„Natürlich scanne ich alles“ – Sonja Peteranderl

Die Journalistinnen Sonja Peteranderl und Julia Jaroschewski haben mit ihrem Projekt BuzzingCities.net die Favelas von Rio in den Fokus genommen. Auch in ihrer sonstigen journalistischen Arbeit stehen für sie meistens genau die Orte auf dem Plan, die andere wohl eher meiden – wie zum Beispiel die als „gefährlichste Stadt der Welt“ in die Schlagzeilen gekommene Ciudad Juarez in Mexiko. Deren Kartellbosse sind genau wie die Bewohner der Favela immer öfter auch im Internet zu finden. Im Gespräch berichtet Peteranderl von der Sicherheit im Netz und auf den Straßen der Favelas. Jaroschewski liegt mit akutem Jetlag im Bett, erst am Vortag sind die beiden in Deutschland angekommen.

Frau Peteranderl, Sie wohnen zusammen mit Frau Jaroschewski in Rocinha, dem größten Favela in Rio de Janeiro. Außerdem recherchieren Sie online, wie Kriminelle im Internet kommunizieren, Drogengeschäfte abwickeln oder mit Waffen posieren. Haben Sie keine Angst?

Peteranderl: Ich glaube, so schwierige Orte wie die Favelas, wo oft schwierig einzuschätzen ist, wie gefährlich sie wirklich sind, führen schon zu einer gewissen Grund-Paranoia. Ich glaube, sich sicher zu fühlen wäre auch ein wenig naiv. Natürlich scanne ich unbewusst alles: Meine Umgebung, die Situation und ob mir an den Menschen etwas auffällt. Ich glaube, man sollte solchen Orten sehr respektvoll begegnen.

Was tun Sie denn im Netz für Ihre Sicherheit? 

Das fängt an mit sicheren Passwörtern und der Nutzung von Tor an. Inzwischen habe ich aus Sicherheitsgründen auch drei Computer. In sozialen Netzen nutze ich zum Beispiel viele Fake-Identitäten.

Wie lange braucht man denn, sich eine realitätsgetreue Fake-Identität aufzubauen? 

Das kann man pauschal nicht beantworten. Das kommt darauf an, was man mit diesen Fake-Identitäten vorhat: Möchte man sich nur mal kurz ein Profil von jemand anderen anschauen? Oder möchte man über mehrere Monate recherchieren und versucht sich verdeckt, irgendwo reinzuschleusen? Der Wert eines Fake-Profils wächst natürlich mit der Zeit und mit der Intensität, wie ich damit kommuniziere. Also wenn ich Fotos poste oder so, wird das Profil ja immer authentischer.

Was nutzt es Ihnen als Journalistin, wenn Sie Kriminelle im Internet verfolgen?

Mich interessiert vor allem, wie die Gangs und Kartelle das Internet als Tool benutzen. Die Recherchen helfen mir, bei manchen Ereignissen, die sehr komplex und intransparent sind, eine Meinung zu bilden.

Wie sind Sie und Frau Jaroschewski auf dieses Thema und die Favelas in Brasilien gekommen?

Also Julia ist von uns beiden ja die ausgewiesene Brasilien-Spezialistin: Sie ist dort zur Schule gegangen, hat dort immer wieder gearbeitet und spricht wie die Leute in Rio. Ich glaube wir haben beide ähnliche Interessen an komplexen Themen wie Korruption, Polizeigewalt oder an Sicherheitsthemen. Darin fühlt sich aber vielleicht auch nicht jeder als Journalist oder Privatperson wohl.

Wie fängt man so ein Projekt, wie Sie es mit buzzingcities.net und favelawatchblog.com gestartet haben, an? Man fliegt ja nicht einfach mal nach Brasilien, nimmt sich eine Wohnung in einem Favela und dann geht es los. 

Das war ein langer Prozess. Für Julia ist Rio ja sozusagen ihre zweite Heimat. Sie war auch schon in der Zeit in Favelas, als das noch ganz andere Gebiete waren und teilweise auch ein härteres Pflaster. Wir sind dann zusammen da hin gefahren und fanden es halt interessant, wie sich diese Orte entwickeln. Die hatten ein sehr schlechtes Image und es war interessant zu schauen, was sich wirklich dahinter verbirgt. Aber natürlich war es sehr aufwendig, da überhaupt Kontakte zu knüpfen. Wir sind teilweise einfach mit dem Bus in die Favelas reingefahren und haben zahlreiche Interviews gemacht. Und diese Kontakte muss man dann auch pflegen, auch wenn man zum Beispiel wieder in Deutschland ist. Das macht einem das Internet inzwischen leichter.

Ein Bild von außen von den Favelas zu bekommen ist sehr schwierig – einerseits ist da diese selbstorganisierte und strukturierte Stadt in der Stadt, andererseits gibt es viele Schießereien und kein Wasser. Welches der zwei Bilder passt denn auf diese Viertel? 

Die Situation in den Favelas ist sehr komplex. Einerseits gibt es diese Gewalt, die auch, aber nicht nur von den Gangs ausgehen. Dann gibt es durch die Zusammenstöße mit der Polizei und den Gangs auch wieder neue Konflikte. Aber es wird auch nicht 24 Stunden am Tag geschossen: Es gibt ein normales Leben, die Mehrheit der Leute arbeiten ganz normal und allein in der Rocinha gibt es 6000 Kleinunternehmen, die sich dort angesiedelt haben. Die Leute gehen auch ganz normal Feiern.

Es ist also kein täglicher Kampf ums Überleben? 

Das kommt eben immer darauf an. Wie gesagt, die Realitäten im Favela ist sehr vielfältig. Es gibt auch in der Rocinha Gegenden, wo die Leute tatsächlich ums Überleben kämpfen und die nur eine Holzhütte haben – wobei mittlerweile die meisten Häuser aus Ziegelstein sind. Und du hast andere, die für Favela-Verhältnisse luxuriös wohnen und eine gute Ausstattung haben. Die Realität ist extrem unterschiedlich.

 

 

 

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