{"id":21799,"date":"2014-07-05T17:37:19","date_gmt":"2014-07-05T15:37:19","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wordpress\/blog14\/?p=607"},"modified":"2020-10-13T14:17:44","modified_gmt":"2020-10-13T12:17:44","slug":"erst-mensch-dann-journalist-michael-obert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/erst-mensch-dann-journalist-michael-obert\/","title":{"rendered":"\u201eErst Mensch, dann Journalist\u201c &#8211; Michael Obert"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_22322\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Im_Reich_des_Todes_ST_K7_B_110.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-22322\" class=\"wp-image-22322\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Im_Reich_des_Todes_ST_K7_B_110-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Im_Reich_des_Todes_ST_K7_B_110-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Im_Reich_des_Todes_ST_K7_B_110-300x200.jpg 300w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Im_Reich_des_Todes_ST_K7_B_110-768x512.jpg 768w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Im_Reich_des_Todes_ST_K7_B_110-272x182.jpg 272w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Im_Reich_des_Todes_ST_K7_B_110.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-22322\" class=\"wp-caption-text\">Panel \u201eIm Reich des Todes&#8221; \u2013 Die Recherchen des Leuchtturm-Preistr\u00e4gers 2013 mit Michael Obert und Moderatorin Katharina Finke (Foto: Sebastian Stahlke)<\/p><\/div>\n<p><strong>Michael Obert hat mit Folterern in \u00c4gypten und Terroristen von Boko Haram in Nigeria gesprochen. Seine Reportagen sind preisgekr\u00f6nt, vor kurzem feierte er sein Regiedeb\u00fct. Ein Portr\u00e4t \u00fcber einen Mann, der schon komplett in einer anderen Welt eingetaucht war und erst sp\u00e4t seine wahre Profession gefunden hat.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ein Schlag ins Gesicht gewesen und ein harter Bruch. So beschreibt Michael Obert das Aufwachen eines Morgens in Paris im Jahr 1993.<\/p>\n<p>Er hatte das, wovon viele Betriebswirte tr\u00e4umen: einen gutbezahlten Job, Dienstwohnung und Dienstwagen \u2013 das Leben eines erfolgreichen Managers. Doch dann kam die traumatische Erfahrung, in der Michael Obert realisierte, dass er ein interessenloser Mensch war, der mehr in seinen Beruf rein gerutscht war, als ihn zu w\u00e4hlen. Statt wieder jeden Tag ins B\u00fcro zu fahren, buchte er sich ein Flugticket nach S\u00fcdamerika. Zwei Jahre lang tourte er durch den Kontinent und erkannte dort, was er wirklich wollte: Geschichten erz\u00e4hlen. <!--more--><\/p>\n<p>Obert kehrte zur\u00fcck mit Notizbl\u00f6cken voller Erlebnisse, Erz\u00e4hlungen und Anekdoten. Diese Zeit nennt der 48-j\u00e4hrige geb\u00fcrtige Breisgauer seine Neugeburt: \u201eIch wusste genau, dass eine Reise zu Ende ist und eine neue beginnt.\u201c<\/p>\n<p>Heute ist Obert international bekannt f\u00fcr seine Texte. Er schreibt unter anderem f\u00fcr das Magazin der S\u00fcddeutschen Zeitung, die Zeit und das Zeit Magazin. F\u00fcr \u201eIm Reich des Todes\u201c erhielt er 2013 den Leuchtturm-Preis f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnliche publizistische Leistungen. In der Reportage erz\u00e4hlen er und der Fotograf Moises Saman die Geschichte von Folter-Camps auf der Sinai-Halbinsel, in denen Fl\u00fcchtlinge gequ\u00e4lt werden, um von den Familien L\u00f6segeld zu erpressen. Obert geht dorthin, wo viele andere sich nicht hin trauen.<\/p>\n<p>Neben den Reportagen hat er bereits zahlreiche B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht. Das Bekannteste ist \u201eRegenzauber\u201c, in dem er von seiner siebenmonatige Reise von der Quelle bis zur M\u00fcndung des Niger in Westafrika schreibt. Auch als Regisseur ist er t\u00e4tig. Sein Deb\u00fct \u201eSong From the Forest\u201c erz\u00e4hlt die Geschichte des U.S.-Amerikaners Louis Sarno, der im Radio ein Gesangsst\u00fcck von Pygm\u00e4en h\u00f6rte und daraufhin in den Kongo zog. Seit 25 Jahren lebt Sarno nun dort bei Pygm\u00e4en. Obert begleitete ihn und dessen Sohn auf einer Reise nach New York. Bei dem International Documentary Film Festival in Amsterdam gewann er daf\u00fcr den Preis in der Hauptkategorie \u201eBest Feature-Length Documentary\u201c.<\/p>\n<p>Die Geschichten von Obert spielen sich in seinem Bauch ab, nicht im Kopf \u2013 und sie m\u00fcssen ihn ber\u00fchren. \u201eEs kann passieren, dass ich von etwas h\u00f6re und es erst mal nur abspeichere. Der entscheidende Schalter wird manchmal erst Monate oder Jahre sp\u00e4ter umgelegt\u201c, sagt Obert. \u201eDann \u00fcberlege ich mir: was will ich wissen und fange an zu suchen, ob es zu diesem Thema schon etwas gibt und telefoniere mit meinen Kontakten.\u201c<\/p>\n<p>In den 20 Jahren, die er in seinem zweiten Leben nun schon als Journalist arbeitet, hat er sich ein breites Recherchenetzwerk aufgebaut. Bei seinen zentralen Berichterstattungsgebieten Afrika, dem Nahen und Mittlerer Osten, sind mehrere Reisen im Vorfeld schlichtweg nicht umsetzbar. Obert legt viel Wert auf eine fundierte Vorarbeit. Genau wissen, was erz\u00e4hlt werden soll. Genau wissen, was eine Geschichte aus der Ferne mit dem Leben der Menschen hier zu tun hat. Genau wissen, wer einem hilft, um dorthin zu gelangen. Eine Reportage k\u00f6nne nur so gut werden, wie ihre Recherche, sagt er.<\/p>\n<p>Wie weit er bei seinen durchaus gef\u00e4hrlichen Erkundungen gehen wird, wei\u00df er im Vorfeld nie \u2013 aber er hat ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr entwickelt. \u201eDas sind Erfahrungswerte, die ich bei all meinen Reisen gesammelt habe. Das hat nichts mit Journalismus zu tun, sondern ist einfach ein gutes, zuverl\u00e4ssiges und selbstbewusstes Gef\u00fchl f\u00fcr die eigenen Grenzen\u201c, sagt Obert. In Afrika, wo er sich zu Hause f\u00fchlt, w\u00fcrde er fast alles machen. Im Nahen und mittleren Osten nicht.<\/p>\n<p>Bei den Reportagen \u201eIm Reich des Todes\u201c und\u00a0 zu der afrikanischen Terror-Organisation Boko Haram stie\u00df er an seine Grenzen. \u201eDas war mein Limit, meine pers\u00f6nliche Grenze. Davon kann ich h\u00f6chstens drei, vier pro Jahr machen. Man muss ja psychisch auch gesund bleiben und ich will nicht abstumpfen\u201c, sagt der Journalist. \u201eDiese Geschichten haben mich vor, w\u00e4hrend und auch noch lange nach der Arbeit besch\u00e4ftigt.\u201c<\/p>\n<p>Nachdem Obert im Sinai mit Opfern und T\u00e4tern sprach, wurde er selbst hineingesogen. Die Folterpraktiken der auf der Halbinsel ans\u00e4ssigen Beduinen basieren darauf, Angeh\u00f6rige von Geiseln anzurufen, w\u00e4hrend diese gefoltert werden. Anschlie\u00dfend werden hohe Geldbeitr\u00e4ge eingefordert. Auch Obert bekam solch einen Anruf, aber die Leitung wurde getrennt \u2013 Obert konnte nichts tun.<\/p>\n<p>\u201eAber diese Reportage hat eine Bombe platzen lassen, so etwas hilft auch Hilfsorganisationen\u201c, sagt er. \u201eIm Gegensatz zum bekannten Grundsatz finde ich, dass es auch f\u00fcr Journalisten sehr wohl Situationen gibt, in denen man sich mit einer Sache gemein machen muss. Ich bin immer erst Mensch, dann Journalist.\u201c Obert will Geschichten erz\u00e4hlen, die ver\u00e4ndern, die Emotionen und ein Gef\u00fchl f\u00fcr Gerechtigkeit wecken \u2013 ohne zu instrumentalisieren.<\/p>\n<p>Wenn er den Glauben an die Kraft seiner Texte verlieren w\u00fcrde, sagt Obert, m\u00fcsse er aufh\u00f6ren. Im Journalismus vermisst er gegenw\u00e4rtig eine positive Grundhaltung. Obert hat kaum Berufskollegen in seinem Freundeskreis und ist \u201eschockiert\u201c, wenn er auf Journalisten-Treffen die \u201efinstere Stimmung\u201c (Obert) erlebt. Besonders f\u00fcr den Nachwuchs entwickle sich dadurch eine schlechte Dynamik. \u201eBei diesen Treffen wird Frustration injiziert.\u201c Auch deswegen will er Berufswerte wie Energie, Motivation und vor allem Neugier in seiner T\u00e4tigkeit als Dozent weitergeben. \u201eIn erster Linie\u201c, sagt Michael Obert. \u201eBin ich immer noch ein Reisender, fasziniert von Geschichten.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Obert hat mit Folterern in \u00c4gypten und Terroristen von Boko Haram in Nigeria gesprochen. Seine Reportagen sind preisgekr\u00f6nt, vor kurzem feierte er sein Regiedeb\u00fct. Ein Portr\u00e4t \u00fcber einen Mann, der schon komplett in einer anderen Welt eingetaucht war und erst sp\u00e4t seine wahre Profession gefunden hat. 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