„I want to show it“

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Echter als echt: Comics als Medium für harte Geschichten.

„Comics Journalism“ – der Name ist Programm. In Deutschland sind in einem Comic verpackte journalistische Recherchen bisher allerdings kaum zu finden. Anders in Amerika: dort taugt das Format sogar zum Bestseller.

Ende August 2005 richtete der Hurrikan Katrina in den USA erhebliche Schäden an. Die Auswirkungen auf fünf Bürger New Orleans hat Josh Neufeld in einem ungewöhnlichen Format erzählt: in einem journalistischen Comic. Für „A.D.: New Orleans After the Deluge“ sammelte der Amerikaner Fakten rund um „Katrina“. Anhand von Berichten aus Zeitungen, Magazinen und Blogs rekonstruierte er die Geschehnisse in der Stadt; er sprach ausführlich mit den späteren Protagonisten seines Comics und bekam von ihnen Fotos. Zudem hatte er als freiwilliger Helfer in den Wochen nach dem Sturm auch seine eigenen Erfahrungen vor Ort gemacht. 2007 begann Neufeld dann, diese Informationen in Zeichnungen festzuhalten. Diese wurden zunächst als Web-Comic im Smith Magazine (http://www.smithmag.net/afterthedeluge/) veröffentlicht, 2009 dann auch als Buch herausgebracht.

Mittlerweile wurden mehr als 25 000 Ausgaben verkauft. Kurz vor „Katrinas“ viertem Jahrestag stieg das Buch zum New York Times Bestseller auf. Die Zeitschrift „Mother Jones“ hat Neufelds “Comics journalism” in die “MoJo’s Top Books of 2009″ aufgenommen. (http://www.motherjones.com/media/2009/12/mojos-top-books-2009)

„Comics journalism“ würde den Leser stärker mit einbeziehen, Emotionen hervorrufen und mehr Tiefe in eine Geschichte bringen, sagt der Journalist David Schraven. Gemeinsam mit dem Comiczeichner Jan Feindt wird er im Herbst die grafische Reportage „Weiße Wölfe“ veröffentlichen. Die beiden haben die Geschichte von Neonazis in Dortmund recherchiert, die Mitglieder einer internationalen Terrorgruppe wurden. Die Spuren der Neonazis führen zum Umfeld der NSU-Mörder. Er habe recherchiert wie sonst auch, berichtet Schraven, dann aber festgestellt: „I want to show it.” Fotos gab es jedoch nicht. Die Lösung für dieses Problem hat er schließlich in einem Comic gefunden.

In Deutschland gibt es bisher kaum Beispiele für „comics journalism“. Bisher gebe es nur Projekte, die sich in der Grauzone befänden, da sie biographisch seien, sagt Schraven. Beispiele hierfür sind „Der Boxer“ von Reinhard Kleist (Link zu FAZ-Artikel: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/cartoons/reinhard-kleist-der-boxer-11290923.html) und „Die Sache mit Sorge – Stalins Spion in Tokio“ von Isabel Kreitz (Link zu SpOn-Artikel: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/comic-eigenpublikation-national-die-sache-mit-sorge-a-573022.html). Die Schwierigkeit ist, dass Comics in der Regel personalisierte Geschichten erzählen. Daher scheint dieses Format auf den ersten Blick für Enthüllungsgeschichten ungeeignet. Schraven und sein Partner Feindt haben den Versuch trotzdem gewagt: „Investigative Geschichten machen nur wir“, sagt er.

Ein Interview von David Schraven mit Josh Neufeld gibt es hier.

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