{"id":21786,"date":"2014-07-04T21:35:27","date_gmt":"2014-07-04T19:35:27","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wordpress\/blog14\/?p=349"},"modified":"2020-10-14T15:35:38","modified_gmt":"2020-10-14T13:35:38","slug":"die-stadt-in-der-stadt-geht-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/die-stadt-in-der-stadt-geht-online\/","title":{"rendered":"Die \u201eStadt in der Stadt\u201c geht online"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_22231\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/FavelasOnline_WR_K6_B_474.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-22231\" class=\"wp-image-22231 size-medium\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/FavelasOnline_WR_K6_B_474-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/FavelasOnline_WR_K6_B_474-300x200.jpg 300w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/FavelasOnline_WR_K6_B_474-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/FavelasOnline_WR_K6_B_474-768x512.jpg 768w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/FavelasOnline_WR_K6_B_474-272x182.jpg 272w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/FavelasOnline_WR_K6_B_474.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-22231\" class=\"wp-caption-text\">Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl im Panel \u201eFavelas Online \u2013 Digitaler Wandel der Armenviertel\u201c (v.l.n.r., Foto: Wulf Rohwedder)<\/p><\/div>\n<p><strong>Lange waren die brasilianischen Favelas von der Au\u00dfenwelt abgeschottet. Mit der wachsenden Nutzung von sozialen Medien bekommen nun auch die Bewohner der Armenviertel eine mediale Stimme. Mittendrin: Die beiden deutschen Journalistinnen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl.<\/strong><\/p>\n<p>Sie nennen es die \u201egr\u00f6\u00dften Start-Ups von Lateinamerika\u201c \u2013 die Favelas. In den Armensiedlungen hat sich fernab von staatlicher Kontrolle eine eigene Welt entwickelt, die sich t\u00e4glich neu erfindet \u2013 in einem Lebensalltag, der haupts\u00e4chlich durch Improvisation bestritten wird. Die Holzh\u00fctten wachsen zu Ziegelh\u00e4usern, Schicht um Schicht stapeln sich die Stockwerke bis zur Einsturzgefahr, der Strom wird aus den\u00a0riesigen Kabelkn\u00e4ueln illegal angezapft. B\u00fcrgermeister der Favela sind die Drogengangs, die den Einwohnern zwar diktatorisch ihr eigenes Gesetz aufzwingen, aber nicht selten auch eine soziale Agenda verfolgen, zum Beispiel indem sie Medikamente zur Verf\u00fcgung stellen. <!--more--><\/p>\n<p>Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl kennen diesen Alltag. Seit 2009 waren sie mehrmals in Rio de Janeiro und berichteten aus den Favelas. Die Drogen, die Kriminalit\u00e4t, die Bandenkriege \u2013 das findet tats\u00e4chlich statt, aber es ist eben nicht alles. Um den Blick auf die Favelas zu \u00e4ndern, sind sie nach Rocinha gezogen, das gr\u00f6\u00dfte Armenviertel der Stadt.<\/p>\n<p>2011 gr\u00fcndeten sie die Multimedia-Plattform <a href=\"http:\/\/buzzingcities.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">buzzingcities.net<\/a>. Dazu berichten sie auch auf ihrem Blog <a href=\"http:\/\/favelawatchblog.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">favelawatchblog.com<\/a>. Sie besch\u00f6nigen nicht das Risiko, dem sie an ihrem Wohnort ausgeliefert sind. Aber sie scheinen die Spielregeln gut zu kennen: Menschenleere Stra\u00dfen meiden, wenn es still wird, aufmerksam werden und Polizeieins\u00e4tze in Favelas umgehen. Auch dazu dient ihr Blog: Auf solche Ereignisse aufmerksam machen, damit die Bewohner der Favelas sich sicherer durch ihre Stra\u00dfen navigieren k\u00f6nnen. Doch leben k\u00f6nnen die beiden von ihren Webseiten nicht; Jaroschewski und Peteranderl verkaufen auch regelm\u00e4\u00dfig Texte an deutsche Medien wie \u201eWelt\u201c und \u201eSpiegel Online\u201c.<\/p>\n<p>\u201eDas alles sind keine Randgeschichten\u201c, meint Jaroschewski, immerhin wohnt ein Viertel der Bev\u00f6lkerung Rios in den Favelas. \u00dcber 1000 Siedlungen gibt es hier mittlerweile. Manche bestehen nur aus wenigen H\u00e4usern und gleichem eher einem Dorf am H\u00fcgel, andere haben sich zu komplexen \u201eStadt-in-der-Stadt\u201c-Gebilden entwickelt, genau wie Rocinha. Trotz der oft mangelhaften Infrastruktur besitzen mittlerweile 50 Prozent der Favela-Bewohner einen Zugang zum Internet. PCs oder Laptops sind eher selten, die meisten loggen sich \u00fcber ihr Smartphone in die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter und Instagram ein. Die Vertr\u00e4ge sind befristet, so kann man f\u00fcr umgerechnet knapp 50 Cent einen Online-Tag kaufen. Mit dem Einzug des Internet in die Siedlungen haben die Bewohner nun zum ersten Mal die Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen. Dabei geraten sowohl die Licht- als auch die Schattenseiten in den Fokus: Wo hat die neue Bar er\u00f6ffnet? Was hat den Kabelbrand ausgel\u00f6st? R\u00fcckt die Polizei gerade wieder ins Viertel vor? Wird geschossen?<\/p>\n<p>Aber nicht nur untereinander, auch \u00fcber die Grenzen der Favela hinweg ist es erstmals m\u00f6glich geworden, eine mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Der Favelareporter Michel Silva zum Beispiel l\u00e4uft morgens mit seinem Smartphone aus dem Haus und versucht jede Ver\u00e4nderung in seinem Viertel fotografisch festzuhalten. In vielen F\u00e4llen haben brasilianische Massenmedien wie das \u201eGlobo\u201c-Netzwerk seine Bilder bereits \u00fcbernommen und einem gro\u00dfen Publikum zug\u00e4nglich gemacht. Auch die im vergangenen Jahr aufkeimenden Proteste wurden durch deren Organisation und Resonanz im Social-Web befeuert \u2013 die Demonstranten verabredeten sich zu Kundegebungen, verbreiteten so ihre Forderungen oder dokumentierten polizeiliche \u00dcbergriffe.<\/p>\n<p>Dennoch bleiben die Probleme in den Favelas gro\u00df. Ob die WM und Olympia 2016 dazu beitragen, dass sich daran langfristig etwas \u00e4ndert? Dar\u00fcber k\u00f6nnen Jaroschewski und Peteranderl nur mutma\u00dfen. Die Frage sei, ob der Staat auch bereit sei, danach strukturelle Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, wie die Wasser- und die Stromversorgung aufzubauen. Die Integration einer ganzen Stadt und ihrer Bewohnern k\u00f6nne nicht nur \u00fcber das Milit\u00e4r und die Polizei erfolgen. Die Journalisten, die nur wegen der WM gekommen sind und meinen, an einem einzigen Tag die Favelas und ihr Eigenleben ergr\u00fcnden zu k\u00f6nnen, st\u00f6ren Jaroschewski und Peteranderl. Sie wollen gerade nach der WM berichten \u2013 wenn die meisten deutschen Reporter Rio schon l\u00e4ngst wieder den R\u00fccken gekehrt haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange waren die brasilianischen Favelas von der Au\u00dfenwelt abgeschottet. Mit der wachsenden Nutzung von sozialen Medien bekommen nun auch die Bewohner der Armenviertel eine mediale Stimme. 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