Der Dokumentarfilm

Der andere Blick oder bloß gepflegte Langeweile?

Dokumentiert von Jürgen Kura, freier Autor
Von links: Luzia Schmid, Fritz Wolf, Klaus Stern. (Foto: Franziska Senkel)

Von links: Luzia Schmid, Fritz Wolf, Klaus Stern. (Foto: Franziska Senkel)

Luzia Schmid: „Geschlossene Gesellschaft – Missbrauch an der Odenwaldschule“

Luzia Schmid ist ursprünglich Primarschullehrerin und absolvierte ein begleitendes Journalismus-Studium. Mehrere Jahre arbeitete sie beim Radio und dann als feste Redakteurin bei der Nachrichtenredaktion von „10vor10“ im Schweizer Fernsehen. Für sie war es eine „aufregende Zeit mit viel Adrenalin“ und vielen Reisen. Aber irgendwann fand sie das konfliktorientierte „Storytelling“ einer News-Sendung, das darauf ausgelegt ist, Konflikte zuzuspitzen, nicht mehr befriedigend. Sie hatte den Eindruck, dass sie für das Fernsehen Protagonisten vor die Kamera „zerre“, deren Konflikte sich aber besser lösen ließen, wenn sie diese eben nicht öffentlich austragen würden. Wenn Schmid schon viel Energie in einen Film einfließen lasse, dann doch lieber in eine „hintergründige Analyse“ statt bloß in eine „vordergründige Story“. Und so entscheidet sie sich zu einem Aufbaustudium an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM). Und damit auch für die lange Form des Dokumentarfilms.

Zum Handlungsort von „Geschlossene Gesellschaft“ hat Luzia Schmid ein enges Verhältnis. Sie hat selber eine reformpädagogische Schule in der Schweiz, die „Ecole d’Humanité“1, besucht. Darauf war und ist sie auch heute noch stolz. Diese Schule gilt sozusagen als die „Schwesterschule“ der Odenwaldschule (OSO). Schmid stand in Kontakt mit einer ehemaligen Schülerin2 der OSO, die sich damals bemühte, die Aufarbeitung von Missbrauchs-Taten3 voranzutreiben. Schmid setzte sich also bereits mit den Vorfällen von sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule auseinander, bevor die breite Öffentlichkeit das Thema im Jahr 2010 (wieder-)entdeckte.

Aufgrund ihrer eigenen Schulzeit begreift sie sich selbst als „Teil des Systems“. Zu den Eigenschaften dieses Systems, das sexuellen Missbrauch ermöglichte, so meint sie heute, gehörte auch die große Nähe zwischen Schülern, Schulleitung, Eltern und auch der Politik. Schmid weiß heute: Es fehlte eine unabhängige Kontroll-Instanz. Ihren persönlichen Anteil wollte sie dadurch klarmachen, dass sie den Off-Kommentar in der Ich-Form selber spricht. Zwar stand auch eine professionelle Sprecherin für den Fall zur Verfügung, dass die Redaktion nicht derselben Ansicht gewesen wäre. Diese kam dann aber nicht zum Einsatz.

Für die nötige Distanz in der Stoffentwicklung sorgte Schmids Co-Autorin Regina Schilling4, mit der sie sich zusammen tat. Diese hat eine andere Schulvergangenheit und einen anderen Blick auf das Thema. Gemeinsam verfassten sie neue Exposés, in denen sie zunächst immer wieder schrieben, dass sie die „Reformpädagogik nicht beschädigen“ wollten. Irgendwann wurde ihnen klar, dass das eine (die Aufarbeitung) mit dem anderen (der Pädagogik) nichts zu tun hatte.

Das „exklusive“ Thema ist Tagesthema

Nachdem sich das Autorinnenduo Schmid und Schilling gegründet hatte, war auch bald die Produktionsfirma „zero one film“ mit Thomas Kufus gefunden. Etwa zu dieser Zeit bricht eine große „Enthüllungslawine“ los. Das Thema „Sexualisierte Gewalt in der Odenwaldschule“ prägt die Schlagzeilen. Für Schmid war es „hart, die Zeitung aufzuschlagen und festzustellen: den Aspekt haben sie jetzt also auch.“ Gleichzeitig plant auch ein anderer Autor einen Film über die Odenwaldschule: Christoph Röhl5. Der ruft bei Schmid an. Sie erklärt ihm ihr Konzept, dass darin besteht, vor allem die Lehrer in den Fokus zu nehmen. Bei Röhl sollten hingegen die betroffenen ehemaligen Schüler – die Opfer – im Vordergrund stehen. Beide Perspektiven und Filme ergänzen sich, so sieht es Luzia Schmid.

Wichtig war ihr im Hinblick auf den Medien-Ansturm, ihren Protagonisten die Wahl zu lassen, bei welchem Film sie mitwirken wollten. Sie hätte es als „unlauter“ empfunden, sie Exklusiv-Vereinbarungen unterschreiben zu lassen. Schließlich sei es ihr um die „Sache gegangen“ – nicht um den Wettbewerb.

Vor allem half aber Thomas Kufus, die Nerven zu bewahren. Aufgrund seiner langjährigen Produzentenerfahrung wisse er, dass das gleiche Thema schon einmal aus „mehreren Ecken“ angegangen werden könne, erklärt er in einem Gespräch nach der Podiumsdiskussion. Er war damals überzeugt davon, dass die beiden Autorinnen einen ganz eigenen und „richtigen“ Zugang zu den entscheidenden Protagonisten hatten. Immerhin hätten diese dreißig Jahre lang zu den Vorfällen geschwiegen. Die betreuenden Redakteurinnen teilten diese Überzeugung. Aber selbst, wenn der Film nicht so finanziert worden wäre, wie sie sich Produzent und Autorinnen es wünschten, so Kufus heute, hätte er den Film „trotzdem gemacht“.

Schmerzhafte Annäherung

Gerade beim Thema „Missbrauch“ seien „die Fronten“ schnell geklärt, so Schmid: „Da die bösen Lehrer, da die armen Opfer.“ Was sie aber habe wissen wollen, war: „Was ist eigentlich Missbrauch? Was richtet er an?“ Was war die Rolle der Beteiligten? „Ich konnte es nicht fassen, dass das da passiert ist. Und ich dachte, das muss Gründe haben, Gründe, die über das hinausgehen, was auf die Schnelle analysiert wird.“ Bei ihrer Herangehensweise stimme sie mit der Verfassungsrichterin Susanne Baer6 überein, die in einem Interview gesagt habe, dass sie versuche, sich in andere hinein zu versetzen und den eigenen Standpunkt immer wieder kritisch zu hinterfragen. Weiter, habe Baer gesagt, so Schmid, läge das größte Risiko darin, einen Sachverhalt für „einfach und durchschaubar zu halten und ihn gerade dadurch zu verzerren“. Für beide Autorinnen sei der Verstehensprozess schmerzhaft und langsam gewesen, aber nicht, weil sie langsamer als andere seien, sondern weil ein solches Thema einfach seine Zeit brauche.

Zeit benötigte es, so Schmid, auch, die Protagonisten überhaupt zur Mitwirkung zu gewinnen, schließlich hätten diese eine Unmenge von Journalisten-Anfragen erhalten. Es sei vor allem ein langer Weg gewesen, den Mitwirkenden Wolfgang Harder7 zum Sprechen zu bekommen. Schließlich sei für die ehemaligen Lehrer der Schule eine Welt zusammen gebrochen, sie seien mit sich selbst beschäftigt gewesen und mussten sich mit ihren Biographien neu auseinander setzen. Offen sei sie auf den Interview-Partner Jürgen Dehmers (alias Andreas Huckele)8 zugegangen:

„Wenn du bei meinem Film mitmachst, dann wirst du von den Lehrern Sachen hören, dann musst du das aushalten, dann wirst du kotzen, dann wirst du an die Decke springen. Doch ich will das in dem Film haben.“

Sie habe Huckele erklärt, dass sie „verstehen“ wolle. Und dass es auch für den Dokumentarfilm wichtig sei, „zu verstehen, wie so etwas passieren kann“. Den Lehrern sei von vorne herein bewusst gewesen, dass die ehemaligen Schüler sie radikal und zu Recht kritisieren würden.

Dramaturgie der Gegensätze

„Geschlossene Gesellschaft“ ist stilistisch von langen O-Tönen im Wechsel mit schnell geschnittenen Fotogalerien geprägt. Laut Schmid dürfe man nicht „verschämt“ gegen die Länge der O-Töne ankämpfen, indem man den „Rest drum herum“ schnell mache. Die Foto-Sequenzen seien schnell montiert worden, um dem Zuschauer eine Ahnung vom Leben an der Odenwaldschule zu vermitteln, ohne dass er sich in die Bilder verliere.

Die Anfangssequenz bildet eine Einhundert-Jahr-Feier an der Odenwaldschule, bei der gesungen wird. Plötzlich zerstört ein Teilnehmer diese Idylle: Andreas Huckele bringt den Missbrauch, der ihm widerfuhr, mit drastischen Worten zur Sprache. Schmid erklärt, dass Ziegler und sie über die Wirkung dieses Bruchs mit den Redakteurinnen Martina Zöllner und Esther Schapira9 diskutiert haben. Auch darüber, ob die Worte dem ARD-Publikum zuzumuten seien. Sie entschieden sich dafür. Denn, so glauben sie, jeder Mensch habe eine andere diffuse Vorstellung, eine vage Ahnung davon, was sexueller Missbrauch sein könne. Wenn aber ein Mann sage, dass er dreizehn Jahre alt gewesen sei, als ihm „am Schwanz gelutscht wurde, ohne dass er das wollte“, dann sei das ganz konkret. Die Zuschauer müssten sich sofort darauf einlassen und damit wüssten sie auch: „Aha, so geht das. Das ist nicht Lieb-fummeln-unter-der-Decke.“ So konnten Autorinnen und Redakteurinnen sicher gehen, dass verstanden wird, worum genau es geht. Und außerdem habe sich die Einhundert-Jahr-Feier am Anfang und Ende als dramaturgische Klammer angeboten.

Ideale Arbeitsteilung

Im Podiums-Gespäch geht es auch um die optimalen Produktionsbedingungen für die lange Form. Luzia Schmid möchte „auf gar keinen Fall“ selbst produzieren. Die Aufteilung in Regie, Produktion und Redaktion findet sie gut und entlastend. „Ich hasse es, abzurechnen und Verträge zu führen“. Ein eingespieltes Dreier-Team – Regie, Kamera, Ton – sei auch ideal, damit sie als Autorin sich ungestört auf die Protagonisten konzentrieren könne. Gerade für das schwierige Thema „Sexueller Missbrauch“ sei dies wichtig gewesen.

„Geschlossene Gesellschaft“ wurde drei oder vier Mal im Fernsehen ausgestrahlt. Es sei Schmid klar gewesen, dass mit diesem Stoff kein „Monsterpublikum“ zu erreichen gewesen sei, doch sie hätten ein „tolles Feedback“ bekommen. Immerhin haben sie den Grimme-Preis erhalten, der Film werde in der Erwachsenenbildung und gerade dort eingesetzt, wo Menschen mit Jugendlichen arbeiten. Insgesamt ist sie mit der Resonanz zufrieden.

Klaus Stern:
„Versicherungsvertreter – Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker“

Auch Klaus Stern kann eine Vergangenheit außerhalb der Medien vorweisen: Er ist gelernter Briefträger. Später studiert er Wirtschaft und Politik an der Universität Kassel und wird Diplom-Handelslehrer. Seine Diplomarbeit über die Entführung des Politikers Peter Lorenz durch die Bewegung 2. Juni beweist früh, dass er dramatische Themen schätzt. Nachdem er einige Jahre als Autor beim Hessischen Rundfunk arbeitet, gründet er im Jahr 2000 seine eigene Produktionsfirma „sternfilm“.

Instinkt für gute Protagonisten

Klaus Stern sucht bewusst nach extrovertierten Personen als potentielle Hauptfiguren seiner Filme. Protagonisten, die ihn interessieren, seien sehr von sich überzeugt, stellten sich gern dar und würden sich auch selber gerne im Fernsehen oder auf der Kinoleinwand sehen. Sein Fachgebiet Wirtschaft würde als Themenfeld stark unterschätzt. Man könne vor diesem Hintergrund tolle Geschichten mit einer großen Fallhöhe erzählen. Seine Stoffe findet er meist in der Nähe. Statt viele Reisen zu unternehmen und unnötige Kosten zu verursachen, liest er lieber die örtliche Tageszeitung, die HNA (Hessische/Niedesächsische Allgemeine). Er bezeichnet sich selbst als „Spezialist für den nordhessischen Größenwahnsinn“.

An seinen „Versicherungsvertreter“ kam er durch die zufällige Beobachtung eines „Fußball-Kumpels“. Dieser arbeitete als Filmvorführer in einem Kino, welches Mehmet E. Göker – gigantomanisch agierender Gründer und Firmenschef der expandierenden „MEG AG“10 – für ein Firmen-Event gemietet hatte. Aufgeregt habe der Bekannte daraufhin Stern angerufen: „Klaus, ich habe den nächsten Film für Dich!“ Zum ersten Mal getroffen hat Stern Göker bereits im Jahr 2006. Doch der war damals nicht davon überzeugt, dass Stern einen Dokumentarfilm über ihn drehen solle. Göker kannte Sterns Film „Weltmarktführer“11 und befürchtete, dass ihm das gleiche widerfahren könnte wie der Hauptfigur dieses Films. Die Angst hatte er zu Recht. „Schon als ich Göker zum ersten Mal sah, wusste ich sofort, dass er in einem Drama endet.“ Stern hat Instinkt für scheiternde Helden.

Es dauert jedoch Jahre, bis er Göker überzeugen kann, in seinem Film mitzuwirken. In der Zwischenzeit drehte er andere Filme. Stern besucht Göker immer wieder, wobei ihm zu Gute kommt, dass dieser in derselben Stadt wohnt und die Wege daher kurz sind. Schließlich habe er zu Göker gesagt, als der schon „im Sinkflug“ begriffen war: „Ich mache den Film auch ohne Sie.“ Entgegen sei ihm gekommen, dass er Filmmaterial eines anderen Kamerateams, das über Göker einen Film drehen wollten, aufkaufen konnte. Daher erklärt sich auch der stellenweise amateurhaft wirkende Stil des „Versicherungsvertreters“. Die Reißschwenks und -zooms, die vor allem bei Sequenzen der mit vielen Knalleffekten inszenierten selbstverherrlichenden Firmen-Shows der MEG AG verwendet werden, verstärken die Authentizität.

Für Stern bildeten Göker und die Belegschaft ebenfalls so etwas wie eine „geschlossene Gesellschaft“. Die Mitarbeiter hätten sich selbstironisch als „Sekte“ bezeichnet. Die große Gabe eines Dokumentarfilmes sei es, in solch geschlossene Zirkel hinein zu gelangen. Das Vertrauen gewinne er durch Ehrlichkeit, in dem er nicht „unter falscher Flagge“ segele. Dadurch dass er seinen Protagonisten klar mache, dass er nicht beabsichtige, einen „kostenneutralen PR-Film“ zu drehen. Er erkläre ihnen, dass er alle, auch die unangenehmen Seiten, zeigen wolle, denn sonst wäre ein Film langweilig. Das würden die meisten auch verstehen.

In Sterns Film bildet ein ehemaliger Kickboxer, der für Göker gearbeitet hat, einen wichtigen emotionalen Gegenpol. Der Mann wird mit der Kamera dabei begleitet, wie er versucht, ein Tattoo, dass er sich aus Zuneigung zu Göker hatte eingravieren lassen, wieder zu entfernen. Auch zwei weitere Aussteiger ergänzen den Kontrast zu Gökers Selbstherrlichkeit.

Herausforderungen beim Dreh

Stern bekommt während seiner Recherchen eine Art Konkurrenz. Zwei Fernsehautoren aus Kassel entdecken das Thema, wenden sich ebenfalls an Göker und drehen einen Film mit und über ihn. Dadurch lässt sich Stern nicht von seinem Vorhaben abbringen. Letztlich erweist sich sein Film als der erfolgreichere.

Wie es Stern möglich gewesen sei, die Distanz zu einem Selbstdarsteller zu wahren, der sich zwischen „Irrsinn und Realität“ (so Fritz Wolf) befinde? Stern meint, es sei ganz wichtig, sich mit ihm zu siezen. Wenn ein Dokumentarfilmer mit einem Protagonisten auf „Kumpelhaftigkeit“ mache, sei „alles verloren, da breche alles zusammen“. Beim Schnitt werde die Selbstinszenierung dann gebrochen. Skrupel hat er nicht. Schließlich seien die Helden seiner Filme einverstanden gewesen, sich bei allen möglichen Gelegenheiten filmen zu lassen. Und seine Kamera sei ja nicht versteckt. Zudem würde ihm seine äußere Erscheinung helfen. Die Protagonisten denken, dass sie mich „im Sack haben, ja der Langhaarige sieht knuffig aus“.

Er berichtet von unterschiedlichen Erlebnissen mit Protagonisten. Der Held seines Films „Henners Traum“, ein Bürgermeister12, würde heute nicht mal mehr mit ihm sprechen. Doch während der Drehzeit habe er vor anderen noch damit angegeben, dass ihn ein „Grimme-Preisträger“ begleite. Heute mache er ihn für sein eigenes Scheitern verantwortlich. Bei Göker, der mit 21 Milllionen Euro Schulden ganz gut und unbehelligt von den deutschen Strafverfolgungsbehörden in der Türkei lebt, sei es anders. Dieser sei weiter gut auf ihn zu sprechen und lasse sich momentan bei einem zweiten Film begleiten. Das beeindruckt Stern menschlich. In einem Gespräch nach der Podiumsdiskussion verrät Stern: Auch wenn er die schlechten Seiten eines Menschen sehe, müsse man „seinen Protagonisten lieben, damit man einen guten Film machen kann“.

Ökonomische Überlegungen

Klaus Stern ist ein klassisches Beispiel für einen sogenannten Rucksack-Produzenten. Er produziert ausschließlich seine eigenen Filme, die eine Länge zwischen 45 und 90 Minuten haben. Dabei geht er kaufmännisch geschickt vor. Bei einem Vertrag mit einem Sender geht es ihm immer darum, so viele Rechte wie möglich zu bekommen, seien es DVD-Rechte oder Auslands-Rechte. Für ihn gilt das Prinzip „Kleinvieh macht auch Mist“. Er findet, dass sich Leistung lohnen müsse, daher stehe guten Autoren, zu denen er sich selbstbewusst zählt, auch ein Wiederholungshonorar zu. Er gehe bei seiner Arbeit langsam vor, versuche eine Sache tief zu ergründen und produziere nur einen Film im Jahr. Letztendlich hat Stern eineinhalb Jahre am „Versicherungsvertreter“ gearbeitet.

Aus all diesen Gründen denke er immer zweimal darüber nach, wie er mit so wenig Drehtagen wie möglich auskomme. Er überlege sich auch, ob er unbedingt immer „zu dritt“ in die Türkei (dort lebt Göker heute) fliegen müsse. Um Flugkosten zu sparen, verzichtet er auch mal auf den Tonmann und pegelt den Ton dann selber. Wenn er schlecht arbeite, werde er vom Kameramann „angeschissen“. Zugleich ist er auch Verleiher seiner eigenen Filme und reist damit zu den Kinos – recht erfolgreich, wie er beschreibt. Allein in einem einzigen Kasseler Kino hatte „Der Versicherungsvertreter“ 10.000 Zuschauer innerhalb eines Jahres. Andererseits weiß Stern auch, was er nicht kann: Kamera und Filmschnitt. Er ist überzeugt davon, dass die Dokumentarfilmer, die alles selbst machen, „keine gute Geschichte hinkriegen“.

Ursprünglich sollte „Versicherungsvertreter“ nur 45 Minuten lang werden. Dafür hatte Stern ein Total Buy Out mit dem WDR vereinbart. Während der Produktion erkannte Stern, dass die Geschichte jedoch mehr Länge trägt. Er argumentierte, dass er einen preisverdächtigen Film machen werde, womit er schließlich Recht behielt. Seine Redakteurin, Petra Nagel13, stimmt ihm zu. Der WDR stellt die Ausstrahlung um ein halbes Jahr zurück. Als Folge kann Stern seine volle Aufmerksamkeit auf die Herstellung eines 80-minütigen Film richten, den er ins Kino bringt. Diesen stutzt er in einem zweiten Schritt auf 45 Minuten herunter. Das macht er nicht etwa hastig innerhalb von drei Tagen, sondern mit Pausen über einen Zeitraum von drei Monaten hinweg. Beim Kürzungsschnitt entscheidet er sich gegen zwei von vier Hauptfiguren, u.a. einem Ferrari-Händler. Zwei weitere werden stark gekürzt. Dennoch funktioniert der Film, deswegen, weil Göker eben eine starke Figur ist.

„Versicherungsvertreter“ erreichte mit 26 Ausstrahlungen ca. 3,7 Mio. Zuschauer, so hat Stern ausgerechnet. Der Film wurde zum Deutschen Filmpreis vornominiert, zum Deutschen Fernsehpreis nominiert und unter anderem mit dem Grimme-Preis, Helmut-Schmidt-Preis und Ernst-Schneider-Preis ausgezeichnet.

Fazit

In den Gesprächen mit Luzia Schmid und Klaus Stern wird deutlich: Gute – gut im Sinne von gesellschaftlich relevante – Dokumentarfilme setzen Autoren voraus, die etwas von ihrem Thema verstehen oder zumindest alles daran setzen, es mit aller Energie verstehen zu wollen. Dazu benötigen sie die kritisch-produktive Begleitung von Redaktions- und Produktionsseite. Ohne Zeit geht es aber gar nicht. Zeit, die dazu dient, einen Protagonisten, der schon abgesagt hat, dann doch zu gewinnen. Zeit, um einen Stoff bewusst und tief zu durchdringen und Zeit, um das dramaturgische Konzept weiter zu entwickeln. Die Stofffindung und die Produktionsweisen der beiden Filme sind recht unterschiedlich: Während Luzia Schmid eine schmerzhafte Analyse einer gut getarnten Missbrauchs-Struktur betreibt, seziert Klaus Stern einen Charakter, der für ein entgrenztes Wirtschaftssystem steht. Der „andere Blick“ ist eigentlich der Blick von Insidern (wie Schmid und Stern es sind), die sich in eine Welt begeben, in die die meisten Menschen nicht blicken wollen oder können. Der Erfolg beider Filme zeigt, dass es offenbar einen hohen gesellschaftlichen Bedarf an solchen Bewältigungsinstrumenten gibt. Ansonsten bliebe nur „gepflegte Langeweile“.


Fußnoten:

1 Die „Ecole d‘Humanité“ wurde wie die Odenwaldschule vom Reformpädagogen Paul Geheeb gegründet, nachdem dieser und einige seiner Mitarbeiter vor den Nationalsozialisten in die Schweiz emigrieren mussten. Seit 1946 ist ihr Standort Hasliberg im Kanton Bern.

2 Diese ehemalige Schülerin war Stefanie Michael, in den 80er Jahren Schülerin an der Odenwaldschule. Sie begann seit 2008 Berichte von Missbrauchsopfern zu sammeln.

3 1998 berichtete die Frankfurter Rundschau über die Aussagen ehemaliger Schüler (u.a. Andreas Huckele), vom populären Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, missbraucht worden zu sein. Dies wurde von anderen Medien nicht aufgegriffen, die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein. Erst 2010 ergaben Nachforschungen, die von der neuen Schulleiterin angestrengt wurden, Belege für hunderte von Missbrauchsfällen. Diesmal gab es ein großes Medienecho.

4 Regina Schilling studierte Literaturwissenschaften und Pädagogik, war Pressesprecherin bei Kiepenheuer & Witsch. Seit 1997 arbeitet sie als Journalistin, Jugendbuchautorin und Dokumentarfilmerin. Regie: „Leben nach Microsoft“ (2001), „Bierbichler“ (2005−2007), „24h Berlin“ (2008), „Geschlossene Gesellschaft“ (2011)

5 Christoph Röhl führte Regie bei „Und wir sind nicht die einzigen“ (2011). Röhl war ehemaliger Schüler an der Odenwaldschule. Der Film wurde nominiert für den Deutschen Fernsehpreis. Der Titel zitiert einen Satz aus dem Brief eines Missbrauchsopfers an die Odenwaldschule und die Presse.

6 Susanne Baer, Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität Berlin, ist seit 2011 Richterin am Bundesverfassungsgericht, sagte in einem Interview mit der Zeit (24.11.2011): „Mein eigener Blick reicht nie weit genug. Ich brauche mehr Perspektiven, um etwas wirklich begreifen zu können. Das gehört für mich zur Gerechtigkeit. Ich hasse auch nichts mehr, als wenn jemand in Schubladen gesteckt wird: Zack, zack, man hat’s verstanden.[…] Eine fundamentale Ungerechtigkeit liegt doch darin, nicht genau hingeschaut zu haben. Wenn ich mich den ganzen Tag lang bemüht habe, mit jeder Windung meines Gehirns, einer Sache gerecht zu werden, dann ist es gut.“

7 Wolfgang Harder, von 1985 Nachfolger des Schulleiters Gerold Becker, ist dies bis 1997. Nachdem er 1998 in Briefen ehemaliger Schüler (u.a. Andreas Huckele) über ihren Missbrauch informiert wurde, verspricht er Aufklärung, löst diese Versprechen aber nicht ein. Daraufhin gehen diese selber an die Öffentlichkeit.

8 Jürgen Dehmers, Pseudonym von Andreas Huckele, wurde über drei Jahre von Schulleiter Gerold Becker missbraucht. Er berichtete 1998 gemeinsam mit einem ehemaligen Mitschüler in einem Brief an Wolfgang Harder über seinen Missbrauch. Als er für sein Buch „Wie laut soll ich denn noch schreien?“ 2012 den „Geschwister-Scholl-Preis“ erhielt, gab er sein Pseudonym auf.

9 Martina Zöllner ist seit 1993 Redakteurin im Bereich Aktuelle Kultur des Süddeutschen Rundfunks. Sie übernahm 1998 die Redaktion Kulturdokumentationen des SWR Fernsehens in Baden-Baden. Esther Schapira arbeitet seit 1995 beim Hessischen Rundfunk und ist dort Redakteurin für Politik und Gesellschaft und Ressortleiterin der Abteilung Zeitgeschichte.

10 Mehmet Ercan Göker, Sohn eines türkischen Schusters, startete 2003 zunächst mit einem kleinen Maklerbüro für Versicherungen und Bausparverträge. 2009 gründet er die MEG AG, deren Name aus seinen Initialen besteht. Mit einem aggressiven Vertriebsmodell und einem mehr als fragwürdigen Provisionsvorschusskonzept, das er zusammen mit großen Versicherungskonzernen ersinnt, expandiert sein Unternehmen rasant. Nach sechs Jahren hat Göker 1000 Mitarbeiter, die sektenähnlich hinter ihm stehen. Es wird ein Millionen-Umsatz, aber kaum Gewinn erwirtschaftet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt u.a. wegen Betrug, Untreue und Steuerhinterziehung gegen ihn. 2009 muss er Insolvenz anmelden. Heute hat er 21 Mio. Euro Schulden und lebt in der Türkei.

11 In „Weltmarktführer – Die Geschichte des Tan Siekmann“ geht es um den Konzernchef der Biodata AG (Hauptprodukt: Datenverschlüsselung), die im Jahr 2000 einen fulminanten Börsengang am neuen Markt erlebt und bereits im November 2001 Insolvenz anmelden muss. Klaus Stern begleitet Siekmann dabei, wie dieser mit neuen Deals einen Neuanfang schaffen will, auf Betriebsversammlungen Mitarbeiter tröstet, aber auch auf der Automesse in neuen Porsches Probe sitzt.

12 „Henners Traum – Das größte Tourismusprojekt Europas“ (2008) begleitet den Bürgermeister der kleinen nordhessischen Stadt Hofgeismar, Henner Sattler, bei dem vergeblichen Versuch, Investoren für ein gigantisches Urlaubsressort zu finden. Der Film kam in die Vorauswahl zum Deutschen Filmpreis, wurde u.a. zum Fernsehpreis nominiert und erhielt 2010 den Grimme-Preis. Henner Sattler sagt später in einem HR-Beitrag über seine Mitwirkung: „Mensch, das war die blödeste Idee, dass du da ‚Ja‘ zu gesagt hast. Der Spott und auch die Häme hier vor Ort waren besonders heftig.“

13 Petra Nagel, Redakteurin beim WDR, betreut die Reihe „Menschen hautnah“ und arbeitet selber als Filmautorin.