{"id":2651,"date":"2003-05-24T15:23:59","date_gmt":"2003-05-24T13:23:59","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=2651"},"modified":"2015-01-26T15:43:04","modified_gmt":"2015-01-26T14:43:04","slug":"podiumsdiskussion-die-rolle-der-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/podiumsdiskussion-die-rolle-der-medien\/","title":{"rendered":"Podiumsdiskussion \u201eDie Rolle der Medien\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>24. Mai 2003 beim Jahrestreffen des Netzwerk Recherche im NDR-Konferenzzentrum in Hamburg<\/strong><\/p>\n<div class=\"section\"><strong>Podiumsteilnehmer:<\/strong><br \/>\nGerhard Schr\u00f6der, Bundeskanzler<br \/>\nJ\u00fcrgen Leinemann, Der Spiegel<br \/>\nMichael J\u00fcrgs, Ex-Stern-Chefredakteur<\/div>\n<div class=\"section\"><\/div>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Herr Bundeskanzler, lassen Sie uns gleich anfangen, Sie hei\u00dfen allgemein der Medienkanzler. Was sagt Ihnen dieser Begriff und was glauben Sie, was die, die Sie so nennen, damit verbinden?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Also zun\u00e4chst ist das so, ich habe den Begriff nicht gepr\u00e4gt, aber er wird ja benutzt als eine abtr\u00e4gliche Bezeichnung, ein bisschen seltsam f\u00fcr Journalisten, denn was er eigentlich ausdr\u00fcckt, ist eine gewisse Offenheit gegen\u00fcber denen, die beobachten und das Beobachtete zu beschreiben haben oder zu senden, dar\u00fcber sollten Sie eigentlich nicht entt\u00e4uscht sein, sondern eher im Gegenteil. Aber ganz offenkundig geb\u00e4ren solche Begriffe so ganz eigene Eigent\u00fcmlichkeiten. Und das ist ja so, ich habe einfach versucht, auch als ich in dieses Amt gew\u00e4hlt worden bin, mein Informationsverhalten nicht zu ver\u00e4ndern. Und die Tatsache, dass da Medienkanzler gesagt worden ist, mit so einem leicht abtr\u00e4glichen Nebengeschmack, hat mich immer wirklich \u00fcberrascht, muss ich sagen. Was dann dazu gef\u00fchrt hat, ich wei\u00df nicht, was die einzelnen damit verbunden haben, aber jedenfalls nicht nur den Respekt vor einer Offenheit, was Informationen angeht, sondern auch das Gegenteil dessen. Und die Konsequenz dessen ist, dass man dar\u00fcber nachdenkt, ob man sich richtig verh\u00e4lt und vielleicht verschlossener wird, das kann schon sein.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Hat sich das ge\u00e4ndert in den letzten f\u00fcnf Jahren? Hat sich ge\u00e4ndert, dass die N\u00e4he zur Medienmacht zur Distanz geworden ist in letzter Zeit?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ich glaube das Verhalten der \u00d6ffentlichkeit gegen\u00fcber &#8211; und \u00d6ffentlichkeit wird ja hergestellt nicht nur durch den politischen Prozess &#8211; nicht nur durch Entscheidungen derer, die unmittelbar am politischen Prozess beteiligt sind, sondern \u00d6ffentlichkeit wird ja nicht zuletzt durch Sie hergestellt. Klar \u00e4ndert sich das. Und zwar kann man sehr viel unbefangener mit \u00d6ffentlichkeit umgehen, wenn man beispielsweise Vorsitzender der Jungsozialisten in Deutschland ist oder einer Arbeitsgemeinschaft der SPD angeh\u00f6rt oder auch \u201eeinfacher Bundestagsabgeordneter\u201c, weil die Wirkungen dessen, was man sagt, begrenzter sind als die Wirkungen dessen, was ich so sage. Das hat weniger mit der Person als mit dem Amt zu tun und insofern ver\u00e4ndert sich das Informationsverhalten und nat\u00fcrlich auch die Beziehungen zum Journalismus insgesamt, aber auch zu Journalisten als einzelne, je nachdem welche Wirkung eine mitgeteilte Information hat oder nicht. Das versucht man nat\u00fcrlich abzusch\u00e4tzen, f\u00e4llt h\u00e4ufiger dabei rein, aber aus diesem Reinfallen lernt man eine Menge, kann ich Ihnen sagen.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Von wem k\u00f6nnte dann der Satz sein: \u201eEs ist mir egal, wer unter mir Bundeskanzler ist?\u201c Welcher Medienm\u00e4chtige k\u00f6nnte diesen Satz gesagt haben? Was glauben Sie wohl? Stefan Aust, Kai Dieckmann?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ich will hier niemanden in Schwierigkeiten bringen, aber ich w\u00fcrde sagen, diejenigen, die das behaupten, die \u00fcbersch\u00e4tzen die Wirkung ihres Berufes und meistens auch sich selbst und soweit w\u00fcrde ich jedenfalls nicht gehen, das ist mir egal, wer unter mir Chefredakteur ist.<\/p>\n<p><strong> Leinemann<\/strong>: Sie haben gesagt, das Amt hat den Begriff ver\u00e4ndert oder die Bedeutung dieses Begriffes und den Stellenwert. Was ist eigentlich anders geworden in Bonn als es in Hannover war? Sie hatten ja auch ein \u00f6ffentliches Amt und das, was Sie Informationspolitik und Umgang mit Journalisten nennen, das haben Sie ja alles schon vorgedruckt.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Also sagen wir mal, was sich ge\u00e4ndert hat, ist zun\u00e4chst einmal die eigene Sichtweise. Damals hatte ich noch jemanden, den ich kritisieren konnte, heute ist das fast \u00fcberhaupt nicht mehr so.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Sie haben doch ihre Partei! (Gel\u00e4chter)<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Da haben Sie ja ganz Recht (wieder Gel\u00e4chter), nur die Frage ist ja, in welcher Funktion? Aber jetzt mal ganz im Ernst. Es ist nat\u00fcrlich anders, wenn man als jemand, der sicher als Ministerpr\u00e4sident auch geh\u00f6rt wird, auch ein St\u00fcck politische Verantwortung mit hat, wenn da immer noch eine Instanz ist oder eine Institution, die man gelegentlich auch mal kritisieren kann, und sagen, das haben die aber vielleicht doch etwas besser h\u00e4tten machen k\u00f6nnen. In dem Stil habe ich das ja getan, wie man wei\u00df, also immer positiv (Gel\u00e4chter).<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Das ist r\u00fcbergekommen.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Aber das ist wirklich ein Unterschied, und jetzt sind Sie fast ausschlie\u00dflich Kritik ausgesetzt. Das ist eine andere Befindlichkeit, in der man dann ist. Und was hat sich ge\u00e4ndert? Das hat sich ge\u00e4ndert. Aber es hat sich noch mehr ge\u00e4ndert, weil, sagen wir mal, die politischen Fragen, mit denen man konfrontiert ist und \u00fcber die oder die dann, also wenn sie in Entscheidungen umgesetzt werden, kritisiert werden, die sind nat\u00fcrlich vielf\u00e4ltiger in Bonn bzw. in Berlin. Und dann ist da etwas, das wissen sie besser als ich, ich glaube, dass sich in den Medien eine ganze Menge ver\u00e4ndert hat. Das ist alles sehr viel wettbewerbsorientierter geworden und deswegen vermutlich auch schnelllebiger, mehr orientiert auf kurze Quotes, die, zu geben sind und weniger auf ein Gespr\u00e4ch, das aufkl\u00e4rt \u00fcber Hintergr\u00fcnde des eigenen Denkens und man wird jeden Tag konfrontiert mit Fragen, wie eben auch \u201eWas sagen Sie zu dem, was sagen Sie zu jenem?\u201c<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Dahin kommen wir noch!<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Das ist wirklich ein Unterschied verglichen zu fr\u00fcher. Die klarsten Vertreter dieser neuen Art, in den Medien zu arbeiten, sind diejenigen, die morgens kommen, wenn man irgendwo hingeht, es ist auch am einfachsten und die halten einem das Mikrofon vor die Nase und sagen: \u201eHerr Bundeskanzler und &#8230;.?\u201c. Dann k\u00f6nnen Sie gleicherma\u00dfen zu wichtigen Fragen der Au\u00dfenpolitik wie zu der Tatsache antworten, dass Hannover 96 nat\u00fcrlich nicht abgestiegen ist, alles ist m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Ist das eigentlich in Berlin anders geworden oder schlimmer geworden oder war das etwas, was Sie in Bonn auch schon erlebt hatten?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: In Berlin ist das, glaube ich, auf die Spitze getrieben worden bzw. hat sich so entwickelt. Es ist einfach viel viel schneller. In Berlin ist das deshalb noch ein bisschen anders, weil in Bonn war man so eng aufeinander geworfen, sozusagen, wo immer man hinging, in welches Restaurant, in welche Kneipe auch immer, irgendwann stie\u00df man auf Journalisten und umgekehrt und ich glaube, in Berlin verl\u00e4uft sich das nat\u00fcrlich mehr, obwohl es auch da Orte gibt, wo man immer sicher sein kann, dass man was abgenommen kriegt. Ich nat\u00fcrlich nicht mehr, weil ich ja diese Orte inzwischen meiden muss. Fr\u00fcher bin ich da auch hingegangen, das gebe ich zu.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Wo ist eigentlich inzwischen die Grenze, wann attackieren Sie, wann schweigen Sie einfach, wann sagen Sie, ach lasst sie kritisieren, ich kenn die auch lang genug und wei\u00df woher das kommt und wann schlagen Sie dann zur\u00fcck? Oder hat man dazu inzwischen eine zu dicke Haut gekriegt?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Dicke Haut ist falsch. Aber ich glaube niemand, dass w\u00fcrde ich auch von den Kollegen behaupten, aber ich soll ja \u00fcber mich reden. Ich habe keine dicke Haut in dem Sinne, dass ich mich \u00fcber schlechte Berichterstattung, nach meiner Meinung schlechte Berichterstattung, nicht \u00e4rgerte. Und wenn sie besonders verletzend ist, dann tut das auch noch weh, so ist das ja nicht, man soll ja nicht glauben, dass Politiker und Politikerinnen so Leute w\u00e4ren, die, wenn es gelegentlich weit in die Bewertung intellektueller Qualit\u00e4ten geht, dass nicht auch f\u00fcr ungerecht hielten auch f\u00fcr schmerzlich ansehen. Dann kuckt man, und dann werd\u2019 ich mal wieder als nicht ganz zureichend qualifiziert bezeichnet und \u00fcberlegt dann, wenn man festgestellt hat, wer es war, ob man es so ganz ernst nimmt. Aber es ist immer, dass muss man sagen, immer noch ein St\u00fcck Empfindsamkeit da, auch gegen\u00fcber einer als ungerechtfertigt begriffenen Kritik und erst Recht, wenn sie weit ins Pers\u00f6nliche geht und vor Fragen dann, die die Familie betreffen, auch keinen Halt macht. Das ist dann besonders misslich. Ansonsten will ich nicht sagen dickes Fell, aber diese Schnelllebigkeit, von der ich geredet habe, hat nat\u00fcrlich eine Kehrseite, dass man das, was an einem Tag oder in wenigen Stunden gesendet, gesagt wird, auch nicht mehr als Ehernes und f\u00fcr die Ewigkeit gleichsam in Stein Gemei\u00dfeltes Gesetz nimmt. Und dann sagt man ja morgen kommen die ja schon mal wieder auf was anderes.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Also das finde ich jetzt schon interessant, denn da bekomme ich so ein neues Mediengef\u00fchl, als wenn wir immer hinter Ihnen her sind und Sie treiben, w\u00e4hrend Sie so das Opfer sind, das sich dem ausgeliefert f\u00fchlt.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Nein, das w\u00e4re ja ganz falsch. Was ist ein politischer Prozess? Ein politischer Prozess definiert sich durch Entscheidungen, die ich zu treffen habe, die das Parlament zu treffen hat, die die Opposition zu treffen hat. Aber Teil des politischen Prozesses ist doch auch die Vermittlung dessen, und Vermittlung hei\u00dft ja nicht einfach, Leuten zu sagen, das ist ja alles prima was die machen, sondern intendiert Kritik ja auch. Insofern f\u00fchl ich mich nicht als Opfer, aber ich bin ja gefragt worden, ob die nicht geringe Kritik sozusagen abprallt oder nicht abprallt. Ich will einfach sagen, ohne dass ich mich als Opfer begriffe, prallt es nicht ab, das will ich nur deutlich machen. Aber das hat nichts mit Jammern zu tun. Ich habe immer nach dem Prinzip gearbeitet: \u201eWem es in der K\u00fcche zu hei\u00df ist, der soll nicht Koch werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Dann nehme ich ja gleich diesen Zusammenhang auf, denn in der letzten Woche stand in der Newsweek eine wunderbare kleine Meldung, &#8230; schreibt, den Sie ja auch ganz gut kennen, dass der Kanzler Schr\u00f6der, so lange er Kanzler ist, auf diesem Stuhl im Wei\u00dfen Haus nicht mehr erw\u00fcnscht ist. Wie reagiert man auf solche Meldungen oder nimmt man die gar nicht zur Kenntnis?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Die habe ich gar nicht gelesen. Jetzt haben Sie mir\u2019s erz\u00e4hlt und wie soll ich darauf reagieren? Gar nicht. Weil, wenn ich da beg\u00e4nne, darauf zu reagieren, da wird jetzt ja viel geheimnist. Da werden Offizielle zitiert und alles so etwas, da habe ich mir wirklich zu Prinzip gemacht, gar nicht darauf zu reagieren.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Was lesen Sie eigentlich selbst, was wird Ihnen vorgelegt? Gibt es einen Pressespiegel oder lesen Sie selbst ganz bewusst?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ich lese einen Packen Zeitungen jeden Morgen. Ich sollte jetzt nicht die einzelnen Titel nennen, weil diejenigen, die nicht genannt sind, sich dann vielleicht beleidigt f\u00fchlen, aber das sind so 6 oder 8 Zeitungen. Und dann gibt es nat\u00fcrlich jeden Morgen so eine Auswahl von Presseberichterstattungen gedruckter Medien. Was gesendet wird, wird sicher auch mitgeschrieben, aber das ist so wenig direkt dann, dass, wenn man es lie\u00dft, man sich \u00fcberhaupt fragt, warum es gesendet worden ist (Gel\u00e4chter). Das ist wirklich ein Unterschied. Wenn Sie ein H\u00f6rfunkinterview oder ein Fernsehstatement nachlesen, ist das v\u00f6llig anders, als wenn Sie es selber h\u00f6ren oder gar selber sprechen. Insofern, das wollte ich damit sagen, lese ich nicht Interviews, es sei denn, da ist ein Bolzen drin, den ich zur Kenntnis nehmen muss, den krieg ich dann vorgelegt.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Ergibt sich die Reihenfolge ihrer Lekt\u00fcre aus der Gr\u00f6\u00dfe der Buchstaben?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Nee, soll ich mal sagen, was oben liegt? Das ist Financial Times Deutschland (Gel\u00e4chter). Jetzt gibt es schon eine Schlagzeile.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Davon lebt die eine Woche jetzt.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Darum habe ich das ja gesagt.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Und die ber\u00fchmte Zeitung, die Sie fr\u00fcher nannten, das ist wichtig, Bildung, BAMS und Glotze. Ist die BILD-Zeitung etwas, was Sie t\u00e4glich \u00e4rgert, ist die BILD-Zeitung etwas &#8230;<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Lassen Sie ihn ruhig konkret werden!<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: &#8230; was Sie montags besonders \u00e4rgert, wenn dort bestimmte Kolumnisten schreiben?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Nein, das w\u00e4re ganz falsch. Ich lese das, ich \u00fcberfliege das. Das muss man ja auch nicht lesen. Wenn man das \u00fcberfliegt, dann wei\u00df man ja, welche Tendenz das hat und mit einzelnen Formulierungen muss man sich ja nicht auseinandersetzen. Nat\u00fcrlich lese ich dieses Blatt, das ist doch gar keine Frage. Muss man lesen. Was hei\u00dft lesen? Zur Kenntnis nehmen. Und das geh\u00f6rt zu dem selbstverst\u00e4ndlichen Packen, den man sich da jeden Morgen aufl\u00e4dt.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Kann eine Kampagne in BILD etwas \u00e4ndern an Machtverh\u00e4ltnissen oder muss man das hinnehmen?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Also jetzt, ich glaube, dass diese Art von Journalismus Einstellungen verst\u00e4rken kann. Aber ich glaube, es ist ein Irrtum, wenn man dort glaubt, dass man welche schaffen k\u00f6nnte. Wann immer man das versucht, muss man ganz besonders auf die Auflagenkurven kucken.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Ist denn f\u00fcr Sie die Lekt\u00fcre von Zeitungen oder das Gewicht von Pressemeldungen wichtiger als das Fernsehen oder kann man das \u00fcberhaupt nicht vergleichen?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Das kann man nicht sagen. Also zun\u00e4chst einmal ist ja klar, das Fernsehen ist ein Medium, das gut ist und gef\u00e4hrlich in gleicher Weise. Gut deswegen, weil man sehr direkt und sehr als individuelle Person faktisch ins Wohnzimmer der Menschen kommt. Diese Chance haben Sie ja sonst \u00fcberhaupt nicht und Sie sind im Fernsehen kaum zu manipulieren, wenn Sie sozusagen direkt interviewt werden. Weil die Direktheit, mit der Sie zu den Menschen kommen, ist ja kaum zu \u00fcberbieten. Das ist ja bei gedruckten Medien anders, das ist ja viel vermittelter als im Fernsehen. Die Gefahr beim Fernsehen ist, dass Sie sich nat\u00fcrlich auch sehr viel schneller vergaloppieren k\u00f6nnen, Falsches sagen k\u00f6nnen. Sie werden im Fernsehen ja nicht nur nach dem, was Sie sagen, bewertet, sondern vielleicht sogar noch mehr, wie Sie\u2019s sagen und wie das Erscheinungsbild ist, das Sie abgeben. Und das hat ein Problem im Fernsehen, das, glaube ich, ist so eine Leitlinie, wenn ich bei einer Politikerinnen- oder einer Politikerschule zu referieren h\u00e4tte, wenn es so etwas g\u00e4be, es gibt ja Journalistenschulen bei uns, bei uns gibt es ja so was nicht.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Das merkt man \u00fcbrigens. (Gel\u00e4chter)<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Die unterschiedliche Qualit\u00e4t von Journalistenschulen auch, Herr Leinemann. Ins Fernsehen k\u00f6nnen Sie eigentlich nur gehen, wenn Sie einer Sache v\u00f6llig sicher sind. Wenn Sie nicht so ganz sicher wissen, was Sie da eigentlich r\u00fcberbringen wollen, empfiehlt es sich, das nicht zu tun, weil, das ist das direkteste und deswegen in diesem Sinne unbestechlichste Medium, das es gibt. Sie k\u00f6nnen nichts zur\u00fcckholen, jedenfalls nicht in Live-Sendungen und wenn sie kommen und sagen: \u201eLassen Sie uns die Aufzeichnungen noch mal machen\u201c, wirkt das auch komisch. Das ist sicher der schwierigste Weg.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Wenn Sie nun dieses Spiel durchschaut haben, Journalismus und Politik und Symbiose, und mehr und mehr dazu gelernt haben, dann benutzt man es ja auch. Also ich erinnere mich an einen \u201eSpiegel\u201c-Titel \u201eBlauhelme\u201c, das kam im richtigen Moment zur richtigen Zeit.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Das ist unterschiedlich wahrgenommen worden.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Ich nehme mal an, ich w\u00fcrde es so wahrnehmen, dass man den \u201eSpiegel\u201c benutzt hat, um am Montag eine Geschichte zu haben, die man sonst nicht gehabt h\u00e4tte, um von anderen Dingen abzulenken. Das m\u00fcssen Sie jetzt weder dementieren noch best\u00e4tigen, aber ich wollte nur hinaus darauf, das Spiel ist ein wechselseitiges Spiel.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ich will jetzt nicht \u00fcber den konkreten Fall reden, der hat viele Facetten. Wirklich wahr. (Gel\u00e4chter)<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Glaube ich auch. (Gel\u00e4chter)<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Aber gut. Dahinter steht ja die Frage, versucht man als politischer Mensch, als jemand der ein Amt hat, die Medien zu instrumentalisieren, f\u00fcr was auch immer? Das will ich nicht ausschlie\u00dfen, dass das geschieht, nur das geht nicht lange gut. Dar\u00fcber muss man sich im Klaren sein.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Das geht nicht immer gut.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ja, es geht nicht immer gut und es geht nicht lange gut, wenn man es macht. So etwas spricht sich rum. Man kann ein Ergebnis erzielen wollen, das ist, glaube ich, auch zul\u00e4ssig mit einer bestimmten Information. Aber die Information muss richtig sein. Manipulation ist weniger, eine Berichterstattung hervorzurufen mit einer richtigen Information. Das ist ja eher Pflicht von Ihnen, wenn Sie sie kriegen umso besser. Ich halte es f\u00fcr erlaubt, mit einer Information die richtig ist, so umzugehen, dass man sie zur richtigen Zeit gibt, und zwar zu der Zeit, wie es einem selber vern\u00fcnftig erscheint. Aber den Versuch zu machen, eine Berichterstattung mit einer falschen Information zu erzielen, das macht man einmal, glaube ich, oder auch zweimal, aber dann ist Schluss, weil das spricht sich rum, bei Ihnen, bei Ihren Kollegen. Zu Recht im \u00dcbrigen und das beendet dann das, was Sie Spiel nennen, was ich nicht als Spiel begreife. Da gibt es auf beiden Seiten eine gewisse Verantwortung f\u00fcr das, was wir demokratischen politischen Prozess nennen, und den muss ich genau so im Auge haben wie Sie \u00fcbrigens auch.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Spiel ist doch nur so ein Begriff, um einen geregelten Ablauf zu beschreiben. Wie w\u00fcrden Sie denn die Beziehung zwischen Politikern und Journalisten bezeichnen?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Es gibt ja weder den Journalisten noch den Politiker. Insofern glaube ich, gibt es keine allgemeinen Grunds\u00e4tze. Aber ich habe Zweifel. Ich glaube, das Tempo, das heute so extrem zugenommen hat, legt nahe, dass man mehr an Informationen zu verarbeiten hat und mehr mitbekommt. Aber es hat auch zu allen Zeiten, glaube ich, sehr enge Beziehungen zwischen handelnden Politikern und einzelnen Journalisten gegeben. Und wenn mal die Geschichte, in Teilen ist ja geschrieben, des Entstehens der Ostvertr\u00e4ge sozusagen unter diesem Aspekt berichtet w\u00fcrde, dann w\u00fcrde man sicher, und zwar speziell unter diesem Aspekt, dann w\u00fcrde man sicher feststellen, dass ein Teil der seinerzeit so klaren und auch so historisch notwendigen Unterst\u00fctzung von Spiegel und Stern beispielsweise, auch was mit N\u00e4he der handelnden Personen zu tun gehabt hat, ich glaube das kann man nicht ernsthaft bestreiten, wenn man sich mal \u00fcberlegt, wie diese gesellschaftliche Unterst\u00fctzung, die so notwendig und richtig war, zustande gekommen ist. Also das gibt es glaube ich immer wieder, und ich w\u00fcrde mein Verh\u00e4ltnis zu Journalismus als ein Arbeitsverh\u00e4ltnis beschreiben, bei dem jede Seite wei\u00df, dass man aufeinander angewiesen ist. Gleichwohl entwickeln sich in einem langen politischen Leben zwischen Politikern und Journalisten auch Freundschaften, das ist doch ganz klar. Man soll doch jetzt nicht so tun, als sei das Amt unabh\u00e4ngig zu sehen vom Menschen, und zwar auf beiden Seiten. Es kann so etwas sich entwickeln, und dann soll man das auch zulassen. Nur muss man dann eine Konsequenz daraus ziehen. Also wenn man \u00fcber einen gewissen Zeitraum enger miteinander ist, als es dieses Arbeitsverh\u00e4ltnis ausdr\u00fccken kann und soll, dann kann man immer noch Informationen verwerten. Man muss besonders sensibel sein, wenn man sie aus Freundschaft und wegen der Freundschaft erlangt. Es muss klare Verh\u00e4ltnisse zwischen denen geben, um die es da geht, aber man sollte nicht mehr schreiben m\u00fcssen oder senden m\u00fcssen, oder Portr\u00e4ts machen m\u00fcssen \u00fcber denjenigen, dem man besonders freundschaftlich verbunden ist. Das geht schief, und zwar immer zu Lasten des Politikers. Weil derjenige, der das als Freund schreibt, nat\u00fcrlich besonders kritisch schreibt, weil er sich von den Kollegen ja nicht dem Verdacht aussetzen will, er sei sozusagen vereinnahmt. Und deswegen geht es immer schief, wenn Leute, die man seit langem kennt, denen man freundschaftlich verbunden ist, wom\u00f6glich noch psychologisierend \u00fcber einen schreiben.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Ich denke, wir sollten dieses ein bisschen konkretisieren. (Gel\u00e4chter)<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Wir kennen uns jetzt 25 Jahre und in den Anfangszeiten sind wir uns in der Tat ziemlich nahe gewesen, die Folge ist davon genau, das haben Sie so erkannt wie ich das auch erkannt habe, dass ich 10 Jahre \u00fcber Sie \u00fcberhaupt nicht geschrieben habe.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Das hei\u00dft aber, wenn ich das aufnehmen darf, als einer, der ein bisschen weiter au\u00dfen steht und Sie nicht so lange kennt (Gel\u00e4chter), dass man von zwei Seiten angegriffen werden k\u00f6nnte: a) die, die gegen Sie politisch sind in der Presse und b) die anderen, die zeigen m\u00fcssen, dass Sie ganz kritisch sind.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ja, das erlebe ich ja gerade.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Aber jetzt ernsthaft zur\u00fcck. Kampagnenjournalismus hie\u00df ja auch fr\u00fcher die Kampagne gegen die Ostpolitik, die ja von der BILD-Zeitung gefahren wurde, und die Kampagne, die heute gefahren wird, von anderen Bl\u00e4ttern. Wo ist eigentlich nach Ihrer Wahrnehmung der Unterschied? Wird die SPD in Kampagnen genau so behandelt wie die Konservativen, oder gibt es da gewisse Tabus, die man bei der SPD eher verletzt als bei den Konservativen. Was fiel Ihnen da so auf in letzter Zeit?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Also wenn ich mir das so anschaue, dann gibt es Unterschiede. Die haben sicher auch was mit einer Grundausrichtung der jeweiligen Medien zu tun. Die sind sehr deutlich und ich glaube, dass die SPD in alldem, was sie tut &#8211; auch die Gr\u00fcnen im \u00dcbrigen &#8211; kritischer beobachtet werden als konservative Parteien und Politiker, das k\u00f6nnte ich an vielen Beispielen der j\u00fcngsten Vergangenheit festmachen. Also ich glaube zum Beispiel, dass die Berichterstattung \u00fcber bestimmtes pers\u00f6nliches Verhalten im einen wie im anderen Fall anders ist. Wenn Sie mal sehen, beispielsweise \u00fcber die Frage, was ist da eigentlich gewesen, beim Untergang und bei dem, was sich mit dem Kirchmedium verbindet. Ich denke mir mal, wenn die Zahlungen, die offenbar, ich muss ja zur\u00fcckhaltend sein, an Sozialdemokraten geleistet worden w\u00e4ren, die an konservative Politiker geleistet worden sind, h\u00e4tte das eine andere Rolle gespielt in den Bl\u00e4ttern, \u00fcber die wir hier geredet haben. Ich bin da ganz sicher, dass das so gewesen w\u00e4re, aber das bringt ja nichts, wir m\u00fcssen ja mit dem Umfeld umgehen, das es gibt und nicht das, das Sie sich w\u00fcnschen, und in insofern habe ich nicht zu denen geh\u00f6rt, die sozusagen gegreint haben deswegen. Ich wei\u00df das und ich stell mich darauf ein. Aber es ist nicht so, dass man sagen k\u00f6nnte, dass es eine Gleichbehandlung g\u00e4be, das, glaube ich, w\u00e4re wirklich besch\u00f6nend, wenn man das so sehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Ist es auch ein Reiz zu sagen, jetzt erst recht, auch wenn sozusagen \u201eViel Feind viel Ehr\u201c, nun k\u00e4mpfe ich erst richtig.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Man h\u00e4tte ja manchmal lieber weniger Feind und dann, wenn das ein Zusammenhang ist, der kausal ist, dann auch meinetwegen weniger Ehr. Es ist schon so, dass die, die glauben, mit einer bestimmten Qualit\u00e4t von Berichterstattung, die bis weit ins pers\u00f6nliche hineingeht, k\u00f6nnten sie sozusagen destabilisierende Wirkungen erzielen bei der Person, gar bei mir, die irren gr\u00fcndlich, das ist nicht zu machen. Das hat man nat\u00fcrlich auch gelernt in langen Jahren politischer Arbeit, so eine gewisse innere Stabilit\u00e4t gegen\u00fcber Angriffen, zumal auch dann, wenn man sie als nicht gerechtfertigt empfindet. Die braucht man schon, die muss vorhanden sein. Wenn die nicht vorhanden ist, sollte man sich besser nicht um \u00c4mter in dieser Qualit\u00e4t mit dem, was dranh\u00e4ngt an Beobachtung und auch an Kritik bewerben.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Hat eigentlich die Tatsache, dass Sie mit einer ehemaligen Kollegin von uns verheiratet sind, Ihr Bild vom Journalismus und Journalisten ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Oder nur von einer?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Also das ist, nee, das hat mein Bild nicht ver\u00e4ndert, glaub ich. Aber nat\u00fcrlich ist es hilfreich, wenn jemand, der 16 Jahre in ihrem Beruf gearbeitet hat, in unterschiedlichsten Bereichen der Kommunalpolitik, einer Regionalzeitung ebenso wie in Boulevard und Magazinjournalismus, wie Sie wissen. Dar\u00fcber redet man, das ist doch klar. Und das erschlie\u00dft einem auch neue Erkenntnisse und M\u00f6glichkeiten, das ist doch gar keine Frage.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Ist es denn so, dass die Politiker manchmal nicht selbst dran Schuld sind, wenn sie sich als Popstars gerieren in Wahlk\u00e4mpfen und sich dann wundern, dass pl\u00f6tzlich alles, was sie selbst machen &#8230;<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Das stimmt. Wer zul\u00e4sst &#8211; und ich bin auch nicht frei davon gewesen, muss man auch sagen, daraus habe ich gelernt &#8211; wer zul\u00e4sst, dass es Homestories gibt, wer zul\u00e4sst, dass Privatleben sozusagen feilgeboten wird zur Berichterstattung, der darf sich nicht beschweren, wenn das genutzt wird, das ist wahr. Aber wer genau hinschaut, der wird finden, dass es das bei uns nicht gibt, zu uns kommt niemand ins Haus, nicht weil keiner will, sondern weil wir keinen reinlassen. Und da ist wieder so ein Punkt. Diejenigen, die Journalisten sind und als G\u00e4ste eingeladen werden, die sind da als Freunde und nicht als Journalisten und halten sich auch daran. Da bin ich auch noch nie entt\u00e4uscht worden. Der Punkt ist richtig, aber genau umgekehrt muss gelten, wenn man das nicht tut, erwirbt man auch ein bestimmtes Recht, gesch\u00fctzt zu bleiben in dem Bereich. Ich w\u00fcrde sogar weiter gehen, was die Rechte der Presse angeht. Wer \u00f6ffentliche \u00c4mter ab einer gewissen Stufe bekleidet, der muss damit rechnen, dass nicht nur das, was er in seinem Berufstag tut, beobachtet wird, sondern nat\u00fcrlich auch sein Umfeld, das muss er akzeptieren. Aber je mehr die Berichterstattung weggeht von den beruflichen Dingen, also von den politischen Entscheidungen, desto sorgf\u00e4ltiger muss sie sein. Und ein Recht, L\u00fcgen zu verbreiten, das kann niemand f\u00fcr sich in Anspruch nehmen. Ich hoffe, dass das auch hier so gesehen wird, denn dann muss man sich mal fragen, was mit einem selber passiert, wenn solche erfundenen Geschichten, die das Pers\u00f6nliche betreffen und die ja dann nicht immer die eine Figur betreffen, sondern das ganze Umfeld, das sich \u00fcberhaupt nicht wehren kann, das famili\u00e4re Umfeld, ich glaube, das ist die Grenze, die muss eingehalten werden. Ist manchmal schwierig. Das hat auch ein bisschen was zu tun mit dem Beruf, mit dem was man Intus seines Berufes nennt, was heute gelegentlich weniger ernst genommen wird. Das sind meine Beobachtungen, also in der Vergangenheit, aber vielleicht kriegt man ja wieder was &#8230;<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: K\u00f6nnen Sie was mit dem Begriff \u201eHerdenjournalismus\u201c anfangen?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ja gut, das hat ja nun ein Journalist geschrieben oder ein Herausgeber, wenn ich das richtig sehe. Ich nehme an, dass er sich da auf Erfahrungen st\u00fctzt. Aber sagen wir mal so. Dass bestimmte Trends gesetzt werden, die man dann nachvollzieht, denen man dann die eine oder andere Arabeske hinzuf\u00fcgt, ich glaube das ist eine Beobachtung, die man nicht v\u00f6llig von der Hand weisen kann. Ob man das mit dem Begriff belegen sollte, das w\u00fcrde ich auch erst tun, wenn ich das Amt hinter mir h\u00e4tte. (Gel\u00e4chter)<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Wie gezielt setzen Sie denn Trends? Gibt es da richtige Strategien, dass man sagt, dieses wollen wir jetzt r\u00fcberbringen?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Es gibt die mehr oder minder gegl\u00fcckten Versuche einer politischen Entscheidung, zumal wenn sie wichtig ist, einen Kommunikationsprozess vorausgehen zu lassen und nat\u00fcrlich die Entscheidung, selber geeignet zu kommunizieren. Also nehmen Sie mal so eine Rede wie am 14.3. mit der Agenda 2010. Da kam es darauf an, deutlich zu machen, von diesem Zeitpunkt an \u00e4ndert sich was. Dann gibt es aber immer eine Gefahr. Wenn sich der Zeitpunkt zu sehr ins Auge fassen l\u00e4sst und dabei auch noch hilfreich ist, wird man leicht \u00fcberfordert mit dem<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Sie produzieren Entt\u00e4uschung.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ja, produzieren Entt\u00e4uschung, aber ich bin ja nicht Herrscher der Kommunikation allein. Ich kann Anlass setzen und dann geht das ganze ja los, ohne das ich das noch in der Hand h\u00e4tte. Aber das ist ja dann Ihre Geschichte, das ist die eine Gefahr und die andere Gefahr ist nat\u00fcrlich, dass etwas, was Sie tun und nicht tun wollen, nicht hinreichend wahrgenommen wird. Einmal Sie produzieren \u00dcberforderung mit einer Kommunikationsstrategie, wenn die ernst genommen wird und richtig dann noch weiter getrieben wird und das ist ja Sache von Journalisten. Und die andere Gefahr ist, es verpufft. Weil Sie eine solche Kommunikationsstrategie nicht hatten und im nachhinein, etwas, was nicht richtig zur Kenntnis genommen worden ist, zur Kenntnis zu bringen. Das ist ein sehr schwieriges St\u00fcck von Kommunikation, glaube ich \u00fcberhaupt, was es gibt, gelingt fast nie, es sei denn, Sie kriegen es hin, eine solche Entscheidung zum zweiten Mal zu dramatisieren, \u00fcber irgendwelche Personalquerelen, die damit verbunden w\u00e4ren, \u00fcber bestimmte andere Ereignisse, auf die man kommen k\u00f6nnte, aber das ist das schwierigste. Was vergessen ist, wieder vorzuholen, ist, glaube ich, der schwierigste Teil einer Kommunikationsstrategie. Leichter ist es, zu einem Punkt Aufmerksamkeit zu lenken, an dem Sie das wollen.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Sie haben gesagt, es muss eine Situation wirklich f\u00fcr alle ganz katastrophal sein, bevor sich in diesem Lande etwas \u00e4ndern l\u00e4sst, so sinngem\u00e4\u00df.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ja, sehr sinngem\u00e4\u00df.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Also ich habe das so verstanden.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Darf ich mal sagen, Herr Leinemann, genau das ist auch einer der Geschichten, \u00fcber die man mal reden muss (Gel\u00e4chter). Also da gibt es ein Zitat, das so, wie er es jetzt gesagt hat, nie gefallen ist. Wenn ich das unwidersprochen lie\u00dfe, dann w\u00e4re es eins.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Ich habe das aber nicht als Zitat gesagt.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Verstehen Sie, was ich damit ausdr\u00fccken will, ist Folgendes. Man sagt, was den Reformprozess in Deutschland angeht und das halte ich f\u00fcr richtig, wir sind unbeweglicher als wir sein d\u00fcrften, weil wir ein reiches Land und nicht ein armes Land sind. Wir sind, und das hat damit zu tun, dass die Menschen in einem reichen Land &#8211; nat\u00fcrlich abgestufte Formen von M\u00f6glichkeiten wirtschaftlicher Art da sind und das soll ja auch so bleiben -, dass dort viel mehr als in anderen L\u00e4ndern etwas zu verlieren haben. Und also jeder meint, das halte ich jetzt fest, was wir vielleicht zum ersten Mal in der deutschen Geschichte machen, Wohlstand dieser Art gibt, will jeder das, was erreicht worden ist, festhalten, muss man verstehen, muss nur das argumentieren, muss es nur behalten k\u00f6nnen, wenn du dich der Ver\u00e4nderung, die notwendig ist, nicht entgegenstellst. Das ist aber ein anderes Thema, bezogen ist hier drauf, ich hab das immer so gesagt, wie hier, so wie Sie\u2019s jetzt wiedergegeben haben, sehr verk\u00fcrzt, ich halte das f\u00fcr zul\u00e4ssig, habe ich sozusagen gesagt, es muss erst eine Katastrophe kommen, bevor wir Politik machen k\u00f6nnen. Das ist aber gar nicht meine Auffassung, \u00fcbrigens erst recht nicht meine Aufgabe.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Das war Strau\u00df. Das war Franz Josef Strau\u00df, der hat das so gemacht.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Aber es hei\u00dft doch, dass in solchen Momenten eine Presse hilfreich w\u00e4re die sagt, ja es ist Zeit f\u00fcr eine Reform.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Nein, nein, das geschieht ja auch. Und sagen wir mal, das, was dort an teilweise auch zu weitgehender Unterst\u00fctzung sehr abstrakt h\u00e4ufig ausgedr\u00fcckt worden ist und deswegen f\u00fcr die konkreten politischen Entscheidungen nicht immer hilfreich ist, ist aber generell nicht zu beklagen, weil eingefordert worden ist, von den Journalisten, also von einer der geliebten dieser Gesellschaft in \u00dcbereinstimmung<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Das gilt aber auch f\u00fcr Politiker.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Das gilt auch f\u00fcr Politiker, in der Tat. Und wenn dann so ein Ver\u00e4nderungsprozess eingefordert wird, ist dagegen nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil, das kann man als kommunikative Unterst\u00fctzung begreifen, wenn man es hinbekommt, das, was sozusagen dort so radikal ohne konkret zu sagen, wo und wer denn betroffen worden ist, eingefordert wird, wenn man es schafft, sozusagen, die konkreten Einscheidungen, die n\u00f6tig und m\u00f6glich und unter den Machtstrukturen dieser Republik durchsetzbar sind, in etwa in einem Kontext zu halten, mit dem, was abstrakt an Ver\u00e4nderung eingefordert wird, das ist ja dann die Kunst, die wir zu leisten haben. Das man das, was es an Stimmung f\u00fcr einen Ver\u00e4nderungsprozess gibt, auff\u00e4ngt in den konkreten Entscheidungen, hier in Agenda 2010, ohne dass der Ver\u00e4nderungswille, der abstrakt sichtbar geworden ist, Entt\u00e4uschung findet, in den konkreten Umsetzungen die man macht. Denn dann kriegt man wieder das Problem, dass man eine allgemeine Unterst\u00fctzung hat, aber an konkreten Dingen rumgen\u00f6rgelt wird.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Dazu w\u00e4re es nat\u00fcrlich sinnvoll, wenn man jeden Tag eine Regel abschafft und die der BILD-Zeitung exklusiv gibt, dass man immer dieses Echo hat.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Irgendwie, Herr J\u00fcrgs, m\u00fcssen Sie ein gebrochenes Verh\u00e4ltnis zur BILD-Zeitung haben.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Wir hatten, Herr Schr\u00f6der, um wieder ganz ernsthaft zu werden, davon gesprochen, dass nat\u00fcrlich fr\u00fcher es andere Tabu-Grenzen gab, dass manches einfach nicht berichtet worden ist, und zwar diese Symbiose von Journalisten und Politik, die sich gemeinsam an gewisse Grenzen hielt, die nicht \u00fcberschritten worden sind. Wann hat sich das eigentlich ge\u00e4ndert nach Ihrer Wahl?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ich glaube, das hat sich in Deutschland langsam ge\u00e4ndert. Ich erinnere an Berichterstattung, die ins Pers\u00f6nliche ging, die mich nicht betroffen hat, die ich aber am\u00fcsiert zur Kenntnis genommen habe seinerzeit. Da gab es die einen, die schon l\u00e4nger, meistens Boulevard-Presse &#8211; es ist auch schwieriger f\u00fcr die, was zu verschweigen, weil sie sehr stark von solchen Ereignissen nat\u00fcrlich auch leben, auch wirtschaftlich leben &#8211; da gab es die, die das berichteten und dann gab es die anderen, die schrieben Artikel, \u201ewas wir nie wieder lesen wollen\u201c. Und dann wurde die ganze Chose in dem Artikel berichtet, das war nur eine andere \u00dcberschrift, und das hat sich inzwischen bedauerlicherweise angeglichen, aber nicht in Richtung, was wir nie wieder lesen wollen, sondern in die andere Richtung. Das muss zu tun haben &#8211; aber das k\u00f6nnen Sie besser beurteilen als ich &#8211; mit der doch h\u00e4rter gewordenen Konkurrenz. Was mir jedenfalls riesige Sorgen macht, ist die wirtschaftliche Situation von Zeitungen, und zwar allen Zeitungen, unabh\u00e4ngig davon, ob mir die Leitartikel passen oder nicht. Ich denke, man wird in der n\u00e4chsten Zeit, wir haben ja in Deutschland eine Zeitungslandschaft, die so vielf\u00e4ltig ist, wie es sie in keinem europ\u00e4ischen und auch in keinem au\u00dfereurop\u00e4ischen Land gibt. Ich halte das f\u00fcr ein St\u00fcck Kultur in Deutschland, wir werden dr\u00fcber reden m\u00fcssen, wie kriegen wir hin, dass angesichts des Entzugs von Einnahmem\u00f6glichkeiten, etwa in der Werbung, die strukturellen Ver\u00e4nderungen von Anzeigen in Zeitungen und der Weg zum Internet sind sichtbar und werden wahrscheinlich vollst\u00e4ndig auch nie wieder sich \u00e4ndern und wir m\u00fcssen uns einfach dar\u00fcber unterhalten, welche politischen Rahmenbedingungen m\u00fcssen gesetzt werden, um das \u00dcberleben einer m\u00f6glichst vielf\u00e4ltigen Zeitungslandschaft, auch wirtschaftliches \u00dcberleben &#8211; daran m\u00fcssen auch Journalisten Interesse haben &#8211; zu erm\u00f6glichen. Ich hoffe, dass wir eine solche Diskussion, mit denen, die nicht nur Zeitung machen, also mit Ihnen, sondern auch mit denen, die sie verlegen, in Gang setzen. Wir sind jedenfalls dazu bereit. Wenn man sich mal die Schwierigkeiten in den Zeitungen unterschiedlichster Couleur anschaut, dann ist das ein strukturelles Problem. Es mag bei dem einen oder anderen Fall auch Missmanagement dazukommen, das kann man nicht bestreiten, soll man auch nicht, aber ich glaube die strukturellen Probleme \u00fcberwiegen und da m\u00fcssen wir dann ran, ohne dass wir Subventionst\u00f6pfe aufmachen k\u00f6nnten und wollten. Dass wollen ja auch diejenigen, die unabh\u00e4ngig bleiben, sicher nicht. Aber ich glaube, wir haben in Deutschland einen Nachholbedarf, was die Kl\u00e4rung dieser Frage angeht und ich hoffe, dass wir m\u00f6glichst bald, mit denen, die da verantwortlich sind, ins Gespr\u00e4ch kommen. Und so ein Gespr\u00e4ch sollte auch nicht zwischen Politik und Verlegern allein gef\u00fchrt werden, sondern es sollten die Journalisten genauso beteiligt sein. Ich habe jedenfalls ein gro\u00dfes Interesse daran, dass das m\u00f6glichst schnell in Gang kommt. Ich will jetzt keine weitergehenden Ank\u00fcndigungen machen, man wird auch \u00fcberpr\u00fcfen m\u00fcssen, ob die spezifischen Rechtsvorschriften, die wir zum Schutze einzelner Titel gemacht haben, der gewandelten Wirklichkeit, was die wirtschaftlichen Fragen angeht, noch standhalten. Ich hab da meine Zweifel, aber wie gesagt, dass w\u00e4re zu kl\u00e4ren im Rahmen einer solchen Diskussion, zu der wir einladen werden.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Haben wir jetzt so Undercover \u00fcber die Situation in Berlin geredet?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Nein, \u00fcberhaupt nicht. Das w\u00e4re auch wirklich t\u00f6richt, wenn ich dar\u00fcber redete. Dass ist einer jener F\u00e4lle, wo es eine politische Richtlinienkompetenz nicht gibt und von daher ich auch aus guten Gr\u00fcnden nicht dar\u00fcber reden muss und auch nicht darf. Denn Entscheidungen, die beantragt sind, sind Entscheidungen des Wirtschaftsministers als Beh\u00f6rde und nicht Entscheidungen etwa, die im Kabinett zu er\u00f6rtern oder zu treffen w\u00e4ren oder wo ich eine Richtlinienkompetenz in Anspruch nehmen k\u00f6nnte. T\u00e4te ich das, w\u00fcrde ich den Anw\u00e4lten auf allen Seiten wunderbare Munition liefern. Deswegen haben wir heute \u00fcber alles geredet, nur dar\u00fcber nicht.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Sehen Sie eigentlich eine \u00e4hnlich Besorgnis erregende Entwicklung auf dem Fernsehmarkt?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Nein, dass kann ich nicht finden. Ich denke, dass wir in Deutschland ganz gut dran sind mit der Tatsache, dass wir zwei \u00f6ffentlich-rechtliche Programme haben. Ich \u00fcberschaue nicht die betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten dort, ich will jetzt keine Geb\u00fchrendebatten f\u00fchren oder so, daf\u00fcr bin ich auch v\u00f6llig ungeeignet, weil ich \u00fcberhaupt nicht zust\u00e4ndig f\u00fcr den ganzen Bereich bin, aber ich finde die Situation ist ganz gl\u00fccklich. Und dann gibt\u2019s zwei private Programme, die sind zufrieden. Dem einen geht\u2019s ja wirklich gut, wenn ich die Zahlen zur Kenntnis nehme. Also RTL, denen geht\u2019s ja gl\u00e4nzend. Das zeigt, dass neben dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen in zwei Programmen Privates \u00fcber Werbung finanziert m\u00f6glich und erfolgreich sein kann und meine Hoffnung ist, dass die andere sog. Senderfamilie unter den neuen Eignern \u00e4hnlich erfolgreich ist . Prinzipiell muss das m\u00f6glich sein. Ich glaube auch nicht, dass diese Art von Wettbewerb dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Bereich schadet. Im Gegenteil.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Gehen wir mal zur\u00fcck zu Macht und Medien. Was glauben Sie eigentlich, welche Macht Medienm\u00e4chtige haben. Nat\u00fcrlich eine verlierende, weil Chefredakteure fliegen etwa so raus wie Bundesliga-Trainer oder verlieren ihr Amt wie Politiker. Welche Macht haben die? Wo ist die Macht f\u00fcr Sie so sp\u00fcrbar, dass Sie praktisch sagen, bei allem was ich glaube, machen zu m\u00fcssen, ich glaube, ich muss das und das \u00e4ndern, weil die sind zu starr. Gibt es da konkrete Beispiele?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Also das mag es geben, dass, wenn man bestimmte Widerst\u00e4nde, die aufgebaut werden, sich so anschaut, dass man unterbewusst darauf reagiert. Aber ich w\u00fcrde keinem raten, eine Entscheidung zu korrigieren, die er innerlich f\u00fcr richtig h\u00e4lt zu korrigieren, nur weil sie uno sono oder in Berlin auf ein schlechtes Echo trifft. Wenn das angefangen wird, dass man sagt, also da macht einer eine Mut- oder Wutkampagne, was auch immer gerade da ist, und man sagt, oh, dass kann aber schief gehen und da streich ich die Segel, das macht keinen Sinn, es sei denn, man kommt durch einen \u00f6ffentlichen Diskurs zu der Auffassung, die Entscheidung, die man getroffen hat, ist deswegen zu korrigieren, weil sie falsch ist, also das muss m\u00f6glich sein. Aber dann ist es nicht ein Ergebnis einer Kampagne, sondern Ergebnis eines Prozesses des Nachdenkens in einem \u00f6ffentlichen Diskurs und das hat dann was mit diesem Begriff zu tun, der so ein bisschen h\u00f6hnisch wie zynisch benutzt wurde, den der Nachbesserung. Ich selber glaube ja, dass man noch sehen wird, dass Gesetze, die zu tun haben mir der Reaktion von Politik auf eine sich rasant ver\u00e4ndernde \u00f6konomische Basis unserer Gesellschaft, dass solche Gesetze k\u00fcrzere Lebensdauer haben und haben m\u00fcssen, als das in der Vergangenheit der Fall war. Insofern glaube ich \u00fcbrigens auch, dass dieser Prozess, dass Politik sehr viel mehr Prozesscharakter auch sichtbar haben wird in Zukunft als jemals zuvor. Denn wenn die Zyklen an der \u00f6konomischen Basis einer Gesellschaft Produktzyklen, Entwicklungszyklen, sich sehr viel schneller ver\u00e4ndern als je zuvor in unserer Geschichte und das eher zunehmen als abnehmen wird, dann besteht die Aufgabe, die politischen Subsysteme entlang dieser Ver\u00e4nderung jedenfalls zu \u00fcberpr\u00fcfen, permanent. Und dann kann es sein, muss nicht sein, aber dann kann es sein, dass die Anpassungsvorg\u00e4nge auch schneller ablaufen m\u00fcssen, als das je zuvor notwendig gewesen ist. Und dann wird man nat\u00fcrlich mehr und mehr Gesetze machen mit Verfallsfristen, weil man sie einfach auslaufen lassen muss, wenn sie diese Funktion nicht mehr haben oder die Nachbesserung von Gesetzen kriegt dann eine neue und dann positive Qualit\u00e4t, weil das objektiv notwendig ist, nicht nachzubessern, aber auf immer rascher eintretende neue Konstellationen zu reagieren.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Das w\u00fcrde aber bedeuten, dass Sie unentwegt t\u00e4tig sein m\u00fcssten, um Aufkl\u00e4rung in diese Richtung zu leisten.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ja, das bedeutet zun\u00e4chst einmal, dass es die Sicherheiten, die man fr\u00fcher als selbstverst\u00e4ndlich angesehen hat, \u00fcber Jahre und Jahrzehnte, dass es die nicht mehr gibt. Das ist ja auch das Problem, das wir gegenw\u00e4rtig haben, dass die Menschen in Deutschland sp\u00fcren, die Gewissheiten kommen ins Wanken und man sp\u00fcrt, dass sich was ver\u00e4ndern muss. Man will sich auf der anderen Seite auf den Prozess der Ver\u00e4nderung deshalb nicht einlassen, weil man genau nicht wei\u00df, ob es besser oder schlechter wird, und das was gut ist, gern festhalten m\u00f6chte. Insofern, Herr Leinemann, ist dieser Prozess der Ver\u00e4nderung in der Tat dauerhafter und damit der Prozess der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Also mir scheint im Augenblick ja eine Hauptschwierigkeit auch im Umgang zwischen Medien und Politik darin zu bestehen, dass die Wahrnehmungen der Wirklichkeit ganz weit auseinandergehen, dass die Medien in allen Medien eigentlich ist es immer f\u00fcnf vor zw\u00f6lf. Bei ihnen ist es zwar schlimm, aber das kriegen die schon hin. Und bei den Leuten ist die Tatsache, dass sich \u00fcberhaupt was bewegt, schon Besorgnis erregend. Und zwischen diesen drei Ebenen &#8211; alle reagieren auf ihrer Ebene &#8211; kommt es immer mehr zur Diskrepanz.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Das w\u00fcrde ich als zutreffende Beschreibung ansehen. Aber die Frage ist ja, man kann ja nicht bei der Beschreibung stehen bleiben. Es ist richtig, was Sie kritisieren, dass in der Berichterstattung all zu sehr dramatisiert wird. Das ist nat\u00fcrlich auch eine, wie soll ich sagen, Zuspitzung, ist Teil des Berufes denke ich, w\u00e4hrend bei uns Zuspitzung gelegentlich Teil des Berufes ist, aber nat\u00fcrlich nicht immer, das ist auch ein St\u00fcck Vertrauen und Hoffnung in die L\u00f6sbarkeit von Problemen deutlich werden lassen. Und sie sind ja auch l\u00f6sbar, und das Dritte ist, ich glaube, es gibt die Menschen, die Informationen bekommen und denen Sie bei der Verarbeitung helfen, wissen schon genauer zu unterscheiden, sonst w\u00fcrden ja alle Kampagnen \u201eerfolgreich\u201c sein. Sie sind es ja nicht, insofern gibt es schon ein Differenzierungsgebot. Aber das Grundproblem ist in der Tat, dass wir zumal in Deutschland die Neigung haben, eine Ver\u00e4nderung nicht nachdr\u00fccklich und klar einzufordern, sondern sie zu verbinden mit einer Weltuntergangsstimmung und da finde ich im Moment die Kritik an dieser Kritik berechtigt. Das war sehr hilfreich, dass mal gesagt worden ist, verdammt noch mal, in welchem Land leben wir eigentlich. Wir beklagen Wachstumsraten zu Recht, wir beklagen hohe Arbeitslosigkeit noch mehr zu Recht. Aber verglichen mit dem, was dem zugrunde liegt, z. B. dass wir seit zw\u00f6lf Jahren, ohne zu murren vier Prozent unseren Bruttoinlandproduktes von West nach Ost transferieren, dabei parallel ein Viertel des europ\u00e4ischen Haushaltes zu finanzieren, ohne dass die deutsche Wirtschaft auf den M\u00e4rkten der Welt etwa Terrain verloren h\u00e4tte, im Gegenteil, alle haben ja damit gerechnet, dass das der Fall sein w\u00fcrde. Das Gegenteil ist eingetreten, das zeigt eine ungeheure Kraft, und gelegentlich w\u00e4re es nat\u00fcrlich hilfreich, wenn in der Kritik auf diese Kraft hingewiesen w\u00fcrde. Dann kann man ja immer noch sagen, das habt ihr nicht schnell genug und nicht entschieden genug gemacht. Also dieses Wechselspiel zwischen der Vermittlung, L\u00f6sbarkeit der Probleme und der Beschreibung der Probleme, das klappt noch nicht so bei uns.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: H\u00e4tten Sie manchmal Lust, die Ma\u00dfst\u00e4be, die Journalisten, also wir, anlegen, an Politiker umgekehrt anzulegen?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ja, das werde ich machen, wenn ich, ja wann, kann ich Ihnen ja nicht sagen (Gel\u00e4chter), das werde ich machen, wenn ich aufgeh\u00f6rt habe, aktiv politisch zu arbeiten und dann so mit gro\u00dfer Freude.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Eine ganz pers\u00f6nliche Frage zum Schluss. Sie wirkten auf mich in manchen Monaten der letzten Zeit ausgebrannt. Nun habe ich nicht erst seit 14. M\u00e4rz, seit der Agenda 2010, das Gef\u00fchl von Lust auf K\u00e4mpfen. Kann es also sein, dass Sie entweder sagen, ich ziehe die Karre nun aus dem Dreck und Ihr macht mit oder wenn Ihr nicht mit macht, mach ich mir einen sch\u00f6nen Sommer und bin weg.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Das ist eine sch\u00f6ne Fangfrage.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: So war das gedacht.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Also erstens, was hei\u00dft ausgebrannt? Das Problem des letzten Wahlkampfes war, dass er in einer Weise personalisiert worden ist, und zwar mit allen Konsequenzen, wie wahrscheinlich nie einer zuvor.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Und zwar auch von Ihnen.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ja klar, was sollte ich aber auch machen? (Gel\u00e4chter) Ich will das begr\u00fcnden. Wir hatten, und entgegen dem, was ich gelegentlich gelesen habe, wir hatten diese Wahl auf der Ebene der Parteienkonkurrenz faktisch verloren. So. Und wir haben sie dann auf der Ebene der Personenkonkurrenz gewonnen. Das war allerdings seit April, Mai im letzten Jahr ziemlich klar, dass man das auf der Ebene der Parteienkonkurrenz nur noch schwer w\u00fcrde drehen k\u00f6nnen. Aber auf der Ebene der Personenkonkurrenz schon. Und so ist es uns sehr h\u00e4ufig ergangen. Was bedeutet das? Das bedeutet nat\u00fcrlich, dass Sie nicht nur sich qu\u00e4len m\u00fcssen wie selten zuvor, dass m\u00fcssen Sie in jedem Wahlkampf, dass Sie nicht nur im Fokus eine erh\u00f6hte Aufmerksamkeit als Person haben. Aber wer genau hinkuckt, der wird mitbekommen haben, dass die ganze Zeit \u00fcber auch die Dinge begangen wurden, gegen die ich mich dann zu wehren hatte. Aus den Gr\u00fcnden, die ich Ihnen eingangs genannt habe. Das war eine neue Qualit\u00e4t, die sehr bewusst gesetzt worden ist, um auf der Ebene der Personenkonkurrenz eben nicht verlieren zu m\u00fcssen. Das war schon sehr politisch gemacht und sehr infam. Dass kann man gar nicht bestreiten. Und dann kam etwas hinzu, was so fr\u00fcher auch nicht da war, es wurde immer auf meinen Zylinder gekuckt, den ich gar nicht habe.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Aber das ist kein Mittel.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Das war auch nie so personalisiert. Ich habe immer verzweifelt nach Zylinder und Kaninchen gesucht.<\/p>\n<p><strong>Leinemann<\/strong>: Sie haben zu oft Hokuspokus gesagt (Gel\u00e4chter).<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Wir reden ja \u00fcber die Frage, wenn Sie so einen Wahlkampf hinter sich haben, dann m\u00f6chte ich den mal sehen, der nicht &#8211; ausgebrannt ist das falsche Wort &#8211; aber der nicht auch ersch\u00f6pft ist. Ist doch klar, wir sind doch auch keine Leute, die solchen ganz normalen Abnutzungserscheinungen nicht erl\u00e4gen. Und dann war eigentlich der Rat, der mir da immer \u00f6ffentlich gegeben wurde, machen Sie doch erst einmal zwei Wochen Urlaub statt Koalitionsgespr\u00e4che, eigentlich ein richtiger Rat, im nachhinein ein ganz richtiger. Denn ich behaupte, wenn ich zwei Wochen weggewesen w\u00e4re, w\u00e4re das auch nicht schlechter geworden als die Koalitionsgespr\u00e4che abgelaufen sind. Aber das wusste ich nat\u00fcrlich nicht, also konnte ich das auch nicht machen, gleichzeitig gab es, das k\u00f6nnen Sie nicht \u00fcbersehen, diese sehr spannungsreiche internationale Situation, wo das Festhalten an einer bestimmten Position auch Kraft kostet, auch sehr sehr stark pers\u00f6nlich. Das hat sicher dazu beigetragen, dass bei dem einen oder anderen so ein Eindruck entstehen konnte, die Sache war nicht richtig, was mich pers\u00f6nlich angeht, aber richtig bleibt nat\u00fcrlich, dass der alte sch\u00f6ne Satz \u201eViel Feind viel Ehr\u201c schon eine Herausforderung im Grunde formuliert. Eine Herausforderung, die dazu f\u00fchrt, dass man sagt, das wollen wir doch mal sehen.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgs<\/strong>: Also doch noch einmal zugespitzt, Karren aus dem Dreck ziehen gemeinsam oder macht Euren Dreck alleine, ich bleib dabei bei der Frage.<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Und ich bleib dabei, dass alles richtig war, was ich bisher geantwortet habe.<\/p>\n<p><strong> Ende der Podiumsdiskussion <\/strong><\/p>\n<p>Ein Reporter vom NDR (X) fragt den Bundeskanzler im Anschluss der Podimsdiskussion:<\/p>\n<p><strong>X:<\/strong> Herr Bundeskanzler, ein Heimspiel beim Norddeutschen Rundfunk, wie fanden Sie denn die Veranstaltung?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Ich fand sie munter, und was die beiden Moderatoren angeht, auch auf den Punkt hin gefragt, ich hoffe, Sie waren mit den Antworten einigerma\u00dfen zufrieden.<\/p>\n<p><strong>X:<\/strong> Wie kann es passieren, dass Journalisten wie in diesen schwierigen Zeiten sich beschr\u00e4nken auf das Thema Kanzler und Medien und nicht das diskutieren, was die Bev\u00f6lkerung interessiert?<\/p>\n<p><strong>Schr\u00f6der<\/strong>: Also ich denke, dass war eine lange vorbereitete Debatte \u00fcber ein bestimmtes Thema, das muss m\u00f6glich sein. Die gleichen Journalisten fragen ja jeden Tag zu aktuellen Themen. Und ich glaube, wir kommen auch, so weit es geht, dem Informationsbed\u00fcrfnis nach, so dass sich jeder, wie das ja sein soll, \u00fcber Journalismus, aber auch \u00fcber Politik ein eigenes Bild machen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>24. Mai 2003 beim Jahrestreffen des Netzwerk Recherche im NDR-Konferenzzentrum in Hamburg Podiumsteilnehmer: Gerhard Schr\u00f6der, Bundeskanzler J\u00fcrgen Leinemann, Der Spiegel Michael J\u00fcrgs, Ex-Stern-Chefredakteur Leinemann: Herr Bundeskanzler, lassen Sie uns gleich anfangen, Sie hei\u00dfen allgemein der Medienkanzler. Was sagt Ihnen dieser Begriff und was glauben Sie, was die, die Sie so nennen, damit verbinden? 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