{"id":1447,"date":"2019-02-19T13:50:34","date_gmt":"2019-02-19T12:50:34","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/map\/?p=1447"},"modified":"2019-02-20T23:01:43","modified_gmt":"2019-02-20T22:01:43","slug":"warum-so-zoegerlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/map\/2019\/02\/19\/warum-so-zoegerlich\/","title":{"rendered":"Warum so z\u00f6gerlich?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Constructive Journalism Day in Hamburg versuchte, mit Vorurteile<\/strong><strong>n \u00fcber l\u00f6sungsorientierten Journalismus aufzur\u00e4umen. Mit dabei: Grow-Stipendiatin Lisa Urlbauer<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Der konstruktive Journalismus hat in Deutschland immer noch ein Wahrnehmungsproblem. Es ist hinl\u00e4nglich bekannt, dass Medien ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit zeichnen, weil die Berichterstattung oft vor allem negative Ereignisse in den Blick nimmt. Es ist auch bekannt, dass das <a href=\"http:\/\/www.digitalnewsreport.org\/survey\/2017\/news-avoidance-2017\/\">beim Publikum nicht gut ankommt<\/a>. Und trotzdem werden Ans\u00e4tze, die daran etwas \u00e4ndern m\u00f6chten, schnell als \u201eKuscheljournalismus\u201c abgestempelt. Ursache f\u00fcr die reflexhafte Kritik d\u00fcrfte ein mangelndes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Anliegen des konstruktiven Journalismus sein. Daran etwas zu \u00e4ndern, war ein Ziel des <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/Constructive-Journalism-Day-2019,constructivejournalism128.html\">Constructive Journalism Day<\/a>, der am 14. Februar 2019 in Hamburg stattfand.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<div id=\"attachment_1449\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1449\" class=\"wp-image-1449 size-medium\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/map\/wp-content\/uploads\/sites\/14\/2019\/02\/L1005016-300x200.jpg\" alt=\"NDR - Constructive Journalism Day \u201919 - Hamburg \/ Rotherbaum am 14.02.2019\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/map\/wp-content\/uploads\/sites\/14\/2019\/02\/L1005016-300x200.jpg 300w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/map\/wp-content\/uploads\/sites\/14\/2019\/02\/L1005016-272x182.jpg 272w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/map\/wp-content\/uploads\/sites\/14\/2019\/02\/L1005016.jpg 598w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-1449\" class=\"wp-caption-text\">Wie geht konstruktiver Journalismus? SJN-Mitbeg\u00fcnderin Tina Rosenberg (l.) und Grow-Stipendiatin Lisa Urlbauer hatten Antworten. Foto: NDR | Jann Wilken<\/p><\/div>\n<p>NDR Info und die Hamburg Media School hatten mit Unterst\u00fctzung der Sch\u00f6pflin Stiftung mit Tina Rosenberg eine der weltweit profiliertesten F\u00fcrsprecherinnen f\u00fcr einen l\u00f6sungsorientierten Journalismus einfliegen lassen. Rosenberg ist Pulitzer-Preistr\u00e4gerin und <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/column\/fixes\">Kolumnistin bei der New York Times<\/a>, au\u00dferdem ist sie Mitbegr\u00fcnderin des amerikanischen <a href=\"https:\/\/www.solutionsjournalism.org\/\">Solutions Journalism Network<\/a> (SJN). Mit Unterst\u00fctzung eines Grow-Stipendiums von Netzwerk Recherche arbeiten Michaela Haas und Lisa Urlbauer vom SJN gerade daran, Teile der umfangreichen und kostenlosen SJN-Trainingsmaterialien f\u00fcr l\u00f6sungsorientierte Berichterstattung <a href=\"https:\/\/thewholestory.solutionsjournalism.org\/was-ist-solutions-journalism-84872ffd783\">ins Deutsche zu \u00fcbersetzen<\/a>.<\/p>\n<h4>Kein Allheilmittel<\/h4>\n<p>Rosenberg nahm den (nicht anwesenden) Kritikern gleich den Wind aus den Segeln. Niemand wolle den Journalismus durch l\u00f6sungsorientierten Journalismus ersetzen, sagte die US-Amerikanerin und gab eine einfache Erkl\u00e4rung: \u201eNicht f\u00fcr jede Story bietet sich ein L\u00f6sungsansatz an.\u201c<\/p>\n<p>L\u00f6sungsorientierter Journalismus funktioniere nur dann, wenn Probleme weit verbreitet, also viele Menschen davon betroffen seien. Zum Beispiel beim Thema Kriminalit\u00e4t: Ein einzelner Mordfall l\u00e4sst kaum einen l\u00f6sungsorientierten Ansatz zu (Nein, die Meldung \u00fcber die Verhaftung des M\u00f6rders ist noch kein konstruktiver Journalismus!). Anders ist es beim Vergleich von Mordraten zweier St\u00e4dte. Wieso gingen die Zahlen in der einen Stadt in den vergangenen Jahren deutlich zur\u00fcck, w\u00e4hrend sie in der anderen stagnierten? Was macht die eine Stadt anders (vielleicht sogar besser) als die andere?<\/p>\n<p>Ok, k\u00f6nnte man sagen, nette Idee. Aber wer sagt, dass die Strategie aus der einen Stadt auch in der anderen funktioniert? Die Antwort ist \u00fcberraschend einfach: Niemand. \u201eSucht nicht nach der perfekten L\u00f6sung\u201c, riet Rosenberg ihren Zuh\u00f6rern. Denn <em>die<\/em> perfekte L\u00f6sung gibt es oft nicht. Vielmehr solle die Berichterstattung \u201eeinen von vielen potenziellen L\u00f6sungswegen\u201c aufzeigen \u2013 am besten den, der nach gr\u00fcndlicher Recherche am plausibelsten erscheint.<\/p>\n<p>Das herauszufinden, braucht Zeit. Den gew\u00e4hlten L\u00f6sungsansatz zu erkl\u00e4ren, braucht Platz. Deshalb ist der l\u00f6sungsorientierte Journalismus weder etwas f\u00fcr Breaking News noch f\u00fcr die Meldungsspalte in der Zeitung. Zwar gilt das nicht gleicherma\u00dfen f\u00fcr den weitergefassten konstruktiven Journalismus (der nicht notwendigerweise L\u00f6sungsans\u00e4tze beinhaltet), doch auch diese Form bindet redaktionelle Ressourcen und ist, nach den Worten der Chefredakteurin des NDR H\u00f6rfunk, Claudia Spiewak, \u201eein Kraftakt\u201c wenn auch \u201eein lohnender\u201c. Auch stehe der konstruktive Journalismus nicht im Widerspruch zu investigativer Recherche. \u201eBeides erg\u00e4nzt sich\u201c, sagte die Gastgeberin der Konferenz vor den knapp 200 G\u00e4sten \u2013 doppelt so viele wie bei der Premiere im vergangenen Jahr.<\/p>\n<div id=\"attachment_1448\" style=\"width: 255px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1448\" class=\"size-full wp-image-1448\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/map\/wp-content\/uploads\/sites\/14\/2019\/02\/L1004944_.jpg\" alt=\"NDR - Constructive Journalism Day \u201919 - Hamburg \/ Rotherbaum am 14.02.2019\" width=\"245\" height=\"163\" \/><p id=\"caption-attachment-1448\" class=\"wp-caption-text\">Das Interesse am Thema war gro\u00df: rund 200 Teilnehmende z\u00e4hlten die Veranstalter des zweiten Constructive Journalism Day. Foto: NDR | Jann Wilken<\/p><\/div>\n<p>Das Interesse war damit mindestens so gro\u00df wie die Unsicherheit in deutschen Redaktionen beim Thema konstruktiver Journalismus. Die versammelten Journalisten trieb vor allem die Frage um, ob eine Berichterstattung, die auf Ver\u00e4nderung abzielt und das Positive betont, nicht Gefahr l\u00e4uft, ins Unkritische oder Aktivistische abzudriften. Ja, es bestehe durchaus die Gefahr des \u201echeerleading\u201c, sagte Rosenberg, hielt aber sogleich einen einfachen (und eigentlich selbstverst\u00e4ndlichen) Tipp parat: nichts verschweigen. \u201eZu jeder l\u00f6sungsorientierten Geschichte geh\u00f6rt die Nennung des Problems\u201c, sagte sie. Ellen Schuster, Head of Digital Programming bei der Deutschen Welle, brachte es auf eine einfache Formel: \u201eKonstruktiver Journalismus ist dann gut, wenn er relevant ist.\u201c<\/p>\n<h4>Klischeebeladen<\/h4>\n<p>In diesem Punkt unterscheidet sich konstruktive Berichterstattung von schlichten Happy-End-Geschichten wie \u201eFeuerwehr rettet Katze vom Baum\u201c, mit denen er oft f\u00e4lschlicherweise in einen Topf geworfen wird. Wohl auch wegen Klischees wie diesem hatte (und hat) es der stellvertretende Feuilleton-Chef der S\u00e4chsischen Zeitung (SZ), Oliver Reinhard, so schwer, die Redaktion vom Konzept der konstruktiven Berichterstattung zu \u00fcberzeugen. Dabei legt die SZ die Latte schon niedrig an: ein l\u00f6sungsorientierter Artikel kann immer noch 80 Prozent Problembeschreibung enthalten und nur zu 20 Prozent aus L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen bestehen. Viel Platz f\u00fcr die bef\u00fcrchtete \u201eSch\u00f6nf\u00e4rberei\u201c ist das nicht.<\/p>\n<p>Publikumsbefragungen geben den \u201eKonstruktivisten\u201c, wie die Unterst\u00fctzer des Konzepts bei der SZ redaktionsintern genannt werden, recht. Laut Reinhard schenken die SZ-Leser den konstruktiven Beitr\u00e4gen mehr Aufmerksamkeit und bewerten sie insgesamt positiver (differenziertere Ergebnisse liefert eine <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/17512786.2018.1470472\">Studie von Klaus Meier<\/a>, 2018). Auch Schuster von der Deutschen Welle brachte \u00e4hnliche Ergebnisse der hauseigenen Publikumsforschung mit. Konstruktive Beitr\u00e4ge erzeugten in den sozialen Medien hohe Reichweiten, sinnvolles und hilfreiches Feedback sowie pers\u00f6nliches Engagement der Nutzer.<\/p>\n<p>Warum dann eigentlich nicht jeder konstruktiven Journalismus mache, wurde Tina Rosenberg aus dem Publikum gefragt. \u201eJournalisten sind ein sehr zur\u00fcckhaltender Berufsstand\u201c, antwortete sie. \u201eWir ver\u00e4ndern uns nicht so leicht.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Constructive Journalism Day in Hamburg versuchte, mit Vorurteilen \u00fcber l\u00f6sungsorientierten Journalismus aufzur\u00e4umen. Mit dabei: Grow-Stipendiatin Lisa Urlbauer Der konstruktive Journalismus hat in Deutschland immer noch ein Wahrnehmungsproblem. Es ist hinl\u00e4nglich bekannt, dass Medien ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit zeichnen, weil die Berichterstattung oft vor allem negative Ereignisse in den Blick nimmt. 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