„Wir glauben zu sehr an die Worte alter Männer“

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Was ist schief gelaufen an der Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt? Über diese Frage wurde im Panel heftig diskutiert. Natascha Fiebrig (1+1, ukrainischer TV-Sender), Uwe Klußmann (Spiegel), Jörg Eigendorf (Welt) und Katja Gloger (Stern) offenbarten in der Runde vor allem eins: Dass man schlecht gemeinsam über die Berichterstattung sprechen kann, wenn die Interpretation der Ereignisse ganz Unterschiedliche sind.„Wir werden Fakten diskutieren müssen“, begann Moderater Volker Weichsel (Herausgeber von „Osteuropa“) die Debatte. Doch genau hier lag das Problem: Die Faktenlage ist offenkundig alles andere als eindeutig. Das labile Machtgefüge zwischen der schwachen Zentralgewalt in Kiew und den pro-russischen Gebieten im Osten lässt eine Vielzahl von Interpretationen zu. Und so wurden zunächst vier Sichtweisen auf den Konflikt vorgestellt.

„Auf dem Maidan fand eine Revolution der Würde statt“, begann Natascha Fiebrig. Dann habe Russland die Krim annektiert und heize seitdem den Konflikt an. Fiebrig kritisierte die mangelnde Unterstützung der Belange der Ukraine von Seiten der EU.

Der Exot unter den Anwesenden war Uwe Klußmann – zumindest, was seine Einschätzung der Situation anbelangt. Klußmann ist Historiker, schreibt für den „Spiegel“ und war für das Nachrichtenmagazin zehn Jahre lang Korrespondent in Moskau. Seine These: „Der ukrainische Staat wurde von den Nationalisten auf dem Maidan außergerichtlich hingerichtet.“ Für Aussagen wie diese steckte er eine Menge Kritik ein. Aber es störte ihn nicht. „Damit kann ich leben.“

Diametral gegenüber stand Jörg Eigendorf, früher Russland-Korrespondent der „Zeit“ und heute „Welt“-Chefreporter. Er sah in der Ukraine-Krise einen „historischen Prozess“ und „Wendepunkt“: Dort werde sich entscheiden, welchen Stellenwert Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in Europa haben werde: „Eigentlich dachte ich, diese Fragen seien schon beantwortet.“

Für Katja Gloger vom Stern dagegen ist die Ukraine-Krise vor allem eine Geschichte über deutsche Medienberichterstattung. Ihr Fazit: Vor allem in deutschen Talkshows seien Ukrainer selbst zu wenig zu Wort gekommen.

An diesem Punkt hätte die Debatte tatsächlich zu einer Mediendebatte werden können. Doch die politischen Interpretationen der Ukraine-Krise gewannen bald wieder die Oberhand.

Das zeigte sich am deutlichsten in einem Privatduell, das sich Eigendorf und Klußmann lieferten. Der „Spiegel“-Redakteur betonte die destruktive Kraft des Rechten Sektors im Land und verglich das Vorgehen der ukrainischen Armee im Osten mit dem Russlands im zweiten Tschetschenien-Krieg. Eigendorf hielt dagegen, dass die Reaktion aus Kiew auf die Besetzung der Regionalparlamente viel zu passiv gewesen sei und die Separatisten zudem personell und militärisch aus Russland unterstützt würden.

Über das eigentliche Thema – die deutsche Berichterstattung der Ukraine-Krise – wurde auch noch geredet: Einig waren sich die Diskutanten, dass man zwischen der Berichterstattung und der Kommentierung und Interpretation der Ergebnisse trennen müsse. Zu viele Schlagworte seien in die Debatte eingesickert. Begriffe wie „Terrorist“ und „Separatist“ lösten zu viele Assoziationen beim Leser aus, die nicht intendiert seien. Das bringe die Debatte auf ein zu emotionales Niveau. Katja Gloger übte besondere Kritik an der Berichterstattung in Talkshows. Dort träten zu oft dieselben Personen auf: „Wir glauben zu sehr an die Worte alter Männer.“ Zu viel Quote, zu wenig Fokus auf Relevantes – die Teilnehmer der Diskussion, alles Printjournalisten, waren sich zumindest hier einig.

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