{"id":2318,"date":"2013-06-17T20:47:49","date_gmt":"2013-06-17T18:47:49","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=2318"},"modified":"2015-01-26T15:46:42","modified_gmt":"2015-01-26T14:46:42","slug":"rede-von-silke-burmester-auf-der-nr13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/rede-von-silke-burmester-auf-der-nr13\/","title":{"rendered":"Rede von Silke Burmester auf der nr13"},"content":{"rendered":"<h3>Kriegsreporterin bei den (wahren) Helden der Gegenwart<\/h3>\n<p><strong>von Silke Burmester, freie Journalistin und Dozentin in Hamburg<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_2319\" style=\"width: 232px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/burmester_fs.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2319\" class=\"wp-image-2319 size-full\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/burmester_fs.jpg\" alt=\"(Foto: Franziska Senkel)\" width=\"222\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/burmester_fs.jpg 222w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/burmester_fs-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 222px) 100vw, 222px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2319\" class=\"wp-caption-text\">(Foto: Franziska Senkel)<\/p><\/div>\n<p><strong>Ausz\u00fcge aus der Rede zur Lage des Journalismus \u2013 gehalten auf der Jahreskonferenz 2013, am 15.06.2013 beim NRD in Hamburg:<\/strong><\/p>\n<p>Meine Damen und Herren, manchmal passiert es, dass Silke Burmester um einen Termin bittet. F\u00fcr einen Artikel oder ein Interview. Und dass der Angefragte dann, meist so ein wenig verunsichert, fragt, ob sie denn mit ihrem Helm k\u00e4me. Und dann muss Silke Burmester sagen, nein, ich will ja mit Ihnen \u00fcber Ihre neue Geschirrlinie sprechen oder \u00fcber den Ausbau von Kitapl\u00e4tzen in K\u00f6ln-Ost. Oder sie sagt, nein, dieser Artikel ist f\u00fcr Mare, das hat mit der taz nichts zu tun. Den Helm habe ich nur auf, sagt sie dann, wenn ich als taz-Kriegsreporterin unterwegs bin. Meist sind dann die Leute recht erleichtert.<br \/>\nSie, meine Damen und Herren, sollten nicht erleichtert sein, denn ich bin, zu meiner Freude, als Kriegsreporterin hierher eingeladen. Ich darf, ja ich soll mit Helm kommen und das ist mir eine ganz besondere Freude. Ich glaube, ich f\u00fchle mich ein wenig so wie Eckart von Hirschhausen, nachdem er seine Arztpraxis verlassen durfte, um auf den B\u00fchnen des Fernsehens herumzuturnen: Es ist eine Ehre, ich f\u00fchle mich befreit von den Zw\u00e4ngen eines 3500 Zeichen gro\u00dfen Kastens und freue mich, Sie 20 Minuten lang in Grund und Boden reden zu d\u00fcrfen.<br \/>\nAls Thema hat man mir \u201eDie Lage des Journalismus\u201c gegeben, was nicht nur \u00e4hnlich konkret ist, wie \u00fcber das transatlantische Verh\u00e4ltnis zu reden oder \u00fcber die Meere im Wandel der Zeit, es umgeht auch die charmante Gefahr, das Thema zu verpassen. Egal, was jetzt kommt, so lange es nur irgendwie mit dem zu tun hat, was wir tun, passt es hier her. Cherno Jobatey hat neue Schuhe? Steht in der Bunten, passt also. Horst Seehofer spricht nicht mehr. Schon gar nicht mit der Presse? Passt. Erster Cicero-Redakteur beim Twittern erwischt? Passt auch. Und, was auch ganz toll ist: Es ist mein Lieblingsthema. Ich kann mir quasi nichts Sch\u00f6neres vorstellen, als zu gucken wie die Lage ist. Im Journalismus. Daf\u00fcr habe ich einen Feldstecher und einen Helm, und wenn ich aktuell gaaaaanz weit nach S\u00fcden gucke und das Augenmerk auf Griechenland richte, dann muss ich sagen: Die Lage ist beschissen.<br \/>\nDa wurde mir nix dir nix, von jetzt auf eben im wahrsten Sinne des Wortes, dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk der Stecker gezogen. Von jetzt auf eben, 5 Fernsehsender, 29 Radiostationen abgeschaltet. Bums aus, Sendeschluss. Ist ja nur der \u00f6ffentlich-rechtliche Sender. Es sei, so hat jemand gesagt, als schalte man die BBC ab. Also, mal ehrlich, das halte ich jetzt f\u00fcr ein wenig \u00fcbertrieben, schlie\u00dflich kann ich mich nicht daran erinnern, irgendwelche grandiosen griechischen Fernsehserien gesehen zu haben oder preisgekr\u00f6nte Tier-Dokus. Nicht einmal auf Phoenix oder Bibel-TV. Und so ein richtig fetter Missbrauchsskandal, bei dem sich ein Starmoderator \u00fcber Jahrzehnte im Schutze seiner Kollegen des ihn anhimmelnden, jugendlichen Publikums sexuell bedient hat, ist mir auch nicht zu Ohren gekommen. Aber selbst wenn es stimmt, dass ERT ein verschlafener, ultralangweiliger Sender war, der \u00fcber die geschmackliche Attraktivit\u00e4t von Rezina nicht hinauskommt, ein Hammer ist das schon.<br \/>\nUnd jetzt stelle ich mir vor, wie es w\u00e4re, wenn man hier in Deutschland den Stecker z\u00f6ge. Allein hier beim NDR. Schlie\u00dfen Sie, verehrtes Publikum, f\u00fcr einen Moment die Augen und sehen Sie sie vor sich, die Redakteure und Techniker, die Programmplaner, die Intendantenassistentinnen und Moderatoren, die Kameraleute und Abteilungsleiter, wie sie verzweifelt, verwirrt \u00fcber die Flure irren, den Schalter suchend, mit dem das Ganze wieder los geht. Wie sie, wie nach einem Erdbeben, nicht fassen k\u00f6nnten, was da geschehen ist und etwas greifen m\u00f6chten, das nicht zu greifen ist. Und dann stelle ich mir vor, wie sie alle vor dem Geb\u00e4ude stehen und im Angesicht des Aufgabenverlustes auch die Bedeutung weg ist. Und wie egal es auf einmal ist, dass eben noch jemand die Tagesthemen moderiert hat oder das Recht hatte, am Programm rumzumosern und unliebsame Beitr\u00e4ge rauszunehmen. Dass eben einer noch Tom Buhrow, Judith Rakers war oder Frank Beckmann ist v\u00f6llig egal, wenn er oder sie jetzt neben der Cutterin Karin Schulze steht und beide keine Aufgabe mehr haben, weil es ihren Sender nicht mehr gibt.<br \/>\nDiese Vorstellung gef\u00e4llt mir nat\u00fcrlich sehr gut. Und dann h\u00f6rt es auch schon auf. Dann n\u00e4mlich mache ich es mir bewusst, was es hei\u00dft, wenn in einem Land, das uns sehr nahe ist, weil wir seit Jahrzehnten dort Urlaub machen, weil wir seine Oliven so lieben und so gern beim Griechen Essen gehen, ein Land, dessen Menschen seit 40 Jahren bei uns leben, wenn in diesem Land, in einem Staat der EU, mal so eben der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk abgeschaltet wird. Weil ein Machthaber es so bestimmt.<br \/>\nUnd ich dann sehe, was wir deutsche Journalisten tun. Bzw. nicht tun. Dann sch\u00e4me ich mich. Dann w\u00fcrde ich gern in meinem Beobachtungsgraben verschwinden. Wo, so frage ich, ist unser Aufschrei der Emp\u00f6rung? Wo ist das Entsetzen \u00fcber so eine Handlung? Wo die Solidarit\u00e4t mit einem Volk, das seine unabh\u00e4ngige Berichterstattung, eine H\u00fcterin der Demokratie, verliert? M\u00fcssten nicht gerade wir, wir Journalisten in Deutschland wissen, welche Gefahren darin stecken? Was ist das f\u00fcr eine l\u00e4ppische Berichterstattung die letzten Tage? Ich begreife schlicht nicht, was wir f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis von uns und unserem Beruf haben. Es kann doch nicht sein, dass es immer nur darum geht, dass Medienm\u00e4nner in teuren Anz\u00fcgen sich mit Phantasien wie dem Verschwinden der Media-Agenturen oder Bezahlung nach Klicks vor die Kameras dr\u00e4ngen. Was sind wir f\u00fcr komische Leute, die wir hier sitzen und \u00fcber \u201eTraumjob Journalist\u201c reden, anstatt den Kolleginnen und Kollegen unsere Solidarit\u00e4t zu beweisen? 1340 Zeichen ist die Solidarit\u00e4tsbekundung, die der DJV als Pressemitteilung irgendwo hingeschickt hat, lang. Na super.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kriegsreporterin bei den (wahren) Helden der Gegenwart von Silke Burmester, freie Journalistin und Dozentin in Hamburg Ausz\u00fcge aus der Rede zur Lage des Journalismus \u2013 gehalten auf der Jahreskonferenz 2013, am 15.06.2013 beim NRD in Hamburg: Meine Damen und Herren, manchmal passiert es, dass Silke Burmester um einen Termin bittet. 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