Nonprofit News – (wie) wird Journalismus gemeinnützig?

Keynote von Prof. Dr. Volker Lilienthal  auf der nr-Fachtagung Nonprofit-Journalismus — Berlin, 6. November 2014

 

I. Die Paradoxien der Abgabenordnung

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die schönsten Satiren schreibt bekanntlich die Wirklichkeit. Ob das die Deutsche Bahn ist, die auf ihrer Website meldet, dass Fahrten ausfallen und Stationshalte entfallen und doch ganz unten auf der Seite meint behaupten zu dürfen: „Keine Qualitätsmängel“,oder die Abgabenordung, also das deutsche Steuergesetz, das festlegt, was als gemeinnützig und damit steuerbegünstigt anzuerkennen ist und was nicht. Unser Gastgeber, das Netzwerk Recherche, hat den einschlägigen § 52 der Abgabeordnung schon mehrfach ironisch aufgespießt. Das ist wirklich zu spaßig, als dass es hier in dieser Keynote fehlen könnte. Gemeinnützig ist demnach, ich zitiere,

„21. die Förderung des Sports (Schach gilt als Sport);
(…)
23. die Förderung der Tierzucht, der Pflanzenzucht, der Kleingärtnerei, des traditionellen Brauchtums einschließlich des Karnevals, der Fastnacht und des Faschings, der Soldaten- und Reservistenbetreuung, des Amateurfunkens, des Modellflugs und des Hundesports“.

Den Journalismus sucht man in dieser Abgabenordnung bekanntlich vergeblich. Und das kann nicht so bleiben – hier schließe ich mich der Forderung von Netzwerk Recherche an. Oliver Schröm hat in seiner Begrüßung die Vorzüge des Modells erläutert.

  • Gemeinnutzorientierte Medien bzw. Journalisten können wirtschaftlicher arbeiten, wenn sie bestimmte Steuern, wie z.B. die Gewerbesteuer, nicht abführen müssen – sie erzielen damit Wettbewerbsvorteile, die aber durch den Gemeinnutz ihres Wirkens, also die kommunikativen Hervorbringungen zum Nutzen des Bürgers, gerechtfertigt sind.
  • Die Finanzbasis solcher Nonprofit-, aber eben Full Common Public Interest-Medien verbreitert sich tendenziell, wenn Nutzer und Unterstützer diesen bekundeten Eigenschaften erstens Glaubwürdigkeit attestieren und sich davon zweitens selbst motiviert fühlen, für die guten Zwecke zu spenden – eine individuelle Abgabe, die dann in der persönlichen Steuererklärung absetzbar ist.
  • Im Ergebnis entsteht ein Mehr, ein Surplus an kritischem, recherchefundiertem, aufklärerischem Journalismus, der die Kommunikationsökologie der Gesellschaft bereichert und die öffentliche Meinungsbildung befördert.
Prof. Dr. Volker Lilienthal

Prof. Dr. Volker Lilienthal

Soweit in Kürze das theoretische Modell, das ja einiges für sich hat. Das Modell ist natürlich keine Erfindung von NR, es hat Vorbilder in den USA, seine Prämissen sind aber auch in der Wissenschaft diskutiert worden. Es ist jetzt gut drei Jahr her, dass in der in unserem Fach, der Kommunikationswissenschaft, federführenden Zeitschrift „Medien & Kommunikationswissenschaft“ (M&K) ein Aufsatz von Professor Marie Luise Kiefer erschien. Frau Kiefer ist eine renommierte Medienökonomin, viele Jahre ihres beruflichen Lebens war sie an die von den ARD-Werbegesellschaften finanzierte Fachzeitschrift „Media Perspektiven“ gebunden. In ihrem Aufsatz ging Frau Kiefer von der unbestreitbaren Grundtatsache aus, dass die traditionellen Finanzierungsweisen von Journalismus prekär geworden sind.

Was also tun? Die politisch denkende Medienökonomin schlug nicht nur eine Steuerbegünstigung von gemeinnutzorientierten Medien vor, sondern forderte überhaupt, dass das nötige Geld für Journalismus aus dem allgemeinen Steueraufkommen bereitgestellt werden sollte. Dies hält Kiefer für gerechtfertigt, weil die Erträge journalistischen Bemühens für eine fruchtbare Allmende sorgten, also ein gemeinschaftliches Eigentum, wie es im mittelalterlichen Dorfleben eine Weide war, auf der alle Kleinbauern ihre Kühe zum Grasen schicken durften. Eine Allmende also oder ein den „Commons“ zugehörendes Wirtschafts- und Kulturgut, um einen englischsprachigen Begriff aus der neueren ökonomischen Theorie zu zitieren. „Creative Commons“ – diesen Begriff kennen wir alle aus der Welt des Webs, in der die Devise „Gratis ist geil“ bekanntlich sehr viel zählt.

Alle dürfen sich also auf der Wiese bedienen, aber irgendwie muss man ja die Leute bezahlen, die die Wiese gelegentlich mal umpflügen und die statt Monokulturen erstklassige nahrhafte Gewächse anpflanzen. Diese Leute sollen vom Staat, konkret: von den steuerpflichtigen Bürgern bezahlt werden. „Leute“, Menschen – dieser Begriff ist dabei wichtig. Denn die Unterscheidung zwischen Medien und Journalisten ist der an inhaltlicher Qualität interessierten Medienökonomin Kiefer durchaus wichtig. Medien können versagen, so Kiefer, können sich aus Profitinteressen dem Boulevard und der Sensation verschreiben. Der einzelne journalistische Akteur aber übernehme „eine soziale Agentschaft für die Bürger“ – anwaltschaftlicher Journalismus nannte man das früher. So kommt Kiefer denn zu einem ersten positiven Auswahlkriterium für Förderungswürdigkeit:

„Finanziell gefördert werden Redaktionen, Redaktionsbüros und vergleichbare Einrichtungen, die mit Blick auf die Inhalteproduktion ausschließlich und autonom von Journalisten geleitet werden.“

Das hört sich verdammt gut an, beinhaltet aber einige Probleme. Zum Beispiel dieses:

Welches Träger-Medium, das erst für Reichweite und Impact der so erarbeiteten – und aus öffentlichem Geld möglich gemachten – Inhalte sorgen könnte, darf denn dann eben diese Inhalte nutzen und weitertragen?

Entscheidet das der geförderte Journalist oder das Journalistenbüro? Oder müsste das etwa der Staat tun?

Jedenfalls kann dann wohl nicht das Erstzugriffsrecht eines x-beliebigen Mediums gelten, weil es sich so Wettbewerbsvorteile verschaffen würde. Die aber illegitim wären, weil die initiale Finanzierungsbasis steuerlich, staatlich, öffentlich war.

Lauter ungelöste Fragen also. Kiefers vielbeachteter Aufsatz von 2011 hat denn auch viel Kritik auf sich gezogen, ebenfalls in M&K, im Heft 3/2011. Zwei andere Größen der Journalistik und Kommunikationswissenschaft, Stephan Russ-Mohl (Uni Lugano) und Rudolf Stöber (Uni Bamberg), ereiferten sich – leider größtenteils zu Recht.

Russ-Mohls Contra lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Steuer- und auch Stiftungsfinanzierung kann keine Antwort auf die Absatzkrise traditioneller Medien sein. Die Leute wollen nicht mehr lesen oder wenigstens nicht dafür bezahlen, das ist doch das Problem. Russ-Mohl hält es deshalb für „wenig einsichtig, dass ich als Staatsbürger bezahlen soll, was ich als Konsument nicht bezahlen möchte“. Kiefers Vorschlag laufe darauf hinaus, die medienabstinenten, aber webaffinen „Söhne und Töchter von Bildungsbürgern (wie Jürgen Habermas, Marie Luise Kiefer und Stephan Russ-Mohl“ dazu zu zwingen, eben doch das zuvor verweigerte Zeitungsabo wenn nicht zu rezipieren, so doch finanziell möglich zu machen. Mit solchen „Zwangsabos“ – der politische Kampfbegriff „Zwangsgebühren“ scheint hier durch – werde nur eine „journalistische Kaste“ finanziert, „die sich hinter einer weiteren staatlich finanzierten Paywall häuslich einrichten darf“, schimpfte Russ-Mohl.

Stöber nahm Anstoß vor allem daran, dass Kiefer versucht hatte, den Kreis der förderungsberechtigten Personen und Kleingruppen, also der Journalisten und Journalistenbüros, objektiv zu definieren und damit zu legitimieren, dass sie einen limitierten, an Examina gebundenen Berufszugang sowie eine geschützte, kontrollierte Berufsbezeichnung vorsah. Journalist-Sein sollte eine Vollprofession wie Arzt oder Anwalt werden. Stöber erinnerte daran, dass es gute Gründe für den freien Berufszugang gebe und dass dessen Abschaffung grundgesetzwidrig sei.

Danke, dass Sie mir auf diesem kleinen Ausflug in die Welt der Wissenschaft gefolgt sind. Er war, so glaube ich, notwendig, wenn wir unsere Begriffe klären und Argumente schärfen wollen, um mit beidem zusammen einen Anspruch auf Gemeinnützigkeit für Journalismus politisch und rechtlich einwandfrei zu begründen.

Wie es David Schraven in einem NR-Beitrag getan hat, so geht es nicht: „Springer, die Bildzeitung, ProSieben und Hörzu werden also niemals gemeinnützig, auch dann nicht, wenn Journalismus in die Abgabenordnung aufgenommen wird. Denn diese Unternehmen arbeiten gewinnorientiert und sind nicht selbstlos tätig.“

Natürlich ist Axel Springer kein Non-Profiteur, wird nie gemeinnützig, will das auch gar nicht. Und dennoch sollte man differenzieren und die Schnittmengen des Ähnlichen – Schnittmengen, die aus Professionalität resultieren – nicht ignorieren. Auf die Verdammung der „Bild“-Zeitung hat man sich ja in jeder medienkritischen Debatte rasch geeinigt. Aber was ist mit „Welt“ und „welt.de“? Will man auch diesen Springer-Medien jeglichen ernstzunehmenden Beitrag zur zivilgesellschaftlichen Meinungsbildung absprechen? Wohl kaum, denn das wäre kontrafaktisch.

Vergessen wir nicht, dass der freiheitliche Rechtsstaat, der Artikel 5 Grundgesetz gewährleisten muss, gar nicht unterscheiden darf zwischen guter und schlechter Presse. Das Grundrecht der Pressefreiheit ist unteilbar, es gilt auch für die Boulevardpresse. Unsere noch unreflektierten, leicht professionsbornierten Vorstellungen von einer Reform der Abgabenordnung laufen aber noch auf solche ideologisch begründeten Entscheidungen hinaus.

Im Gegensatz dazu würde ich in einem Leitsatz behaupten: Journalismus ist gemeinnützig. Dieser Satz gilt als Norm zunächst ganz allgemein, für alle, die sich darauf beziehen, und natürlich konkretisiere ich den vollmundigen Satz gerne:

Aller Journalismus, der auf sich hält, der an Erkenntnis und Kritik der Wirklichkeit interessiert ist, der recherchiert, bevor er urteilt, der fair berichtet und in all seinem Handeln, Informieren und Kommunizieren unabhängig bleibt, der ist gemeinnützig.

Sie kennen das, ich will hier keine Sonntagsrede halten. Aber wir müssen uns schon klar machen, dass die Anerkennung von Gemeinnützigkeit erstens normgerechtes Verhalten und Wirken verlangt und dass diesem Ideal niemand, kein Journalist, kein Redaktionsbüro, kein Medium, in all seinen Hervorbringungen quasi permanent gerecht werden wird.

Ich wende mich also gegen die Selbstgerechtigkeit der Gutmenschen unter uns, die schon immer und sowieso mehr als andere gemeinnützig waren. Ebenso sollte klar sein, dass kein Nonprofit-Akteur seine eigentliche Gemeinnützigkeit verliert, wenn er einmal, mit einem Artikel, das gesetzte Klassenziel verfehlt.

 

II. Das Praxis-Beispiel Message

Ich spreche ja hier nicht nur als Wissenschaftler zu Ihnen, sondern als Akteur, der selbst so seine Erfahrungen mit gemeinnützigem Journalismus gemacht hat. Unsere Zeitschrift für Internationalen Journalismus Message wird strukturell als gemeinnützige Unternehmergesellschaft geführt. Das entbindet uns von der Gewerbesteuerpflicht und erlaubt es, Spendenquittungen auszustellen – eben weil wir als gemeinnützig anerkannt sind. Zwischenruf: Es spenden nur zu wenige. Und Abos dürfte es auch mehr geben.

Wir sind als gemeinnützig nach der Abgabenordnung anerkennt – ja wie ist uns das denn gelungen? Nur über einen Umweg. Für uns gelten die Unterpunkte 1. – Wissenschaft und Forschung – sowie 7. Bildung. Umweg ja – aber nicht, dass wir getrickst hätten. Nein, es geht alles mit rechten Dingen zu. Denn:

  1. bemüht sich die Zeitschrift um einen Wissenstransfer von der Kommunikationswissenschaft in die journalistische und redaktionelle Praxis.
  2. Haben Studierende und Doktoranden an der Redaktion von Message teil.

Deshalb sind beide Anforderungen auch faktisch erfüllt.

Wir genießen also begründet ein Privileg. Fließen deshalb Milch und Honig bei uns? Natürlich nicht. Aus vielerlei Gründen ist die Finanzbasis unseres kleinen Nonprofit-Projekts schmal – mit allen Folgen für Autorenhonorare und Redaktionsausstattung.

Man verdient wenig – und erst recht dürfen alle unmittelbaren Akteure unserer UG, also die Herausgeber oder ich als Geschäftsführer, der Autorenhonorare im Feierabend überweist, in keinster Weise von der gemeinnützigen Unternehmung profitieren. Unser Gesellschaftsvertrag schreibt daher vor – und ich zeige Ihnen das nicht nur im Interesse von Transparenz, sondern weil Vergleichbares für allen nach einer novellierten Abgabenordnung als gemeinnützig anerkannten Journalismus gelten müsste:

㤠3
Selbstlosigkeit, Begünstigungsverbot, Vermögensbildung
Die Mittel der Gesellschaft dürfen nur für die satzungsmäßigen Zwecke verwendet werden. Die Gesellschafter erhalten keine Gewinnanteile und in ihrer Eigenschaft als Gesellschafter auch keine anderen Zuwendungen aus Mitteln der Gesellschaft.
(…)
Die Gesellschaft darf keine Person durch Ausgaben, die dem Gesellschaftszweck fremd sind, oder durch unverhältnismäßig hohe Vergütungen begünstigen.“

Es gibt also keine Gewinnausschüttung – das versteht sich, und zwar nicht nur, weil es gar keine Gewinne gibt. Die Gesellschafter erhalten aber auch sonst keine Zuwendungen. Zwar wäre es erlaubt, uns Herausgebern – Lutz Mükke, früher Michael Haller und mir – eine Aufwandsentschädigung zu zahlen. Darauf haben wir aber verzichtet. Sogar alle Artikel, die wir für unsere Zeitschrift schreiben, bleiben unhonoriert, obwohl hier ja eine feststellbare Leistung vorliegt. Wir verzichten darauf aus wirtschaftlicher Notwendigkeit – weil der Honoraretat es nicht hergibt –, aber auch aus der bewussten Haltung eines Ehrenamts heraus.

Nehmen wir jetzt noch mal diese Bestimmung in den Blick, die ebenfalls nicht Message-spezifisch ist, sondern analog in vielen künftigen Gesellschaftsverträgen von Journalistenbüros und Ähnlichem auftauchen kann: „Die Gesellschaft darf keine Person durch Ausgaben, die dem Gesellschaftszweck fremd sind, oder durch unverhältnismäßig hohe Vergütungen begünstigen.“

Es dürfen also Honorare, aber keine „unverhältnismäßig hohen“ gezahlt werden. Daraus folgt: Im gemeinnützigen Journalismus wird sich die zumal unter Freien landläufige Praxis der Selbstausbeutung fortsetzen. Ich weiß nicht, wie Correctiv die drei Millionen der Brost-Stiftung in Gehälter und Honorare umsetzt – hat man darüber schon mal was gelesen? Die begrüßenswerte Millionenförderung durch die Brost-Stiftung ist sicher ein ungewöhnlicher Einzelfall, auch wenn man hoffen mag, dass das Beispiel Nachahmer findet. Zu Stiftungen überhaupt komme ich gleich noch.

Das Projekt Gemeinnützigkeit im deutschen Journalismus wird jedenfalls zweierlei ganz bestimmt nicht leisten: die Medienkrise finanziell beheben oder prekäre Berufsbiographien plötzlich wieder zu gelingenden machen. Diesen Illusionen sollten wir uns nicht hingeben.

In einer Gesellschaft voller Harthörigkeit gegenüber der Wahrheit werden Journalisten auch weiterhin nur überleben, sich behaupten und gehört werden, wenn sie eine hohe intrinsische Motivation mitbringen, wenn sie auf Geld pfeifen, Journalismus um seiner selbst willen betreiben und wenn sie zu der Spezies gehören, die ich stärkste Naturen nennen möchte.

 

III. Die Rolle der Stiftungen

Als Message-Herausgeber und UG-Geschäftsführer kann ich nicht nur etwas über Abgabenordnung und Gemeinnützigkeit sagen, sondern auch über Stiftungen.

Noch ein Absatz über uns, dann zum Allgemeinen: Weder die Anerkennung als gemeinnützig noch die Erlöse aus Abonnements genügen, um eine hochqualitative, aufwändig gestaltete Zeitschrift wie Message möglich zu machen. Es müssen die guten Gaben von Stiftungen dazu kommen. Bei uns war das in den vergangenen drei Jahren dankenswerterweise die Medienstiftung Hamburg Schleswig-Holstein – eine der wenigen deutschen Stiftungen, die die Medien- und Journalismusförderung nicht nur in ihren Satzungen, sondern hier sogar im Titel führen. 108.00 Euro hat uns die Medienstiftung während drei Jahren zukommen lassen – auf Antrag im Wettbewerb mit anderen Anträgen und bei jährlicher Nachprüfung unseres Ausgabeverhaltens.

Ohne dieses Geld wäre die Herausgabe der Zeitschrift nicht möglich gewesen. Anders gesagt: Jedes Abonnement wird subventioniert, und zwar nicht zu knapp. Das bleibt solange legitim, wie eine Zeitschrift ein öffentlich wahrnehmbares Gut bleibt, das unter den Lesern weitergegeben wird, das kopiert werden kann und in Bibliotheken verfügbar ist. Weil so tendenziell die Allgemeinheit etwas davon hat.

Stiftungen und Journalismus – das ist an sich eine kongeniale Verbindung. Denn mit kaum einer Zweckbestimmung können Stiftungen so viel für die Allgemeinheit tun – wozu sie ja gesetzlich verpflichtet sind. Medieninhalte, deren Produktion und Publikation sie mit ihrem guten Geld möglich machen, erreichen eine breite Öffentlichkeit, befördern die Meinungsbildung, revitalisieren Demokratie und Gesellschaft durch Information und Kritik und tragen so zur Kultivierung der Lebensverhältnisse bei.

Vielerorts wird das praktiziert. Einer – nun schon etwas älteren – Grunderhebung der Berliner Stiftung Active Philanthropy zufolge engagieren sich 78 Stiftungen in der Journalistenförderung – hauptsächlich in Form von Journalistenpreisen und Arbeitsstipendien. Eine Gesamtbilanz, wie viel Geld zur Verfügung steht, gibt es nicht. Einige Millionen, wahrscheinlich zweistellig, werden es sein.

Viele Medienmacher setzen große Erwartungen in die Stiftungswelt. Philanthropen „for Public Value“ – so deren Hoffnung. Auch unter Medienprofessoren gibt es da einige Verfechter. Zu warnen ist aber vor der Illusion, Stiftungen könnten kompensieren, was der deutschen Presse an Einnahmen verlorengegangen ist und was ambitionierten Online-Medien (noch) fehlt. Denn genau das wollen die Stiftungen „keinesfalls: Lückenbüßer für ein marodes Geschäftsmodell sein“, wie es in einem Protokoll des „2. Akademietages Stiftungen und demokratische Öffentlichkeit“ im April 2012 hieß.

Ein Bündnis Stiftungen/Medien setzt die Produktion gesellschaftlichen Reichtums voraus. Es müssen erst mal aus Stiftungsvermögen die Zinsen erwirtschaftet werden, die dann mäzenatisch-meritorisch verteilt werden könnten – denkbar in der Hochkonjunktur, fraglich in der Börsen- und Finanzmarktkrise.

Gibt es in Deutschland genügend Millionäre, besser noch: Milliardäre mit Sinn für kritischen Journalismus? Gründen sie eigens Stiftungen mit diesem Zweck? Eher nicht. Und falls doch: Freie Presse als Dienst an der Allgemeinheit würde privat alimentiert, woraus sich neue Abhängigkeiten ergeben können. Denn Gunst kann auch wieder entzogen werden. Zu warnen ist aber vor der Illusion, Stiftungen könnten kompensieren, was der deutschen Presse an Einnahmen verlorengegangen ist.

Deshalb ist es so wichtig, an den Kern der journalistischen DNA zu erinnern, wenn sich Medien und Stiftungen miteinander einlassen: Unabhängigkeit, verstanden als Äquidistanz zu allen Machtpolen und als unbeschränkte Freiheit des journalistischen Arbeitens.

Die Unabhängigkeit des Journalisten in der Wahrnehmung (Recherche) des Themas, in der öffentlichen Verarbeitung der festgestellten Sachverhalte, die Relevanzprüfung und die Freiheit der Kritik sind unbedingt zu gewährleisten.

Stiftungen haben bestimmte Anliegen, die sie vertreten und fördern wollen, auch ohne die Absicht, dies mittels Journalismus zu tun. Umweltschutz beispielsweise oder Tierschutz, Kunst, Rechtspflege oder freie Marktwirtschaft. Es versteht sich von selbst, dass einzelne Stiftungen sich wünschen, ihre eigenen Themen, mutmaßlich unterbelichtet, stärker in die Öffentlichkeit zu bringen. Also fördert man Themen-Journalismus. Natürlich ist das legitim. Mit Blick auf die Kommunikationsökologie ist aber nicht zu übersehen, dass dann wieder nur bestimmte Themen vermehrt in die Medien kommen – und andere unterbelichtet bleiben. Demokratietheoretisch (und -praktisch) kann daraus eine Unwucht entstehen.

Einige Lead-Stiftungen, darunter die Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik, die BMW Stiftung Herbert Quandt und die Volkswagen-Stiftung, bemühten sich seit etwa 2010 darum, eine konzertierte Aktion deutscher Stiftungen für besseren Journalismus ins Werk zu setzen. Das war eine begrüßenswerte Initiative. Denn eine solche Kooperation hätte erstens für mehr Geld im Topf sorgen können und zweitens dafür, dass ein echtes, alle verbindendes Gemeinwohlinteresse formuliert und Partikularinteressen zurückstehen würden.

Verhandlungen mit Netzwerk Recherche, das seit langem die Gründung einer Stiftung beabsichtigt – was wurde eigentlich daraus? –, waren schon weit gediehen, führten aber letztlich zu keinem Ergebnis – was nebenbei bemerkt auch an Personenkonstellationen gelegen haben soll. Der Gesprächskreis Stiftungen und demokratische Öffentlichkeit hielt zwei oder noch mehr Akademietage ab, um noch andere Stiftungen ins Boot zu holen. Inzwischen zog Ernüchterung ein, der Elan scheint erlahmt. Es gab meines Wissens keine formellen Gründungen, keine Beitrittserklärungen oder gar Finanzierungszusagen. Vielleicht wurde der stifterische Einsatzwille für Qualitätsjournalismus überschätzt?

Dabei gäbe es lohnende Betätigungsfelder genug. Da ist zum Beispiel die journalistische Aus- und Weiterbildung. Der Wandel des Medienmarktes und des journalistischen Berufs bringt hohe und neue Anforderungen mit sich. Die dafür nötigen Curricula (und die technischen Ausstattungen für Ausbildungsinstitute) sind aus schrumpfenden staatlichen Bildungsetats eher nicht zu finanzieren. In den USA sind 25 Journalistenschulen mit Stiftungsprofessuren gesegnet, die die bei Medien besonders engagierte Knight Foundation finanziert.

Verglichen damit sieht es in Deutschland mau aus. Den Anfang machte die Rudolf-Augstein-Stiftung, als sie der Universität Hamburg 2006 die Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus schenkte – seit 2009 besetzt (mit dem Autor).

Im selben Jahr gab die Vogel-Stiftung Dr. Eckernkamp, deren Vermögen zurückgeht auf die Vogel Medien-Gruppe (u.a. CHIP), eine Stiftungsprofessur „Fachjournalismus mit Schwerpunkt Technik“ an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt – seit 2008 besetzt mit Lutz Frühbrodt. Aus der ursprünglichen Widmung „Technik“ ist inzwischen ein Master-Studiengang „Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation“ hervorgegangen – die Schlagseite hin zur PR ist unübersehbar. Die Vogel-Stiftung hat inzwischen eine zweite Stiftungsprofessur, diesmal für Wirtschaftsjournalismus, an die Julius-Maximilians-Universität Würzburg gegeben – diese ist offenbar noch unbesetzt.

Eine weitere Stiftungsprofessur gibt es seit Oktober 2013 an der TU Dortmund. Sie ist dem wirtschaftspolitischen Journalismus gewidmet und wurde mit Henrik Müller besetzt, dem früheren stellvertretenden Chefredakteur des Manager-Magazins. Die Stifter übrigens, die sich 2012 zu einer konzertierten Aktion zusammenfanden, wollten anonym bleiben, man kennt sie nicht.

Ein Förderungsschwerpunkt amerikanischer Stiftungen ist erstaunlicherweise der lokale Journalismus. Das wäre in der Tat ein fruchtbares Feld auch für Stiftungen in Deutschland, wo es nicht nur in Ein-Zeitungs-Kreisen wenig Wettbewerbsimpulse für kritischen Recherchejournalismus gibt. Gelebte Demokratie wächst von unten, Bürgersinn entsteht an der Basis, in den kleinen Städten und Gemeinden, und er muss von zupackendem Lokaljournalismus stimuliert werden. Wenn sich Stiftungen hier erfolgreich engagierten, wenn sie Best-Practice-Modelle mit bundesweiter Ausstrahlung möglich machten, wäre ihnen breite Anerkennung sicher.

Wir wissen aber, auf welches Misstrauen die in Nordrhein-Westfalen gesetzlich vorgesehene, aber operativ noch nicht gestartete „Stiftung für Partizipation und Vielfalt“ trifft. Staatseinfluss und Wettbewerbsverzerrung – das sind nur zwei Reizworte, von denen sich auch David Schraven, das ehemalige NR-Vorstandsmitglied, leiten ließ, als er in einem Interview sagte: „Ich misstraue dem Staat, hier eine gute Arbeit zu leisten. Werden Stipendien vergeben, die den Missbrauch öffentlich-rechtlicher Rundfunkgebühren untersuchen? Oder die erforschen, wie Geld in der Staatskanzlei oder in SPD-dominierten Rathäusern wie Duisburg verbrannt wird? Da bin ich gespannt.“

Das aber ist politische Spekulation, bleiben wir beim Grundsätzlichen:

Wenn sich Stiftungen in der Journalismus-Förderung engagieren, dann sollte in der Konzeptionierung das Nachhaltigkeitsproblem gleich mitbedacht werden. Wie organisieren wir Aufmerksamkeit für all den guten stiftungsfinanzierten Journalismus? Denn es hilft ja nichts, wenn man große Recherchen fördert, deren Resultate am Ende aber niemand wahrnimmt. Stiftungsgelder sind in der Tat nicht dafür da, die Löcher in der Kasse kriselnder Medienbetriebe aufzufüllen. Die Einnahmenkrise der Medien ist eben auch eine Absatz- und Akzeptanzkrise im Verhältnis zum Publikum. Also müssen wir uns fragen: Wie erhöhen wir die Reichweiten wieder, zum Beispiel auch in jüngeren Altersgruppen?

Auf den Akademietagen des Gesprächskreises zeigte sich, dass die Stiftungen zu einem Perspektivwechsel kommen wollen: Sie wollen „Journalismus-Förderung statt Journalisten-Förderung“, sie wollen lieber „Entwicklungshilfe“ leisten „für neue journalistische Formate“.

Wie sieht die Wirklichkeit aus? Anträge auf Recherchestipendien werden immer noch vor allem von freien Journalisten gestellt. Doch werden die Bewerbungen zunehmend begleitet von Empfehlungen der Medien, die den projektierten Beitrag veröffentlichen wollen – gelegentlich sind sogar gebührenfinanzierte Sender darunter. Das unterschwellige Signal: ,Wir wollen nicht selbst investieren. Gebt uns das Geld, sonst machen wir’s nicht.‘ Das wäre die falsche Konsequenz.

Programme zur individuellen Journalisten-Förderung mögen begrenzt wirksam sein, weil sie nur punktuell eine bestimmte öffentliche Thematisierung möglich machen. Aber sie bleiben ein gutes Instrument, um als Stiftung aktiv in den Prozess der Qualitätssicherung bei der Recherche einzugreifen – dann jedenfalls, wenn man ein klares Leitbild hat und die Auswahl und Umsetzung den Profis überlässt: urteilsfähigen Juroren aus journalistischer Praxis und Wissenschaft – sowie möglichst noch Mentoren bestellt, die die teils jungen Journalisten bei ihrer Recherche- und Text-Arbeit unterstützen.

Der neue Ansatz Journalismus-Förderung ist sinnvoll, verlangt aber Marktexpertise und langen Atem. Das Modell bedeutet praktisch zum Beispiel: Mit Stiftungsgeld wird es einer Entwicklungsredaktion möglich gemacht, sogenannte Piloten zu produzieren, die später – hoffentlich – von Verlagen in den Markttest übernommen werden.

Das Stiftungsmodell „Entwicklungshilfe“ würde einen eher großen Förderungsetat verlangen. Umso besser wäre es, wenn sich medieninteressierte Stiftungen wirklich zu einer konzertierten Aktion zusammenfänden. Wenn sie ihr gutes Geld in einen gemeinsamen Topf gäben, wenn sie einen programmatischen Rahmen definierten, in welche Art von Journalismus investiert werden soll (Themenfeld? Medientyp?) und wenn sie dann noch die Auswahl förderungswürdiger Projekte journalistischen Profis überließen.

Drei Voraussetzungen sind das, damit gemeinwohlorientierte Stiftungen wirklich bleibende Spuren in der deutschen Medienlandschaft hinterlassen und für eine aufgeklärtere Gesellschaft sorgen können. Freier Journalismus ist aber nicht nur ein „Hebel“, um Anliegen, die Stiftungen wichtig sind, ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. „Hebel“ – dieser von Active Philanthropy benutzte Begriff klingt zu sehr nach einem instrumentellen Journalismusverständnis, vor dem wir uns hüten sollten. In einigen Gesprächen mit Stiftungen habe ich erlebt, dass es doch auch einen gewissen Kontrollwunsch gibt und dass journalistische Vorhaben unbedingt zu einem – nicht immer offengelegten – Stiftungsprogramm passen – dies ist leider umso eher der Fall, je professioneller Stiftungen geführt werden.

Wenn eine Stiftung wie Active Philanthropy zudem an die „Freiheit des Stifterwillens“ erinnert und Journalisten aufgefordert sieht, sich mit dem „Preis“ auseinanderzusetzen, den ihre Förderer von ihnen verlangten, dann ist es höchste Zeit, sich an einen Tisch zu setzen und über all das zu reden.

Eine Frage vorab im Ausblick auf die folgende Diskussionsrunde: Will man nun freies Denken fördern oder nicht?

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