Stellungnahme Monika Anthes und Eric Beres

Das wird eine Diskussion bei der es „zur Sache“ geht. Mit diesen Worten begrüßte uns Kuno Haberbusch und damit beschrieb er den Reiz der Debatte schon treffend. Denn an diesem Tag trafen erstmals zwei absolut konträre Lager in der Berichterstattung zum Fall Mollath persönlich aufeinander. Auf der einen Seite Uwe Ritzer von der Süddeutschen Zeitung und wir von Report Mainz – dem gegenüber Beate Lokotta (Spiegel) und Otto Lapp (Nordbayerischer Kurier).

Selbstverständlich hatten auch wir, die den Fall von Beginn an aufgearbeitet und bereits im Jahr 2011 die ersten Bilder Gustl Mollaths in Handschellen am Bayreuther Landgericht gedreht hatten, aufmerksam verfolgt, was die Kollegen Beate Lakotta vom Spiegel und Otto Lapp vom Nordbayerischen Kurier in den Monaten zuvor zu Papier gebracht hatten. Sie schilderten ihre eigene Sicht der Dinge. Die Lesart: Gustl Mollath wurde zu recht in die Psychiatrie eingewiesen, die Justiz erlaubte sich höchstens ein paar läppische Fehler. In der Konsequenz folgte daraus implizit der Vorwurf an uns, wir hätten als Autoren alle journalistischen Tugenden über Bord geworfen.

Und überhaupt: Ist der Fall Mollath tatsächlich ein Justizskandal? Haben wir uns mit einem kriminellen Wahnsinnigen „gemein gemacht“? Sind wir sogar Teil einer Medienkampagne, wie schon die Überschrift des Panels durchblicken ließ? Dieser Diskussion stellten wir uns gerne. Denn auch wir halten eine Debatte über die Rolle von Journalisten in juristischen Verfahren für wichtig und richtig.

Doch zunächst ganz kurz zurück an den Anfang: Nicht erst in Köln, bereits am Beginn unserer Recherchen im Jahr 2010 haben wir in der Redaktion von Report Mainz viel darüber diskutiert, ob das, was uns Gustl Ferdinand Mollath aus der Psychiatrie in Bayreuth geschrieben hatte, überhaupt ein Ansatz für eine Recherche ist. Damals wollte sich auf jeden Fall kaum jemand mit ihm „gemein“ machen. Im Gegenteil – zu diesem Zeitpunkt saß er bereits seit mehreren Jahren isoliert in forensischen Psychiatrien, hatte sich vergeblich an das Justizministerium und den Landtag gewandt. Seine Geschichte war im Grunde genommen schon geschrieben.

Wir begannen zu recherchieren, weil Gustl Mollath Dokumente vorlegen konnte, die nachprüfbar waren. Zu den Geldgeschäften seiner Ex-Frau übergab er uns etwa Belege mit dubiosen Nummernkonten und Kontaktpersonen in der Schweiz. Sehr schnell wurde uns auch klar, dass er kein rechtmäßiges und rechtsstaatliches Verfahren hatte. Den Strafanzeigen von Gustl Mollath ist die Staatsanwaltschaft nie ernsthaft nachgegangen.

Erstmals berichteten wir im Dezember 2011, als auf unsere Nachfrage hin die HypoVereinsbank erklärte, die Angaben Gustl Mollaths und interne Ermittlungen hätten dazu geführt, dass Gustl Mollaths Ex-Frau und weitere Mitarbeiter des Konzerns ihren Job verloren. Haben wir damit die vermeintliche Medienkampagne losgetreten? Mitnichten! Danach geschah nämlich medial zunächst praktisch gar nichts. Was jedoch ins Rollen kam, war eine politische Diskussion im Bayerischen Landtag. Die Justizministerin Beate Merk verschwieg dem Parlament die ganze Wahrheit über den Revisionsbericht der HypoVereinsbank, der praktisch sämtliche Angaben Gustl Mollaths zu den Geldgeschäften seiner Ex-Frau bestätigte. Dies wurde aber erst im November 2012 klar, als wir und die Süddeutsche Zeitung den Bericht zugespielt bekamen und wir Frau Merk mit ihrer „Lüge“ bzw. Vertuschung konfrontieren konnten. Erst dann brach ein ungeheures mediales und auch öffentliches Interesse los.

Haben wir also tatsächlich eine Kampagne losgetreten? Oder waren unsere fünf Fernseh-Stücke in Report Mainz über einen Zeitraum von mehr als anderthalb Jahren nicht doch eine nachhaltige und beharrliche Berichterstattung, die wir immer dann forcierten, wenn es fundamental Neues (z.B. HypoVereinsbank-Bericht) zu berichten oder die Rollen einzelner Akteure und Institutionen (Justiz, Politik, Psychiatrie) zu beleuchten galt?

Und wie steht es mit dem Vorhalt, wir hätten sämtliche journalistischen Tugenden vergessen? Ein Vorwurf, den Beate Lakotta implizit in der NDR-Sendung „Zapp“ geäußert hatte und nun während der Diskussion in Köln wiederholte. Fest steht: Wir können heute nicht mehr zählen, wie oft wir versucht haben, mit der Ex-Frau Gustl Mollaths ins Gespräch zu kommen. Es waren unzählige Male, bis sie per Anwalt mitteilen ließ, sie verbitte sich weitere Kontaktaufnahmen. Beate Lakotta hatte die Möglichkeit, mit ihr zu sprechen. Und sie berichtete auch darüber. Kritische Nachfragen, etwa zu dem Umstand, wie die Ex-Frau in den Besitz von Gustl Mollaths Habseligkeiten gekommen war, haben wir in dem Spiegel-Artikel jedoch vergeblich gesucht. Und wo sind all die Menschen, die laut Otto Lapp alle Angst vor Herrn Mollath hatten? Warum haben sie sich nicht bei der Staatsanwaltschaft Regensburg gemeldet, während diese an ihrem Antrag für das Wiederaufnahmeverfahren im Fall Mollath arbeitete?

Kontroverse Ansätze also. Die Diskussion in Köln verlief daher so, wie es viele erwartet hatten: Hitzig und auch emotional. Ein komplexer Stoff, der für Außenstehende manchmal schwer zu durchschauen war. Treffend stellte Kuno Haberbusch fest, dass man den Fall natürlich anhand der Faktenlage sehr unterschiedlich bewerten kann und an diesem Tag keine endgültige Klärung möglich sei. Eines hat uns aber doch verwundert: Wie von unseren Mitdiskutanten glasklare Fakten weiterhin ignoriert wurden, was in der Behauptung gipfelte, es gehe im HypoVereinsbank-Bericht gar nicht um Schwarzgeld. Dabei ist doch explizit auf Seite sieben des Berichts von „Schwarzgeld“ die Rede. Und dass von Frau Lakotta erneut behauptet wurde, es handele sich in dem Fall nicht um einen Justizskandal, wurde angesichts eines glasklaren Urteils des Bundesverfassungsgerichts auch im Publikum mit Kopfschütteln quittiert.

Was bleibt? Wir finden, dass wir unserer Arbeit als investigative Journalisten nachgegangen sind. Wir haben uns in unserer Dokumentation für Das Erste nach 45 Minuten Sendezeit auch zu einer klaren journalistischen Bewertung durchgerungen. Eine Bewertung, die man teilen kann, aber nicht teilen muss und über die gerne weiter diskutiert werden darf. Die juristische Wahrheitsfindung obliegt dem Gericht. Das Wiederaufnahmeverfahren im Fall Mollath beginnt im Juli dieses Jahres. Nur eines ist schon jetzt klar: Die breite Diskussion über die Rolle des staatlichen Machtapparats, über Steuerhinterzieher, die letztlich lange Zeit unbescholten blieben und nicht zuletzt die Debatte über den Maßregelvollzug hätte es ohne kontinuierliche investigative Berichterstattung im Fall Mollath nie gegeben.