Storytelling im Netz

Wie das Medium ein Thema verändert

Dokumentiert von Ann-Christin Gertzen, WDR
Von links: Günter Bartsch, Christian Beetz, Jonathan Sachse. (Foto: Franziska Senkel)

Von links: Günter Bartsch, Christian Beetz, Jonathan Sachse. (Foto: Franziska Senkel)

Jonathan Sachse: „100 Jahre Tour de France“

Es ist der 19. Februar 2012. Eine Gruppe von 16 Skifahrern und Snowboardern bricht zu einer riskanten Reise auf. Drei von ihnen werden an diesem Tag ums Leben kommen. Am Tunnel Creek, ein Berg im Nordwesten der USA, wollen sie eine riskante Piste nehmen. Free-Skiing, den Kick erleben im weißen Pulverschnee. Doch das Abenteuer wird zum Albtraum, als sich eine Lawine löst und die Gruppe voneinander trennt. Diese Geschichte erzählt der amerikanische Sportjournalist John Branch in seinem Projekt „Snow Fall“. Er macht das so eindringlich, so klar und zielgerichtet, dass er 2013 den Pulitzer-Preis für das beste geschriebene Feature gewinnt. Doch „Snow Fall“ ist nicht nur ein geschriebenes Feature, das an Qualität nicht hoch genug bemessen werden kann, „Snow Fall“ ist eine multimediale Dokumentation, die in Zusammenarbeit mit der New York Times entstanden ist. Textbeiträge verschmelzen mit Audioslideshows, Grafiken über den zeitlichen Verlauf der Katastrophe fangen den Leser genau dort auf, wo er das Bedürfnis danach verspürt, nachvollziehen zu müssen, was da gerade passiert ist. Bei vielen amerikanischen Redaktionen hat „Snow Fall“ einen regelrechten Boom ausgelöst, so dass Jill Abramson, Chefredakteurin der New York Times, auf der Wired Business Conference in New York bekannt gab, „to snowfall“ sei nun ein Verb geworden und jeder Reporter warte darauf, es endlich selbst zu tun.1

Viele Mitarbeiter, viel Arbeit

Im gut besuchten Saal der Weitblick-Konferenz ist „Snow Fall“ jedoch nur bei etwa der Hälfte der Teilnehmer bekannt. Das könnte einer der Gründe sein, warum der freie Journalist Jonathan Sachse ein bisschen suchen musste, bis er eine Online-Redaktion fand, die bereit war, seine Idee zu veröffentlichen. Ein anderer Grund ist wohl ein weiteres Argument, dass Jill Abramson anführte: Dass es viele Monate Zeit brauche, so etwas zu entwickeln. Jonathan Sachse bekam letztendlich doch noch den Zuschlag von Zeit Online für die Umsetzung eines multimedialen Spezials zu 100 Jahren Tour de France. Moderator Günter Bartsch zitiert die Redaktion mit den Worten: „Das hat zwei dutzend Kollegen zum Teil Wochen beschäftigt. Reporter und Datenjournalisten, Foto-, Video- und Entwicklungsredakteure, Designer und Programmierer“. Dem stimmt Jonathan Sachse zu. Am Anfang hätten lediglich vier Personen an dem Projekt gearbeitet, mit zunehmendem Umfang seien es jedoch immer mehr Mitwirkende geworden.

„100 Jahre Tour de France“ ist im Sommer 2013 erschienen. In drei Kapiteln wird zurückgeblickt. Nicht jedoch anhand einer simplen geschichtlichen Aufarbeitung, sondern anhand von drei Protagonisten. Es geht um die Familie Castillan, die schon seit vielen Generationen ein Hotel im französischen Bergdorf L’Alpe d’Huez betreibt und mit der Tour verwurzelt ist. Der Dopingsünder Bernhard Kohl legt sein Doping-Tagebuch offen. Und man wundert sich über Keith Tuffley, den australischen Investmentbanker, der seinen Job an den Nagel hängt, um als Hobbyfahrer die Tour nachzufahren. Jede Geschichte wird angereichert durch Fotos, Audioslideshows und aufwendige Grafiken, zum Beispiel zum Ablauf des Blutdopings oder der Entwicklung des Rennrads.

Aktueller Bezug und Live-Elemente

Für Jonathan Sachse und Philipp Katzer, der die Idee mit entwickelt hat, stand am Anfang die Frage: Wie kann die Geschichte des von Skandalen belasteten Radsports angemessen erzählt werden? Für sie sei von Anfang an klar gewesen, dass es nur funktionieren könne, wenn man aktuelle Geschichten und die historischen Begebenheiten zusammenführe, so Sachse. Als die Protagonisten gefunden waren, ging es darum: Wie baut man das Projekt auf? Das Ergebnis ist eine sehr übersichtliche Struktur. Der Text bildet den Hauptstrang der Geschichte, Videos, Fotos und Daten ergänzen diesen. Ungewöhnlich ist zum Beispiel ein Video einer Trainingsfahrt des Protagonisten Keith Tuffley. Zum einen wird die Fahrt aus der Gopro-Perspektive gezeigt, zum anderen ist die Herzfrequenz des Fahrers zu sehen, die parallel dazu ansteigt. Die meisten Beiträge seien bereits vor der Tour entstanden, so Sachse: „Wir hätten gerne mehr Live-Elemente eingebaut, aber da stößt man zum Teil an redaktionelle Grenzen.“ Der technische Aufwand für Live-Elemente sei enorm hoch – als einzelner Autor sei er vielleicht bereit gewesen, das Risiko einzugehen – doch hier sah er sich einem Team gegenüber in der Verantwortung.

Trotzdem sieht Jonathan Sachse die Zukunft der langen Formen im Netz auch in der investigativen Recherche. Als Beispiel dafür nennt er das Projekt „NSA Files Decoded“ des Guardian. Datenjournalismus spielt hier eine wichtige Rolle, unter anderem können Leser berechnen lassen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, ins Visier der NSA zu gelangen.

Journalist ist künftig „Storydesigner“

Den einen Autor, der sich allein für alles verantwortlich zeichne, gebe es bei solchen Projekten nicht mehr. Storytelling im Netz ist zu komplex für Alleingänge. Der Journalist solle sich zukünftig als „Storydesigner“ verstehen. Ist der Protagonist erst einmal gefunden, ist das nur der Anfang eines langen Entwicklungsprozesses, bei dem man zwischen den geeigneten Darstellungsformen auswählen muss. Wie kann das Zusammenspiel der Darstellungsweisen funktionieren? Die Dramaturgie, so Sachse, müsse stehen, bevor die Story geschrieben wird. Das klassische Bild eines Reporters, der im Alleingang eine Reportage zu Papier bringt, müsse über Bord geworfen werden. Journalisten müssten in Zukunft lernen, zu akzeptieren, dass andere bei ihren Geschichten mitwirken. Ideal sei es, wenn Autor, Grafiker, Techniker und Datenanalysten von Anfang an zusammenarbeiten.

Christian Beetz: „Lebt wohl, Genossen!“

Breite Zielgruppe durch crossmediale Aufbereitung

Auch Christian Beetz ist der Meinung, dass sich der klassische Journalismus im Wandel befindet. Den mehrfachen Grimme-Preisträger, zuletzt wurde er 2013 ausgezeichnet für die sechsteilige Fernsehserie „Lebt wohl, Genossen!“2, treibt vor allem die Frage um: Wie kann man eine möglichst breite Zielgruppe erreichen? Rund 120 Filme für öffentlich-rechtliche Medien im In- und Ausland hat er gemeinsam mit seinem Bruder Reinhardt Beetz in den vergangenen 13 Jahren produziert. Das Problem der Vergreisung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland ist bekannt, jüngere Zuschauer habe Christian Beetz in der Vergangenheit vor allem über die Ausstrahlung im Internet erreicht.

„Lebt wohl, Genossen!“ ist crossmedial angelegt und international aufgestellt: Die filmische Darstellung im Fernsehen war in rund 20 Ländern zu sehen, der Webauftritt ist in neun verschiedenen Ländern zugänglich und das Sachbuch ist ebenfalls in verschiedenen Sprachen erschienen. Begleitet wurden die Veröffentlichungen durch zahlreiche Veranstaltungen in ganz Europa. Bei dem Projekt handelt es sich um eine Koproduktion mit Arte Deutschland, Frankreich und dem ZDF. In einer dokumentarischen Fernsehserie mit sechs Folgen, wird der Zerfall der Sowjetunion portraitiert. Viele Zeitzeugen kommen zu Wort, die die Sowjetunion aus ganz unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommen haben. Für Christian Beetz war es eine Herausforderung, Geschichte für ein jüngeres Publikum zu erzählen. Mit dem Fall der Sowjetunion war er sich jedoch sicher, ein Thema gefunden zu haben, das genug Facetten bietet.

Beetz und sein Team entschieden sich dafür, nicht mit erhobenem Zeigefinger zu erzählen, nicht von oben herab, sondern ausgehend von den Menschen, die die Sowjetunion erlebt haben; die, wie er sagt, „Geschichte gelebt haben“. Da gibt es zum Beispiel die rumänische Lehrerin, die von der täglichen Ungerechtigkeit gegenüber der Parteilosen erzählt, oder den ehemaligen Pressesprecher von Michail Gorbatschow, Andrei Grachev, der über die Entstehung des Warschauer Pakts spricht. Der Kontakt zu diesen Menschen entstand auch in Zusammenarbeit mit osteuropäischen Koproduzenten.

Probleme der internationalen Verbreitung

Vier Jahre hat es gedauert, von der ersten Idee bis zur Umsetzung in den drei Medien. Und noch bevor ein erster Satz geschrieben, der erste Take gedreht worden war, sah sich Beetz mit allerhand Problemen konfrontiert – finanzieller und juristischer Art. Die Zusammenarbeit mit den osteuropäischen Koproduzenten geriet mehrmals ins Stocken. Aufgrund der internationalen Verbreitung habe man überall unterschiedliche Ansprechpartner gehabt. Viele Rechte, zum Beispiel für die jeweiligen Archive und Übersetzungen, habe das Team selbst klären müssen. Auch die Finanzkrise riss ein großes Loch in die Kassen der Kulturförderungen. Aufgrund dessen war Beetz auch auf verschiedene Fördermittel angewiesen. Das Lizenzmodell ist wie das Projekt selbst, international aufgestellt. In der Tschechischen Republik beispielsweise, ist Vodafone an dem Projekt beteiligt.

Schwierige Zusammenarbeit mit Redaktionen

Von allen Projekten der Gebrüder Beetz war dieses mit Sicherheit bisher das mit dem größten organisatorischen Aufwand. Dennoch versuchen sie in all ihren Projekten den crossmedialen Ansatz zu verfolgen. Dieser sei allerdings nicht immer einfach zu verwirklichen, so Beetz. Jede Redaktion ist autonom und plant ihr Programm eigenständig. So sei es teilweise schwierig, Fernsehprojekte zum Beispiel im Radio unterzubringen. Viele Redaktionen hätten Angst, ihre Zielgruppe zu vergraulen, die zum Teil jünger sei als die Fernsehzuschauer.3

Der unberechenbare Rezipient

Multimediale oder crossmediale Projekte haben eine große Unbekannte, die sie so unberechenbar machen: Das Internet. Es verändert sich ständig und mit ihm auch der Rezipient. Der Schriftsteller und Computeranalyst Jakob Nielsen hat 2006 die 90-9-1-Regel für Communities aufgestellt.4 Demnach schauen 90 Prozent der Leser nur zu, neun Prozent beteiligen sich hin und wieder und nur ein Prozent der Leser sind aktiver Teil der Community, posten Beiträge, kommentieren. 2011 macht eine neue Regel von Nielsen die Runde: Das Verhältnis 70-20-10. Der Rezipient möchte sich also im Internet immer stärker beteiligen, möchte eingebunden und nicht nur berieselt werden. Gleichzeitig führt Christian Beetz eine weitere These des Online-Journalismus an: Den Paradigmenwechsel – der ständig wachsende Konkurrenz- und Zeitdruck. Das fehlende Geld für Film- und Kulturförderungen und die technischen Herausforderungen machen solche komplexen Vorhaben zudem nicht einfacher.

Mut zum Umdenken

Große Vorwürfe macht Christian Beetz denen, die sagen, mit Hochkultur könne man keine jungen Leute mehr erreichen. Dass immer mehr Kulturformate im öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufgrund der fehlenden Einschaltquoten eingestellt werden, bedauert er zutiefst. Er ist überzeugt: Junge Menschen kann man noch für Hochkultur begeistern, man muss sich nur trauen umzudenken. Kultur in Form eines Krimis zu präsentieren, ähnlich des Beetz-Projekts „Kulturakte“5, könne eine Lösung sein. Das Projekt ist online, aber auch als Graphic Novel und als App erschienen. Ob sich all der Aufwand lohnt und junge Leute tatsächlich zu den Rezipienten gehören, kann Beetz nicht eindeutig beantworten. Das Alter werde schließlich bei den Downloads nicht angegeben. Dennoch lasse sich aus den Nutzungswerten der Mediatheken heraus lesen, dass politische und hochkulturelle Stoffe stark nachgefragt werden. Ganz besonders dann, wenn eine Transferleistung bestehe, man Wagner zum Beispiel mit dem heutigen Leben verknüpfe. Wichtig sei aber bei allen Projekten der direkte Kontakt zum Rezipienten über Veranstaltungen. Auf das Angebot im Internet wird der Zuschauer oder Leser also anscheinend nicht von alleine aufmerksam.

Der Leser will geführt werden

Jedes der von Beetz vorgestellten Projekte ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Medien. Die Internetseite zu „Lebt wohl, Genossen!“ ist jedoch die augenscheinlich am aufwendigsten gemachte Seite. Ein komplexes Gefüge aus Texten, Videos und Postkarten, mit zahlreichen Wahlmöglichkeiten für den Nutzer. Wie kann es gelingen, den Rezipienten bei der Stange zu halten, ohne seine Aufmerksamkeitsspanne zu sehr zu strapazieren und ihn auf halbem Weg zu verlieren? Für Moderator Günter Bartsch stellt sich die Frage, ob nicht das alte herkömmliche Filmformat mit klassischer Dramaturgie nach wie vor die bessere Lösung für eine Dokumentation sei. Das verneint Christian Beetz jedoch entschieden: „Man kann generell gar nicht sagen, wer bei welchem Format länger dran bleibt. Im Fernsehen zappt man sich schließlich auch eher durch.“

Bei „Lebt wohl, Genossen!“ habe er sich zu Beginn erschrocken, wie gering zum Teil die Verweildauer gewesen sei. Jedoch habe es auch immer wieder User gegeben, die länger dran geblieben seien. Das kann auch Jonathan Sachse bestätigen. Die Verweildauer der Zeit-Online-User sei bei „100 Jahre Tour de France“ immens höher gewesen, als regulär. Allerdings sei es auch so, dass der Rezipient sich die Inhalte online ganz anders erschließe: „Er ist viel sprunghafter, probiert mehr aus. Zum Teil sieht man, dass erst beim dritten oder vierten Versuch der Text gelesen wurde.“ Für Sachse war das jedoch auch ein Lernprozess in Sachen Dramaturgie: „Wenn ich das Projekt noch einmal angehen würde, würde ich dem Nutzer wahrscheinlich weniger Freiheiten geben.“ Es sei teilweise bitter zu sehen, dass ein Texteinstieg nicht mehr gelesen und viele Sachen einfach übersprungen werden. „Die Mühe des Autors soll schließlich auch belohnt werden.“

Schwierige Finanzierung

Schwierigkeiten sieht Sachse für derartige Projekte vor allem in Sachen Finanzierung: Werbung sollte nicht mehr nach Pageimpressions, sondern nach Verweildauer bezahlt werden – das sei bei solchen Projekten einfach fairer. In der Finanzierung sieht auch Christian Beetz momentan noch das größte Problem des Storytellings im Netz. Die Umsetzung des gesamten Projekts „Lebt wohl, Genossen!“ habe rund 400.000 Euro gekostet. Neben dem geringen Zuschuss von Arte, rund 20.000 Euro, habe er das Projekt zu einem großen Teil mit seiner Produktionsfirma selbst finanziert. Es gebe kaum Stiftungsgelder – und wenn, seien diese sehr gering. Christian Beetz appelliert daher an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, seine Einstellung gegenüber aufwendigen Internetprojekten zu überdenken. Im Netz würden Tausende die Inhalte rezipieren, eine Zielgruppe, die noch immer unzureichend angesprochen werde. Gleichzeitig bemängelt er, dass der Rundfunkstaatsvertrag nach wie vor vieles ausschließe. Auch an die Filmförderung appelliert er, mehr Gelder zur Verfügung zu stellen. „Ich würde mir wünschen, dass 20 Prozent der Fördersummen in reine Internetproduktionen gehen“, so Beetz. In Kanada sei ein ähnliches Modell bereits auf den Weg gebracht worden. Ein Jahresbudget von über 500 Mio. kanadischer Dollar solle dort künftig in öffentlich-rechtliche Internetproduktionen fließen.

Nur gemeinsam zum Ziel

Ob „100 Jahre Tour de France“ oder „Lebt wohl, Genossen!“, in jedem Fall war ein großes Team nötig, um die Projekte an den Start zu bringen. Für einen freien Journalisten alleine wäre wohl keines dieser Projekte zu verwirklichen gewesen. „Wenn die Technik stimmt“, so Sachse, „kann man viel alleine schaffen. Doch als freier Autor braucht man dann einen guten Expertenkreis.“ Zwar habe er in einem Crashkurs eine Programmiersprache gelernt, doch um eine Website dieser Größe zu programmieren, reiche es nicht. Für den Journalisten der Zukunft werde Teamwork immer wichtiger, technische Grundlagen sollte er sich alleine schon deshalb aneignen, um Teil des Teams sein zu können.

Fazit

Die größte Schwierigkeit für die Umsetzung langer Formate im Netz liegt in deren Finanzierung. Aufgrund der technischen Raffinessen und der Größe des Teams sind multimediale Reportagen oder Dokumentationen mit erheblichen Kosten und großem Zeitaufwand verbunden. Doch gilt das in der Regel auch für Dokumentarfilme. Die Fördermöglichkeiten sind jedoch bisher nicht vergleichbar, ohne einen starken finanziellen Partner im Rücken lohnen sich diese aufwendigen multimedialen Projekte daher bisher kaum. Auch wenn noch keine direkte Möglichkeit besteht, im Internet zu messen, wie alt die Rezipienten sind, so legen doch die Reaktionen in den sozialen Netzwerken und die messbare Verweildauer auf den jeweiligen Internetseiten nahe, dass eine junge Zielgruppe erreicht wird, die das Fernsehen zum Teil nicht mehr anspricht. Diese jungen Rezipienten möchten stärker eingebunden werden, sind es gewohnt, sich an Diskussionen zu beteiligen und selbst tätig zu werden. Die multimediale Form ermöglicht genau das. Daher ist es wichtig, dass verstärkt Fördermöglichkeiten speziell für innovative Webformate geschaffen werden. Der Journalist wird künftig vermehrt als „Storydesigner“ agieren müssen, er wird sich schon vor dem ersten Satz überlegen müssen, welche Medien er an welcher Stelle einbinden möchte, welche Daten wann gefragt sein werden. An der Dramaturgie einer Webreportage wird er künftig im Team arbeiten und sollte sich daher mit den technischen Grundlagen vertraut machen. „Storytelling im Netz“ ist eine Möglichkeit andere Zielgruppen zu erschließen und die Jungen wieder zu den öffentlich-rechtlichen Medien zu holen – sie sollte nicht ungenutzt bleiben.

Links

Tipps zur Planung einer langen Story im Netz:

  • bei geschichtlichen Themen möglichst einen aktuellen Bezug schaffen
  • starke Leserführung, die trotzdem ein Ausprobieren möglich macht
  • technische Voraussetzungen in den Zeitplan einbeziehen – Daten müssen gesucht und ausgewertet werden, Grafiken müssen erstellt werden
  • finanzielle Komponente bedenken – wie lange wird das Projekt dauern? Wie viele Leute sind beteiligt?
  • rechtliche Komponente bei internationalen Projekten klären, z.B. Archiv- und Internetrechte
  • Umsetzbarkeit überprüfen – sind die Ideen technisch machbar
Fußnoten:

2 Die Jury-Begründung des Grimme-Instituts: www.grimme-institut.de/html/index.php?id=1744

3 In diesem Zusammenhang erwähnt er die Projekte „Make Love“, gelaufen im SWR Fernsehen und auf SWR 3 und die „Wikinger“, ein interaktives Lernspiel.

4 Die 90-9-1-Regel erklärt von Jakob Nielsen: www.nngroup.com/articles/participation-inequality/

5 Trailer zur Kulturakte: http://vimeo.com/74815391