{"id":2645,"date":"2002-04-26T15:13:39","date_gmt":"2002-04-26T13:13:39","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=2645"},"modified":"2015-01-26T15:27:39","modified_gmt":"2015-01-26T14:27:39","slug":"eroeffnungsrede-von-hans-leyendecker-auf-der-nr02","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/eroeffnungsrede-von-hans-leyendecker-auf-der-nr02\/","title":{"rendered":"Er\u00f6ffnungsrede von Hans Leyendecker auf der nr02"},"content":{"rendered":"<h2>Er\u00f6ffnungsrede von Hans Leyendecker<\/h2>\n<p><strong>von Hans Leyendecker, zweiter Vorsitzender Netzwerk Recherche<\/strong><\/p>\n<p><strong>Diese Rede hielt Hans Leyendecker zur Er\u00f6ffnung der Jahrestagung des netzwerks recherche am 26.04.2002 im NDR-Konferenzzentrum in Hamburg:<\/strong><\/p>\n<div class=\"section\">\n<p>Meine Damen und Herren,<\/p>\n<p>Edgar Allan Poe hat einmal gesagt, man k\u00f6nne einen wirklich schlechten Redner daran erkennen, dass er jede Gelegenheit zu einem Exkurs ausnutzt. Ich beginne also mit einem Exkurs.<\/p>\n<p>Journalismus ist, ein paar Langeweiler ausgenommen, ein Biotop f\u00fcr Rechthaber. Am h\u00e4ufigsten haben die Leitartikler recht. Besonders in Kriegzeiten.<\/p>\n<p>Dann tragen sie ihre alten Schlachten mit besonderer Verve aus und tun, als ginge es um wirklich alles oder nichts. Schon aus Friedenszeiten all zu gut bekannte Argumente werden recycelt, frisch angestrichen und mit gro\u00dfer Geste als neu ausgegeben.<\/p>\n<p>Selbst die Drohung eines Gro\u00dfpublizisten vom Format eines Karl Kraus \u2013 &#8220;Mein Herr, wenn Sie nicht schweigen, werde ich Sie zitieren&#8221;, k\u00f6nnte diese Streith\u00e4hne nicht stoppen.<\/p>\n<p>Polemiken der kommentierenden Klasse sind besonders erquickend, weil sie mit besonderer Bosheit ausgetragen werden. In einem &#8220;Leitfaden f\u00fcr Polemiken&#8221; hat ein anderer Wiener Gro\u00dfpublizist mal beschrieben, um was es bei den Kampfspielen dieser Branche geht. &#8220;Um den Kampf&#8221; gehe es, &#8220;nicht um den Sieg&#8221;, welcher ohnehin von beiden Parteien in Anspruch genommen werde. Die Gemeinde des A sage bei solchen Gelegenheiten: &#8220;Du hast den B in der Luft zerrissen&#8221;. Die Gemeinde des B sage: &#8220;Soll uns wundern, wenn sich der A \u00fcberhaupt noch unter die Leute traut.&#8221; Wenn Sie wollen, k\u00f6nnen Sie bei dem gegebenen Anlass A durch den Namen Roger Willemsen und B durch den Namen Henryk M. Broder ersetzen.<\/p>\n<p>Beide haben die Gabe des inszenierten Pathos und tun so, als w\u00fcrde der rechtschaffene Zorn sie \u00fcbermannen, wenn sie losschlagen. Willemsen nennt Broder einen &#8220;Kriegsapologeten&#8221;, Broder schimpft Willemsen einen Friedensfreund, der wahrscheinlich aus der Rippe eines Gartenzwerges erschaffen wurde.<\/p>\n<p>Zum Team A geh\u00f6rten noch: Der Verschw\u00f6rungsjunkie Andreas von B\u00fclow, der taz- Humorist Wiglaf Droste, Gregor Gysi, G\u00fcnter Gaus, sowie Peter Sloterdijk, der, die Katastrophenlandschaft des 20. Jahrhunderts \u00fcberblickend, den 11. September unter der Bezeichnung &#8220;schwer wahrnehmbare Kleinzwischenf\u00e4lle&#8221; abtat.<\/p>\n<p>Die Gruppe A stellte fr\u00fch \u00dcberlegungen an, ob es sich bei den Anschl\u00e4gen um eine kriegerische Aktion oder ein Verbrechen handelte und wollte auf keinen Fall Vergeltung, sondern forderte, die Ursachen des Terrorismus wie Armut und Unterdr\u00fcckung abzuschaffen und die Israelis zu bremsen. Interkulturelle Dialoge als Antwort auf den Massenmord. &#8220;Terror ist die Waffe der Ohnm\u00e4chtigen&#8221; erkl\u00e4rte der Moraltheologe Eugen Drewermann, auch einer aus dem A-Team gleich am Abend des 11. September im Rundfunk.<\/p>\n<p>Auch wurde ernsthaft dar\u00fcber diskutiert, ob Hochh\u00e4user die Arroganz der Macht verk\u00f6rperten und ob folglich irgendwie die Anschl\u00e4ge von den Hochhausbauern und vielleicht sogar von den Hochhausbewohnern provoziert worden seien. Terrorismus sei die Waffe der Schwachen.<\/p>\n<p>Broders B-Team bestritt heftig, dass die menschliche Armut oder die globale Ungerechtigkeit die wirklichen Gr\u00fcnde f\u00fcr den Terror sind. Terrorismus sei nicht der letzte Ausweg, sondern die erste Wahl. Dieses Team, das f\u00fcr einen Krieg zur Pr\u00e4vention, manchmal auch zur Vergeltung, pl\u00e4dierte war den A-Leuten zahlenm\u00e4\u00dfig zumindest \u00fcberlegen. Vorneweg die Springer-Journalisten, die das Bekenntnis zur Solidarit\u00e4t mit den USA in ihre Vertr\u00e4ge aufnahmen und auch die FAZ-Mannschaft war, bis aufs Feuilleton, gut vertreten. Tapfer verteidigten sie die freie Welt gegen ein paar &#8220;mittelalterliche Fundamentalisten&#8221; und machten den Marschbefehl zur Losung des Tages. Immer feste druff. Die Amerikatreue B.Z. mit dem Journalisten-Darsteller Georg Gafron an der Spitze, \u00e4u\u00dferte, Ausgabe 8. Dezember 2001, auf der Titelseite den schlimmen Verdacht, dass Bin Laden m\u00f6glicherweise Lady Di ermordet hat. Das war keine Parodie, vielleicht aber eine Antwort auf Droste, der in der taz \u00fcber den Amerika-Freund Peter Struck r\u00e4sonierte, der sich auff\u00fchre, &#8220;als sei die Friseuse Diana Spencer in Paris ein zweites Mal getunnelt worden&#8221;.<\/p>\n<p>Weder A noch B hielten es sp\u00e4ter f\u00fcr n\u00f6tig, sich in irgendeinem Punkt zu korrigieren. Dabei hatten die von A gleich in langen Kommentaren davor gewarnt, die US-Regierung werde Weltpolizist spielen und allerorten wild zuschlagen. &#8220;Die Schl\u00e4ge gegen das World Trade Center, das Pentagon und das Wei\u00dfe Haus verhelfen Bush zur Gelegenheit seines Lebens&#8221; schrieb Droste, der bei der taz die Abteilung &#8220;finaler Humor&#8221; betreut. B zeigte einen Osama bin Laden, der mindestens 3.40 Meter gro\u00df war und erkl\u00e4rte den Terroristenchef zum Feind des Arbeitsamtes in Neum\u00fcnster, das er mit Anthrax vernichten wollte. Bei den Berichten \u00fcber m\u00f6gliche Verstecke des Oberterroristen und seiner Glaubensk\u00e4mpfer wurde verschwiegen, dass viele dieser Angaben auf falschen Informationen von korrupten Warlords beruhten, die nur an Geld interessiert sind. &#8220;Es ist ein Spiel, die Afghanen spielen es blendend&#8221;, hat Ahmed Rashid diese Woche in einem Interview mit der &#8220;Weltwoche&#8221; gesagt.<\/p>\n<p>Wenn alles Frieden ist, ist nichts Frieden. Wenn alles Terror ist, ist nichts Terror.<\/p>\n<p>In der Bilanz der Toten standen 3000 pulverisierte Amerikaner gegen 2000 bis 8000 tote Afghanen, die nach dem Exitus zumindest noch identifizierbar waren. Ich erinnere mich, dass Sonia Mikich auf einer Veranstaltung in Berlin erkl\u00e4rte, Monitor wolle herausfinden, wie viele Zivilisten in Afghanistan ums Leben gekommen seien und die Nachricht werde Furore machen. Bei Monitor vielleicht. Dabei wissen doch wir \u00fcbrigen Journalisten, dass manche Tote anders z\u00e4hlen als andere Tote. Oder interessiert es Sie wirklich ernsthaft, wenn in Ruanda hunderttausende Tutsi umgebracht werden?<\/p>\n<p>A gegen B \u2013 ein altes Spiel. &#8220;F\u00fcnfundneunzig Prozent aller solcher H\u00e4ndel sind pers\u00f6nlicher Natur&#8221; hat Alfred Polgar mal geschrieben. &#8220;Die \u00fcbrigen f\u00fcnf Prozent sind hingegen sind es auch&#8221; hat er hinzugef\u00fcgt. Wir wollen uns aber aus dem Geistesgemenge, das all zu oft nur ein Handgemenge ist, f\u00fcr einen Augenblick abwenden und uns um mehr um empirische Erkenntnisse bem\u00fchen.<\/p>\n<p>Denn wenn die Kriegstrommeln dr\u00f6hnen, sind auch die Spezialisten f\u00fcr das t\u00e4gliche Allerlei gefragt, die dann prompt, mit der Schere bewaffnet, unerh\u00f6rt Neues zu Papier oder auf den Sender bringen. Wer fix ist, schreibt mit Hilfe des Archivs auch noch rasch bis zum Ende des Krieges ein B\u00fcchlein \u00fcber die B\u00f6sen und die Guten. Hilfreich kann es in jedem Fall sein, den Begriff Netzwerke im Titel vorkommen zu lassen. In der Regel m\u00fcssen die alten Erkenntnisse, die man fr\u00fcher irgendwie (mit der Schere vielleicht?) gewonnen hat, nicht noch einmal \u00fcberpr\u00fcft werden. Man macht sich doch keine Geschichte kaputt.<\/p>\n<p>In jedem Fall empfiehlt es sich, auch aus belanglosen Papieren zu zitieren, vorausgesetzt, sie sind von irgendjemand f\u00fcr vertraulich erkl\u00e4rt worden. Mit dem Etikett vertraulich l\u00e4sst sich \u00fcbrigens zu allen Zeiten alles verkaufen.<\/p>\n<p>Wenn eine Geschichte wenig Neues zu bieten hat, kann einer Nachrichtenagentur eine Meldung \u00fcber das Exklusive Nichts angeboten werden. Die \u00fcbliche Standardformel lautet dann, dass sich die Geschichte ausweitet. Immer weitet sich alles aus, bis es dann wieder platzt. Das Wunderbare ist das Wahre und sogar der Zufall wird zur Erscheinungsweise des Sinnvollen hei\u00dft es dazu in Grimms M\u00e4rchen.<\/p>\n<p>In Kriegszeiten sind im Fernsehen vorzugsweise vielgereiste M\u00e4nner mit verwitterten Gesichtsz\u00fcgen zu bestaunen, die zu allem was wichtiges zu sagen haben. Ihre Berufsbezeichnung lautet zumeist Experte und in der Regel werden sie Peter Scholl- Latour gerufen. Manchmal, wenn die Scholl-Latours angeblich verhindert sind, werden sie Udo Steinbach genannt, aber das kann auch ein Tarnname sein. Unsereins wundert sich ja schon, wenn die B\u00e4ume jenseits der Grenze genauso aussehen wie diesseits der Grenze.<\/p>\n<p>Ende des Exkurses.<\/p>\n<p>Ich soll heute ein paar Worte \u00fcber den Krieg in Afghanistan und die entsprechenden Kollateralsch\u00e4den sagen, aber eigentlich war es so wie immer. Diejenigen, die nur Fragen und keine Antworten kennen, stritten mit denjenigen, die auf alles eine Antwort haben. Warum soll man sich die alten Schlachtordnungen und Gewohnheiten durch einen Krieg kaputtmachen lassen.<\/p>\n<p>Am Dienstag voriger Woche begann in Frankfurt der erste angebliche Al Kaida-Proze\u00df. F\u00fcnf mutma\u00dfliche Terroristen aus Algerien sollen geplant haben, zur Jahreswende 2000\/2001 eine Bombe in Stra\u00dfburg hochgehen zu lassen. Den M\u00e4nnern wird Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Laut Anklageschrift geh\u00f6rten sie einer \u201eabgeschotteten, konspirativ arbeitenden Organisationseinheit\u201c an. Es soll sich um so genannte Schl\u00e4fer gehandelt haben.<\/p>\n<p>Der Begriff stammt eigentlich aus der Geheimdienstwelt und er trifft auf die Terroristen dieses Schlages \u00fcberhaupt nicht zu, doch darauf kommt es manchem Beobachter l\u00e4ngst nicht mehr an.<\/p>\n<p>An dieser Stelle zun\u00e4chst ein paar Worte \u00fcber die Schl\u00e4fer-Theorien der vergangenen Monate. Minister, die bekannten, \u00fcber die Zellen der mutma\u00dflichen Terroristen nichts zu wissen, wussten pl\u00f6tzlich ganz genau, dass mindestens einhundert Schl\u00e4fer hierzulande auf den Weckruf warteten. Dabei beriefen sie sich auf Berichte von Medien, die auch nichts wussten.<\/p>\n<p>Im Niemandsland zwischen Wahrheit und Dichtung gedieh eine neue Form des Borderline-Journalismus mit Falschmeldungen und Wichtigtuerei. Die gleich am Anfang, im September 2001 kolportierte Geschichte \u00fcber einen anonymen Geheimdienst, der einen anonymen libanesischen Autoh\u00e4ndler in Frankfurt verd\u00e4chtigte, Spinne im deutschen Netz des bin Laden zu sein, war eine Geschichte aus Absurdistan, auf die eigentlich niemand h\u00e4tte hereinfallen d\u00fcrfen. Gleichwohl wurde der Beitrag zur besten Fernsehzeit in den Tagesthemen gesendet.<\/p>\n<p>Oder ist Ihnen noch die Frankfurter Kiosk-Besitzerin (B.K.) erinnerlich, die angeblich einen der Todespiloten wiedererkannt haben will, als dieser Mudschaheddin-Freunde in der Mainstadt besuchte? Ganz sicher hat sie Moammed al Schahi erkannt, ganz genau. Ein Fernsehmann hatte ihr ja Fotos vorgelegt. Auch das wurde in der ARD gesendet.<\/p>\n<p>Interessanterweise wurde zu allen Zeiten in den Medien vor den Medien gewarnt. Das &#8220;die Wahrheit das erste Opfer des Krieges ist&#8221;, dieser Klassiker des Schriftstellers Ruydard Kipling wurde so h\u00e4ufig zitiert, als handele es sich um einen unerh\u00f6rt mutigen Spruch. Gern bem\u00fcht wurde von diversen Berichterstattern der Satz des fr\u00fcheren britischen Premiers Winston Churchill, dass die Wahrheit im Krieg &#8220;immer von einer Leibwache der L\u00fcge umgeben sein sollte&#8221;. L\u00fcgen f\u00fcr den Sieg?<\/p>\n<p>In Afghanistan war das Fernsehen zun\u00e4chst eine Weile himmelweit weg von der Schlacht. Und das war eigentlich gar nicht so schlecht. Fast alle deutschen Reporter, die im Lager der Nordallianz oder sonst wo waren, konnten dem Publikum erkl\u00e4ren, dass sie den Wahrheitsgehalt irgendwelcher Nachrichten nicht \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnten und sie versuchten sp\u00e4ter, auch die h\u00e4sslichen Seiten des Krieges zu zeigen. Offenkundig hatten die Akteure aus den Erfahrungen des Golfkrieges und des Waffengangs im Kosovo gelernt.<\/p>\n<p>Der Golfkrieg, nur noch einmal zur Erinnerung, ist ein Videokrieg gewesen. Lasergesteuerte Bomben schienen die Ziele immer punktgenau zu treffen. Verst\u00fcmmelte Menschen passten nicht in die Bilderwelt. Das Milit\u00e4r zensierte und fast 1800 Journalisten rangelten um knapp zweihundert so genannte Pool-Pl\u00e4tze.<\/p>\n<p>Wer nicht spurte, konnte seine Akkreditierung verlieren. Wer die falschen Fragen stellte, war drau\u00dfen. Erst nach dem Krieg wurde bekannt, dass die Amerikaner knapp 90 000 Tonnen Bomben abgeworfen hatten, von denen mehr als 60 000 Tonnen andere Ziele trafen als beabsichtigt.<\/p>\n<p>F\u00fcr amerikanische Medien allerdings, ging der Golfkrieg in Afghanistan weiter. Die Macher von CNN nannten es &#8220;pervers, sich zu sehr auf die Opfer und H\u00e4rtef\u00e4lle in Afghanistan zu konzentrieren&#8221;. Auf den Effekt der Bilder komme es an. Ans Ende der Nachrichten geh\u00f6re ein &#8220;proamerikanisches Siegel&#8221;.<\/p>\n<p>Ich hatte immer einen Kinderglauben in die Unabh\u00e4ngigkeit und die T\u00fcchtigkeit der amerikanischen Kollegen. Der Glauben ist ersch\u00fcttert worden.<\/p>\n<p>Heute wei\u00df ich, dass selbst journalistische Heroen wie Bob Woodward oder Seymoun Hersh nur mit Wasser kochen. Woodward hing am Rockzipfel der Geheimdienste und konnte den Nachrichtendienstlern hier und da \u00fcber die Schulter schauen. Hersh kam zu dem \u00fcberraschenden Befund, dass die Attent\u00e4ter die vier Anschl\u00e4ge entweder perfekt vorbereitet oder nur gro\u00dfes Gl\u00fcck gehabt h\u00e4tten. Also, da war nicht viel \u2013 wie man auch bei Besuchen durch amerikanische Kollegen erfahren konnte.<\/p>\n<p>Vorher habe ich gedacht, dass der amerikanische Journalismus, wenn es darauf ankommt, in Teilen kritisch ist. Heute weiss ich, dass amerikanische Journalisten in solchen lagen schon mal die Nationalflagge am Revers tragen. Wer es wagte, gegen den Strom zu schwimmen, musste mit Konsequenzen rechnen. Journalisten, die zu kritisch waren, wurden gefeuert. Die Fernsehsender predigten Patriotismus. Ein Ex- Senator fragte allen Ernstes die Journalisten, ob sie zuerst Amerikaner oder zuerst Journalisten seien.<\/p>\n<p>Nun kommen wir wieder zur\u00fcck nach Deutschland. Wo die \u00d6ffentlichkeit aufh\u00f6re, hat Hannah Arendt mal geschrieben, werde Macht gef\u00e4hrlich. Wie soll aber eine \u00d6ffentlichkeit funktionieren, wenn es l\u00e4ngst eine zweite \u00d6ffentlichkeit gibt, wenn vor allem das Konspirative den Ton angibt?<\/p>\n<p>Die meisten Berichte \u00fcber das Netzwerk des Terrors stammten von amerikanischen oder sonstigen Geheimdiensten. Was aber die Kanalarbeiter im Reich des B\u00f6sen an Erkenntnissen liefern, das kann sehr schmutzig sein. Die Spielregeln des Metiers sind kompliziert.<\/p>\n<p>Es gibt Amtswahrheiten, private Ansichten und auch Schwindeleien f\u00fcr die Kundschaft. Geheimdienstberichte m\u00fcssen nicht falsch sein, aber sie sind auf keinen Fall das Orakel von Delphi. Desinformation ist Teil des Gesch\u00e4fts.<\/p>\n<p>Was ist wahr, was ist unwahr? Was kann man glauben, was nicht? Besonders im Krieg sind der Manipulation T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet und journalistische Distanz sowie Skepsis sind noch wichtiger als ohnehin schon.<\/p>\n<p>Dennoch wurden Leser und Zuschauer mit angeblichen Enth\u00fcllungen bombardiert. Es gab ein Rennen um die Platzierung exklusiver Nichtigkeiten mit Hilfe der Nachrichtenagenturen.<\/p>\n<p>Schreckensszenarien sollten Aufmerksamkeit erzeugen: Angst vor der Angst verkauft sich gut.<\/p>\n<p>Beobachtern der Szene war das vertraut. Immer h\u00e4ufiger beziehen sich Medien auf Medien, die auch nichts wissen. Es wird etwas als Tatsache pr\u00e4sentiert, was allenfalls eine Vermutung sein k\u00f6nnte. L\u00e4ngst gibt es den Mainstream, den Kommunikationswissenschaftler gern Selbstreferenz nennen. Medien beziehen sich immer st\u00e4rker auf Medien und daraus wird dann wieder eine Nachricht.<\/p>\n<p>Wir leben heute in einer aufgeregten Zeit, in einer permanenten Gegenwart, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. St\u00e4ndig wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben, es sind ganze Herden von Schweinen unterwegs und es gibt immer mehr.<\/p>\n<p>Der 11. September und der Krieg in Afghanistan war nicht die ganz gro\u00dfe Zeit der Enth\u00fcller. Kein Blatt in Europa und \u00dcbersee konnte Fakten pr\u00e4sentieren, die einen neuen Blick auf die Ereignisse erm\u00f6glichet h\u00e4tten. Die wichtigsten Fragen sind noch unbeantwortet: Wer war der Mastermind, der die Anschlagsvorbereitungen in Europa koordinierte oder gab es gar keinen solchen Mastermind? Wer hatte urspr\u00fcnglich die Idee zum Massenmord? In einigen Bl\u00e4ttern kursierten umgeschriebene Zwischenberichte der westlichen Geheimdienste, aber solche Erkenntnisse sind nur schwer zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Wie war es also? Ein gro\u00dfes Ja mit einem kleinen Nein oder umgekehrt? Alles in allem, so ist mein Eindruck, haben die Medien nicht versagt und auch nicht triumphiert. Es gab exzellente Reportagen wie die zwischen Buchdeckel gebrachte Spiegel-Serie \u00fcber den 11. September und die Folgen, es gab Passables, es gab Durchschnittliches und es gab den \u00fcblichen Krawall.<\/p>\n<p>A gegen B \u2013 Sie wissen schon.<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr Ihre Geduld. Ich freue mich auf die n\u00e4chste Runde.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er\u00f6ffnungsrede zum Jahrestreffen 2002 des Netzwerk Recherche von Hans Leyendecker als PDF-Datei:<strong> <a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/nr-jt2002-rede-leyendecker.pdf\">Er\u00f6ffnungsvortrag Leyendecker_2002<\/a> <\/strong>[PDF; 5S.,45KB]<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er\u00f6ffnungsrede von Hans Leyendecker von Hans Leyendecker, zweiter Vorsitzender Netzwerk Recherche Diese Rede hielt Hans Leyendecker zur Er\u00f6ffnung der Jahrestagung des netzwerks recherche am 26.04.2002 im NDR-Konferenzzentrum in Hamburg: Meine Damen und Herren, Edgar Allan Poe hat einmal gesagt, man k\u00f6nne einen wirklich schlechten Redner daran erkennen, dass er jede Gelegenheit zu einem Exkurs ausnutzt. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[31],"tags":[],"class_list":["post-2645","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jahreskonferenz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2645","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2645"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2645\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2646,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2645\/revisions\/2646"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2645"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2645"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2645"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}