Informieren, erklären, aufdecken

Grußwort zur Fachkonferenz „Weitblick“

Von Wolfgang Schmitz, WDR-Hörfunkdirektor
Wolfgang Schmitz. (Foto: Franziska Senkel)

Wolfgang Schmitz. (Foto: Franziska Senkel)

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bedanke mich für die Einladung und begrüße Sie herzlich im WDR. Ich bin aus verschiedenen Gründen gerne zur Eröffnung Ihrer Tagung „Die lange Form – die ganze Geschichte“ gekommen.

Einer hängt mit meiner eigenen Berufsbiographie zusammen. Mein allererster Beitrag für den WDR, da war ich 21 oder 22, war nämlich ein Feature, und zwar über jugendliche Ausreißer, das mir einer der Stammväter unserer Feature-Redaktion, Gerhard Reitschert, zutraute. Ob das Ergebnis heute gegen mich verwendet werden könnte, weiß ich nicht. Ich habe jedenfalls damals von diesem Kollegen unendlich viel gelernt.

Ich werde ansonsten für mein Statement, das auf Ihr Thema einen Blick vorzugsweise aus der Perspektive des Radiomenschen wirft, eher die kurze Form wählen. Damit Sie arbeiten können und ich mich den Turbulenzen eines besonderen WDR-Tages widmen kann.

  • Was ist dem verehrten Publikum, was ist unseren Hörerinnen und Hörern, was den Zuschauerinnen und Zuschauern anzubieten? Oder sollte man besser sagen „zuzumuten“?
  • Zu welcher Zeit?
  • Auf welchem Sendeplatz?
  • Mit welchen Inhalten und welchen Stil-Mitteln?

Darüber wird diskutiert, seit ich mit Radio zu tun habe.

Also ist lang im Radio gleich langweilig? Sind Feature, große Reportagen, Dokumentationen, sind schwere Themen Quotengift? Ja, Massen erreichen wir damit im Radio nicht.

Und trotzdem ist die Frage erlaubt: Wird nicht erst das lange Format, die aufwendige Recherche, die facettenreiche Darstellung, das Beleuchten von Hintergründen und die sensible Erzählung dem journalistischen Auftrag gerecht: Nämlich – zu informieren, zu erklären, aufzudecken, zur Meinungsbildung beizutragen?

Ich räume ein: Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nicht immer der Hort der reinen Lehre. Dass Dokumentationen und große Reportagen in ARD und ZDF eher selten in der Primetime laufen und oft auf reichlich späten Sendeplätzen, trägt uns immer mal wieder Kritik ein.

Natürlich sind Arte, 3sat, Phoenix, sind die Wort- und Kulturwellen des ARD-Hörfunks – bei uns WDR 3 und WDR 5 – da große Ausnahmen und Leuchttürme. Aber für die massenattraktiven Programme des Radios gilt: Feste Spielregeln für den Programm­ablauf, für die Beitragslängen sind einerseits Erfolgsgarant, weil Radio eben immer noch und immer wieder als Begleitmedium genutzt und von vielen Menschen vor allem wegen seiner emotionalen Qualitäten geschätzt wird. Andererseits sind sie aber auch ein Fluch. Jedenfalls für alle, die Feature, lange Reportagen, große Dokumentationen machen oder solche Angebote als Publikum lieben. Radio muss beides gut können und gut machen: Der Erfolg bei einem großen Publikum zahlt auf unsere Legitimation ebenso ein wie die aufwendigen Angebote für kleinere Hörerschaften.

Ich weiß, dass viele die Sorge haben, die Zeiten von Twitter, Facebook und Youtube spielten dem Fast-Food-Journalismus in die Hände.

Ich finde: Nein! Wir im WDR haben beispielsweise gerade für das Radio eine Koordinationsstelle für investigative Recherche eingerichtet, die möglichst schnell zu einer Redaktion ausgebaut werden soll. Wir sind im Augenblick dabei, diese crossmedial aufzustellen – also Fernsehen, Radio, Internet gemeinsam. Die Ergebnisse werden sich auch in Nachrichten und kurzen Beiträgen, aber größtenteils in längeren und langen Formen niederschlagen.

Dann gibt es unser Wort- und Hintergrundprogramm WDR 5. Täglich gibt es dort mindestens 4 Features mit einer Länge von mehr als 15 Minuten. Und dazu die großen Dokumentationsplätze „Tiefenblick“ (der Name ist Programm) und Dok5. Letzteres ist investigativ und intensiv, dazu außerordentlich spannend präsentiert. Und läuft nicht zu Tagesrandzeiten, sondern am Sonntagvormittag um 11.05 Uhr und erreicht dort mehr als hundertfünzigtausend HörerInnen – weitere am Montagabend um 20.05 Uhr und als On-Demand-Angebot.

WDR 5 profiliert sich aber auch regelmäßig mit Thementagen. In der Regel monatlich hat WDR 5 ein selbst generiertes Thema, das intensiv beworben wird. Das inhaltliche Spektrum ist breit gefächert. Thementage sollen durch die unterschiedlichen journalistischen und radiophonen Ansätze den Hörern Hintergrund und Orientierung zu dem jeweiligen Thema bieten.

Und ich verweise auch gerne darauf, dass wir schon seit vielen Jahren ganz bewusst einstündige Features in 1Live, in unserer sehr erfolgreichen und quotenstarken jungen Welle platzieren. Dies, um auch das junge Publikum überhaupt erst einmal mit derart aufwendig gemachten Formaten bekannt zu machen.

In der Summe produzieren wir im WDR-Radio pro Jahr über neunzig Features zwischen 30 Minuten und einer Stunde, die Sendeplätze auf drei unserer Wellen haben.

Zum Glück – um das Motto der laufenden ARD-Themenwoche aufzugreifen, die übrigens auch ein Beispiel für Vielfalt und facettenreiche Beschäftigung mit einem Thema ist – zum Glück können wir uns Radio leisten, in dem die lange Form, in dem Vertiefung, Hintergrund und kritische Analyse einen festen Platz haben. Und das soll – meine Prognose – das wird auch so bleiben, wenn die Zeiten für den WDR auf Sparen gestellt werden. Denn wir gehen in eine Medienzukunft, in der neben dem linearen Programm Radio on demand auf vielen Verbreitungswegen und Plattformen seine Hörerinnen und Hörer finden wird. Das ist aus meiner Sicht eine große Chance gerade für die langen Formen, die in besonderer Weise dazu beitragen können, dass der Absender öffentlich-rechtlicher Rundfunk als unverwechselbar und unverzichtbar wahrgenommen wird.

Ich wünsche Ihnen eine angeregte und anregende Diskussion.