{"id":2649,"date":"2010-07-09T15:20:11","date_gmt":"2010-07-09T13:20:11","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=2649"},"modified":"2015-01-26T15:47:50","modified_gmt":"2015-01-26T14:47:50","slug":"eroeffnungsrede-von-carolin-emcke-auf-der-nr10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/eroeffnungsrede-von-carolin-emcke-auf-der-nr10\/","title":{"rendered":"Er\u00f6ffnungsrede von Carolin Emcke auf der nr10"},"content":{"rendered":"<h3>Zur Lage des Journalismus \u2013 von Carolin Emcke<\/h3>\n<p><strong>Er\u00f6ffnungsrede auf der Jahrestagung 2010: \u201eFakten f\u00fcr Fiktionen. Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen\u201c, 9.\/ 10.Juli 2010 in Hamburg<\/strong><\/p>\n<p>Um gleich mit einer Entt\u00e4uschung zu beginnen:<\/p>\n<p>\u00dcber die \u201egegenw\u00e4rtige Lage des Journalismus&#8221; werde ich nicht oder nicht vornehmlich sprechen. Davon verstehen andere mehr.<\/p>\n<p>Aber ich dachte mir: hier bin ich nur einmal eingeladen, da kann ich auch gleich die Gelegenheit nutzen, und von dem sprechen, wovon ich was verstehe. Wo ich jetzt schon mal da bin, kann ich potentiell nur noch f\u00fcr die n\u00e4chste Jahrestagung ausgeladen werden.<\/p>\n<p>Deswegen gebe ich auch gleich zu Anfang zu: die ewig selben Konferenzen auf der Suche nach der ganz neuen Art, Geschichten zu erz\u00e4hlen, haben mich meist gelangweilt, das narzistisch gekr\u00e4nkte Klagen \u00fcber die Entwicklung des Journalismus durch Blogger und Vjs im Netz ebenso.<\/p>\n<p>Mehr als das Internet schreckt mich die zunehmende Neigung unserer Zunft, sich angstvoll mit sich selbst zu besch\u00e4ftigen, und dar\u00fcber die Auseinandersetzung mit der Welt zu vernachl\u00e4ssigen. Diese Tendenz, die Wirklichkeit nur noch als Material f\u00fcr Texte oder Filme zu verstehen, also letztlich \u201eArmut&#8221; blo\u00df f\u00fcr eine Rubrik zu halten, geh\u00f6rt zu den beunruhigendsten Deformationen des gegenw\u00e4rtigen Journalismus und scheint mir sch\u00e4dlicher als jeder Konkurrenzdruck der Netzgemeinde.<\/p>\n<p>Weil mich aber die soziale Welt mit ihren politischen, ethischen und existentiellen Fragen interessiert und der Journalismus nur in seiner kritischen Funktion im Bezug auf diese Welt, m\u00f6chte ich stattdessen etwas anderes versuchen heute.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte \u00fcber die gegenw\u00e4rtige Lage der Welt sprechen und erst in einem zweiten Schritt \u00fcber den Journalismus, den es braucht, um auf diese Welt zu reagieren, sie abzubilden, zu hinterfragen, zu kritisieren.<\/p>\n<p>Es geht also nicht um eine deskriptive, sondern um eine normative Betrachtung des Journalismus, nicht der Journalismus, den es gibt, ist mein Thema, sondern der, den es braucht, wenn denn Journalismus mehr als nur Journalismus, n\u00e4mlich \u00d6ffentlichkeit sein soll, wenn denn die \u00d6ffentlichkeit relevant sein soll f\u00fcr eine demokratische Gesellschaft, die sich darin \u00fcber ihre Werte oder ihre Lebensweise verst\u00e4ndigen will.<\/p>\n<p>Ich glaube allerdings auch, dass nur der Journalismus, der sich dem widmet, was gebraucht wird, seinerseits gebraucht wird, nur der Journalismus, den die existentiellen Fragen der Welt interessieren, eine eigene Existenzberechtigung hat.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte drei verschiedene Aspekte der globalisierten Welt herausnehmen, die einerseits kennzeichnend f\u00fcr diesen zeithistorischen Augenblick sind, und die andererseits den Journalismus vor besondere Herausforderungen stellen.<\/p>\n<p>Die globale Welt ist verwoben, verwundbar, vernetzt. Anders ausgedr\u00fcckt: ich spreche \u00fcber die kulturelle Dimension der Globalisierung, die politisch-\u00f6konomische und die mediale. Die Globalisierung, die Finanzkrise und den Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>1. Die globale Welt ist verwoben<\/p>\n<p>Ich ahne schon, dass Sie jetzt gelangweilt in ihren Programmheften bl\u00e4ttern wollen, weil Sie denken, Sie w\u00fcssten alles \u00fcber die Globalisierung, aber:<\/p>\n<p>H\u00f6ren Sie bitte genau zu:<\/p>\n<p>Musik ab!<\/p>\n<p>\u201eLambarena \u2013 Bach to Africa&#8221;&#8230;.Track 2.<\/p>\n<p>Was Sie geh\u00f6rt haben, war die Verschmelzung von dem Chor \u201eLasset uns den nicht zerteilen&#8221; aus der Johannes Passion von Johann Sebastian Bach mit dem \u201eSakanda&#8221;, einem traditionellen Gesang aus Gabun in der Sprache Obamba.<\/p>\n<p>Warum ich Ihnen das vorspiele? Weil dieser Prozess der Vermischung, der Aneignung einer Tradition durch eine andere, dieses Aufleben einer kanonischen Literatur, Musik, eines Rituals oder einer Idee, genau das ist, was die Globalisierung jenseits der \u00f6konomischen und fiskalischen Dimension bedeutet. Globalisierung, das illustriert diese Musik, bedeutet immer auch Hybridisierung, Vieldeutigkeit, Vielsprachigkeit!<\/p>\n<p>So ist es gerade die Eindeutigkeit, die zu den eindeutigsten Verlierern der Globalisierung geh\u00f6rt. Vermeintlich zweifelsfreie Behauptungen oder einfache Gewissheiten sind seltsam stumpf und fragw\u00fcrdig geworden. Der Gestus der analytischen Sicherheit wirkt befremdlicher denn je. Ironischerweise taugt ausgerechnet die Globalisierung nicht zur globalen Analyse.<\/p>\n<p>Allgemeine, universale Urteile zielen an der komplexen Wirklichkeit vorbei. Es gibt kaum eine Interpretation der politischen, \u00f6konomischen, sozialen Dynamiken der Globalisierung, die nicht zur Differenzierung gen\u00f6tigt w\u00e4re; kaum eine Einsch\u00e4tzung der Vorz\u00fcge, die bestimmte Regionen oder Staaten genie\u00dfen, ohne Hinweis auf die Nachteile f\u00fcr einzelne Landesteile, die davon ausgeschlossen sind; kaum eine Betrachtung der Verluste, die gewisse Bev\u00f6lkerungsgruppen erleiden m\u00fcssen ohne Einschr\u00e4nkung, der Norden kann nicht gegen den S\u00fcden, M\u00e4nner k\u00f6nnen nicht gegen Frauen, Bauern nicht gegen St\u00e4dter verrechnet werden.<\/p>\n<p>Die intellektuellen Landkarten der Globalisierung k\u00f6nnen nicht einfach nur internationaler, sie m\u00fcssen vor allem pr\u00e4ziser und kleinteiliger werden. Globalisierung erz\u00e4hlt sich nicht in globalen, sondern in lokalen Geschichten.<\/p>\n<p>Vielleicht hat die verengte Perspektive auf die \u00f6konomische Ebene der globalisierten Welt diese Erkenntnis verz\u00f6gert. In analytischer Hinsicht ist die Ambivalenz der gro\u00dfe Gewinner der Globalisierung. Alle Phantasien von &#8220;Reinheit&#8221; zerschellen an einer Wirklichkeit, die sich vor allem durch die dichte Verflechtung, die wechselseitige Abh\u00e4ngigkeit der einzelnen Teile auszeichnet.<\/p>\n<p>Was das bedeutet f\u00fcr den Journalismus?<\/p>\n<p>Es bedeutet zun\u00e4chst, dass der Konzept-Journalismus, der Geschichten gern in Gewinner und Verlierer aufteilt, der polare Perspektiven aufbereitet, hier das Opfer, da der T\u00e4ter, dass diese Art von Geschichten zu einfach sind, dass sie nicht mehr stimmen, dass sie zu grobk\u00f6rnig sind f\u00fcr die Figuren und Strukturen einer so verwobenen Welt.<\/p>\n<p>Es bedeutet auch, dass wir uns von dem so lieb gewonnenen Konzept der \u201eAuthentizit\u00e4t&#8221; verabschieden sollten.<\/p>\n<p>Diese Vorstellung, es g\u00e4be das: einen \u201eechten Muslim&#8221;, einen \u201eauthentischen Juden&#8221;, dieses Reinheitsgebot, das in Talkshows und Podien gepflegt wird, nur ein \u201eechter&#8221; Schwuler k\u00f6nne auch die Perspektive der Schwulen repr\u00e4sentieren, nur eine \u201eechte&#8221; Afghanin k\u00f6nne die Position der Zivilbev\u00f6lkerung Afghanistans erkl\u00e4ren, und dabei klopfen wir uns auf die Schulter und denken, wir seien unglaublich liberal und tolerant, dass wir sie da \u00fcberhaupt reinlassen, und f\u00fchlen uns irgendwie auch weltl\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Aber wie ausdifferenziert und bunt gemischt es in diesen Kulturen und Lebensformen zugeht, wie zerstritten und lebendig, widerspr\u00fcchlich und vielseitig die individuellen Biographien sind, wie sie dieses starre, mediale Bild einer statischen, reinen Kultur oder Lebensform unterwandern \u2013 das zeigen wir selten.<\/p>\n<p>Was spr\u00e4che denn dagegen, zwei Afghanen einzuladen bei einer Diskussion \u00fcber den Krieg? Was spr\u00e4che dagegen, zwei Bundeswehr Soldaten aufs Betroffenensofa einzuladen? &#8211; und die Konflikte und Kontroversen zwischen ihnen zu zeigen?<\/p>\n<p>Was spr\u00e4che dagegen, auch mal andere Muslime einzuladen: es gibt nicht nur Necla Kelek und Seyran Attes, sondern auch Hilal Sezgin und \u00d6zlem Topcu \u2013 um nur mal zwei zu nenen.<\/p>\n<p>Warum sollte in Zeiten der Mobilit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t nur Herkunft und Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gruppe entscheidend sein?<\/p>\n<p>Wie s\u00e4he die journalistische Landschaft aus, wie s\u00e4he unser Bild von der Welt aus, wenn Juden nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber Israel und den Holocaust ausgefragt w\u00fcrden, wenn Muslime nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber al Qaeda und Ehrenmorde befragt w\u00fcrden und Schwule nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber Sex? Da sind sie immerhin in einer besseren Lage als Lesben, die d\u00fcrfen nicht einmal \u00fcber Sex reden.<\/p>\n<p>Anders gefragt: zementieren wir mit unserer medialen Politik des Authentischen nicht die Vorstellung von einer Welt, die angeblich auseinanderf\u00e4llt an den religi\u00f6sen oder kulturellen Bruchstellen? Spielen wir damit nicht genau den radikalen Dogmatikern und Extermisten zu, die sich exakt diese Konfliktlinien nur w\u00fcnschen? Und \u00fcbersehen wir nicht stattdessen all die \u00f6konomischen und sozialen Differenzen, von denen neoliberale Strategen sich w\u00fcnschen, dass wir sie \u00fcbers\u00e4hen? Und verhindern wir nicht auf diese Weise, in dieser Fixierung auf religi\u00f6se oder kulturelle Herkunft, dass die eigentlichen Fragen gestellt werden: die nach den Bedingungen von Unterdr\u00fcckung und Gewalt, nach den Ursachen f\u00fcr Ausbeutung und Dem\u00fctigung, die nach den Bedingungen sozialer Teilhabe, nach den sozialen Voraussetzungen f\u00fcr Bildung und Erziehung? Verhindert dieser ideologisch anerzogene Blick auf religi\u00f6se oder kulturelle Unterschiede das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr \u00c4hnlichkeiten?<\/p>\n<p>2. Die globale Welt ist verwundbar<\/p>\n<p>F\u00fcr jemanden wie mich, die den Wirtschaftsteil einer Zeitung nur als R\u00fcckseite der Sport-Berichterstattung wahrnimmt, bestand das Beunruhigendste der Finanzkrise eigentlich darin, dass ich auf einmal das Gef\u00fchl hatte, ich verst\u00fcnde etwas von Wirtschaft.<\/p>\n<p>Letztlich hatte jeder Laie sich das doch genau so vorgestellt, dass es bei einer Hypothek einer Immobilie um den Wert dieser Immobilie gehe, dass die Hypothek, wie oft auch immer so zerst\u00fcckelt und weiterverkauft wird, in ihrem Wert immernoch abh\u00e4ngig ist von dem Wert des Hauses, das f\u00fcr sie b\u00fcrgt, dass Kredit schon begrifflich etwas mit glauben und vertrauen zu tun hat, und dass eine Finanzwirtschaft, die sich zunehmend entkoppelt von der Realwirtschaft letztlich das ist, was Schopenhauer die \u201eWelt als Wille und Vorstellung&#8221; nannte, eine Finanzwelt also, in der nicht mehr mit materialen Werten von Produkten, Unternehmen oder unternehmerischen Ideen gehandelt wird, sondern in der nurmehr auf Projektionen gewettet wird, in der gehandelt wird mit der Erwartung, was f\u00fcr eine Erwartung andere in ein Produkt, eine Idee, ein Ph\u00e4nomen, ein Unternehmen haben werden.<\/p>\n<p>Wenn uns die Finanzkrise eines vorgef\u00fchrt hat, dann dass Globalisierung vor allem wechselseitige Verwundbarkeit bedeutet. Anders noch als der 11. September 2001, der als politisches Ereignis die Verwundbarkeit einer einzelnen Nation vorf\u00fchrte oder anders als die Wirtschaftskrise in Argentinien im Dezember 2001, die uns den fiskalischen Zusammenbruch eines Landes vorf\u00fchrte, gab es bei der Finanzkrise 2008..(und Folgende) kein Aussen mehr, keine Gegend, die nicht betroffen gewesen w\u00e4re. Die wechselseitige Verwobenheit entpuppte sich als wechselseitige Verwundbarkeit.<\/p>\n<p>Die Euro-Krise und die Instabilit\u00e4t Griechenlands bedeutet zudem, dass es keine unwichtigen L\u00e4nder mehr gibt. Die alte geostrategische Landkarte, die politische Ordnung der G8 oder auch der G 20 ist nicht nur moralisch-politisch fragw\u00fcrdig geworden. Auch ein kleines, politisch schwaches Land kann das gesamte System gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Was das f\u00fcr den Journalismus heisst? Was f\u00fcr einen Journalismus es brauchte, um auf diese Entwicklungen reagieren zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Ich denke, es br\u00e4uchte einen Journalismus, der sich nicht grundlos eine Ideologie zueigen macht, nur weil sie sich gerade durchsetzt. Philosophen nennen das einen \u201enaturalistischen Fehlschluss&#8221;, nur weil etwas ist, heisst nicht, dass es gut ist, wie es ist.<\/p>\n<p>Es braucht einen Journalismus, der es wieder wagt, mit guten Gr\u00fcnden zu misstrauen, denn nur so ist eine Krise des Vertrauens, wie sie im Moment besteht, zu vermeiden, in dem wir rechtzeitig und begr\u00fcndet Zweifel \u00e4ussern, und indem wir, als Journalisten, uns einer Aufgabe besinnen, die etwas aus der Mode gekommen scheint: Ideologie-Kritik als eine Form der Aufkl\u00e4rung, auf die wir uns ansonsten doch so vollmundig berufen.<\/p>\n<p>3. Die globale Welt ist vernetzt<\/p>\n<p>Die Globalisierung, so hat uns Nial Fergusson das formuliert, ist gekennzeichnet durch eine Verdichtung von Raum und eine Beschleunigung von Kommunikation, sie bedeutet letztlich eine \u201eAufhebung von Distanz&#8221;.<\/p>\n<p>Mich interessiert hier nicht die Frage, ob diese Beschleunigung der Kommunikation, die Vernetzung den Untergang des Printjournalismus nach sich zieht.<\/p>\n<p>Mich interessiert, was diese Beschleunigung von Kommunikation und die Entwicklung des Internets f\u00fcr unsere Vorstellung von Demokratie bedeuten.<\/p>\n<p>Demokratie ist im Kern, im Rousseau&#8217;schen, aber auch im Kantischen Sinne Selbstgesetzgebung. Demokratie bedeutet, dass diejenigen, die von einer politischen Entscheidung betroffen sind, auch an ihrer Entstehung beteiligt werden. Anders gesagt: die Adressaten des Rechts m\u00fcssen und d\u00fcrfen in gewisser Hinsicht immer auch die Autoren des Rechts sein.<\/p>\n<p>Eben f\u00fcr diesen Prozess, diesen Entscheidungsfindungsprozess, in dem die Betroffenen, eine Gesellschaft, eine Region, eine Nation, Rechte und Werte erw\u00e4gen und er\u00f6rtern k\u00f6nnen, eben daf\u00fcr braucht es in einer Demokratie eine kritische, unabh\u00e4ngige \u00d6ffentlichkeit. Es ist nicht wichtig, ob das per Radio oder Fernsehen, in Wochenzeitungen, im Internet oder auf Marktpl\u00e4tzen stattfindet, aber es braucht einen \u00f6ffentlichen Ort, an dem eine Gesellschaft sich \u00fcber ihre Werte und Lebensweise verst\u00e4ndigen kann.<\/p>\n<p>In dieser Hinsicht stellt die Globalisierung ein riesiges Demokratie-Defizit dar: es sind unendlich viel mehr Menschen von politischen, \u00f6konomischen, \u00f6kologischen oder sozialen Entscheidungen betroffen als an ihrer Entscheidung beteiligt sind, ja, die, die an einer Entscheidung beteiligt sind, wissen oftmals noch nicht einmal, wer und wie von dieser Entscheidung betroffen sind.<\/p>\n<p>Und in dieser Hinsicht, braucht es einen Journalismus, der die Anderen nicht immer nur als die Anderen begreift, der Auslandsberichterstattung nicht als Berichte \u00fcber eine ferne, fremde Welt versteht, sondern es braucht einen Journalismus, der diese Verwobenheit, diese Verwundbarkeit auch abbildet, der die Anderen als Eigene thematisiert, weil sie ein Recht haben, an den Diskussionen beteiligt zu werden, die sie selbst betreffen.<\/p>\n<p>Es braucht einen Journalismus, der die eine globale Welt entwirft, auch wenn sie demokratisch noch nicht existiert, einen Journalismus, der immer mit einem utopischen Vorgriff das Wir einer \u00d6ffentlichkeit behauptet, auch wenn die politische Ordnung es noch unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive, mit einem Blick f\u00fcr die demokratische Funktion einer \u00d6ffentlichkeit, als der Ort, an dem eine Gesellschaft \u00fcber ihre Werte und Lebensweisen diskutieren und streiten kann, aus dieser Perspektive erst wird die Entstehung des Internets interessant.<\/p>\n<p>Wenn es stimmt, dass die Globalisierung und das Internet eine Verdichtung von Raum und Zeit und eine Beschleunigung von Kommunikation bedeuten, dann ist die Frage des Strukturwandels der \u00d6ffentlichkeit eine von elementarer politischer Relevanz.<\/p>\n<p>Wenn es stimmt, dass das Internet die \u00d6ffentlichkeit zunehmend individualisiert und fragmentiert, was bedeutet das f\u00fcr eine Gesellschaft? Wie gelingen dann noch die demokratisch so wichtigen Selbstverst\u00e4ndigungs-Diskurse \u00fcber Werte und Normen, wenn eine Gesellschaft sich medial immer weiter aufsplittert? Inwiefern vergr\u00f6\u00dfert zwar das Internet die partizipativen M\u00f6glichkeiten der Kommunikation, aber verringert m\u00f6glicherweise die Gemeinsamkeiten, \u00fcber die kommuniziert werden kann? Wenn eine demokratische Gesellschaft einen \u00f6ffentlichen Raum zur Selbstverst\u00e4ndigung braucht, wie gelingt diese Verst\u00e4ndigung noch im Netz, das sich zunehmend in Milieus individualisiert und fragmentiert? Vielleicht muss es das: so wie im 19. Jahrhundert oder auch noch zu Teilen im 20. Jahrhundert die Diskussionen im halb-privaten Raum des Salons gef\u00fchrt wurden, zun\u00e4chst in kleinen Kreisen und Milieus stattfanden, und erst nach und nach die Kreise der Debatten sich vergr\u00f6\u00dferten, verzweigten, erweiterten, vielleicht erg\u00e4nzen sich auch so heute die kleinen R\u00e4ume der Chatrooms und der Netzgemeinden, verlinken sich und erweitern sich zu gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeiten, vielleicht ist eine \u00d6ffentlichkeit, die sich \u00fcber einen derart gro\u00dfen, internationalen Raum erstreckt, anders nicht denkbar.<\/p>\n<p>Wenn ich also zum Schlu\u00df sagen darf, was f\u00fcr einen Journalismus es braucht f\u00fcr diese Welt, dann w\u00fcrde ich mir folgendes w\u00fcnschen:<\/p>\n<p>Einen Journalismus, der misstrauisch ist und zweifelnd daherkommt, nicht besserwisserisch, sondern fragend, ich w\u00fcrde mir Geschichten w\u00fcnschen, die ambivalent und offen sind, nicht eindeutig und geschlossen und ich w\u00fcrde mir Journalisten w\u00fcnschen, die leidenschaftlich und nachdenklich zugleich sind, die sich einlassen auf die Wirklichkeit jenseits des Hauptstadtb\u00fcros, die teilnehmend, nicht distanziert beobachten, dichte Beschreibungen von Gegenden liefern und den Blick f\u00fcr die feinen Unterschiede behalten, ich w\u00fcrde mir einen Journalismus w\u00fcnschen, der alle Genres des Internets entdeckt und bespielt, der sich die R\u00e4ume dort erobert, wo es n\u00f6tig ist, und sie sein l\u00e4sst, wo es m\u00f6glich ist, ich w\u00fcnsche mir einen Journalismus, der nicht der Wirklichkeit hinterherhetzt, sondern sie kritisch hinterfragt, und, wie hat Henry Kissinger j\u00fcngst in einem Interview mit Newsweek gesagt: \u201eYou have to know the difference between what is urgent and what is important.&#8221;<\/p>\n<p>In diesem Sinne w\u00fcnsche ich mir einen Journalismus, der weniger am Eiligen als am Wichtigen sich orientiert.<\/p>\n<p>Vielen Dank!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Lage des Journalismus \u2013 von Carolin Emcke Er\u00f6ffnungsrede auf der Jahrestagung 2010: \u201eFakten f\u00fcr Fiktionen. 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