Investigative Reporters and Editors

How journalists can learn safer communication and improve online security
(Link zu ire.org)

Journalismus & Recherche

Albrecht Ude: Kurze Anleitung zu überwachungsfeindlichem Verhalten(Link zu recherche-info.de)

Investigative Recherche

Boris Kartheuser: Erklärvideo: Mails verschlüsseln leicht gemacht
(Link zu investigativerecherche.de)

Investigative Recherche

Boris Kartheuser: Programme und Anleitungen für digitale Sicherheit
(Link zu investigativerecherche.de)

Arbeitskreises der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI)

FAQ-Liste zu Sicherheit und Unsicherheit im Internet
(Link zum Arbeitskreises der Gesellschaft für Informatik e.V.)

Eröffnungsrede von Katrin Krauß (2012)

„Masche für Masche. Thesen zur Lage des Lokaljournalismus”

Eröffnungsrede von Katrin Krauß zur Fachtagung „Dicht dran- oder mittendrin? Lokaljournalismus zwischen Recherche und Regionalstolz“ am 9./10. November 2012 im Hause der Süddeutschen Zeitung
Rednerin: Katrin Krauß, Diplom-Journalistin und Dozentin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Eroeffnungsrede „Masche für Masche. Thesen zur Lage des Lokaljournalismus"

Katrin Krauß – Eroeffnungsrede Lokaljournalismus-Fachkonferenz. Foto: Franziska Senkel

Sehr geehrte Damen und Herren,
schon wieder so eine Veranstaltung, auf der Recherche großgeschrieben wird. Schon wieder so eine Veranstaltung, auf der so getan wird, als sei Recherche die unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass Sie die Seiten Ihres Lokalteils füllen können. Dabei wissen wir doch alle: Recherche kostet Zeit. – Zeit ist Geld. – Geld hat Ihr Verleger nicht.

Also hören Sie auf, das mit der Recherche so furchtbar wichtig zu nehmen! Glauben Sie mir: Es geht auch ohne. Ich zeige Ihnen die Maschen, die Sie brauchen, um mit einem Minimum an Recherche Ihren Lokalteil zu häkeln. Damit das funktioniert, müssen freilich ein paar Grundvoraussetzungen erfüllt sein.

Grundvoraussetzung 1:
Sie brauchen einen Verleger, der Sie motiviert, am besten, indem er das kleine fröhliche Lied „Wer einspart, steigert Qualität“ anstimmt. Singen Sie mit und fallen Sie ins Fortissimo, sobald der Refrain beginnt: „Wir werden immer besser, jeden Tag ein Stück, wir werden immer besser – das ist verrückt.“ Achten Sie darauf, dass wirklich alle mitsingen – womit wir schon bei der zweiten Grundvoraussetzung sind.

Grundvoraussetzung 2:
Bekehren Sie Idealisten und Zweifler, also all jene Ihrer Kolleginnen und Kollegen, die glauben, man könne – ja, mehr noch, man müsse das Lokale besser machen und mehr recherchieren. Machen Sie diesen Zweiflern und Idealisten unmissverständlich klar:

  • Wer recherchiert, hält den Betrieb auf.
  • Von wegen „Wer nicht mehr an sich zweifelt, hört auf, ein guter Journalist zu sein“, wie es einst Herbert Riehl-Heyse uns Journalistenschülern eingeimpft hat – das war einmal. Die Zeit der Zweifel ist vorbei. Basta.

Grundvoraussetzung 3:
Nehmen Sie unbedingt Rücksicht auf Ihre masochistisch veranlagten Abonnenten! Diese Leute bezahlen viel Geld dafür, dass sie sich jeden Tag aufs Neue über ihr Kaasblattl und die Zeitungsschmierer aufregen können. Sie wollen alles besser machen und das zack zack? Vorsicht! Der Schuss kann ganz schnell nach hinten losgehen! Spürbare und allzu plötzliche Änderungen des Gewohnten irritieren masochistisch veranlagte Abonnenten und drücken die Auflage Ihrer Zeitung nach unten!

Grundvoraussetzung 4:
Machen Sie sich klar, wo Sie sich eigentlich befinden! Sie sitzen dort, wo keiner Karriere macht, denn die führt ja bekanntlich über das Lokale. Selbstverständlich wissen wir auch alle, dass das Lokale der Ort ist, an dem Journalisten ihre ersten Schritte tun. Und wie heißt der Ort der ersten Schritte? – Richtig, das ist der Laufstall. Dort sitzen Sie und – Hand aufs Herz – es geht Ihnen doch gut dort.
Sie haben doch jetzt viel mehr Platz als früher, als Sie sich den Laufstall Lokalredaktion noch mit sieben oder acht Kolleginnen und Kollegen teilen mussten. Jetzt sind es nur noch vier oder fünf, aber dafür haben Sie ja jede Menge Spielkameraden auf Zeit; die haben auch Namen, aber weil es so viele und ständig neue sind, heißen die einfach immer nur „die Praktikantin“ oder „der Praktikant“. Die dürfen Sie betreuen. Dafür werden Sie von anderen betreut: Sie sind umzingelt von Erziehungsberechtigten und Erziehungsberatern, die alle dafür sorgen, dass es Ihnen nicht langweilig wird im Laufstall.
All diese Leute, die sich da rund um den Laufstall Lokalredaktion postieren, sorgen natürlich auch für die richtige Wohlfühlatmosphäre, für dieses Klima von Hypernervosität, in dem Aktionismus Ratlosigkeit kaschiert, für dieses Klima ständiger Verunsicherung – werden nun Stellen gestrichen oder nicht? – vermengt mit Resignation, für diese Atmosphäre der Unruhe, in der der Journalismus alle drei Monate neu erfunden wird. Glauben Sie mir: Sie brauchen das alles, um sich wohl zu fühlen und nicht träge zu werden. Sie brauchen es genauso wie all die Konferenzen – unter drei täglich geht gar nix – in denen Bosse und Halbbosse und Möchtegern-wenigstens-Halbbosse ihre Kreativität wie in einem Blutrausch austoben. Wer all das umsetzen soll, was da so beschlossen wird? – Na Sie natürlich! Und zwar pronto!
So kommt Bewegung in den Laufstall. Wunderbar. Gut, zugegeben: Der Breiteller, den man Ihnen jeweils am Ende des Monats über die Gitter reicht, ist vielleicht nicht mehr ganz so gut gefüllt wie früher, aber doch nicht deshalb, weil der Verleger sich auf Ihre Kosten noch mehr Hummer auf den Teller schaufelt, sondern nur deshalb, weil er es so gut mit Ihnen meint; Sie kennen ja sein Lied: „Wer einspart, steigert Qualität“.
Vergessen Sie bitte auch nicht, dass der Verleger viel Geld für Ihre Erziehungsberater bezahlt, also für all die Experten, die Ihnen sagen, was Sie tun müssen, damit Sie den Lesern gefallen.
Wie? Was heißt hier „Bauchgefühl“ und „ich weiß selber, was die Leser wollen“? – Aber hallo! Vergessen Sie das mal ganz schnell! Wir sind doch hier nicht bei der „Landlust! – Nein, Sie wissen gar nichts.
Die einzigen, die hier was wissen, sind die Experten. Also die, die meist noch nie Journalismus gemacht haben, aber dafür wissen, wie man über Journalismus spricht. Wenn die auftauchen, wird ’s brandgefährlich, denn dann ist der nächste Relaunch nicht weit. Aber bitte: Halten Sie an sich! Verkneifen Sie sich die Frage an Experte X, ob er es nicht war, der den Relaunch der Zeitung Y zu verantworten hat, also jener Zeitung, deren Auflage nach dem Relaunch ins Bodenlose gestürzt ist. Sparen Sie sich auch Bemerkungen wie: „Wie war das nochmal mit dem Tabloid-Format, ohne das angeblich gar nichts geht?“ oder „War da nicht mal was von wegen: kein Artikel länger als hundert Zeilen – und waren es nicht dieselben Experten, die kurz darauf schon wieder durch die Redaktionen gezogen sind und diesmal so richtig lange Lesegeschichten gefordert haben?“
Wie gesagt: Man kann und darf von Ihnen erwarten, dass Sie den Experten gegenüber auf derlei despektierliche Bemerkungen verzichten. Zeigen Sie sich also bei jedem Relaunch aufs Neue freudig erregt, auch wenn es schon der siebzehnte ist, den Sie mitmachen. Es ist Ihnen ja wohl klar, dass man sich im Laufstall Lokalredaktion anständig zu benehmen hat. – Ist es? Gut. Dann kommen wir nun zu Grundvoraussetzung fünf:

Grundvoraussetzung 5:
Verinnerlichen Sie die Zeitgeistformel „Journalismus minus Recherche ist gleich Content – und Content ist hip“. Er kommt zwar meist ein bisschen zerbrechlich daher, aber schließlich beherrschen Sie ja die Kunst des Layoutens und wissen deshalb, wie man dieses zarte Nichts geschickt verpackt. Und Sie wissen auch: Wer Content gut verkaufen will, der braucht Content-Manager und Redaktions-Manager und Fachleute für „Innovations in Journalism“ und überhaupt ganz viele, ganz wichtige, ganz teuer bezahlte „Business“-Leute. Das ist ein Arbeitsfeld mit Zukunft und deshalb ist es auch gut, dass Hochschulen sich darum kümmern, den journalistischen Nachwuchs möglichst früh an dieses Feld heranzuführen, also möglichst schon, bevor die jungen Leute verbildet sind und womöglich schon richtige Artikel recherchieren und schreiben können – aber das ist ein Kapitel für sich. . .
Okay, lassen wir es gut sein. Ich gehe jedenfalls mal davon aus, dass all die Grundvoraussetzungen, die ich genannt habe, in Ihrer Redaktion zu großen Teilen erfüllt sind. Sind sie? Schön! Dann zeige ich Ihnen nun – wie versprochen – die Maschen, die Sie brauchen, wenn Sie Ihren Lokalteil ohne großen Rechercheaufwand häkeln wollen.

Masche 1: Fotos sind die halbe Miete – und manchmal auch die ganze.
Je mehr Fotos und je größer – desto besser. Aber bitte: Verkünsteln Sie sich nicht! Schnell-mal-draufgedrückt-Fotos reichen – wozu gibt es denn Bildunterschriften, in denen Sie wortreich beschreiben können, was auf dem Bild leider nicht zu sehen ist. Sicherer ist natürlich, Sie bestellen gestellte Fotos: Da tummeln sich dann plötzlich zwei Dutzend Kinder in wildem Spiel auf einer sonst stets öde daliegenden Straße, weil Sie dem Leser eindrücklich verklickern wollen, wie gefährlich der Ausbau dieser Straße wäre. Das sieht zwar nur noch leidlich authentisch aus, dient aber Ihrem Anliegen ungemein … Wenn Ihnen all das zu aufwendig ist, dann greifen Sie doch einfach hemmungslos auf Symbolfotos, Archivfotos und Agenturfotos zurück. Wie gesagt: Hauptsache viel und Hauptsache groß.

Masche 2: Terminjournalismus
oder: Wir nehmen, was wir kriegen – und wie wir es kriegen.
Eine altbekannte Masche, die immer häufiger angeschlagen wird, weil immer mehr PR-Leute und ähnliche Gesellen nicht nur extra für Sie Events kreieren, sondern Ihnen freundlicherweise auch gleich noch die fertigen Texte dazu liefern.

Masche 3: Ober-schlägt-Unter-Journalismus.
Egal, wohin Sie kommen: Irgendeinen Kommunalpolitiker, Verbandssprecher, Organisator oder sonstigen Wichtigtuer gibt es immer – lassen Sie stets ihn Auskunft geben und sparen Sie sich so die Zeit und Mühe, mit den eigentlichen Akteuren ins Gespräch zu kommen. Das gilt besonders für Reportagen aller Art und für Themen, bei denen Alte, Behinderte, Suchtkranke oder Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt stehen – Sie wissen doch: Die können sich alle eh nicht artikulieren.

Masche 4: Grinsrübenjournalismus.
Wie der funktioniert? Ganz einfach: Umfragen, Umfragen, Umfragen. Von „Mögen Sie Kiwi-Eis?“ und „Wie finden Sie Markus Lanz?“ über „Worauf freuen Sie sich heute?“ bis hin zu „Wie beurteilen Sie Obamas Nahost-Politik?“ geht grundsätzlich jedes Thema. Dazu stellen Sie Porträtfotos, die jede Falte zeigen – mehr Lesernähe geht nicht.
Beliebte, wenn auch nicht mehr ganz taufrische Variante dieser Masche: Sie ersetzen Interviews durch minimalistische Formen, die keinen Rechercheaufwand erfordern und bitten die Befragten zum Beispiel: „Vollenden Sie den Satz: In den letzten zehn Jahren hat der Oberbürgermeister…“ Die Befragten antworten per Mail – Grinsrübenfoto dazu – fertig.

Masche 5: Tamtam-Journalismus.
Verkaufen sie Selbstverständlichkeiten als Ereignis und setzen Sie dieses Ereignis richtig – also am besten in Form einer Serie – in Szene. Besonders beliebte Form: Die Stadtteilserie. Stellen Sie sich dazu circa zwei Stunden lang im jeweiligen Stadtteil vor irgendeinen Supermarkt und warten Sie darauf, dass ein paar Rentner vorbeikommen, die sich beschweren, weil in ihrem Viertel immer überall so viele Autos rumfahren und/oder so viel Müll rumliegt. Kündigen Sie diesen Recherche-Großeinsatz („Wir sind vor Ort!“) mit mindestens zwei Mehrspaltern pro Viertel an – ein bisschen Statistik vermengt mit ein paar Plattitüden über das jeweilige Viertel reichen – und berichten Sie dann ausführlich und mehrfach über das Ereignis selbst.

Masche 6: Beabsichtigungs- und Ankündigungsjournalismus
oder: Der gute Wille ersetzt die Tat.
Wo immer wer ankündigt, in naher oder ferner Zukunft etwas tun, respektive bauen oder gründen zu wollen: Schreiben Sie darüber ausführlich, egal wie unausgegoren die Sache auch immer sein mag. Motto: Spekulieren ersetzt recherchieren. Und fragen Sie besser nie nach, ob das Vorhaben jemals realisiert worden ist! Ersetzen Sie Vor-Ort-Recherche durch aufgepeppte Ankündigungen. Das geht zum Beispiel so: Kündigen Sie auf einer halben Seite wortreich die Sonderfahrt für Fans des örtlichen Fußballvereins an, fahren Sie aber nicht mit, denn das könnte in Recherche ausarten und am Ende käme womöglich noch eine Geschichte dabei raus.

Masche 7: Setzen Sie Themen – und treten Sie sie breit.
Schreiben Sie über Gefahrenstellen für Radler, am besten als Serie, in der Sie jede Gefahrenstelle einzeln würdigen. Das funktioniert auch mit leer stehenden Läden und ähnlichem, ja sogar mit Pflastersteinen, die zu Stolperfallen werden. Glauben Sie es mir, ich habe es erst gestern gelesen.
Andere Möglichkeit: Suchen Sie ein Thema, das keinen großen Rechercheaufwand erfordert und gut zu bebildern ist und häkeln Sie daraus – Luftmasche an Luftmasche – die Never-Ending-Story. Das funktioniert zum Beispiel wunderbar, wenn in Ihrer Gemeinde neue Parkbänke angeschafft werden – ob drei oder dreißig, lassen Sie sich die Chance nicht entgehen, damit wochenlang die Seiten zu füllen. Lassen Sie die Leute auf den Bänken Probe sitzen, erst allgemein, dann spezielle Besuchergruppen, Rentner, Einzelhändler, blonde 29-jährige Mütter mit dreijährigen Töchtern und so weiter. Wenn die Wahl auf ein Parkbank-Modell gefallen ist, dann verleihen Sie dem Thema neue Brisanz, indem Sie dezent erwähnen – aber bitte erst jetzt – dass die Bänke aus Tropenholz sind und Ihre Leser fragen, was sie denn davon halten.…
In Ihrer Gemeinde sind gerade keine neuen Parkbänke in Sicht? – Kein Problem, dann greifen Sie doch auf die Masche mit den Wut-, Mut- und Gutbürgern zurück.
Und so geht’s: Bringen Sie drei bis vier Leute dazu, gemeinsam darüber zu plaudern, wie die Stadt schöner werden könnte, erklären Sie die Beteiligten unverzüglich zu wahlweise Wut-, Mut- oder Gut-Bürgern, widmen Sie ihnen mindestens einen Aufmacher, gerne auch mehr. Keine Sorge, das Vorbild macht Schule, die nächsten vier Gut-, Wut- oder Mutbürger sind schnell gefunden!

Masche 8: Pappnasenjournalismus
oder: Wenn wir schon keine jungen Leser haben, sorgen wir wenigstens dafür, dass unsere alten Leser sich ihr kindliches Gemüt bewahren.
Pappnasenjournalismus geht irgendwie wie Kindergeburtstagsparty. Schnappen Sie sich zum Beispiel das Maskottchen des Fußballvereins und lassen Sie es „Sagen Sie jetzt nichts“ spielen. Veranstalten Sie – zu Zeiten von Fußball EMs oder WMs – ein Tischkickerturnier. Kündigen Sie dieses wunderbare Spiel in Form von drei Mehrspaltern an, schreiben Sie dann ausführlich über den Spielverlauf (Fotos nicht vergessen!) Veranstalten Sie ein Kneipenquiz, lassen Sie Eier anmalen, machen Sie einen Tanzkurs mit Kollegen und und und…

Masche 9: Nutzwertjournalismus für Dummis
oder: Wir halten unsere Leser für einigermaßen intelligent und lebenstüchtig und deshalb erklären wir ihnen in Wort und Bild …
…wie man küsst,
…was man an einem Frühlingswochenende machen kann (Radeln, Spielplatz, Grillen),
…was man braucht, wenn man zu einem Open-Air-Klassikkonzert geht (Schal, Bonbons, Operngucker).
Stellen Sie bitte unbedingt entsprechende Symbolfotos dazu (Rad, Spielplatz, Grill bzw. Schal, Bonbon, Operngucker), damit der Leser auch wirklich versteht, worum es geht.

Masche 10: Tagebuchjournalismus
oder: Der Leser interessiert mich nicht, aber ich interessiere den Leser.
Also zum Beispiel: Ich und meine Kollegen unterhalten uns darüber, wie wir den Weihnachtsmarkt finden. Das füllt locker eine dreiviertel Seite und erspart lästige Recherche. Wer quatscht schon gerne Fremde an.
Oder: mein schönstes Weihnachtsfest – Kollegen erzählen. Oder: Vor der Jahrespressekonferenz eines großen Automobilherstellers – was mich mit dem Automobilhersteller verbindet. Und wie wäre es damit: Ich und mein Zwilling. Sie finden einen Menschen, der wie Sie selber einen Pferdeschwanz trägt, eine Brille und ungefähr gleich alt ist. Zack, schon haben Sie Ihren Zwilling, schon haben Sie wieder eine halbe Seite in der Wochenendausgabe des Lokalen gefüllt.

Masche 11: Fortsetzungsjournalismus.
Wieso alles Pulver auf einmal verschießen? Halten Sie Informationen zurück, das macht die Sache spannender und erleichtert Ihnen die Arbeit, weil Sie ein- und denselben Artikel, jeweils um eine Information ergänzt, drei bis vier Mal bringen können.

Masche 12: Filialistenjournalismus inklusive Reißbrett- und Teflonjournalismus
oder: Das Lokale global denken und glatt bügeln.
Entlokalisieren Sie das Lokale, machen Sie es zum beliebigen Ort – und schon ist jedes beliebige Thema möglich. Also: Denken Sie global, entrümpeln Sie die Fußgängerzone. Raus mit dem provinziellen Mief, den all die kleinen Einzelhändler verbreiten. Machen Sie Platz für die Filialisten: Greifen Sie zu Themen, die alle haben. Überlassen Sie das Lokalkolorit den Heimatkrimis und der Werbung – die entdecken es nämlich gerade für sich. Handeln Sie stattdessen beim Runterbrechen der Themen nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht. Themenanregungen liefert zum Beispiel der Newsletter der „Drehscheibe“ – da lernen Sie, was echter Reißbrettjournalismus ist.
Übrigens: Was immer geht, ist der Tag-der-Socke-Journalismus, denn jeder Tag ist ein besonderer Tag: Tag der Putzfrau, Tag des Kusses, Tag des dreieinhalb blättrigen Kleeblattes und so weiter und so fort.
Falls Ihnen das alles noch nicht glatt und verwechselbar, synthetisch und steril genug ist, dann greifen Sie zusätzlich zum Teflonjournalismus: gecastet, gedreht, getrimmt, genormt, gepeppt – völlig wurscht wie. Hauptsache, es fühlt sich

  • nicht echt an,
  • es ist mittellang und mittelmäßig und lässt sich bebildern,
  • es bleibt nichts hängen in den Köpfen der Leser und
  • es funktioniert ohne Recherche.

Na dann, probieren Sie es aus, reihen Sie Luftmasche an Luftmasche.
– Wie? Was soll das heißen? Sie haben keinen Bock auf Filialisten, Pappnasen und Grinsrüben? Sie wollen ein guter Journalist sein, einer, der alle, die behaupten, Lokaljournalismus sei langweilig, Lügen straft, „einer der weiß, dass auf einem Quadratmeter Schrebergarten mehr Wunder zu finden sind, als mancher Reporter auf einem Kontinent findet“, wie Henry Nannen mal über Günter Dahl gesagt hat?
Sie schreiben lange Geschichten, weil Sie wissen, dass lang relativ ist und eine gut recherchierte und geschriebene sechsspaltige Geschichte kürzer ist als ein schlecht recherchierter und formulierter zweispaltiger Bericht?
Sie sind wild entschlossen, zu beweisen, dass mit ein bisschen sinnvoller Planung des Redaktionsalltags Langzeitrecherche auch im Lokalen möglich ist?
Sie haben sich womöglich entschieden, extrem zu werden? Also nix mehr mit mittellang und mittelmäßig und Schluss mit reportagig statt Reportage?
Sie beharren stur darauf, dass die Zukunft des Journalismus Journalismus ist? Sie wollen deshalb Ihren Lokalteil nicht mit Content, sondern mit Journalismus füllen?
Sie wollen recherchieren?
Sind Sie sich sicher? – Na bitte, dann tun Sie ’s doch; Sie werden schon sehen, wohin Sie damit kommen:
Am Ende macht Ihnen Ihre Arbeit Spaß!
Das haben Sie dann davon. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!
Sehr geehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Dokumentation: Ines Alwardt

nr-Vorstand zu falschen Tatsachenbehauptungen in Massenmails und Online-Veröffentlichungen

Am Vortag der Jahrestagung und der Mitgliederversammlung von netzwerk recherche wurde eine Massenmail offenbar an einen alten E-Mailverteiler des Vereins geschickt. Darin erhebt das Mitglied Prof. Rüdiger Pichler etliche substanzlose Vorwürfe gegen den amtierenden Vorstand. Mitverschickt wurde ein Brief des Mitglieds Dr. Volker Bahl mit ähnlicher Tonalität. Am Folgetage hat die Internetseite „V.i.S.d.P.“ diese Anwürfe breit zum Thema gemacht. Um allen Mitgliedern des Vereins sowie allen Interessierten einen Einblick zu ermöglichen, wie die Sachlage ist, hat sich der Vorstand entschlossen, die Tatsachenbehauptungen Punkt für Punkt zu erwidern und diese Richtigstellung online zu stellen. Da wir den genauen Verteiler der Mail nicht kennen, haben wir uns zu dieser Transparenzmaßnahme entschlossen. So kann sich jeder ein Urteil bilden. Weitere Hintergründe zum Initiator der Mails auch bei „Meedia“. Weiterlesen

24. Mai 2012 – Wolfram Weimer

Das Grundproblem des heutigen Journalismus: Gefallsucht und Mitteismus

Wenn Bild und Süddeutsche Zeitung sich früher zankten, dann ging es um Politik, um rechts und links, um oben und unten in der Gesellschaft. Wenn sie sich heute streiten, dann geht es um einen Preis, um Ruhm und roten Teppich, um oben und unten – auf der Bühne. Die Debatte um den Henri-Nannen-Preis entlarvt weniger alte Ressentiments als neue Eitelkeiten.

Das Problem beginnt damit, dass wir Journalisten überhaupt Preise haben wollen. Im Grunde sollte uns das wesensfremd sein – so wie Polizisten, Richter und Notärzte auch keine Preise für ihre Arbeit wollen sollten. Wir sind eine Instanz der Unabhängigkeit, der Kritik, der Machtkontrolle, der Distanz zu Bühnen. Wir werden gebraucht, wenn wir Bühnenspiele hinterfragen und uns unbeliebt machen. In den letzten Jahren aber, wollen sich immer mehr von uns beliebt machen – auch jenseits der Preisverleihungen. Die Aufmerksamkeitsökonomie und ihre Währung „Beliebtheit” ist für den politischen Journalismus ein süßes Gift. Wenn Giovanni di Lorenzo davon berichtet, dass man früher für die Talkshows nach den Schwachpunkten der Gäste und kritischen Ansätzen gefahndet habe, heute aber vor allem nach dem Unterhaltungs- und Stimmungswert frage, dann ist das ein Alarmsignal und verweist auf ein grundlegendes Problem.

Wir etablieren im Journalismus zusehends eine seltsame Hierarchie von Wichtigkeiten, die die kritische Intelligenz immer geringer schätzt, die affirmative höher und die inszenatorische am höchsten. Das Entlarvte ist uns zusehends weniger wert als das Erzählte und noch weniger als das Unterhaltende.
Reporter und Rechercheure, Kritikaster und Kämpfer gegen das Falsche – die konzentrierte Sphäre der journalistischen Integrität, die altmodischen Wahrheitssucher also haben Qualitätsmedien groß und vor allem wichtig gemacht. Es gab dereinst sogar einen Kampf um Wahrheit und Wirklichkeit, woraufhin Journalisten einander über Inhalte Feinde werden konnten. Vorbei. Heute wollen wir häufig eines: gefallen. Die Welt der Bühne hat die der Kulisse als Sehnsuchtsort abgelöst. Man mag die Possierlichkeit der Postmoderne, den Druck der Internetrevolution und den Triumph des Unterhaltungsjournalismus dafür schelten. Die Folgen sind jedenfalls unübersehbar. Unser Beruf wird zusehends von einer kulturellen Haltung des Spielerischen, des Unernstes, der Eitelkeiten geprägt, weil wir die Hierarchie der Wahrheiten durch eine Hierarchie der Gefälligkeiten ersetzen.

Wenn aber das Kleid des Marketings den Journalismus umschmeichelt, wenn wir immer weniger auf das hören, was einer zu sagen hat, als auf das, wie und wo und vor wie vielen er es sagt, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass der Journalismus eine ähnliche Glaubwürdigkeitskrise wie die Politik erleidet. Die Menschen durchschauen unser schillerndes Äußerlichkeitskleid als lichtes Nachthemd.

Die wichtigste Ursache der journalistischen Krise liegt in der Auflösung von Wahrheiten zu diskursiven Konsensen. Wir fragen immer weniger danach, was wir für richtig halten, sondern danach, was andere für richtig halten könnten. So stützt sich die Politik am liebsten auf Umfragen, die Wirtschaft orientiert sich an der Marktforschung und der Journalismus huldigt der Wohlfühl-Unterhaltungs-Quote. Alles nachvollziehbar – nur zahlen wir mit diesen chamäleonhaften Techniken der Vermittung unseres Bewusstseins einen Preis der opportunistischen Verflachung.

Die Mode der Wahrheitsfindung durch diesen Mitte-ismus schien anfangs eine erfrischende Befreiung von den bleiernen Kämpfen der ideologischen Zeit. Inzwischen ist sie für den Journalismus wie ein Verrat an sich selbst. Wenn sich nämlich in immer mehr Diskursen alle auf einem winzigen Fleck konsensualer Mitte versammeln, dann wird es argumentativ ziemlich eng, dann werden nötige Debatten durch Wohlfühlplatitüden ersetzt. Denn der Drang in die politisch korrekte Mitte erzeugt einen Journalismus, der sich massen- und mehrheitskonform seicht dahin biegt. Wir haben hernach in vielen Debatten von der SZ bis zur Bild, von der FAZ bis zum Spiegel gleiche Meinungen.

Abweichlertum, Originalität, Eigenheit wirken in dieser superkonformen Medienwelt der Vollkaskomeinungen wie Antiquitäten aus längst versunkenen Zeiten. Man gibt sich eben auch als Journalist lieber geschmeidigen Netzwerken hin, Meinungstrends und Stimmungs-Communities, weil sie kollektive Bande einer Welt sind, die die Wahrheit fürchtet wie der Chorknabe das Solo. Am Ende streitet man nicht mehr um eine Sache, sondern um eine Äußerlichkeit, nicht mehr um Politik, sondern um Preise. Schade eigentlich. Denn wenn Pestalozzi Recht hat („Die Masse und der Staat haben keine Tugend, nur das Individuum hat sie!”), dann wird der einzelne Journalist als kritische Instanz gebraucht. Egal ob er bei der Bild oder bei der SZ arbeitet und ob er bei Preisen leer ausgeht. Vielleicht sogar dann erst Recht.

Wolfram Weimer, 47, war Chefredakteur des Focus und ist heute Besitzer der Börse am Sonntag. Seine neues Buch „Heimspiel“ ist eine Realsatire auf den politisch-medialen Betrieb.

22. Mai 2012
 – Michael Fröhlingsdorf

Die Causa Wulff ist das Gegenteil einer 
erfolgreichen investigativen Recherche

Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Zwei Journalisten erhalten vertrauliche Hinweise über merkwürdige Finanztransaktionen des berühmtesten Politikers im Land. Der Mann, so heisst es, sei pleite, und habe sich von einem Gönner aus der Wirtschaft kaufen lassen. Die knallharten und unbestechlichen Medienleute recherchieren und ecken den Fall auf. Der Politiker muss zurücktreten. Die Journalisten werden berühmt und erhalten den renommiertesten Journalistenpreis des Landes.
Die Wirklichkeit verhält sich in der Causa Wulff allerdings ganz anderes: Der vertrauliche Hinweis, dem “Bild”, aber auch “Stern” und “Spiegel” nachgingen, erwies sich als blanker Unfug. Die investigative Recherche scheiterte kläglich. Wulff trat auch nicht wegen der journalistischen Enthüllung zurück. Und selbst der “Henri”, mit dem die beiden “Bild”-Journalisten ausgezeichnet wurden, hat einen besseren Ruf als er tatsächlich verdient.
Die Nannen-Jury begründete die Auszeichnung der “Bild”-Recherche auch mit der “Fallhöhe”. Das klingt merkwürdig inkonsequent. 2011 ist beispielsweise eine Kollegin für eine Artikelserie ausgezeichnet worden, die in anderen Medien so gut wie keinerlei Widerhall gefunden hat. Schlimmer noch, der damalige Hauptinformant erschien Kollegen ls zu windig, um auf ihn eine Geschichte zu stützen.
Ebenso abenteuerlich war diesmal zumindest der Hinweis, der die Recherche auslöste. Christian Wulff soll sich sein eher bescheidenes Klinkerhaus in Grossburgwedel von Carsten Maschmeyer finanziert haben lassen. Dass Wulff knapp bei Kasse war, wussten in Hannover viele. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass er sich das Geld ausgerechnet vom schillerndsten Multimillionär ganz Niedersachsens schenken lassen würde?
Dennoch versuchten “Bild”, “Stern” und “Spiegel” diese Geschichte zu recherchieren. Doch schon beim Grundbuchamt war Schluss mit der investigativen Recherche. Die Behörde verweigerte jede Einsichtnahme. Der Spiegel klagte durch alle Instanzen, bekam schliesslich Recht – und war doch anschliessend so schlau wie zuvor. Das Grundbuch gab nichts her. Wulff hatte eine Buchgrundschuld auf seinen Namen eintragen lassen, immerhin höher als der Wert des Hauses, was dafür sprach, dass er über kein Eigenkapital verfügte. Später, so ging aus den Eintragungen hervor, kam die BW-Bank ins Spiel. Aber keine Spur von Maschmeyer oder einem anderen Gönner.
Was also tun? Verdeckt weiter recherchieren, auf andere Quellen hoffen? Oder den Beteiligten selber fragen – und so die bislang verdeckte Recherche gegenüber dem Betroffenen aufdecken? Der “Spiegel” wartete ab, “Bild” und “Stern” entschieden sich fürs direkte Fragen. Sie fragten Wulff selber nach einem möglichen Geldgeber.
Ein solcher Weg ist eigentlich nur vielversprechend, wenn man gegen den Verdächtigten schon einige “Beweise” in der Hand hat. Denn wieso sollte etwa Wulff einräumen, dass er sich von Maschmeyer hat kaufen lassen? Jedenfalls hatten “Bild” und “Stern” Glück, dass Wulffs Sprecher Olaf Glaeseker einer fatalen Fehleinschätzung erlag. Er offenbarte den Namen des Geldgebers, weil er glaubte, damit die ganze Geschichte aus der Welt schaffen zu können. Denn mit Maschmeyer hatte die Finanzierung bekanntlich nichts zu tun.
“Bild” wusste mit der Info nichts Richtiges anfangen. Sie schwurbelte dann in der Überschrift von “Wirbel um Privatkredit”, und schob den Artikel nur an den Rand der Titelseite. Ein Erfolg zwar, aber nicht der erhoffte.
Den Verdacht, dass die Eheleute Geerkens, die wohl tatsächlich bezahlt haben, von dem Geschäft profitierten, konnte niemand belegen. Auch, wie es zu der Umschuldung zur BW-Bank kam, blieb im Dunkel – wie fast alle weiteren Umstände im Fall Wulff.
Der Bundespräsident beklagte sich im Fernsehen, die Journalisten hätten hunderte Fragen gestellt. Nachprüfbar beantwortet hat er nur eine einzige: die Frage nach dem Kreditgeber Geerkens.
Auch sonst brachte die investigative Recherche nicht viel zustande. Mal beschäftigten sich die Medien miteinander, wie im Fall von Wulffs Mailbox-Anruf. Mal nahmen sie die Ex-Ehefrau Wulffs ins Visier, weil ihr ein ehemaliger Nachbar Wulffs einen Job verschafft habe. Als ob die arme Frau nicht auch in dem Haus gewohnt und den Mann ebenfalls gekannt hätte. Zu guter Letzt inszenierte sich “Bild” noch selbst, als das Blatt mit Wulff nach Italien reisten und ihn über den “Rubikon” begleiten konnte.
Ganz aus dem Blick geriet dabei, weshalb Wulff tatsächlich zurücktrat. Die zunächst zögerliche Staatsanwaltschaft Hannover beantragte die Aufhebung seiner Immunität. Den Schritt hatte aber nicht etwa ein “Bild”-Bericht ausgelöst. Die niedersächsische Staatskanzlei übergab den Ermittlern Akten über ein Bürgschaftsgeschäft mit dem Filmunternehmer Groenewold. Diese Papier hat kein Journalist aufgespürt oder je zu sehen bekommen. Für die weisungsgebundene Staatsanwaltschaft war dies jedoch
ein Signal.
Die Wahrheit ist nämlich: Die Diskussion um Wulff wurde für seinen Nachfolger David McAllister im heraufziehenden Landtagswahlkampf zu riskant. Womöglich hätte ein Untersuchungsausschuss tatsächlich Unangenehmes herausfinden können.
Der letzte Akt blieb dennoch “Bild” vorbehalten. Die Kollegen vom Boulevard schafften, woran anderen Medien zuvor scheiterten: Die drängten den ermittelnden Staatsanwalt, der eigentlich zu seinem Schutz anonym bleiben wollte, ein Foto von sich und seinen Lebenslauf preis zu geben. Hätte er das nicht getan, hätte Bild in seiner Nachbarschaft, bei Kollegen und Freunden recherchiert. So aber konnte das Blatt einen nicht gerade preisverdächtigten Bericht über den “mutigen Staatsanwalt” bringen.

Michael Fröhlingsdorf ist Spiegel-Redakteur mit Schwerpunkt Niedersachsen.

21. Mai 2012 – 
Johannes Ludwig

Investigativ bedeutet: dranbleiben und nicht aufgeben

Was da derzeit an Auseinandersetzungen läuft, ist geradezu klassisch. Lernt jeder Management-Student im ersten Semester: Wenn man bei (sehr) unterschiedlichen Gruppenmitgliedern vorher keine klaren Spielregeln festlegt, kommt es (schnell) zum Streit.
So wie man Pressefreiheit nicht teilen kann, also etwa Freiheitsrechte nur für die ‚guten‘ Medien einräumt, nicht aber für die weniger guten oder gar für die ‚schlechten‘, und so wie unsere Karlsruher Verfassungshüter dies aus gutem Grund praktizieren, ist es auch mit dem „investigativen” Journalismus. Oder auch anderen Genres. „Investigativ” definiert sich über klare Kriterien – egal, wer sie anwendet. Trotz klarer Definition(en) kann es natürlich zu Meinungsverschiedenheiten über deren Interpretation im Einzelfall geben. Wer sich beispielsweise anschaut, wer in den fragliche(n) Jury(s) sitzt und entscheiden darf, merkt schnell, dass diese unterschiedlicher nicht besetzt sein könnten. Allein Helmut Markwort und Georg Mascolo stehen für (sehr) unterschiedliche Nachrichtenmagazinkonzepte – Focus-Leser sind keine SPIEGEL-Leser und umgekehrt: Was für die Gesellschaft „relevant” ist oder nicht, das definieren beide (sehr) unterschiedlich.
Genau das aber ist – zumindest in der Kommunikations- und Medienwissenschaft – ein weiteres, ganz entscheidendes Merkmal für „investigativen Journalismus” – im Gegensatz zum Sensationsjournalismus oder Paparazzi-Praktiken.
Die Wulff-Affäre ist ganz ohne Zweifel „relevant“. Deswegen lässt sich die Frage, ob die BILD-Zeitung „investigativ” recherchiert hat und zu Recht auf der Liste der Kandidaten stand, nur darüber festmachen, ob sie ordentlich „investigativ” gearbeitet hat. Mir liegen die Rechercheprotokolle nicht vor. So wie ich das aber verstanden habe, war es der SPIEGEL, der sich durch alle Instanzen geklagt hat, um ein Recht einzufordern, mit dem die Wirtschaftswoche bereits im Jahr 2000 zuvor einen juristischen Sieg davongetragen hat, nämlich dass Journalisten in Grundbücher Einblick nehmen dürfen. Investigativ bedeutet eben auch: dranbleiben und nicht aufgeben, auch wenn’s schwierig oder zeitraubend wird.
Allenfalls hier könnte sich eine ‚Schwachstelle‘ verbergen, denn BILD war ja nicht von Anfang an auf der kritischen Spur von Wulff. Und über ihren Richtungswechsel hat sie wenig kommuniziert. Aber da sind wir wieder bei den Spielregeln der Jury, die es offenbar so nicht gibt. Und deshalb sollte diese Henri-„Affäre” Anlass sein, hier Klarheit zu schaffen, auch wenn das regelmäßig schwieriger ist, so etwas a) im Nachhinein und b) auch noch im Konsens zu tun. Wenn selbiges nicht gelingen sollte, könnte man darüber nachdenken, die Gruppenmitglieder in Gestalt der Jury auszutauschen, einen Neustart sozusagen ausprobieren.
Zu solchen neuen Usancen könnte auch gehören, detaillierter zu begründen, auch Dritten gegenüber, warum der eine einen Henri zugesprochen bekommt und warum ein anderer nicht. Das muss nicht immer in der Ausführlichkeit geschehen, wie die Kandidaten dies der Jury gegenüber tun, schon aus Gründen des Informantenschutzes wegen. Aber trotzdem ist es auch für Außenstehende regelmäßig hochinteressant und spannend, nicht nur die Geschichte, sondern auch ihr Making-of zu kennen. Dies ist die Erfahrung, die wir seit fast zehn Jahren bei der (ausführlichen) Dokumentation des „Wächterpreises der Tagespresse” machen (www.ansTageslicht.de/Waechterpreisarchiv). Mittels Transparenz bzw. besser gesagt: über die Vollständigkeit und das bessere Verstehen einer Geschichte durch Kenntnis, wie sie entstanden ist und warum dieses so schwierig war, sie zu recherchieren, ließe sich übrigens auch mehr Akzeptanz generieren: für solche Geschichten, aber auch für die Einsicht eines fairen Kostenbeitrags des Lesers oder Users. Aber das ist ein (ganz) anderes Thema …
Zurück zur Henri-„Affäre”: Ich denke, jene, die „Probleme” haben, dass sie sich einen Preis mit der BILD teilen müssten, sollten dies journalistisch ein wenig sportlicher angehen. 2004 beispielsweise wurde der erste „Wächterpreis” dem Berliner Tagesspiegel und der BILD-Zeitung (Redaktion Frankfurt/M.) zuerkannt – für eine Geschichte, an der beide gleichermaßen erfolgreich ‚dran‘ waren (www.ansTageslicht.de/Folterdrohung).
An diesem Umstand haben sich damals weder der Tagesspiegel gestört noch Leyendecker und Richter, als letztere drei Jahre später, 2007, einen Wächterpreis zugesprochen bekamen (www.ansTageslicht.de/CIA). Und ihn (sogar) in Empfang genommen hatten.

Johannes Ludwig, Jahrgang 1949, ist Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg.

ZurückWeiter