Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Ausbildung und Marktchancen junger Dokumentarfilmer

Dokumentiert von Torben Richter, Kölner Stadt-Anzeiger
Von links: Luzia Schmid, Alice Agneskirchner, Peter Zimmermann, Dietrich Leder, Thorsten Schütte.  (Foto: Franziska Senkel)

Von links: Luzia Schmid, Alice Agneskirchner, Peter Zimmermann, Dietrich Leder, Thorsten Schütte. (Foto: Franziska Senkel)

Die Zahlen verheißen nichts Gutes: Mehr als 100 junge Regisseure werden in jedem Jahr von Filmhochschulen in Deutschland ausgebildet – rund ein Drittel von ihnen möchte sich auf Dokumentarfilme spezialisieren. Gleichzeitig setzen immer weniger Sender auf Fernsehdokumentationen und Dokumentarfilme und nehmen sich nur selten Zeit für große Geschichten. Wie also sollen die angehenden Regisseure eine Chance haben, sich auf dem Markt zu behaupten und von ihren Filmen den Lebensunterhalt bestreiten zu können? Und was können die Filmakademien, die in erster Linie für den klassischen Dokumentarfilm ausbilden, anstellen, um ihre Absolventen gezielter auf den Markt vorzubereiten? Sind Fernsehjournalismus-Studiengänge, die die Filmakademien in Ludwigsburg und München sowie die Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) anbieten, ein Versuch, die Studenten besser und zielgerichteter auszubilden? Über diese Fragen diskutierten beim Panel „Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Ausbildung und Marktchancen junger Dokumentarfilmer“ die Dokumentarfilmerinnen Luzia Schmid und Alice Agneskirchner, die auch Vorstandsmitglied der AG Dokumentarfilm ist, Thorsten Schütte, Studienkoordinator an der Filmakademie Ludwigsburg und Dietrich Leder, Professor für Fernsehen/Film an der Kunsthochschule für Medien in Köln.

Ausbildung als „Systemfehler“

Für Alice Agneskirchner gehen der Anspruch der Ausbildung und die Marktchancen der ausgebildeten Dokumentarfilmer weit auseinander: „Viele Dokumentarfilmer gehen in die Lehre, weil sie von den Filmen nicht leben können. Ich hätte da ein schlechtes Gewissen, denn so beißt sich die Katze in den Schwanz. Man bereitet die jungen Leute darauf vor und schickt sie in eine Welt, in der man selbst nicht leben kann. Das ist totaler Irrsinn.“ Agneskirchner, 1966 in München geboren, studierte Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Sie ist seit 1994 freie Autorin und Regisseurin und weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, von der Arbeit als Filmemacherin zu leben. Erst kürzlich war sie für eine sechsteilige Serie engagiert worden, sie hatte Recherche und weitere Vorarbeiten geleistet – dann entschied der Sender, doch auf die Serie zu verzichten. Ihre Arbeit war umsonst, für die bereits geleistete Arbeit wurde sie nicht entlohnt. „Für mich war klar: Wenn diese Serie jetzt abgesagt ist, werde ich in diesem Jahr nichts mehr verdienen.“ Also entschloss sie sich nur wenige Tage später, für die AG-DOK (Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm), in deren Vorstand Agneskirchner sitzt, eine Umfrage zur Verdienstsituation von Dokumentarfilmern durchzuführen.

Besorgniserregende Umfrageergebnisse

Die AG-DOK hat eine Online-Studie durchgeführt, um herauszufinden, was ihre Mitglieder in einem Zeitblock von drei Jahren verdienen. Grundlage für diese Erhebung war die jeweilige Einkommenssteuererklärung. Die wichtigsten Ergebnisse sind im Einzelnen:

  • Elf Prozent der 9.000 Mitglieder hatten in den drei Jahren einen Durchschnittsverdienst, der unter Hartz-IV-Niveau lag.
  • 67 Prozent verdienten weniger als 30.000 Euro im Jahr, also rund 2.500 Euro brutto im Monat.
  • Lediglich sechs Prozent der Befragten gaben an, über mehr als 60.000 Euro Bruttoeinkommen im Jahr zu verfügen.
  • 85 Prozent der Mitglieder müssen neben ihrer Arbeit als Dokumentarfilmer dazuverdienen, ebenfalls in der Filmbranche oder extern.
  • 43 Prozent der Befragten gaben an, ohne die finanzielle Hilfe von Dritten, meist EhepartnerInnen, nicht leben zu können.

Dabei liege das Problem, so Agneskirchner, nicht darin, dass einzelne Filme zu schlecht bezahlt werden. Es gibt einfach zu wenig Angebote. Man müsse immer mit verlustreichen Jahren rechnen, die dann von den Honoraren anderer Jahre aufgefangen werden müssten. Daher sagt sie augenzwinkernd: „Mein einziger Rat für junge Dokumentarfilmer ist: Sucht euch einen Ehepartner mit konventionellem Beruf, der die laufenden Kosten tragen kann oder macht eine Erbschaft.“

„Dieser Beruf ist ein Risiko“

Kein großes Verständnis für diese Ansichten hat Dietrich Leder: „Man muss wissen, dass dieser Beruf ein Risiko ist. Dazu gehört auch das Risiko, dass man als bildender Künstler vielleicht einen zweiten oder dritten Beruf haben muss.“ Leder, 1954 in Essen geboren, studierte in Köln Germanistik, Theaterwissenschaften und Pädagogik, seit 1994 ist er Professor für Dokumentarfilm/fiktionale Formen/Unterhaltung an der Kunsthochschule für Medien Köln. Als Ausbilder sieht er sich nicht in der Verantwortung, seine Studenten auf die Bedingungen am Markt vorzubereiten, er hält es für wichtiger, sich inhaltlich mit den Fragen des Dokumentarfilms auseinanderzusetzen: „An einer Kunsthochschule ist die Frage nach der Ausbildung für den Markt völlig irrelevant. Akademien haben nie die Frage gestellt, wie viele Aquarelle oder Bildhauer der Markt braucht“, betont Leder.

Luzia Schmid pflichtet ihm bei. Schmid wurde 1966 in Zürich geboren, studierte Journalismus, zwischen 1998 und 2001 absolvierte sie ein Film-Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln. Für ihren Dokumentarfilm „Geschlossene Gesellschaft“ wurde sie 2012 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Die freie Filmemacherin sagt: „Ich bin froh, dass ich bei meiner Ausbildung nicht auf den Markt vorbereitet wurde. Was mir als Filmemacherin am meisten hilft, ist eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Film. Ich finde nicht, dass Ausbildungsstätten in erster Linie dazu da sind, Fernsehanstalten zu bedienen. Es wäre doch fatal, wenn bei einer Ausbildung nur auf bestehende Bedürfnisse hin gearbeitet werden würde. Wie sollte denn dann noch etwas Neues entstehen?“ Dennoch empfiehlt auch Schmid jedem Filmemacher, noch einem zweiten Beruf nachzugehen. „Ich glaube nicht, dass der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk in zehn Jahren noch so sein wird wie heute, ich weiß auch nicht, was wir dann alle machen sollen, das macht mir große Sorgen“, sagt Schmid. Er regt deshalb an, sich nicht auf eine Ausbildung für Formate festzulegen, die der Rundfunk in Zukunft vielleicht gar nicht mehr pflegt. Dann hätte auch diese Ausbildung keine Perpektive.

Um auch in Zukunft noch fundiert ausbilden zu können, setzt Thorsten Schütte, Studienkoordinator an der Filmakademie Baden-Württemberg, auf den Austausch mit Redakteuren. „Wir laden häufig Redakteure aus verschiedenen Redaktionen zu uns ein, um mit den Filmstudenten in Austausch zu kommen, auch, um eventuelle Ängste der Studenten abzubauen. An unserer Hochschule gibt es Kooperationsfördermodelle, und dadurch auch die Möglichkeit, recht früh mit Redaktionen zusammenzuarbeiten.“ Ein wichtiger Punkt sei seit einigen Jahren auch der Austausch mit internationalen Studenten, um neue Impulse für die eigene Arbeit und einen Blick für den internationalen Markt zu erhalten.

„Man darf die Entwicklungen nicht ignorieren“

Bezogen auf Dietrich Leders Aussagen, dass man die Studenten nicht auf den Markt vorbereiten müsse, sagt Alice Agneskirchner: „Ich fand es als Studentin auch wichtig, bei meiner Arbeit freie Hand zu haben und ausprobieren zu können“. Unter Berufung auf ihre Umfrage sagt sie aber auch: „Wenn man sich die Zahlen ansieht und 83 Prozent der Befragten sagen, sie sehen in Dokumentarfilmen keine richtige Zukunft mehr, dann kann man das nicht ganz ignorieren. Man muss auch sehen, welche Perspektive die Leute entwickeln, welche Hoffnungen sie haben, und deswegen vergessen sie vielleicht auch, dass sie eine berufliche Perspektive entwickeln müssen.“ Ein großer Vorteil eines Filmstudiums sei der Netzwerkgedanke, weil man in der Branche hauptsächlich über Kontakte weiterkomme. „Wenn ich aber vor 20 Jahren gewusst hätte, wie kompliziert es ist, von den Filmen zu leben, weiß ich nicht, wie ich darauf reagiert hätte.“ Sie klingt, als hätte sie den Beruf dann nicht ergriffen.

Die insgesamt lebhafte Diskussion wurde besonders kontrovers bei der Frage, ob Dokumentarfilmer auf den Markt vorbereitet werden sollten oder nicht. Die Podiumsteilnehmer konnten sich allerdings auf keinen Standpunkt einigen. Und so muss jeder junge Dokumentarfilmer weiter selbst sehen, wie er sich später auf dem Markt zurechtfindet.