Gert Monheim
(Foto: Franziska Senkel)

Bedrohte Arten? Schätze!

Von Gert Monheim

Die Idee lag schon lange in der Luft, eine Fachkonferenz zu den langen Formaten zu machen, zu den Stücken also, die nur durch aufwendige Recherchen und sensible Umsetzung zu dem werden, was sie seit Jahrzehnten sind: das journalistische und kulturelle Premium-Angebot jedes Senders und jeder Zeitung. Ein Angebot allerdings, das unter dem Druck von Quote oder Auflage immer häufiger in die späten Abendstunden des Programms oder auf die hinteren Seiten der Zeitungen verdrängt wird. „Bedrohte Arten“ wollten wir die Fachkonferenz zunächst nennen, aber das klang uns dann doch zu larmoyant, auch zu defensiv. Denn je länger wir uns mit den Reportagen und Dokumentationen aus Hörfunk und Fernsehen, den hintergründigen Artikeln und Dossiers in den Zeitungen, den Dokumentarfilmen und dem „Storytelling im Netz“, also den immer aufwendigeren multimedialen Online-Angeboten befassten, desto deutlicher wurde uns, auf welche Schätze wir da stießen.

Wir standen schließlich vor der Herausforderung, die vielen guten Einzelstücke in Workshops und Diskussionen der beiden Tage unter inhaltlichen wie formalen Aspekten sinnvoll zu bündeln. Wichtig war uns, die verschiedenen Medien unter gemeinsamen Fragestellungen zusammenzubringen. Beim Workshop „Der Protagonist – Schlüssel zum Erzählen komplexer Geschichten“ kamen zum Beispiel die Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel, der Zeit-Autor Henning Sußebach und die Hörfunk- und Buchautorin Ingrid Strobl zusammen, um ihre Erfahrungen beim Gestalten von Porträts in den verschiedenen Medien auszutauschen. In vielen anderen Diskussionen ging es um die Machart langer Stücke: Wie lässt sich die Dramaturgie so gestalten, dass der Spannungsbogen der Geschichte die Zuschauer fesselt? Wie können wir die manchmal etwas behäbig daherkommenden „schweren Themen“ mit allen zur Verfügung stehenden medialen Möglichkeiten so präsentieren, dass sie das Publikum „leichter“ erreichen? Wie lassen sich Kräfte bündeln und Projekte finanzieren, damit Dokumentationen, Dokumentarfilme, Features und Reportagen im Nachrichtenstrom Orientierung liefern?

Aber es gab auch sehr kontroverse Diskussionen. Am meisten Aufmerksamkeit erregte das Panel „Der beklagenswerte Herr Mollath! – Wohl und Wehe von Medienkampagnen“. Monika Anthes (SWR) und Uwe Ritzer (SZ) waren bei ihren Recherchen zu den Gründen für die siebenjährige Zwangsunterbringung von Gustl Mollath in psychiatrischen Einrichtungen zu ganz anderen Einschätzungen gelangt, als Beate Lakotta (Spiegel) und Otto Lapp (Nordbayerischer Kurier). Sie trugen den Konflikt während der Tagung munter aus und haben anschließend ihre unterschiedlichen Einschätzungen noch einmal mit eigenen Worten auf den Punkt gebracht.

Erfreulich war der große Zuspruch zu dieser Fachkonferenz. Schon sechs Wochen vorher mussten wir die Anmeldungen stoppen – also zu einem Zeitpunkt, zu dem der große Ansturm sonst erst beginnt –, weil der Platz für so viele Interessenten in den WDR-Räumen nicht ausgereicht hätte. Und ebenso erfreulich: auch diesmal wieder war der Anteil von jungen Journalistinnen und Journalisten besonders hoch – inzwischen ein Markenzeichen aller nr-Fachkonferenzen und Jahrestagungen.

Bei der anschließend durchgeführten Evaluation, die auf den freiwilligen Beurteilungen einzelner Teilnehmer beruht, hatten 95% der Befragten einen guten oder sogar sehr guten Gesamteindruck, fanden 94% die Organisation und 88% die Themenauswahl gut und sehr gut. Unser Dank gilt dem Westdeutschen Rundfunk, der als Gastgeber die gesamte Infrastruktur – also Räume, Techniker und Technik, sowie das Catering – zur Verfügung stellte. Und wir bedanken uns auch noch einmal bei allen Referentinnen und Referenten, die – wie bei netzwerk recherche üblich – ohne Honorar mitgewirkt haben.

Die Berichte für dieses Werkstattheft wurden von Volontären des Westdeutschen Rundfunks, des Kölner Stadtanzeigers, der Westfalenpost und der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung verfasst. Über das Engagement der jungen Kolleginnen und Kollegen haben wir uns besonders gefreut.

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