Polen und stellte ihn ruhig, aber bestimmt vor die Wahl, sich im Film zu erklären. Der Mann willigte ein. Das Interview forderte Romaniec auch emotional, wurde aber der dramaturgische Höhepunkt. „Geschickt fragen“, das rät die freie Journalistin im Umgang mit zentralen Interviewpartnern – denn sonst sei die schriftliche Einwilligung zur Veröffentlichung anschließend kaum zu bekommen.

Nicht über persönliche Verbindungen, sondern schlicht übers Ausmisten alter Rechercheunterlagen stieß Ingolf Gritschneder auf die Idee zu seinem neuen Filmprojekt über Nazis in Argentinien. Vor zehn Jahren hatte er in der Doku „Hehler für Hitler“ die Rolle des Kölner Unternehmers Otto Wolff von Amerongen bei der Devisenbeschaffung für die Nazis untersucht, nun weckte ein anderer Name in den Unterlagen sein Interesse – ein Name, der in altdeutscher Schrift auch auf den Unterarmen eines chilenischen Motorradfreaks tätowiert war, wie ein Foto im Internet zeigte. Gritschneder wollte die Spur des Geldes verfolgen und fand heraus, dass eine mit diesem Namen verbundene Firma noch in Argentinien und der Schweiz aktiv war. Gritschneder reiste nach Chile und interviewte den jungen Mann mit der Tätowierung, der sich als Enkel des Nazi-Devisenbeschaffers entpuppte.

Eine wichtige Lektion hat Gritschneder noch parat: „Fahren Sie immer an die Orte des Geschehens.“ Nachdem er die frühere Wohnadresse jenes verstorbenen Nazis herausbekommen hatte, fuhr er dorthin und klingelte bei allen Nachbarn. Die meisten konnten nichts dazu sagen, aber ein alter Mann war dabei, der sich seltsam stumm gab, als ob er etwas wüsste. Und tatsächlich: Als Gritschneder ihn mit diesem Bauchgefühl konfrontierte und ihn auch noch intuitiv fragte, ob er vielleicht Jude sei, bekam er die ganze Geschichte zu hören. Dieser Nachbar hatte Dutzende Familienangehörige durch die Nazis verloren und war schon in den 1930er Jahren nach Südamerika emigriert – um dann nach dem Krieg erleben zu müssen, wie sich in seiner unmittelbaren Nachbarschaft die wohlhabenden geflüchteten Altnazis niederließen.

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