{"id":2313,"date":"2013-06-17T20:41:12","date_gmt":"2013-06-17T18:41:12","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=2313"},"modified":"2015-01-26T15:47:08","modified_gmt":"2015-01-26T14:47:08","slug":"rede-von-armin-wolf-auf-der-nr13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/rede-von-armin-wolf-auf-der-nr13\/","title":{"rendered":"Rede von Armin Wolf auf der nr13"},"content":{"rendered":"<h3>Traumjob Journalist \u2013 eine Liebeserkl\u00e4rung<\/h3>\n<p><strong>von Armin Wolf, stellvertretender Chefredakteur des \u00d6sterreichischen Rundfunks.<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_2315\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/wolf_rn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2315\" class=\"wp-image-2315 size-full\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/wolf_rn.jpg\" alt=\"(Foto: Ruben Neugebauer) \" width=\"500\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/wolf_rn.jpg 500w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/wolf_rn-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2315\" class=\"wp-caption-text\">(Foto: Ruben Neugebauer)<\/p><\/div>\n<p><strong>Diese Rede hielt Armin Wolf auf der Jahreskonferenz 2013, am 14. Juni 2013 beim NDR in Hamburg:<\/strong><\/p>\n<p>Im November 1989 war ich 23 und seit knapp zwei Jahren freier Mitarbeiter in der Au\u00dfenpolitik-Redaktion des ORF-H\u00f6rfunks in Wien. Am Montag, dem 20. November sollte ich nach Karl-Marx-Stadt fahren, das hie\u00df damals noch so, f\u00fcr eine Reportage aus der noch existierenden DDR, wenige Tage nach dem Mauerfall.<!--more--><\/p>\n<p>Aber in der tschechoslowakischen Hauptstadt Prag, wo noch immer die KPC regierte, hatte es seit Tagen Demonstrationen gegeben, die t\u00e4glich gr\u00f6\u00dfer wurden \u2013 vor allem, seit bekannt war, dass die Polizei einen protestierenden Studenten get\u00f6tet hatte. Also schickte mich mein Ressortleiter an diesem kalten, nassen und sehr nebeligen November-Nachmittag nicht nach Karl-Marx-Stadt, sondern die knapp 300 Kilometer nach Prag.<br \/>\nAls ich dort in der Innenstadt ankam, war der lange Wenzelsplatz voll mit Menschen. Ich hatte noch nie eine so riesige Demonstration gesehen, 50.000, 100.000 \u2013 keine Ahnung. Es war laut, aber es war friedlich. Und vom Balkon einer Tageszeitung mit dem sch\u00f6nen Namen Svobodn\u00e9 Slovo \u2013 Das freie Wort \u2013 wurden Reden gehalten. V\u00e1clav Havel stand da, der kurz davor noch im Gef\u00e4ngnis war. Und viele andere. Und die Polizei schritt nicht ein.<br \/>\nDiese Demonstrationen wiederholten sich jeden Abend. Es war grimmig kalt, aber wenn es dunkel wurde, versammelten sich jeden Abend Hunderttausende unter dem Balkon auf dem Wenzelsplatz. Sie standen bis in die Seitengassen hinein, weil der riesige Platz die Massen nicht mehr fassen konnte, klapperten mit tausenden Schl\u00fcsselbunden und riefen zehntausend-stimmig immer neue Parolen und Reime. Witzige und kreative Wortspiele, die sich in Sekunden \u00fcber den Platz verbreiteten. Es war eine erstaunlich fr\u00f6hliche Revolution, obwohl alle Angst hatten, dass jeden Moment die Panzer auf den Platz rollen k\u00f6nnten und die sanfte Revolution niederwalzen. Aber die Panzer kamen nicht. Daf\u00fcr kamen jeden Abend noch mehr Menschen und immer neue Redner auf den Balkon \u2013 ber\u00fchmte Dissidenten von Jiri Dienstbier bis Petr Uhl.<br \/>\nUnd am Freitag Abend stand dann pl\u00f6tzlich der Mann auf dem Balkon, der das Gesicht des Prager Fr\u00fchlings gewesen war und der dann 21 Jahre praktisch verschwunden war, verbannt aus dem \u00f6ffentlichen Leben, als w\u00e4re er tot gewesen \u2013 Alexander Dub\u010dek. Das erste Mal sprach er wieder \u00f6ffentlich \u2013 und wurde wie ein Popstar bejubelt. Und wie jeden Abend gab das Ob\u010dansk\u00e9 Forum, das B\u00fcrgerforum, wie sich die Oppositions-bewegung nannte, nach der Demo eine Pressekonferenz in einem Theater hinter dem Wenzelsplatz, in der Laterna Magica.<br \/>\nAuf der B\u00fchne standen auch an diesem Freitag Abend nur ein paar goldfarbene St\u00fchle vor einem schwarzen Vorhang, mit V\u00e1clav Havel, Dub\u010dek, dem Dissidenten-Priester V\u00e1clav Mal\u00fd und Rita Klimowa, die f\u00fcr die hunderte Auslands-Journalisten ins Englische \u00fcbersetzte.<br \/>\nMitten in der Pressekonferenz tritt pl\u00f6tzlich jemand aus dem Vorhang, geht zu Havel und fl\u00fcstert ihm etwas ins Ohr. Havel sch\u00fcttelt den Kopf, schaut ganz ungl\u00e4ubig, beginnt zu l\u00e4cheln \u2013 dann nimmt er das Mikrofon und sagt mit seiner tiefen, seit Tagen heiseren Stimme: \u201eIch h\u00f6re soeben, das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei ist zur\u00fcck-getreten. Es lebe die freie Tschechoslowakei.\u201c<br \/>\nHavel und Dub\u010dek fallen sich auf der B\u00fchne in die Arme und 300 internationale Journalisten, darunter etliche hartgesottene Krisen- und Kriegsreporter, springen von ihren Sitzen und klatschen und jubeln und viele haben Tr\u00e4nen in den Augen. Manche heulen regelrecht. Ich auch.<br \/>\nIch bin seit 28 Jahren Journalist \u2013 aber allein daf\u00fcr, dass ich an diesem Abend dabei sein durfte, wie in einem kleinen Kellertheater in Prag Weltgeschichte geschrieben wurde, haben sich die 28 Jahre und die 20, die ich wohl noch arbeiten werde, mehr als gelohnt.<br \/>\nDas Faszinierende an unserem Beruf ist, dass wir dabei sein k\u00f6nnen, wenn etwas passiert. Wenn Weltgeschichte passiert \u2013 oder auch wenn Dinge passieren, die vielleicht nicht den Lauf der Welt ver\u00e4ndern, die aber wichtig sind f\u00fcr die Menschen, f\u00fcr die wir arbeiten. Die vielleicht das Leben unserer Leser, Zuschauerinnen, H\u00f6rer und Userinnen ver\u00e4ndern \u2013 die jedenfalls f\u00fcr sie relevant sind oder interessant oder manchmal auch nur am\u00fcsant.<br \/>\nWir d\u00fcrfen dabei sein, wir k\u00f6nnen zuschauen und wir k\u00f6nnen nachfragen. Wir werden daf\u00fcr bezahlt, neugierig zu sein und zu lernen. Zu verstehen, was passiert und es dann so weiterzuerz\u00e4hlen, dass es andere auch verstehen, und ihnen zu erkl\u00e4ren, warum sie es \u00fcberhaupt verstehen sollen, warum es wichtig f\u00fcr sie ist.<br \/>\nUnser Beruf ist nat\u00fcrlich in vielerlei Hinsicht schwieriger geworden, in den letzten Jahren. Vor allem der Teil mit dem \u201edaf\u00fcr bezahlt werden\u201c \u2013 und dar\u00fcber wird ja wirklich sehr, sehr viel geredet und geklagt. Und das durchaus zu Recht. Ich m\u00f6chte heute aber mal eine Viertelstunde lang \u00fcber die andere Seite sprechen. Denn unser Beruf ist auch in vielerlei Hinsicht sehr viel leichter geworden. Und dar\u00fcber wird sehr wenig geredet.<br \/>\nUm meine Radio-Reportagen aus Prag zu \u00fcberspielen, hatte ich ein Ger\u00e4t dabei, dass Nagra hie\u00df und ca. 15 Kilo wog. Das war ein professionelles Tonband-Ger\u00e4t. Dazu hatte ich eine Tasche voller Kabel und Werkzeug. Und am Wenzelsplatz bin ich dann ins Hotel Evropa marschiert, gegen\u00fcber vom Balkon mit den Rednern, hab den Portier bestochen und in der Rezeption das einzige Telefon mit Auslandsleitung aufgeschraubt und mit zwei Kabeln mein Nagra in die Telefonleitung geklemmt, um meinen mit der Hand geschriebenen Beitrag \u00fcber eine krachende Leitung kaum verst\u00e4ndlich nach Wien zu \u00fcberspielen. Das Tonband musste ich \u00fcbrigens f\u00fcr die Reportage mit einer Schere zerschneiden, um die O-T\u00f6ne herauszubekommen, die Originalaufnahme war also f\u00fcr immer kaputt.<br \/>\nUnd f\u00fcr die ersten freien Wahlen in Albanien 1991 hatte ich f\u00fcr die \u00dcberspielung au\u00dferhalb von Tirana etwas ganz Modernes mit: ein Satellitentelefon \u2013 das war ein Koffer mit nahezu 50 Kilo Gewicht. Um den Satellitenschirm zusammenzustecken und auszurichten, haben wir eine halbe Stunde gebraucht und mussten zwei Dutzend Kinder aus dem Dorf abwehren, die uns beim Aufbau helfen wollten. Das etwas unhandliche Ger\u00e4t war n\u00e4mlich auf umgerechnet 150.000 D-Mark versichert.<br \/>\nOk, das war im vorigen Jahrhundert \u2013 aber ich bin erst 46. Es ist also noch nicht SO lange her. Heute k\u00f6nnte ich alles, wof\u00fcr ich damals den Koffer, meine Werkzeugtasche und das Nagra \u2013 also knapp 70 Kilo Ausr\u00fcstung \u2013 brauchte, mit meinem iPhone herstellen und \u00fcberspielen. Das wiegt exakt 112 Gramm und ist gar nicht versichert, weil es keine 500 Euro kostet.<br \/>\nWas ich damals aus Prag \u00fcber den alten Dub\u010dek erz\u00e4hlt habe, das musste ich entweder wissen \u2013 sch\u00f6n w\u00e4r\u2019s gewesen, aber ich war w\u00e4hrend des Prager Fr\u00fchlings gerade mal zwei Jahre alt. Oder ich musste es von den \u00e4lteren Journalisten-Kollegen in Prag erfragen. Das habe ich auch getan. Aber was davon stimmte oder nicht, konnte ich nat\u00fcrlich nicht \u00fcberpr\u00fcfen. Ich konnte zwischendurch mal das Archiv in Wien anrufen, aber die einzige Auslandstelefonleitung am gesamten Wenzelsplatz war eben an der Rezeption des Evropa und die war, wie Sie sich vorstellen k\u00f6nnen, von Kollegen ziemlich \u00fcberlaufen. Heute w\u00fcrde ich Dub\u010dek auf meinem Handy googeln und h\u00e4tte innerhalb von Sekunden mehr und interessantere Infos, als unser \u2013 damals sehr t\u00fcchtiges \u2013 Zeitungsausschnitt-Archiv in 20 Jahren gesammelt hatte.<br \/>\nHeute h\u00e4tte ich \u00fcbrigens auch ein paar Handy-Fotos von diesen unglaublichen Abenden in Prag, die ich so leider nicht habe \u2013 denn einen Fotoapparat habe ich als Radioreporter nicht auch noch mitherumgeschleppt. Soviel also zum Thema: Fr\u00fcher war alles besser.<br \/>\nUnser Beruf ist in den letzten 20 Jahren unfassbar viel einfacher geworden: Technisch. Und inhaltlich. Wenn Journalisten Informationsverarbeiter sind, dann hatten sie noch nie so viele Informationen, um damit zu arbeiten. Noch nie war es so leicht zu Geschichten zu kommen. Und noch nie war es so leicht, Geschichten weiter zu erz\u00e4hlen.<br \/>\nIch bin \u00fcbrigens fest davon \u00fcberzeugt, dass es noch nie so viel guten Journalismus gab wie heute. Es gab auch nie so viel Trash. Ziemlich sicher hat der Trash noch viel mehr zugenommen als der Qualit\u00e4tsjournalismus \u2013 aber eben auch guten Journalismus gab es nie so viel wie heute. Sie k\u00f6nnen zu jeder Tages- und Nachtzeit Ihren Fernseher auf-drehen und werden auch um 3 Uhr fr\u00fch noch irgendwo eine blitzgescheite politische Dokumentation finden oder ein schlaues Kulturmagazin.<br \/>\nIn jedem Bahnhofskiosk gibt es neben drei Dutzend Landlust-, Landleben- und Landgenuss-Magazinen auch regalmeterweise Spitzen-Journalismus. Letztes Jahr sind in Deutschland 366 Tageszeitungen, 20 Wochenzeitungen, 891 Publikumszeitschriften und 1.140 verschiedene Fachzeitschriften erschienen. So viele Titel wie noch nie. Und da reden wir nur \u00fcber die die sogenannten \u201ealten Medien\u201c, das ber\u00fchmte \u201etote Holz\u201c.<br \/>\n\u201ePressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten\u201c, hat der fr\u00fchere FAZ-Herausgeber Paul Sethe mal in einem ber\u00fchmten Leserbrief an den Spiegel geschrieben. Das war Mitte der 60er Jahre, als sie noch f\u00fcr eine Zeitung schreiben mussten, um etwas zu verbreiten \u2013 und kein Satz k\u00f6nnte heute falscher sein. Heute ist Pressefreiheit die Freiheit von 2,7 Milliarden Menschen mit Internet-Anschluss, ihre Meinung ins Netz zu stellen.<br \/>\nProfessionelle Medienmenschen f\u00fchlen sich davon erstaunlich bedroht. Und das schon erstaunlich lange. Mehr als 15 Jahre nach der Verbreitung des www haben die klassischen Verlage n\u00e4mlich noch immer kein Gesch\u00e4ftsmodell f\u00fcr die digitale Welt gefunden. Im Gegenteil: Ihre erste und bis heute anhaltende Reaktion war, das, was sie vorher jahrzehntelang gut verkauft hatten, im Netz zu verschenken. Sie haben ihren teuer produzierten Journalismus einfach gratis online gestellt.<br \/>\nDas war eine ziemlich eigenwillige Strategie \u2013 ein bisschen so, als h\u00e4tte Quelle das Zeug, das es im Warenhaus zu kaufen gab, im Versandhandel einfach verschenkt. Das Argument der Verlage war dann immer die Reichweite f\u00fcr die Online-Werbung. Auch das ist ein interessanter Gedanke. Mit dem gleichen Argument k\u00f6nnte man n\u00e4mlich auch die Zeitung verschenken und damit die Reichweite f\u00fcr Printinserate erh\u00f6hen. Diesen originellen Weg hat dann aber doch keine Kaufzeitung eingeschlagen, soweit ich wei\u00df.<br \/>\nInteressant ist auch, dass Menschen, deren Handwerk es eigentlich w\u00e4re, zuzuschauen, zu analysieren und zu lernen, nichts daraus gelernt haben, wie es einer durchaus verwandten Branche im Digitalzeitalter ergangen ist: Die Musik-Industrie ist durch das Netz beinahe untergegangen \u2013 und zwar nicht, weil die Konzerne ihre Inhalte freiwillig hergeschenkt h\u00e4tten, sondern weil sie in ganz, ganz gro\u00dfem Stil beklaut wurden. Trotzdem hat man dort in den letzten Jahren \u00dcberlebens-Strategien gefunden \u2013 praktikable Bezahlmodelle vor allem und ein grundlegend neues Gesch\u00e4ftsmodell.<br \/>\nWas die Verlage daran gehindert hat, solche Modelle zu entwickeln, verstehe ich nicht wirklich. Es ist ein zynischer Gedanke, aber ich vermute, sie haben zu lange mit ihrem alten Gesch\u00e4ftsmodell noch durchaus gut verdient. Umsatzrenditen von 15 bis 25 % werden ja noch immer stolz berichtet. Als ich mein Abitur in Betriebswirtschaft und Rechnungswesen absolvierte habe \u2013 auch im vorigen Jahrhundert, zugegeben \u2013 wurde uns noch erkl\u00e4rt, dass Umsatzrenditen von 5 % schon sehr, sehr anst\u00e4ndig sind. Heute starten Verlage bei 15 % Umsatzrendite panisch Sparprogramme und beginnen, Leute zu k\u00fcndigen. Das ist nicht sonderlich kreativ und stellenweise sogar ziemlich unanst\u00e4ndig.<br \/>\nUnd dass nun offenbar die gesamte Zukunft des deutschen Medienwesens ausgerechnet von der Bild-Zeitung und ihrem Chefredakteur abh\u00e4ngt, ist ja auch bezeichnend. Aber immerhin: Der Mann traut sich zumindest was und probiert was aus \u2013 und jammert nicht nur den ganzen Tag.<br \/>\nIch meine, Jammern ist schon auch wichtig, das hat schon eine psychohygienische Funktion. Und ein kluger Mann hat mal gesagt, Optimismus ist oft nur ein Mangel an Information. Aber dauernder Pessimismus ist manchmal auch nur ein Mangel an Kreativit\u00e4t.<br \/>\nIch m\u00f6chte nochmal einen Vergleich zur Musikindustrie ziehen. Die hatte es in den letzten Jahren ja wirklich nicht einfach. Aber veranstalten Produzenten und Musiker in einem durch Branchen-Kongresse, auf denen sie sich gegenseitig anjammern, wie schrecklich alles ist? Vielleicht ist es ja sogar so, aber wenn, dann bekommt man es zumindest nicht st\u00e4ndig \u00f6ffentlich mit wie bei den vierzehnt\u00e4glichen Doomsday-Treffen der Medienbranche.<br \/>\nOder haben Sie den Eindruck, dass irgendein Musiker oder eine einzige junge Band weniger von einer Riesen-Karriere tr\u00e4umen, nur weil den Labels ihr altes Gesch\u00e4ftsmodell weggebrochen ist? Ich kenne mich nicht sehr gut aus im Musikbusiness, aber ich habe den Eindruck, Musiker jammern weniger \u00fcber die Ver\u00e4nderungen in ihrer Welt, sondern sehen auch die neuen M\u00f6glichkeiten, die es heute gibt.<br \/>\nWie etwa Bands MySpace verwenden; wie begabte junge Leute mit ein paar YouTube-Videos zu internationalen Stars werden, ohne sich durch die Vorzimmer von Platten-firmen betteln zu m\u00fcssen; wie junge K\u00fcnstler Social Media n\u00fctzen, um sich einen Namen zu machen.<br \/>\nJournalisten dagegen verbringen seit ein paar Jahren ganz viel Zeit damit, zu klagen und sich zu f\u00fcrchten. Viele f\u00fchlen sich bedroht von dem, was da im Netz entsteht, von Bloggern, von Wikileaks, von Social Media. Oder von jungen Leuten, die wissen, was das K\u00fcrzel HTML 5 bedeutet, wie man ein Storify anlegt oder Daten aus einer Excel-Tabelle scrapt.<br \/>\nHingegen glaube ich nicht, dass sich viele Musiker der Wiener Philharmoniker f\u00fcrchten, weil Kids Musikstunden nehmen, ihre Videos auf YouTube hochladen oder ihre Soundfiles selber samplen k\u00f6nnen. Warum f\u00fcrchten die sich nicht? Vielleicht weil die Philharmoniker wissen, dass sie Profis sind; dass das, was sie machen, ein Beruf ist, den sie jahrelang gelernt haben; dass sie etwas k\u00f6nnen, das gar nicht so leicht nachzumachen ist. Und weil das Risiko, dass jemand kommt, der es noch besser kann, ja ohnehin schon immer da war.<br \/>\nVielleicht k\u00f6nnten wir da was von Musikern lernen. Zumindest ein bisschen Selbstbewusstsein. Vielleicht nehmen Journalisten das, was sie tun, ja selber zu wenig ernst. Niemand k\u00e4me zum Beispiel auf die Idee, einen Hobby-Gitarristen oder eine Amateur-Band als B\u00fcrger-Musiker zu bezeichnen. Aber wir haben B\u00fcrger-Journalisten.<br \/>\nNoch etwas verstehe ich nicht: Warum die gro\u00dfartigen neuen M\u00f6glichkeiten, die unseren Beruf so viel einfacher machen, bei vielen Kollegen so viel Misstrauen wecken? \u201eDieses Twitter, wozu brauch ich das auch noch? Ist ja nur der n\u00e4chste Zeitfresser.\u201c \u2013 Sie haben keine Ahnung, wie oft ich das h\u00f6re. Und es ist mir unbegreiflich.<br \/>\nEin Journalist \u2013 zumindest ein aktuell arbeitender Journalist \u2013 ohne Twitter-Account ist heute so was \u00c4hnliches wie ein Journalist ohne Telefon oder ohne Internet-Anschluss. Dabei geht es gar nicht prim\u00e4r drum, dass man auf Twitter selber was schreibt \u2013 sondern darum, dass das eine derart praktische, n\u00fctzliche und schnelle Info-Quelle geworden ist. Es ist mir unverst\u00e4ndlich, wie ein Journalist auf eine solche Informationsquelle freiwillig verzichten kann.<br \/>\nAuch deswegen, weil man sich dort mit den Leuten, f\u00fcr die wir arbeiten, austauschen kann. Weil man dort Feedback bekommt, Anregungen und nat\u00fcrlich auch viel Kritik. Das ist nicht immer angenehm und eine Menge Leute sind online erstaunlich unh\u00f6flich. Das Netz ist voller Narren \u2013 und die reden pl\u00f6tzlich zur\u00fcck. M\u00fchsam! Glauben Sie\u2019s mir, ich habe 84.000 Follower auf Twitter, ich wei\u00df, wovon ich rede.<br \/>\nAber das Netz ist vor allem auch voller kluger Leute, die was k\u00f6nnen. Und die sich in den Bereichen, \u00fcber die wir berichten, gut auskennen \u2013 oft sehr viel besser als wir. Und deren Wissen kann man n\u00fctzen. Das war noch nie so einfach wie jetzt. Noch nie, davon bin ich \u00fcberzeugt, war es so leicht wie heute, jeden Tag ein besserer Journalist zu werden.<br \/>\nNat\u00fcrlich ist nicht jede Geschichte, die man als Reporter aufstellt oder als Redakteur einrichtet, super spannend. Nicht jeden Abend geht man kl\u00fcger ins Bett als man aufgestanden ist. Aber es gibt wenige Berufe, glaube ich, in denen die Chance, jeden Tag kl\u00fcger zu werden und was zu lernen, so gro\u00df ist.<br \/>\nDas ist die eine Seite unseres Berufes. Und die andere Seite ist, dass eine Demokratie Journalismus und Journalisten braucht. Unsere Arbeit ist die Infrastruktur einer demokratischen Gesellschaft.<br \/>\nWenn Menschen zumindest alle paar Jahre w\u00e4hlen sollen, wer ihre Gesetze macht und wer sie regiert, m\u00fcssen sie wissen, wen sie da w\u00e4hlen. Sie brauchen also Information. Viel davon kann sich heute schon jeder selber beschaffen. Aber wer will schon 250.000 Wikileaks-Dokumente lesen? Wer will jedes Parteiprogramm Zeile f\u00fcr Zeile studieren? Wer will 100 Blogs abonnieren oder 500 und sich jeden Tag selbst herausfiltern, was da spannend und was wichtig ist?<br \/>\nDer legend\u00e4re ORF-Generalintendant Gerd Bacher mal gesagt: \u201eJournalismus ist Unter-scheidung. Die Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig, wahr und unwahr, Sinn und Unsinn.\u201c Daf\u00fcr braucht es Menschen, die dazu ausgebildet wurden: die Informa-tionen recherchieren, \u00fcberpr\u00fcfen, ausw\u00e4hlen, bewerten, sie nochmals \u00fcberpr\u00fcfen und dann m\u00f6glichst verst\u00e4ndlich aufbereiten und ver\u00f6ffentlichen.<br \/>\nUnd die dabei von m\u00f6glichst wenig anderen Interessen geleitet sind, als vom Versuch, die Wirklichkeit zu beschreiben, so gut es nur geht. Die vielleicht eine so pathetische Idee antreibt wie Aufkl\u00e4rung. Mit dem Ziel, dass ihr Publikum qualifizierter am demokra-tischen Diskurs teilnehmen kann, wie es die BBC mal formuliert hat.<br \/>\nDa muss es nicht immer um Revolutionen gehen und um Weltgeschichte, sondern um unsere ganz normale, allt\u00e4gliche Arbeit. Robert Hochner, der beste Nachrichten-Moderator, den der ORF je hatte, hat die mal so beschrieben: \u201eDie Politiker machen den K\u00e4se. Und wir machen die L\u00f6cher hinein.\u201c Wenn das kein Traumjob ist, wei\u00df ich nicht, was ein Traumjob ist.<\/p>\n<p>Wien, Juni 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Traumjob Journalist \u2013 eine Liebeserkl\u00e4rung von Armin Wolf, stellvertretender Chefredakteur des \u00d6sterreichischen Rundfunks. Diese Rede hielt Armin Wolf auf der Jahreskonferenz 2013, am 14. Juni 2013 beim NDR in Hamburg: Im November 1989 war ich 23 und seit knapp zwei Jahren freier Mitarbeiter in der Au\u00dfenpolitik-Redaktion des ORF-H\u00f6rfunks in Wien. Am Montag, dem 20. 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