{"id":1369,"date":"2018-11-07T19:38:50","date_gmt":"2018-11-07T18:38:50","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/map\/?p=1369"},"modified":"2018-12-04T19:50:30","modified_gmt":"2018-12-04T18:50:30","slug":"geht-es-dem-journalismus-noch-zu-gut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/map\/2018\/11\/07\/geht-es-dem-journalismus-noch-zu-gut\/","title":{"rendered":"Geht es dem  Journalismus noch zu gut?"},"content":{"rendered":"<p><div id=\"attachment_14503\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_20181021_233839_638.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14503\" class=\"wp-image-14503 size-medium\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_20181021_233839_638-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14503\" class=\"wp-caption-text\">Kurze Pause auf dem Hammerhof<\/p><\/div><strong>Eine kleine Medientagung auf dem Hammerhof in Mittelfranken suchte Antworten auf die gro\u00dfen Fragen zur Zukunft des Lokaljournalismus. Der ungew\u00f6hnliche Tagungsort lud dazu ein, die ausgetretenen Pfade der Debatte zu verlassen und neue Ideen zu diskutieren.<\/strong><\/p>\n<p>Die Diskussion \u00fcber die Zukunft des Journalismus kann ziemlich deprimierend sein. Vor allem im Lokalen. Dort teilt sich der Markt der Zeitungsleser in die \u00c4lteren, die ihr Abo \u201emit ins Grab nehmen\u201c, wie es Frank Lobigs, Journalistik-Professor an der TU Dortmund, nennt, und so den Verlagen noch ein paar Jahre Luft verschaffen, ehe ihr traditionelles Gesch\u00e4ftsmodell implodiert, und in die J\u00fcngeren, deren grundlegend anderer Medienkonsum genau daf\u00fcr verantwortlich ist.<!--more--><\/p>\n<p>Experten sind ratlos, wie es gelingen soll, die vielf\u00e4ltigen Probleme, die der digitale Wandel mit sich bringt, zu l\u00f6sen. Es geht dabei ja nicht nur darum, den fast vollst\u00e4ndigen Verlust des Werbegesch\u00e4fts im Internet an Facebook und Google irgendwie zu kompensieren. Es geht auch darum, Inhalte \u00fcberhaupt an den Nutzer zu bringen, damit der Journalismus seine gesellschaftliche Funktion erf\u00fcllen kann.<\/p>\n<p>Man kann der Branche nicht vorwerfen, dass sie \u00fcber all dies nicht nachdenkt. Kein Medienkongress, auf dem Schlagworte wie Innovation, Disruption oder Start-up fehlen. Aber vielleicht geht es den Medienh\u00e4usern ein wenig wie den deutschen Autobauern. Klar forscht man im Autoland Nr. 1 an den Antrieben der Zukunft. Aber so richtig eilig scheint man es nicht zu haben, solange der Absatz von Autos mit Verbrennungsmotor das \u00dcberleben erst einmal noch sichert.<!--more--><\/p>\n<p>Andreas Franke, Leiter Lokalredaktion der N\u00fcrnberger Nachrichten, beobachtet \u00c4hnliches im Journalismus. Er stellt die These auf, \u201edass es uns allen noch viel zu gut geht\u201c. Und das, obwohl die Auflagen der deutschen Tageszeitungen seit dem Jahrtausendwechsel um mehr als ein Drittel und die Werbeerl\u00f6se um mehr als die H\u00e4lfte zur\u00fcckgegangen sind. Franke \u00e4u\u00dfert die ehrliche wie erschreckende Vermutung, dass es seine Zeitung noch 10 bis 15 Jahre geben wird. Aber noch gehe es Verlag und Redaktion eben gut, liege die Auflage am Wochenende bei 260.000 Exemplaren und arbeiteten 150 Redakteure im Haus. Aber das ist nat\u00fcrlich nur eine Momentaufnahme \u2013 wie ein letzter sch\u00f6ner Herbsttag vor dem langen kalten Winter.<\/p>\n<div id=\"attachment_14490\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_20181021_234010_287.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14490\" class=\"wp-image-14490 size-medium\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_20181021_234010_287-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14490\" class=\"wp-caption-text\">Der Hammerhof: Ein zum Tagungszentrum umgebauter Gasthof.<\/p><\/div>\n<p>Andreas Franke war einer von ein paar Dutzend Diskutanten und Teilnehmern der Veranstaltung \u201eLokaljournalismus und Demokratie &#8211; wenn Selbstverst\u00e4ndliches nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich ist\u201c im mittelfr\u00e4nkischen Neuhof an der Zenn bei N\u00fcrnberg. Passend zum Thema hatte der Veranstalter, die gemeinn\u00fctzige Organisation <a href=\"http:\/\/www.kreatives-unternehmertum.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kreatives Unternehmertum<\/a> aus M\u00fcnchen, in die Provinz eingeladen. Genauer: auf den <a href=\"http:\/\/www.derhammerhof.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hammerhof<\/a>, eine zum Tagungszentrum umgebaute ehemalige Dorfgastst\u00e4tte samt gem\u00fctlich eingerichteter Scheune. Unterst\u00fctzt wurde die Medientagung von der Sch\u00f6pflin Stiftung und der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius.<\/p>\n<p>Weil mittlerweile (fast) die gesamte Medienlandschaft die eigene Not erkannt hat (die N\u00fcrnberger Nachrichten arbeiten z.B. mit der Fraunhofer-Gesellschaft an der Frage, wie das eigene Informationsangebot im Sinne des Publikums optimiert werden kann), zerbricht sich die Branche seit Jahren den Kopf, wie man diese Abw\u00e4rtsspirale aufhalten kann. Ideen gibt es viele, vielversprechende Projekte auch \u2013 aber genauso viele R\u00fcckschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Auch auf dem Hammerhof diskutierten Vertreter aus Redaktionen, dem Verlagswesen, von Stiftungen und dem Bankensektor \u00fcber alternative Gesch\u00e4ftsmodelle aber auch strukturelle M\u00f6glichkeiten zur F\u00f6rderung und Aufrechterhaltung von Berichterstattung im Lokalen.<\/p>\n<p>So ging es etwa um die Frage, ob ein genossenschaftlich organisiertes Gesch\u00e4ftsmodell (taz, Republik) auf den Lokaljournalismus \u00fcbertragen werden kann. Als Rettung der Lokalzeitung taugt das Modell zwar vermutlich nicht, weil die Zahl potenzieller (zahlungswilliger) Unterst\u00fctzer in der Fl\u00e4che zu klein ist. Correctiv-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer David Schraven gab jedoch zu bedenken, dass f\u00fcr kleine Rechercheb\u00fcros mit wenigen Mitarbeitern deutlich weniger Unterst\u00fctzer n\u00f6tig seien. Ihm schwebt aber noch eine ganz andere Art indirekter Journalismusf\u00f6rderung vor: \u00d6ffentliche Auftr\u00e4ge sollten in der Kalkulation ihrer Budgets einen kleinen Anteil \u201ezur \u00f6ffentlichen Kontrolle\u201c enthalten, der der F\u00f6rderung der 4. Gewalt zugutek\u00e4me. Schon bei einem Anteil von 0,2 Prozent k\u00e4men bei Millionenprojekten tausende Euro zusammen, um die sich Redaktionen bewerben k\u00f6nnten, so Schraven. \u00c4hnlich tollk\u00fchn war die Idee einer freiwilligen Medienabgabe lokaler Unternehmen zur Demokratief\u00f6rderung, die in einer Arbeitsgruppe auf dem Hammerhof er\u00f6rtert wurde.<\/p>\n<div id=\"attachment_14492\" style=\"width: 330px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_1810.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14492\" class=\"wp-image-14492 size-full\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/IMG_1810.jpeg\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"240\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14492\" class=\"wp-caption-text\">Diskussionsrunde in der alten Scheune<\/p><\/div>\n<p>Auch die Kooperation verschiedener Akteure der Lokal- und Regionalberichterstattung wurde diskutiert. W\u00e4hrend die Vernetzung von Lokalzeitungen und lokalen Bloggern h\u00e4ufig an gegenseitiger Ablehnung scheitert, sind Kooperationen zwischen Verlagen und dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk \u201erechtlich m\u00f6glich und denkbar\u201c, so das Urteil von Matthias Kurp von der Hochschule f\u00fcr Medien, Kommunikation und Wirtschaft in K\u00f6ln. Was bei den gro\u00dfen Rechercheverb\u00fcnden bereits vollzogen ist, k\u00f6nnte auf lokaler Ebene zum Beispiel dann funktionieren, wenn die \u00d6ffentlich-Rechtlichen externe lokaljournalistische Inhalte in die eigenen Webplattformen integrieren und so einem breiteren Publikum zug\u00e4nglich machen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>ZDF-Digitalstratege Robert Amlung sieht eine m\u00f6gliche Rolle seines Hauses als \u201eInfrakstrukturprovider\u201c. Entsprechende Kooperationen erprobt das ZDF aktuell mit Partnern aus dem Kulturbereich, die eigene Videobeitr\u00e4ge in der ZDF-Mediathek ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnen. Ein \u00e4hnliches Angebot f\u00fcr lokale Videoblogger w\u00e4re technisch leicht umsetzbar. Da das ZDF \u2013 anders als die ARD \u2013 keine Regionalberichterstattung macht, m\u00fcsste man allerdings noch \u00fcber die thematische Anbindung an die \u00fcbrigen Inhalte der Mediathek und die Auffindbarkeit der Lokalnachrichten nachdenken. Aber k\u00f6nnte nicht das Nachrichtenportal des WDR lokalen Bloggern eine Rubrik \u201efreir\u00e4umen\u201c?<\/p>\n<p>Stiftungen k\u00f6nnten \u00fcber gezielte Projektf\u00f6rderung die Vernetzung der verschiedenen Akteure vorantreiben. Bisher engagieren sie sich vor allem in der Qualifizierung von Journalisten, der Finanzierung von Recherchen sowie der Format- und Organisationsentwicklung. Als Innovationstreiber sollten sie aber nicht da \u201eeinspringen, wo der Markt versagt\u201c, warnte Kurp vor \u00fcbertriebenen Erwartungen an den philanthropischen Sektor. Stattdessen k\u00f6nnten Stiftungen \u00fcber Initiativen daf\u00fcr sorgen, dass die Gesellschaft \u00fcber den Wert von Journalismus nachdenkt.<\/p>\n<p>Was in der mittelfr\u00e4nkischen Scheune einmal mehr klar wurde, war die Orientierungslosigkeit der Branche bei gleichzeitiger Zielstrebigkeit, eine L\u00f6sung f\u00fcr die vielen Probleme zu finden. Mittelfristig hilft vermutlich nur das, was Bestseller-Autor Felix Pl\u00f6tz gegen Ende der Veranstaltung propagierte: \u201eEinfach mal machen!\u201c<\/p>\n\n<p><i><\/i><i>Fotos: Malte Werner und Josef Krieg<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kleine Medientagung auf dem Hammerhof in Mittelfranken suchte Antworten auf die gro\u00dfen Fragen zur Zukunft des Lokaljournalismus. Der ungew\u00f6hnliche Tagungsort lud dazu ein, die ausgetretenen Pfade der Debatte zu verlassen und neue Ideen zu diskutieren. Die Diskussion \u00fcber die Zukunft des Journalismus kann ziemlich deprimierend sein. 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