{"id":18804,"date":"2020-01-27T16:00:18","date_gmt":"2020-01-27T15:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=18804"},"modified":"2020-01-27T18:00:37","modified_gmt":"2020-01-27T17:00:37","slug":"lehre-und-luecke-was-journalisten-in-der-ausbildung-lernen-sollten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/lehre-und-luecke-was-journalisten-in-der-ausbildung-lernen-sollten\/","title":{"rendered":"Lehre und L\u00fccke. Was Journalisten in der Ausbildung lernen (sollten)"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Nicole Friesenbichler<\/em><\/p>\n<p>Bericht von der Tagung: <a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/termine\/konferenzen\/fachkonferenzen\/nr-fachkonferenz-jetzt-mal-ehrlich-was-journalismus-aus-den-taeuschungsfaellen-lernen-muss\/\">Jetzt mal ehrlich! Was Journalismus aus den T\u00e4uschungsf\u00e4llen lernen muss<\/a> (29.\/30.11.2019, Tutzing)<\/p>\n<p>Panel: Lehre und L\u00fccke. Was Journalisten in der Ausbildung lernen (sollten)<\/p>\n<p>In der Debatte um den Fall Relotius kommt den journalistischen Ausbildungsst\u00e4tten immer wieder eine besondere Rolle zu. Zur Frage, welche Lehren diese Institutionen aus dem F\u00e4lschungsskandal gezogen haben und was Journalist*innen in punkto Reportage w\u00e4hrend ihrer Ausbildung lernen sollten, gab es daher ein eigenes Panel beim Tutzinger Medien-Dialog, das von Ulrike Heidenreich, Leitende Redakteurin bei der <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>, moderiert wurde.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Pr\u00fcfungsh\u00fcrden bei der Aufnahme<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Bewerbung an Journalistenschulen m\u00fcssen meist \u00dcbungsreportagen eingereicht werden. Am Institut zur F\u00f6rderung publizistischen Nachwuchses (Katholische Journalistenschule ifp), werden die Quellen aus den Rechercheprotokollen, die Bewerber*innen dazu abgeben, nicht nachgepr\u00fcft. Laut Isolde Fugunt, Studienleiterin am ifp und selbst Absolventin des Volont\u00e4rskurs f\u00fcr Tageszeitungsvolont\u00e4re, habe man fr\u00fcher stichprobenm\u00e4\u00dfig bei Hauptprotagonist*innen der Bewerbungsreportagen angerufen. Aus Datenschutzgr\u00fcnden und aufgrund der Tatsache, dass dies oft zu Irritationen bei den Protagonist*innen f\u00fchrte, wurde diese Pr\u00fcfung vor ein paar Jahren \u2013 noch vor dem Fall Relotius \u2013 wieder weggelassen. An der Deutschen Journalistenschule (DJS) gibt es Stichproben \u2013 \u201eaus arbeits\u00f6konomischen Gr\u00fcnden aber erst bei den Reportagen der Bewerber*innen, die zur n\u00e4chsten Stufe eingeladen werden\u201c, erkl\u00e4rte DJS-Chefin Henriette L\u00f6wisch, die selbst ihre journalistische Ausbildung an der Schule absolviert hat und diese seit 2017 leitet. Wie viele szenische Einstiege in Bewerbungsreportagen erfunden sind, k\u00f6nne sie aber nicht beurteilen, sie sch\u00e4tze eher wenige. Fugunt stellt solche M\u00e4ngel bei den Bewerbungen teilweise schon fest: \u201eDas ist nicht immer Vorsatz, sondern manchmal auch Unverm\u00f6gen.\u201c Die Bewerber*innen seien oft erst 18 oder 19 Jahre alt. Dass man als Journalist*in kenntlich machen muss, wenn man eine Szene nicht selbst erlebt hat und nur aus dritter Hand wei\u00df, w\u00fcssten sie h\u00e4ufig nicht. \u201eDas sollen sie dann bei uns lernen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ethik als eigenes Fach?<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_18335\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18335\" class=\"wp-image-18335 size-medium\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2019\/12\/ehrlich19_Lehre-Luecke-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2019\/12\/ehrlich19_Lehre-Luecke-300x200.jpg 300w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2019\/12\/ehrlich19_Lehre-Luecke-768x512.jpg 768w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2019\/12\/ehrlich19_Lehre-Luecke-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2019\/12\/ehrlich19_Lehre-Luecke-1380x920.jpg 1380w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2019\/12\/ehrlich19_Lehre-Luecke-272x182.jpg 272w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2019\/12\/ehrlich19_Lehre-Luecke.jpg 1772w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-18335\" class=\"wp-caption-text\">Henriette L\u00f6wisch (DJS) und Gianna Niewel (S\u00fcddeutsche Zeitung). Foto: Senkel<\/p><\/div>\n<p>Wenn Gianna Niewel, Redakteurin bei der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> im Ressort Seite Drei, an ihre Ausbildungszeit zur\u00fcckdenkt, f\u00e4llt ihr kein vergleichbarer Fall zu Relotius ein. Sie kenne niemanden, der dar\u00fcber nachgedacht h\u00e4tte, Personen zu erfinden. \u201eUnsicherheiten gab es relativ h\u00e4ufig in Bezug auf die Ethik des Schreibens. Die habe ich auch immer noch\u201c, sagte sie auf dem Podium. Sie sei vorsichtig, etwa wenn es darum geht, Personen zu beschreiben. Aus Niewels Sicht ist es wichtig, Ethik in der Journalismusausbildung verst\u00e4rkt in den Fokus zu nehmen. \u201eDass wir uns [im Volontariat] einmal einen Tag lang wirklich sehr konzentriert \u00fcber Ethik unterhalten h\u00e4tten: Das hatten wir damals nicht und das w\u00fcrde ich mir r\u00fcckblickend total w\u00fcnschen.\u201c L\u00f6wisch widersprach dieser Forderung: \u201eIch glaube es ist viel wichtiger, eine Kultur zu schaffen, in der es st\u00e4ndig eine Diskussion \u00fcber Ethik gibt \u2013 in ganz unterschiedlichen F\u00e4chern und Zusammenh\u00e4ngen.\u201c Mit einem Tag Medienethik sei die Sache nicht erledigt. \u201eMedienethik ist bei uns ein fester Bestandteil in jedem Ausbildungsgang\u201c, erkl\u00e4rte Fugunt. Auf dem ifp-Lehrplan stehe ein Medienethik-Tag mit Dozent*innen aus der Praxis, beispielsweise vom Deutschen Presserat. Nach diesem Tag sei das Thema Ethik aber trotzdem nicht vom Tisch. Bei einem Abschlussprojekt w\u00fcrden dann schon einmal im letzten Moment Thesen nachjustiert \u2013 auch unter Zeitdruck werde auf Korrektheit geachtet. <strong>\u201e<\/strong>Wir versuchen, Ethik mit Leben zu erf\u00fcllen und dem Zweifel Raum zu geben.\u201c<\/p>\n<p>Andreas Wolfers, bis Ende 2019 Leiter der Henri-Nannen-Schule und bei der Diskussion im Publikum zu Gast, schloss sich L\u00f6wisch an: Auch an der Nannen-Schule g\u00e4be es kein eigenes Fach Ethik. Ethische Fragen w\u00fcrden sich regelm\u00e4\u00dfig durch Gespr\u00e4che mit Dozent*innen und Abendg\u00e4sten ziehen.<\/p>\n<p><strong>Neue Unterrichtseinheiten gegen Plagiat und F\u00e4lschung<\/strong><\/p>\n<p>Wenige Monate vor dem Relotius-Skandal besch\u00e4ftigte die DJS ein anderer Fall: Die Reportage einer DJS-Sch\u00fclerin, die zu dieser Zeit in S\u00fcdafrika hospitierte, musste zur\u00fcckgezogen werden, weil Teile davon aus einem acht Jahre alten englischsprachigen Text plagiiert wurden. \u201eDas war schlimm f\u00fcr uns\u201c, erinnerte sich L\u00f6wisch \u2013 wenngleich es ein Einzelfall gewesen sei. Man habe nicht nur \u00fcberlegt, wie man mit der jungen Kollegin umgehe, sondern auch, was dies f\u00fcr den k\u00fcnftigen Stundenplan bedeute. Der Fall hatte Unterrichtsma\u00dfnahmen zur Folge, die sich hinterher \u2013 nachdem der Relotius-Skandal im Dezember 2018 aufgeflogen war \u2013 als doppelt hilfreich erwiesen h\u00e4tten. \u201eWir haben eine kleine Unterrichtseinheit zum Thema \u201aDas Recherchedokument\u2018 eingef\u00fchrt\u201c, erkl\u00e4rte L\u00f6wisch. Im Fall der Hospitantin sei unklar gewesen, ob das Plagiat deshalb entstanden sei, weil sie ihre Rechercheergebnisse mit anderen Quellen in einem Dokument gespeichert hatte und dann nicht mehr unterscheiden konnte. Dar\u00fcber hinaus wurde an der DJS im Medienrechtsseminar das Thema Urheberrecht verst\u00e4rkt. Zu guter Letzt gibt es inzwischen eine ausf\u00fchrliche Vorbesprechung vor der ersten Praxisstation. \u201eBevor die Sch\u00fcler in ihr erstes Praktikum gehen, spielen wir unterschiedliche ethische Szenarien durch.\u201c<\/p>\n<p><strong>Im Zeichen der Fakten<\/strong><\/p>\n<p>Laut Niewel haben sich die Arbeitsmethoden bei der <em>SZ<\/em> seit dem Fall Relotius auf jeden Fall ge\u00e4ndert. \u201eWir haben das Fakten checken intensiviert.\u201c Tonb\u00e4nder und Dokumente seien als Belege zunehmend wichtiger. Doch auch, wenn es das Ziel sei, einen Text ohne Fehler zu liefern, sieht es Niewel realistisch: \u201eKomplett ausschlie\u00dfen, dass so ein Fall auch bei uns passiert, k\u00f6nnen wir nicht.\u201c Am ifp experimentiert Isolde Fugunt seit Sommer 2019 zum Thema Faktencheck: Neben Textpaten, die darauf achten, ob Texte sch\u00f6n geschrieben sind, kommen auch Faktenpaten zum Einsatz, die pr\u00fcfen, ob der Text so \u00fcberhaupt stimmt und inhaltlich richtig ist. Aus Fugunts Sicht entstehen viele Fehler nicht nur durch Schludrigkeit, sondern auch durch Zuspitzung. Auch bei den Publikationen, die Sch\u00fcler*innen an der DJS produzieren, kommen Faktenchecker zum Einsatz, die nur dazu da sind, um alles auf seine Richtigkeit zu \u00fcberpr\u00fcfen. L\u00f6wisch ist davon \u00fcberzeugt, dass man \u201emit etwas breiterer Brust\u201c in eine Redaktion geht und seine Standpunkte verteidigen kann, wenn man einmal in diese Rolle geschl\u00fcpft sei. Wichtig sei, dass die Sch\u00fcler*innen Nein sagen, wenn ihnen zum Beispiel vorgeschlagen werde, drei Personen im Text zu einer zusammen zu ziehen, weil alle etwas \u00e4hnlich gesagt haben. Dass diese Montagetechnik, die Journalistikprofessor Michael Haller in seinem Lehrbuchklassiker \u201eDie Reportage\u201c erw\u00e4hnt, unzul\u00e4ssig ist, dar\u00fcber waren sich die Panelteilnehmerinnen einig.<\/p>\n<p>Eine gute Antwort auf den Vertrauensverlust im Journalismus sind aus Sicht von L\u00f6wisch Transparenzk\u00e4sten, in denen Autor*innen dem Publikum den Rechercheweg hinter einer Geschichte erkl\u00e4ren. \u201eAber daf\u00fcr braucht man kein eigenes Fach\u201c, betonte sie. Die L\u00f6sung sieht sie eher darin, das Thema Transparenz in den Alltag zu integrieren und zum Beispiel mit den Sch\u00fcler*innen dar\u00fcber zu diskutieren, ob sie in ihren \u00dcbungszeitungen konsequent Transparenzk\u00e4sten als Form einf\u00fchren wollen. Zeit ist laut L\u00f6wisch ein knappes Gut an Journalistenschulen. F\u00fcr jede neue Unterrichtseinheit, die man einf\u00fchre, m\u00fcsse eine andere gestrichen werden. Dass die Anliegen, die an die Institutionen herangetragen werden, gro\u00df sind, best\u00e4tigte auch Fugunt. Viele glaubten, nach der Ausbildung habe man ausgelernt. \u201eEs gibt wenig qualifizierte Weiterbildungsreihen f\u00fcr Leute, die schon im Job sind. Da sehe ich einen ganz gro\u00dfen Mangel.\u201c Kein Arzt k\u00f6nne so arbeiten, aber im Journalismus seien Fortbildungen leider nicht vorgeschrieben. W\u00fcrden Medienh\u00e4user in die Weiterbildung von Redakteur*innen investieren, wirke sich das positiv auf den Medienwandel aus, ist Fugunt \u00fcberzeugt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Nicole Friesenbichler Bericht von der Tagung: Jetzt mal ehrlich! Was Journalismus aus den T\u00e4uschungsf\u00e4llen lernen muss (29.\/30.11.2019, Tutzing) Panel: Lehre und L\u00fccke. Was Journalisten in der Ausbildung lernen (sollten) In der Debatte um den Fall Relotius kommt den journalistischen Ausbildungsst\u00e4tten immer wieder eine besondere Rolle zu. 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