Lehrredaktion ProRecherche ist jetzt gemeinnützig

Ein weiteres Journalismus-Projekt in Deutschland ist seit wenigen Tagen als gemeinnützig anerkannt: die Lehrredaktion ProRecherche, die sich der Aus- und Fortbildung von jungen Journalisten widmet. Gegründet wurde das Projekt von Wolfgang Messner, Thomas Schuler und Meinrad Heck, die bereits seit vielen Jahren als Recherchetrainer arbeiten. Im vergangenen Jahr startete ProRecherche mit einer Lehrredaktion in Berlin, die sich unter anderem dem Cross-Border-Leasing widmete. Netzwerk Recherche hat mit dem Münchner Journalisten Thomas Schuler über den steinigen Weg zur Anerkennung der Gemeinnützigkeit und die Zukunftspläne des Bildungsprojekts gesprochen.

Herr Schuler, Sie und Ihre Kollegen haben kürzlich Post vom Finanzamt bekommen. Die Beamten haben anerkannt, dass Ihr Unternehmen – die ProRecherche gUG – gemeinnützig ist. Warum war das so wichtig für Sie?

Schuler: Wir kalkulieren unsere Werkstatt so, dass die Teilnahmegebühr für Studenten oder Nachwuchs-JournalistInnen kein Hinderungsgrund ist. Das sieht jeder, der unsere Website ansteuert und die geringen Teilnahmegebühren der Erst-Werkstatt in Berlin sieht. Kooperationen wie mit der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, mit der wir eine Werkstatt gemeinsam anbieten, können Unkosten auffangen. Die Vor- und Nachbereitung ist damit aber nicht finanziert. Gelder von Stiftungen erhält man nur, wenn man gemeinnützig ist. Deshalb ist das wichtig.

Bei der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche im Juli 2015 in Hamburg haben Sie Ihr Projekt zum ersten Mal präsentiert. Das ist jetzt fast ein Jahr her. Welche Schwierigkeiten mussten Sie auf dem Weg zur Gemeinnützigkeit überwinden?

Schuler: Wir mussten unsere Anträge mehrfach nachbessern und einsehen, dass Finanzämter sehr strikt an die Abgabenordnung gebunden sind und diese wörtlich auslegen. Wir dagegen meinten intuitiv oft, dass gesellschaftsrelevante Recherchethemen jenseits vom Boulevard als gemeinnützige Bildungsarbeit anerkannt werden könnten. Das war und ist leider ein Trugschluss. Das wird sich hoffentlich ändern.

Haben Sie einen Tipp für andere Gründer im Non-Profit-Journalismus, wie sie die Finanzbeamten überzeugen können?

Schuler: Nicht wirklich, jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Wir machen nicht in erster Linie Non-Profit-Journalismus, sondern leisten Aus- und Fortbildung. Das bedeutet, dass wir den Punkt Bildung, aufgrund dessen alle Journalismus-Projekte ihre Gemeinnützigkeit erhalten, nicht an zweiter, sondern an erster Stelle stehen haben. Dennoch mussten wir die Finanzbeamten überzeugen, dass wir gerade keinen Journalismus machen. Das wäre ein Grund gewesen, die Gemeinnützigkeit zu verweigern. Wir mussten deshalb sogar unsere Arbeit ändern und Dinge von der Website nehmen. Wenn es denn einen Tipp gibt, dann diesen: Mit den Finanzbeamten reden. Es ist wichtig, den persönlichen Kontakt zu haben und zu erfahren, was geht und was nicht. Das ist vom Beamten und der Beamtin vor Ort abhängig. Vieles ist Auslegungssache; man muss also den Spielraum ergründen. Das kostet Zeit.

ProRecherche ist jetzt im Handelsregister eingetragen, das Finanzamt hat Ihnen den Status der Gemeinnützigkeit zuerkannt. Jetzt geht die Arbeit erst richtig los: Viele journalistische Non-Profit-Projekte stehen ja vor der Aufgabe, ein dauerhaftes, nachhaltiges Finanzierungsmodell zu finden. Wie will ProRecherche seine Arbeit zukünftig finanzieren?

Schuler: Wir hoffen auf Stiftungen und Sponsoren. Bislang wurden nur einzelne Projekte finanziert. Das erlaubt keine dauerhafte Arbeit. Wir stellen also weiter Anträge, um grundsätzlich eine Förderung unserer Arbeit zu erreichen.

Welche inhaltlichen Pläne haben Sie für das nächste Jahr?

Schuler: Derzeit läuft eine Werkstatt an der Uni Tübingen, gemeinsam mit der Interlink Academy. Wir planen, das in einem Projekt mit der Deutschen Journalistenschule (DJS) fortzuführen. Dabei wollen wir Module für E-Learning entwickeln, die auch andere Akademien und Bildungsträger nutzen können. Demnächst soll unsere Lehrwerkstatt mit einer kleinen Redaktion und der Arbeit an einem bestimmten Thema starten. Es wird eine Einführung geben, dann wird dezentral weiter recherchiert. Die Teilnehmer erhalten ein Stipendium und werden rund zwei Monate lang betreut; das Thema wird von uns gewählt. Aber auch da gilt: Entscheidend wird sein, ob Stiftungen dieses Modell unterstützen und Stipendien finanzieren.

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