Das öffentlich-rechtliche Tafelsilber

Aufputzen oder verscherbeln?

Dokumentiert von Marian Laske, WAZ
Von links: Klaus Stern, Martina Zöllner, Joachim Huber, Diemut Roether, Gert Monheim. (Foto: Franziska Senkel)

Von links: Klaus Stern, Martina Zöllner, Joachim Huber, Diemut Roether, Gert Monheim. (Foto: Franziska Senkel)

Es sind Fragen, die vielen Filmemachern und kritischen Journalisten auf den Nägeln brennen: Werden aufwendige Dokumentarfilme und Dokumentationen – eben das „öffentlich-rechtliche Tafelsilber“ – noch ausreichend von der ARD und dem ZDF gefördert und gepflegt? Oder hat sich die lange Form durch die Häppchen-News des Internets und die zahlreichen neuen TV-Formate überlebt? Auf dem Podium diskutierten darüber eine Programmverantwortliche, ein Filmemacher, ein Ex-Redakteur, der mit Leib und Seele Filmemacher war, und ein Medien-Redakteur: Martina Zöllner, Hauptabteilungsleiterin Kultur Fernsehen des Südwestrundfunks (SWR), der Dokumentarfilmer Klaus Stern, der ehemalige WDR-Autor und -Redakteur Gert Monheim und Joachim Huber, Leiter des Medienressorts beim Tagesspiegel. Geleitet wurde die Diskussion von Diemut Roether, beim Evangelischen Pressedienst Teamleiterin für Medien und Kultur.

Roether gab fünf Themenblöcke vor, die im Laufe der Diskussion allerdings ineinander verschwammen. Es sollte um die Lage und die Zukunft klassischer Dokumentationen gehen, um Quotendiktate und Tagesrandzeiten und um mögliche Zugeständnisse an neue Sehgewohnheiten.

Zu weinerlich?

Gleich mit der ersten Frage an Joachim Huber sorgte Diemut Roether für Diskussionen unter den Beteiligten. In einer ARD-Broschüre wurde der vielfach preisgekrönte Autor Stephan Lamby mit den Worten zitiert, die Zeiten für Dokumentationen seien noch nie so gut gewesen wie heute. Später wurde das Zitat von Lamby, der nicht unter den Zuschauern war, allerdings dementiert.

Joachim Huber erklärte zunächst einmal die Rolle des Kritikers. „Wir sind die Schnittstelle“ zwischen Filmer und Publikum, sagte er. Wie andere Tageszeitungen versuche der Tagesspiegel für eine Fernseh-Produktion „Appetit anzuregen“. Dies sollte seiner Meinung nach auch die Aufgabe der Filmemacher sein. „Sie müssen verführen können“, erklärte er. Viele Autoren seien ihm zudem zu weinerlich, wenn sie ihm ihr neues Werk anbieten. Und außerdem: Eigentlich gebe es doch gar keinen Mangel an sehenswerten Filmen: „Ich muss nur die richtigen finden.“

Klaus Stern griff das „weinerlich“ auf und räumte ein, dass er immer in den Medien-Redaktionen anrufe, um sein neues Produkt zu bewerben. Und er sei dabei nicht weinerlich, eher nervig und penetrant. Er empfinde das als einen wichtigen Teil seiner Arbeit, sagte Stern. Die heutige Lage beschreibt er so: „Die Zeiten sind nicht golden.“ Es werde zunehmend schwieriger, eine Dokumentation oder einen Dokumentarfilm im Fernsehen unterzubekommen.

Auch Gert Monheim sah „die Lage eher pessimistisch“. In den 80er Jahren seien wichtige Dokumentationen um 20:15 Uhr ausgestrahlt worden. „Die Doku war die Königsdisziplin.“ Mittlerweile würden diese Filme aber auf Sendeplätze im Spät- oder sogar Nacht-Programm verschoben. Monheim: „22:45 Uhr oder 23:15 Uhr – oder noch später.“ Dies sei nach seiner Meinung ein „schrecklicher“ Imageverlust für die Öffentlich-Rechtlichen. Den Grund für diesen Wandel sieht Monheim im Diktat der Einschaltquote, das die Öffentlich-Rechtlichen von den Privaten übernommen hätten. Die Programmchefs würden alles der Quote unterordnen – auch die journalistischen Tugenden aufs Spiel setzen.

Wie spät ist zu spät?

Martina Zöllner entgegnete auf Monheims Kritik, dass man der Quote als Messinstrument des Zuschauerinteresses schon einen Sinn abgewinnen könne. Man dürfe sie nur nicht zum ausschließlichen Kriterium machen: „Dokus sollte man vor Quotendenken schützen“, forderte sie und räumte ein, dass es heutzutage schwerer geworden sei, Dokumentationen über „kleine“ Alltagsgeschichten unterzubringen. Dies geschehe fast nur noch in einem Format wie „37 Grad“ (ZDF).

„Warum gibt es keinen festen Sendeplatz in der Woche für Dokumentarfilme – meinetwegen um 0:30 Uhr“, warf Filmemacher Stern ein. Zöllner gab zu bedenken, dass es durchaus wöchentliche 90-Minuten-Formate in den Dritten gebe. Doch auch sie würde es begrüßen, wenn es einen solchen Platz auch im Ersten gäbe. Für Gert Monheim wäre ein Sendeplatz um 0:30 Uhr kein gutes Zeichen: „Das ist zu spät!“

Außerdem rechnete Gert Monheim vor, dass auch Dokumentationen eine hohe Einschaltquote erzielen könnten. Durch die zahlreichen Wiederholungen hätten sie in der Summe teilweise mehr Zuschauer als die Talkshows in der Primetime. Dies konnte Klaus Stern bestätigen: Sein Dokumentarfilm „Versicherungsvertreter“ sei bis heute 26-mal wiederholt worden und von 3,7 Millionen Zuschauern gesehen worden. Aber diese Tatsache sei keineswegs ein Argument, den Quoten-Fetischismus der Sender zu akzeptieren.

Im Internet? On Demand?

Bis zu diesem Zeitpunkt waren Publikum und Diskutanten weitgehend einer Meinung. Die Quote darf nicht das Maß aller Dinge sein, und gute Dokumentationen sollten auch vor 22:45 Uhr ausgestrahlt werden. Doch dann brachte Joachim Huber mit einer Bemerkung Teile des Saals gegen sich auf, nicht ganz unbeabsichtigt, wie er später einräumte: „Ich habe hier auch die Rolle des Provokateurs übernommen.“ Für Huber heißt die Zukunft „On Demand“: „Die jüngere Generation wartet nicht bis 0:30 Uhr“, argumentierte er. Das Internet sei die Zukunft, der Rest Vergangenheit. An dieser Stelle wurde das protestierende Grummeln der (auch jüngeren) Zuschauer immer lauter. Doch Huber ließ sich nicht beirren und gab den Dokumentationsfilmern eine Empfehlung mit auf den Weg: „Sie müssen die Trommel im Internet schlagen. Sie müssen dort auffindbar sein!“ Auf diese Weise könnten sich die Filmemacher neue Aufmerksamkeit sichern. Als Beleg nannte er einen Artikel aus seinem Ressort im Tagesspiegel, der sich mit der RTL-2-Serie „Berlin Tag & Nacht“ befasste. Obwohl die Medienseite des Tagesspiegels über das kleinste Budget verfüge, habe diese Geschichte deutlich mehr Klicks erzielt als viele Artikel aus anderen Ressorts. Es sei also möglich, schloss Huber daraus, im Internet mit den richtigen Themen Aufmerksamkeit zu erzeugen: „Ich will Ihnen die 20:15 Uhr ja nicht nehmen.“ Aber im Internet sei eine Diskussion über die Sendzeit obsolet. Gert Monheim räumte ein, dass online sicherlich ein wichtiger Faktor sei. Schließlich würden viele Dokumentationen, vor allem jene, die zu später Stunde liefen, in der Mediathek abgerufen. Gleichwohl gab er zu bedenken, dass Dokumentationen einmal die Visitenkarte der Öffentlich-Rechtlichen gewesen seien. Und die habe Schaden genommen.

Diemut Roether sprach dann einen anderen, unter Filmemachern strittigen Punkt an: In der ZDF-Dokumentation „Auf der Flucht“ hätten sich sechs Protagonisten in die Situation von Flüchtlingen begeben und beispielsweise versucht, mit einem Boot das Mittelmeer zu überqueren. Ist bei einer klassischen Dokumentation eine solche Inszenierung überhaupt erlaubt?

Wie viel Inszenierung verträgt die Dokumentation?

Martina Zöllner, zu deren Ressort beim SWR sowohl Fiktion als auch Dokumentation gehören und die von daher in beiden Genres zu Hause ist, hat eine klare Meinung dazu. Sie hält „Auf der Flucht“ für anrüchig und verlogen. Ein Prominenter könne nicht die Angst und Verzweiflung eines Flüchtlings nachempfinden. Dem stimmte Gert Monheim vorbehaltlos zu. Auch für ihn ist das kein Dokumentationsformat. Auch Klaus Stern schloss sich dem an. In einer Dokumentation sollte grundsätzlich möglichst wenig gestellt werden, sagte er. In seinen Filmen werde es auch keine Inszenierungen geben.

Martina Zöllner fasste ihre Meinung noch einmal zusammen: Alles sei erlaubt – „so lange es wahrhaftig ist“. Sie habe berufsethisch keine Bedenken, wenn Rekonstruktionen (Reenactments) in einen Film einflössen – wie es gerade bei zeitgeschichtlichen Dokumentation häufiger vorkomme und dort auch seine Berechtigung habe.

Alles halb so schlimm?

Joachim Huber stellte provozierend die Frage: wieso Dokumentationen immer mehr in den Hintergrund gedrängt worden sind. Liege dies am Publikum oder auch an den Dokumentarfilmern? Martina Zöllner antwortete, dass man dies den Dokumentarfilmern nicht anhaften könne. Gert Monheim hingegen räumte ein, dass die Dokumentarfilmer einen Teil des Publikums verloren hätten, weil sie zu kompliziert seien. Entscheidend aber sei der Punkt, dass die Öffentlich-Rechtlichen in einen Wettbewerb mit den Privaten eingetreten seien: „Dies war völlig falsch.“ Das Publikum applaudierte nach diesem Satz. Und Monheim ergänzte, dass es im Öffentlich-Rechtlichen auf die Mischung ankomme. Es müssten auch Formate gesendet werden, die nicht die große Quote erreichen würden.

Joachim Huber provozierte anschließend ein weiteres Mal mit der Behauptung, die Zeiten seien eigentlich gar nicht so schlecht, „Sie machen sie schlecht!“. Diesmal gab es Resonanz aus dem Publikum. Thomas Kufus, Fernsehproduzent, meldete sich zu Wort und widersprach ihm heftig: „Die jungen Leute sind nicht nur im Netz unterwegs.“ Deswegen sei ein guter Sendeplatz für Dokumentationen und Dokumentarfilme nach wie vor von Bedeutung. Als Beispiel für die verfehlte Medienpolitik der Öffentlich-Rechtlichen nannte er die von ihm produzierte Doku-Serie „16 x Deutschland“. Diese sei ursprünglich für einen wesentlich besseren Sendeplatz eingeplant gewesen. Dann hätten die Verantwortlichen aber Panik bekommen und die Filme im Nachmittagsprogramm „versteckt“.

„Die Medienseite des Tagesspiegels ist die Seite 23 im Blatt.“ Das sei eine Innenseite, auch ziemlich versteckt, meldete sich Joachim Huber noch einmal zu Wort. Auch er und seine Kollegen müssten deshalb um Aufmerksamkeit buhlen: Das hätten sie mit den Filmemachern im Fernsehen gemeinsam.