{"id":21828,"date":"2014-09-03T08:45:16","date_gmt":"2014-09-03T06:45:16","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wordpress\/blog14\/?p=1305"},"modified":"2014-09-03T08:45:16","modified_gmt":"2014-09-03T06:45:16","slug":"der-investigative-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/der-investigative-2\/","title":{"rendered":"Der Investigative"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\tDie Geschichte der im f\u00fcnften Monat schwangeren Jessica Zeppa ist vielleicht typisch f\u00fcr das, was Andrew Lehrens Arbeit ausmacht: Recherchen an der Schnittstelle zwischen Investigativ- und Datenjournalismus. Zeppa musste sterben, weil in einem US-Milit\u00e4rkrankenhaus eine Sepsis \u2013 eine schwere Blutvergiftung\u2013 nicht erkannt wurde. Ein Einzelschicksal, das man nicht dramatisieren sollte, oder ein Indiz f\u00fcr die allgemein mangelnde Versorgung in Milit\u00e4rkrankenh\u00e4usern? <\/p>\n<p>Um die Frage zu beantworten, k\u00e4mpften sich Andrew Lehren und sein Team durch Datenberge; Akten, in denen unerwartete Todesf\u00e4lle verzeichnet wurden, glichen sie mit jenen Akten ab, in denen unerwartete Todesf\u00e4lle letztlich auch gemeldet wurden.  Die Ergebnisse wurden sortiert, visualisiert und kombiniert mit einer investigativen Reportage \u00fcber mangelnde Patientensicherheit \u2013  bedingt durch Strukturprobleme in Verwaltungsapparaten, Hierarchiekonflikte in Krankenh\u00e4usern und mangelnde Aufarbeitung durch die zust\u00e4ndigen Stellen des Pentagons. Datenrecherchen und Investigativrecherche verschmolzen so zu einer Einheit. Das Ergebnis: Im Zeitraum von 2011 bis 2013 waren 239 unerwartete Todesf\u00e4lle dokumentiert, jedoch nur 100 an das \u201epatient-safety-center\u201c des Pentagons weitergleitetworden \u2013 wo Experten herausfinden sollen, wie die Behandlung in Milit\u00e4rkrankenh\u00e4usern verbessert werden kann. Und das obwohl die betreffenden Krankenh\u00e4user tats\u00e4chlich deutlich h\u00f6here Quoten von Komplikationen und Sch\u00e4den bei Geburten und Operationen zu verzeichnen hatten. Zeppas Fall war somit charakteristisch f\u00fcr mangelhafte medizinische Versorgung sowie symbolhaft f\u00fcr viele vermeidbare Fehler mit Todesfolge. <\/p>\n<p>F\u00fcr Andrew Lehren bergen Daten unendlich viele Geschichten, die erz\u00e4hlt werden m\u00fcssen, weil sie den Leser etwas angehen, ihn ber\u00fchren. Doch anstatt nur ein Diagramm anzufertigen, geht er raus in die Welt und sucht die Menschen hinter den abstrakten Daten. Er besch\u00e4ftigt sich mit konkreten F\u00e4llen, menschlichen Schicksalen und sucht gezielt nach ungekl\u00e4rten Fragen. Um diese beantworten zu k\u00f6nnen, schreibt Andrew Lehren die Geschichten dieser Menschen auf. So will er sein Publikum informieren und auch emotional erreichen. Dabei kombiniert er immer wieder alte und neue Methoden der Recherche.<\/p>\n<p>Angefangen hat alles 1988 mit dem Besuch einer Tagung der Vereinigung \u201eInvestigative Journalists and Editors\u201c,  die ihm klar machte,  wie h\u00e4ufig Interessenkonflikte tats\u00e4chlich sind und wie unsicher Quellen sein k\u00f6nnen. Er begann zunehmend, die Dinge investigativ zu recherchieren und entwickelte eigene Strategien. Dar\u00fcber lie\u00dfe sich, wie er heute sagt, unendlich lange reden. Am wichtigsten ist ihm aber, dass Journalisten st\u00e4ndig und bei jeder Quelle kritisch denken \u2013 und nicht die Komplexit\u00e4t einer Geschichte aus Bequemlichkeiten fallen lassen. Anstatt die in den USA (und nicht nur dort) weit verbreiteten  \u201eHe-said-she-said-stories\u201c zu schreiben, soll ein Journalist mit allen zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln versuchen, dem Leser die Wahrheit zu liefern. <\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, wie Andrew Lehren althergebrachte Recherche mit neuen Methoden verkn\u00fcpft, ist die Geschichte von Sergant Bergdahl. Der in Afghanistan stationierte Soldat \u00e4u\u00dferte in Briefen an seine Eltern Zweifel am Vorgehen der amerikanischen Army. Als er danach pl\u00f6tzlich verschwand, wurde in Amerika eine Diskussion losgetreten, ob der Soldat wirklich von der Taliban entf\u00fchrt worden sei, wie es offiziell hie\u00df. Um die Wahrheit zu finden, ging Andrew Lehren einen Schritt zur\u00fcck und arbeitete s\u00e4mtliche auf Wikileaks zug\u00e4nglichen War Logs zur Einheit Bergdahls durch, die vor seinem Verschwinden geschrieben worden waren. Um ausschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen, dass Bergdahl in Wahrheit aus Unzufriedenheit desertiert war, sondern tats\u00e4chlich entf\u00fchrt worden war, untersuchte Lehren das Thema \u2013ohne R\u00fccksicht auf die darauf projizierten politischen Probleme Amerikas zu. Anhand der analysierten Dokumentelie\u00df sich die Entf\u00fchrung Bergdahls best\u00e4tigen, aber auch,  dass seine stationierte Einheit bekannt f\u00fcr einige Schwierigkeiten war. Mehr noch: Sie spiegeltestrukturelle Probleme des gesamten amerikanischen Milit\u00e4rsystems wieder, weswegen die politische Diskussion um Bergdahls Unschuld erst losgetreten wurde.<\/p>\n<p>Bei seinem pers\u00f6nlichen Kampf f\u00fcr die Wahrheit und f\u00fcr den Qualit\u00e4tsjournalismus hilft Andrew Lehren die Beschaffung und Analyse von Datens\u00e4tzen immer wieder \u2013 auch wenn es mal nicht um ein Milit\u00e4rthema geht. Bei der New York Times arbeiten dazu Hacker und Journalisten im Team an ihren Geschichten, um zu daf\u00fcr zu sorgen, dass bei der Verarbeitung der Daten m\u00f6glichst nichts schief geht. Der Leser soll an erster Stelle stehen und sich drauf verlassen k\u00f6nne, dass alles richtig ist.  Andrew Lehrens Leidenschaft, die alte Schule der Journalismus zu pflegen,  und zugleich st\u00e4ndig neue Recherchek\u00fcnste zu lernen, erweist sich dabei inzwischen als die vielleicht beste Strategie. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte der im f\u00fcnften Monat schwangeren Jessica Zeppa ist vielleicht typisch f\u00fcr das, was Andrew Lehrens Arbeit ausmacht: Recherchen an der Schnittstelle zwischen Investigativ- und Datenjournalismus. Zeppa musste sterben, weil in einem US-Milit\u00e4rkrankenhaus eine Sepsis \u2013 eine schwere Blutvergiftung\u2013 nicht erkannt wurde. 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