{"id":2654,"date":"2004-06-05T15:31:43","date_gmt":"2004-06-05T13:31:43","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=2654"},"modified":"2014-10-20T15:38:57","modified_gmt":"2014-10-20T13:38:57","slug":"grusswort-von-maria-von-welser-2004","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/grusswort-von-maria-von-welser-2004\/","title":{"rendered":"Gru\u00dfwort von Maria von Welser (2004)"},"content":{"rendered":"<h2>Gru\u00dfwort\u00a0 \u2013 von Maria von Welser<\/h2>\n<p><strong>Dieses Gru\u00dfwort hielt\u00a0Maria von Welser, NDR-Landesfunkhausdirektorin, auf der Jahrestagung des netzwerks recherche am 05.06.2004 im NDR-Konferenzzentrum in Hamburg:<\/strong><\/p>\n<div class=\"section\">Meine Damen, meine Herren, liebe Kolleginnen,<br \/>\nliebe Kollegen&#8230;ich m\u00f6chte Sie sehr herzlich hier im Fernsehzentrum des NDR in Hamburg Lokstedt zu Ihrem Jahrestreffen im Namen des gastgebenden NDR begr\u00fcssen. Unser Intendant w\u00e4re gerne bei uns, es ist etwas dringendes dazwischen gekommen. So widerf\u00e4hrt mit die Ehre&#8230;.<\/p>\n<p>Wenn Sie sich seit gestern in dieser enormen Zahl hier im Norden der Republik einfinden, um sich dem Luxusgut Recherche zu n\u00e4hern. Denn sind wir auch ein wenig Stolz, hier beim NDR. Denn Sie w\u00e4ren nicht hier, w\u00fcrden Sie nicht zu recht vermuten, dass Recherche und klassisch guter Journalismus auch hier zuhause sind.<\/p>\n<p>Dass dies aber Ihrer aller Thema ist, liegt sicher auch an der schwierigen wirtschaftlichen Situation bei den Print-Medien und in den privaten Sendern. Kann man sich die Wahrheit noch leisten? Lange genug recherchieren, richtig men- oder womenpower einsetzen, den Dingen und Sachverhalten auf die Spur zu kommen?<\/p>\n<p>Kein ganz neues Thema, hat doch der im vergangenen Jahr verstorbene und oft zitierte Neil Postman beim Thema Wahrheit schon einiges pessimistische zur Papier gebracht:<\/p>\n<p>\u201eDas Fernsehen, so schreibt er, ver\u00e4ndert die Bedeutung von Informiertsein, indem es eine neue Spielart von Information hervorbringt, die man richtiger als Desinformation bezeichnen sollte. Desinformation aber bedeutet irref\u00fchrende Information- unangebrachte, irrelevante, bruchst\u00fcckhafte oder oberfl\u00e4chliche Information, die vort\u00e4uscht, man wisse etwas w\u00e4hrend sie einen in Wirklichkeit vom Wissen weglockt.<br \/>\nNeil Postman kommt zu dem Schluss:\u201e ich will damit sagen, dass dies, wenn die Nachrichten als Unterhaltung pr\u00e4sentiert werden, das unvermeidliche Ergebnis ist&#8230;.\u201e<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde bedeuten, dass sich zwischen Fernsehen und so etwas wie Wahrheit kaum noch eine Br\u00fccke bauen l\u00e4sst. Was wir hier alle vehement verneinen w\u00fcrden, das sehe ich doch richtig.? Aber: nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir uns nicht erst seit dem Debakel bei der BBC nach dem Irakkrieg und dem Selbstmord des Waffenkontrolleurs Kelly fragen: wie halten wir es wirklich mit der Wahrheit? Denn die Aff\u00e4re in Gro\u00dfbritannien wurde ausgel\u00f6st durch einen nicht in jeder Hinsicht wahrhaftigen Bericht eines Reporters. Wie es ausging wissen Sie: der Reporter musste gehen, die BBC-Spitze auch, ein Lord leitete einen Untersuchungsausschuss zur Frage: ob hier ein Parlamentsbericht aufgebl\u00e4ht worden sei, to sexy it up, hei\u00dft es seitdem, wenn an der Wahrheit vorbei geschrieben wird. Und der Premierminister Tony Blair kam mit mehr als einem blauen Auge, nein mit einem fast wei\u00dfen Hemd davon.<\/p>\n<p>Was verf\u00fchrt einen Journalisten, eine Journalistin, nicht die Wahrheit zu schreiben, zu sagen, zu zeigen? Drei Gr\u00fcnde k\u00f6nnen es sein:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Medien wollen die Wahrheit nicht zeigen, weil die Realit\u00e4t ihnen zu grausam, zu brutal erscheint, weil die Bilder zu furchtbar sind.<\/li>\n<li>Die Medien k\u00f6nnen die Wahrheit nicht zeigen, weil sie die Wahrheit nicht kennen- oder aber gezielt get\u00e4uscht werden.<\/li>\n<li>Oder die Medien zeigen die Wahrheit nicht, obwohl sie es gekonnt h\u00e4tten&#8230;.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Was sind die Gr\u00fcnde, wenn die Wahrheit zuerst stirbt? Einen Satz , den wir immer zu Beginn von Kriegen und Krisen besonders oft lesen und h\u00f6ren.<\/p>\n<ul>\n<li>Das Problem ist da zum Beispiel mangelndes handwerkliches K\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Oder: fehlender Mut oder der klare Wille, die Unwahrheit zu beschreiben, auch das sollten wir hier nicht au\u00dfen vor lassen<\/li>\n<li>Oder: mangelnde Recherche, und darum geht es Ihnen, meine Damen und Herren, heute vor allem.<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u00dcber die wirtschaftlich schwierigen Zeiten berichten, schreiben Sie, wir alle fast t\u00e4glich. Wir m\u00fcssen allesamt sparen. Aber: Recherche kostet Geld. Und Zeit. Arbeitszeit von Journalistinnen und Journalisten. Die Anzeigenerl\u00f6se sinken dramatisch, es wir immer mehr gespart. Dies zeitigt Folgen. F\u00fcr die \u201eWahrhaftigkeit\u201e.<br \/>\nIch spreche hier jetzt \u00fcber Tendenzen, nicht \u00fcber schwarz und wei\u00df sondern \u00fcber eine Grauzone.<\/p>\n<ol>\n<li>Interviews sind billiger zu produzieren, als aufw\u00e4ndige Beitr\u00e4ge. Sie kosten oft nur einen Telefonanruf. Bei chronisch unterfinanzierten Programmen also eine beliebte Art Programm zu machen. Diese O-T\u00f6ne f\u00fcllen dann auch leicht die Nachrichten. Die Pr\u00fcfung ihrer Relevanz allerdings bleibt h\u00e4ufig aus. Die Folge sind Worth\u00fclsen, gestanzte Sprache und Debatten in ausgetretenen Pfaden. Vom wahrhaftigen Bild der Realit\u00e4t weit entfernt. Interviews sind schnell verf\u00fcgbar, und leichter finanzierbar.<\/li>\n<li>Einige wenige Medien, die sich Recherche leisten k\u00f6nnen, dominieren die Themen in unserem Land. Andere, aus Mangel an selbst recherchierten Themen , springen auf. Ganze Kampagnen durchziehen das Land. Ich erinnere nur an die Flugmeilenaff\u00e4re. Dann die Debatte um die Beratervertr\u00e4ge der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit, und nicht nur dort. Die Beratervertr\u00e4ge des Leo Kirch haben es bisher dagegen kaum \u00fcber Spiegel und Panorama hinaus geschafft. Da fehlt wohl an einigen Stellen der Mut, oder der Wille den Finger drauf zu legen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Dabei geht es nicht um das Versagen einzelner Journalistinnen und Journalisten. Wir wissen, dass sie stark abh\u00e4ngen von den sozialen Bezugsrahmen ihrer Redaktionen und den Erwartungen ihrer Arbeitgeber. In der Krise sp\u00fcrt man das dann ganz besonders. Wahrhaftigkeit ist damit nicht nur eine Frage individueller Moral. Wahrhaftigkeit ist auch eine Frage der Qualit\u00e4t diese Systems. Das bedeutet: ein Mediensystem muss sich Wahrhaftigkeit leisten.Wenn Neil Postman sagt: das Fernsehen f\u00f6rdere die Desinformation, dann erscheint dies in der aktuellen Krise in einem noch anderen Licht. Zeitungen entlassen zu Hunderten Journalisten, in vielen Landkreisen berichtet nur noch eine einzige Zeitung, ein Monopol &#8211; und die Bundesregierung denkt \u00fcber eine Reform der Pressefusionsgesetze nach &#8212; die, so f\u00fcrchten viele, weitere Konzentrationen nach sich ziehen k\u00f6nnte.<br \/>\nIn solchen Zeiten ist es sicher nicht schlecht, wenn Magazine wie Panorama, Monitor oder Report heute mehr denn je zur \u201eWahrheitsfindung\u201e beitragen. Krisensicherer Journalismus muss also einen hohen Stellenwert besitzen in einer funktionierenden Demokratie.<\/p>\n<p>Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, meine Damen und Herren.<br \/>\nWenn sich ein Mediensystem \u201eWahrhaftigkeit\u201e leisten muss, dann hat dies nat\u00fcrlich auch etwas mit Finanzierung zu tun. In unserem Fall bei den \u00f6ffentlich-rechtlichen mit der Rundfunkgeb\u00fchr. Sie ist eben auch ein Garant f\u00fcr krisensicheren Journalismus, eine Qualit\u00e4tssicherung f\u00fcr das gesamte System.<\/p>\n<p>Lassen sie mich nochmals auf die Vorg\u00e4nge um die britische BBC zur\u00fcckkommen. Die \u00fcbrigens Vorbild war f\u00fcr den Aufbau des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland, ganz besonders hier im Norden bei der Gr\u00fcndung von \u201eRadio Hamburg\u201e und sp\u00e4ter des NWDR.<\/p>\n<p>Die Kelly-Aff\u00e4re ist auch durch handwerkliche Fehler des BBC-Journalisten Andrew Gilligan verursacht worden. Am Ende hat jedoch sogar der Generaldirektor Greg Dyke seinen Hut nehmen m\u00fcssen. Ihm waren weniger die Fehler seines Mitarbeiters vorgeworfen worden, sondern vor allem mangelnde Aufarbeitung nach der Eskalation des Skandals und Kellys Selbstmord.<br \/>\nSeinen R\u00fccktritt aber nur auf diese Fragen allein zu reduzieren ist nicht die Wahrheit. Es ging und geht immer um mehr \u2013 um politischen Druck und um Abh\u00e4ngigkeiten. Aber es ging und geht auch um die Glaubw\u00fcrdigkeit der BBC. Obwohl bis zum heutigen Tage die meisten Briten vor allem Tony Blair misstrauen und nicht der guten Tante Auntie The Beep&#8230;..<\/p>\n<p>Ich denke, wir sind uns alle einig: Glaubw\u00fcrdigkeit und Unabh\u00e4ngigkeit sind zentrale Unternehmenswerte f\u00fcr ein Medienhaus. Wir sehen das jedenfalls so f\u00fcr den NDR und f\u00fcr die \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland.<\/p>\n<p>Wenn es nach den Umfragen geht, dann steht das ERSTE bei den B\u00fcrgern in diesem Lande auf Platz eins, in Punkto Glaubw\u00fcrdigkeit. Und Wahrhaftigkeit.<\/p>\n<p>Wir alle, davon bin ich \u00fcberzeugt, f\u00fchlen uns diesen Werten verpflichtet. Ich w\u00fcnsche Ihnen spannende Diskussionen und Gespr\u00e4che.<br \/>\nVielen Dank.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gru\u00dfwort\u00a0 \u2013 von Maria von Welser Dieses Gru\u00dfwort hielt\u00a0Maria von Welser, NDR-Landesfunkhausdirektorin, auf der Jahrestagung des netzwerks recherche am 05.06.2004 im NDR-Konferenzzentrum in Hamburg: Meine Damen, meine Herren, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen&#8230;ich m\u00f6chte Sie sehr herzlich hier im Fernsehzentrum des NDR in Hamburg Lokstedt zu Ihrem Jahrestreffen im Namen des gastgebenden NDR begr\u00fcssen. Unser Intendant [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[31],"tags":[],"class_list":["post-2654","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jahreskonferenz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2654","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2654"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2654\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2655,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2654\/revisions\/2655"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2654"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2654"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2654"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}