{"id":2658,"date":"2004-06-05T15:45:46","date_gmt":"2004-06-05T13:45:46","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=2658"},"modified":"2014-10-20T15:48:09","modified_gmt":"2014-10-20T13:48:09","slug":"rede-von-erwin-bixler-2004","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/rede-von-erwin-bixler-2004\/","title":{"rendered":"Rede von Erwin Bixler (2004)"},"content":{"rendered":"<h2>Rede\u00a0 \u2013 von <strong><strong>Erwin Bixler<\/strong><\/strong><\/h2>\n<p><strong>Rede<strong> von Erwin Bixler<\/strong> beim Jahrestreffen des Netzwerk Recherche am 05.06.2004 im NDR-Konferenzzentrum in Hamburg<\/strong><\/p>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>einer der heute stattfindenden Workshops wird das Thema &#8220;Whistleblower \u2013 Quellen ohne Schutz&#8221; bearbeiten. Deshalb wurde ich eingeladen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr danke ich dem &#8220;Netzwerk Recherche&#8221; ganz herzlich. Seiner Bitte, Ihnen \u00fcber meine Entwicklung zum so genannten Whistleblower und meine einschl\u00e4gigen Erfahrungen zu berichten, werde ich w\u00e4hrend der n\u00e4chsten Minuten gerne nachkommen.<\/p>\n<p><strong>Gestatten Sie mir einige Bemerkungen zur Vorgeschichte<\/strong>:<\/p>\n<p>Seit 1986 arbeitete ich in verschiedenen Funktionen in der Abteilung Arbeitsvermittlung eines Arbeitsamtes. Dabei bekam ich mit, wie das Geld der Beitrags- und Steuerzahler auch f\u00fcr viele unsinnige Aktivit\u00e4ten ausgegeben wurde: marktferne Umschulungen und Fortbildungen, ineffektive Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen und dergleichen. An die Stelle von echten Erfolgen traten zunehmend mehr oder weniger systematisch gesch\u00f6nte Statistiken.<br \/>\nAnfang der 90er Jahre war ich es Leid geworden, meinen Lebensunterhalt \u00fcberwiegend durch das Mitwirken am Bau und bei der Pflege der &gt;Potemkinschen D\u00f6rfer&lt; der Bundesanstalt f\u00fcr Arbeit und durch das weitgehend wirkungslose Ausgeben uns anvertrauten Geldes bestreiten zu sollen. Ich wollte mein Gehalt f\u00fcr eine sinnvolle Arbeit erhalten.<\/p>\n<p>Damals verfasste ich gemeinsam mit einem damaligen Vorgesetzten f\u00fcr eine Fachzeitschrift einen Artikel \u00fcber die Probleme der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung.<\/p>\n<p>Ich war schon so weit, mich damit abzufinden, dass das Schreiben von Artikeln und Leserbriefen zwar das eigene Gewissen zeitweise zu beruhigen vermag, aber ansonsten gar nichts bringt. Da bot sich mir 1997 <em>die<\/em> Chance, mein Anliegen intensiver verfolgen zu k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>Der Gesetzgeber hatte der Bundesanstalt nach bald 50 Jahren ihres Bestehens eine Innenrevision verordnet. Aus meiner F\u00fchrungsposition in einem Arbeitsamt bewarb ich mich als Pr\u00fcfer in der gerade im Aufbau befindlichen Innenrevision der BA, obwohl das f\u00fcr mich finanzielle Einbu\u00dfen und wesentlich l\u00e4ngere Fahrtzeiten bedeutete.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr <em>durfte<\/em> ich fortan von Amts wegen tun, was ich bis dato gewisserma\u00dfen nebenbei getan hatte: recherchieren, analysieren, bewerten, Verbesserungen vorschlagen \u2026 Aber vor allem musste &#8211; und <em>durfte<\/em> &#8211; ich meinen Vorgesetzten jetzt <em>ganz offiziell<\/em> berichten, was wir von der Innenrevision bei unseren sehr gr\u00fcndlichen Recherchen vorgefunden und entdeckt hatten.<\/p>\n<p>Aber auch diese ganz offizielle Kritik wurde systematisch ignoriert. (Dasselbe Schicksal erlitt \u00fcbrigens ein &#8220;<strong>Panorama&#8221;-Bericht<\/strong>, der im September 98 gesendet wurde. Dieser Beitrag besch\u00e4ftigte sich \u2013 v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von meinen unmittelbar zuvor durchgef\u00fchrten Untersuchungen \u2013 ebenfalls mit der Erzeugung &gt;virtueller Arbeitsvermittlungen&lt;. &#8211; Als es allerdings gut zwei Jahre sp\u00e4ter darum ging, bestimmte Leute von der Substanz meiner Vorhaltungen zu \u00fcberzeugen, sollte sich dieser &#8220;Panorama&#8221;-Bericht doch noch als sehr hilfreich erweisen. Deshalb an dieser Stelle: Herzlichen Dank an die Redaktion von &#8220;Panorama&#8221;!)<\/p>\n<p>Nachdem die oberste Anstaltsleitung meine Berichte &#8220;so nicht&#8221; hinnehmen wollte, war ich zeitweise gewillt, diesen aussichtslos erscheinenden Kampf aufgeben.<br \/>\nAls es mir dann aber doch wieder zu bunt wurde, raffte ich mich noch mal auf: Am 5. Oktober 2000 schrieb ich meinem damaligen Referatsleiter einen Vermerk. In diesem Schriftst\u00fcck wies ich darauf hin, dass unser Controlling &#8220;auf die Beteiligung am Bau \u201aPotemkinscher D\u00f6rfer\u2019 hinaus&#8221; laufe.<\/p>\n<p>Wieder keine f\u00fcr mich erkennbare Reaktion.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes ver\u00f6ffentlichte ich in der Mai\/Juni-Ausgabe 2001 der Mitarbeiterzeitschrift &#8220;DIALOG&#8221; einen weiteren Leserbrief. Darin stellte ich gesch\u00e4ftspolitische Schwerpunkte, Praktiken und Zahlen in Frage, die vom damaligen Pr\u00e4sidenten hoch gesch\u00e4tzt und eingefordert wurden.<\/p>\n<p>Erneut keine erkennbare Reaktion.<br \/>\n(Ein gutes Jahr sp\u00e4ter, genau am 11. Juli 2002, erfuhr ich aber, dass mein letzter Vermerk und mein letzter Leserbrief wenigstens nicht ganz folgenlos geblieben waren: Am 29. Oktober 2001 unterschrieben n\u00e4mlich die damalige Pr\u00e4sidentin meiner Dienststelle und mein Referatsleiter eine neue Beurteilung meiner dienstlichen Leistungen und meines Potenzials. Es wird Sie nicht \u00fcberraschen, wenn ich Ihnen sage, dass diese Beurteilung wesentlich schlechter ausfiel, als alle Beurteilungen in den davor liegenden 25 Jahren.)<\/p>\n<p>In diesen Monaten nach meinem Vermerk und der Ver\u00f6ffentlichung meines Leserbriefes war mir aber auch ohne das Wissen um diese insgeheim erfolgte neue Beurteilung v\u00f6llig klar geworden, dass es mir demn\u00e4chst an den Kragen gehen wird. Daf\u00fcr hatte ich mehrere Anzeichen.<\/p>\n<p>Als ich dann Mitte Dezember 2001 davon h\u00f6rte, dass der Bundesrechnungshof auf einem von ihm untersuchten Teilgebiet \u00e4hnliche Feststellungen getroffen haben soll wie ich drei Jahre zuvor, wagte ich endlich den mir bis dahin unvorstellbar gro\u00dfen Schritt. Es war eine Mischung aus Verzweiflung, Trotz, Hoffnung und &gt;fatalistischen Anwandlungen&lt;, die mich etwa folgendes denken lie\u00df: <em>Wenn schon, denn schon! Jetzt gilt\u2019s! Kaltstellen und versenken werden sie dich ohnehin \u2013 also muss ich auch diese Gelegenheit noch nutzen! <\/em><\/p>\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter, n\u00e4mlich am fr\u00fchen Morgen des Heiligen Abends 2001, schrieb ich dem damaligen Staatsminister beim Bundeskanzler Hans Martin Bury einen eineinhalbseitigen Brief. In diesem Schreiben teilte ich Bury unter anderem mit, dass ich \u00fcber eine &#8220;durchaus skandaltr\u00e4chtige Sache&#8221; informiert bin, dass der Bundesrechnungshof in der gleichen Sache auch schon unterwegs sei und so weiter. Ich bat um ein Gespr\u00e4ch.<br \/>\nTrotz mehrmaligen Nachfragens reagierte weder Bury noch einer seiner Mitarbeiter. Deshalb schrieb ich vier Wochen sp\u00e4ter an das Bundesministerium f\u00fcr Arbeit und Soziales, aber direkt an den damaligen Arbeitsminister Walter Riester. Dieser Brief an Riester fiel wesentlich ausf\u00fchrlicher aus als das Schreiben an Bury.<br \/>\n(Am Vormittag des 23. Januar 2002, ich sa\u00df noch am Schreiben an den Arbeitsminister, erhielt ich einen Anruf. Man unterrichtete mich dar\u00fcber, dass in der Hauptstelle in N\u00fcrnberg eine heillose Aufregung herrsche. Vor ein, zwei Wochen sei dort eine Pr\u00fcfungsbeanstandung des Bundesrechnungshofes eingetroffen, in der die Validit\u00e4t der Vermittlungszahlen erheblich in Zweifel gezogen werde. Nun habe der Pr\u00e4sident die Innenrevision beauftragt, die Beanstandung des Rechnungshofes durch eigene Untersuchungen zu entkr\u00e4ften.<br \/>\n<em>Ach, du meine G\u00fcte<\/em>! dachte ich, <em>in N\u00fcrnberg bereitet man bereits die Widerlegung des Bundesrechnungshofes vor \u2013 und ich schreib\u2019 hier noch rum<\/em>. Dann rief ich kurzerhand im Ministerium in Berlin an, lie\u00df mich mit dem Ministerb\u00fcro verbinden, erkl\u00e4rte einer Dame den Grund meines Anrufes, bat sie um Ihre E-Mail-Adresse und avisierte ihr bereits f\u00fcr die n\u00e4chsten Minuten eine E-Mail mit dem noch nicht ganz fertigen Schreiben an den Minister.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag, dem 24. Januar 2002, gab ich dann mein \u2013 um eine Passage zu dem einen Tag zuvor erhaltenen Anruf erg\u00e4nztes und mit etlichen Anlagen versehenes \u2013 Schreiben zur Post.)<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich ging alles rasend schnell: Bereits am 28. Januar wurde ich telefonisch f\u00fcr den 30. Januar nach Berlin ins Ministerium eingeladen.<\/p>\n<p>(In diesen f\u00fcr mich unvergesslichen Tagen erwies sich ein weiterer Fernseh-Beitrag als hilfreich. Er hie\u00df &#8220;Die sinnlose Milliarden-Schlacht&#8221; und wurde an eben diesem Montag, dem 28. Januar 2002, gesendet. Sein Gegenstand war die &gt;Sinnhaftigkeit&lt; von Umschulungsma\u00dfnahmen. Auch zu dieser Thematik hatte ich dem Schreiben an den Arbeitsminister als Anlage einen umfangreichen Revisionsbericht beigelegt. Der Fernseh-Beitrag erschien mir derma\u00dfen authentisch, dass mir schon peinlich zumute wurde. Ich dachte, die im Ministerium werden wohl denken, dass ich \u2026 Aber ich hatte mit dem Beitrag nichts zu tun. Gleichwohl ein Kompliment und ebenfalls ein herzliches Dankesch\u00f6n an die Redaktion von &#8220;Report Mainz&#8221; f\u00fcr &#8220;Die sinnlose Milliarden-Schlacht&#8221;!)<\/p>\n<p>Am Mittwoch, dem 30. Januar 2002, sa\u00df ich einigen leitenden Beamten des Arbeitsministeriums sechs Stunden lang Rede und Antwort. Man gab sich wider Erwarten freundlich.<\/p>\n<p>Nach diesem Gespr\u00e4ch war &#8220;Feuer unterm Dach&#8221;. So ein Vertrauter Riesters laut &#8220;Spiegel&#8221;.<\/p>\n<p>Noch am selben Tag wurden der ebenfalls einbestellte Pr\u00e4sident Jagoda und sein Tross mit meiner Eingabe konfrontiert und aufgefordert, dazu bis zum n\u00e4chsten Tag Stellung zu nehmen. Diese Stellungnahme fiel, so Riester in verschiedenen Interviews, nicht befriedigend aus.<\/p>\n<p>Am 4. Februar rief mich dann doch noch ein leitender Mitarbeiter des Bundeskanzleramtes an und bedankte sich f\u00fcr das Schreiben an Bury. Sp\u00e4ter erfuhr ich aus der &#8220;Tagesschau&#8221;, dass die &#8220;S\u00fcddeutsche Zeitung&#8221; am selben Tag gemeldet hatte, dass der Bundesrechnungshof die Vermittlungszahlen der Bundesanstalt beanstandet habe. Die &#8220;S\u00fcddeutsche&#8221; verf\u00fcgte pl\u00f6tzlich \u00fcber eine Kopie der bereits Wochen zuvor bei der BA und im Ministerium eingetroffenen Pr\u00fcfungsbeanstandung des Bundesrechnungshofs.<\/p>\n<p>Jetzt \u00fcberschlugen sich die Ereignisse: Mittwochs, 6. Februar, gab Riester eine Pressekonferenz. Dabei erw\u00e4hnte er, dass nicht nur der Bundesrechnungshof Beanstandungen getroffen habe, sondern auch ein Revisor der BA bei ihm vorstellig geworden sei, der viel weiter gehende Vorw\u00fcrfe mache.<\/p>\n<p>Einer der Arbeitsmarktexperten aus seinem Ministerium teilte mir das noch am fr\u00fchen Nachmittag desselben Tages telefonisch mit. Der Anrufer gab deutlich zu erkennen, dass ihm das Vorpreschen des Ministers gar nicht gelegen kam. Ich m\u00fcsse nun damit rechnen, dass mich Journalisten ausfindig machen w\u00fcrden. Die &#8220;Journaille&#8221; sei in diesen Dingen sehr hartn\u00e4ckig. Ich solle gar nichts sagen. &#8220;Notfalls&#8221;, stellte er mir in Aussicht, w\u00fcrde man mich f\u00fcr einige Tage &#8220;aus dem Verkehr ziehen.&#8221;<br \/>\nDa ich mich ungern aus dem Verkehr ziehen lasse, versuchte ich, ihn mit dem Hinweis zu bes\u00e4nftigen, dass es wohl nicht so einfach sein d\u00fcrfte, einen einzelnen Mitarbeiter der Anstalt ausfindig zu machen.<\/p>\n<p>Tags darauf rief die erste Journalistin an. Freitags stand mein Name im Berliner &#8220;Tagesspiegel&#8221; und das Telefon nicht mehr still. Das &#8220;Handelsblatt&#8221; und die &#8220;Financel Times Deutschland&#8221; zitierten bereits aus meinem Schreiben an Riester. Das Kanzleramt geriet unter Beschuss, und ich in die &#8220;Tagesschau&#8221;.<br \/>\nZu alledem meldete sich noch die saarl\u00e4ndische Kripo bei mir. Man hatte ihr gesteckt, dass der an diesem Freitag ver\u00fcbte Selbstmord eines Arbeitsamtsdirektors mit meiner Aktion zusammenh\u00e4ngen k\u00f6nne.<br \/>\nInzwischen war ein Hausbesuch meines Arztes dringend angesagt. Dass mich der &#8220;Bericht aus Berlin&#8221; an diesem Abend schlie\u00dflich noch als den &#8220;Mann&#8221; vorstellte, &#8220;der heute die Regierung ins Wanken brachte&#8221;, nahm ich dann schon relativ gleichm\u00fctig hin.<br \/>\nSamstags fand ich auch mein Schreiben an Bury in der Bild-Zeitung abgedruckt.<\/p>\n<p>Diese Indiskretionen brachten mir zwar einige anstrengende Tage und eine betr\u00e4chtliche Gewichtsreduzierung ein. Aber die Ver\u00f6ffentlichung meines Namens und meiner Schreiben hat mir dar\u00fcber hinaus nicht geschadet. Ganz im Gegenteil: Zuerst war ich ja einigerma\u00dfen sauer auf die unbekannten Informanten der Journalisten, die meinen Namen und meine Schreiben ver\u00f6ffentlichten.<br \/>\nAber schon wenig sp\u00e4ter sah ich mich diesen Informanten und den Journalisten zu gro\u00dfem Dank veranlasst. Was h\u00e4tte man sp\u00e4ter mit mir angestellt, wenn meine Rolle in dieser Sache und meine Identit\u00e4t allein einigen F\u00fchrungskr\u00e4ften des ehemaligen Arbeitsministeriums und der Bundesanstalt f\u00fcr Arbeit bekannt geblieben w\u00e4ren?<\/p>\n<p>Mit der \u00d6ffentlichkeit und mit Journalisten hatte ich in diesen Wochen also keine nachhaltigen Probleme. Sorgen bereiteten mir weiterhin ausschlie\u00dflich einige Leute in der Bundesanstalt:<br \/>\n<strong>Auf regionaler Ebene<\/strong> \u00fcberzog man mich mit einem \u00f6ffentlich gef\u00fchrten Streit um die Frage, ob ich berechtigt gewesen sei, den Dienstweg abzuk\u00fcrzen. W\u00e4hrend die Hauptstelle nach anf\u00e4nglichem Abstreiten einr\u00e4umte, 1998 aus Saarbr\u00fccken einschl\u00e4gige Hinweise erhalten zu haben, wollte in Saarbr\u00fccken niemand etwas von meinen Revisionsberichten, Artikeln, Leserbriefen und Vermerken gewusst haben.<br \/>\n<strong>Indessen versuchte die Hauptstelle<\/strong>, sich unter anderem mit der selbst gestrickten Kompliziertheit der Weisungen zur Statistik herauszureden. Und zu allem Elend traten auch noch die beharrlichen Verteidiger des &gt;Sozialstaates&lt; auf den Plan, um die BA, diese S\u00e4ule der sozialen Sicherung, gegen &gt;widerliche Vorw\u00fcrfe&lt; in Schutz zu nehmen.<\/p>\n<p>Dennoch: Keine drei Wochen nach dem pl\u00f6tzlichen Ausbruch des &#8220;Arbeitsamt-Skandals&#8221; mussten Pr\u00e4sident Jagoda und der f\u00fcr die Bundesanstalt \u00fcber Jahrzehnte hinweg verantwortliche Staatssekret\u00e4r ihren Hut nehmen. Einen Tag sp\u00e4ter, am 22. Februar 2002, verk\u00fcndeten der Bundeskanzler und sein damaliger Arbeitsminister vor der Bundespressekonferenz die vollst\u00e4ndige Erneuerung der Bundesanstalt f\u00fcr Arbeit.<\/p>\n<p>Bei mir war inzwischen wieder einigerma\u00dfen Ruhe eingekehrt. Aber die Anstrengungen und Anfeindungen der zur\u00fcckliegenden Wochen und Monate hatten deutliche Spuren hinterlassen. Trotzdem meinte ich nach zweieinhalbmonatiger Erkrankung, dass ich f\u00fcr den vorzeitigen Ruhestand noch zu jung sei. Deshalb begab ich mich im April 2002 wieder unter die Fittiche der angeblich bereits in der Erneuerung begriffenen Anstalt.<\/p>\n<p>Es folgten 18 Monate, in denen ich mich einem eher <strong>subtilen Mobbing<\/strong> ausgesetzt sah:<br \/>\nAm <strong>Tag meiner R\u00fcckkehr<\/strong> wurde ich zu meiner \u00dcberraschung in ein &#8220;Back-Office&#8221; versetzt. Die personelle Konstellation war unverkennbar so angelegt worden, dass ich Probleme mit den dortigen Kollegen bekommen sollte. Aber diese miese Rechnung der Strategen ging nicht auf. In meinem neuen Referat begegneten mir ausgezeichnete Kolleginnen und Kollegen. Wir arbeiteten bis zuletzt gut und messbar erfolgreich zusammen.<br \/>\n<strong>Wenig sp\u00e4ter<\/strong> lie\u00df man sich etwas <strong>ganz Neues<\/strong> einfallen: Unter dem Vorwand, etwas f\u00fcr mich tun zu wollen, wollte mich der damalige Personalchef dazu bewegen, mich auf eine h\u00f6her dotierte Stelle im 700 Kilometer entfernten Chemnitz zu bewerben. Angeblich sollte ich schon bald wieder heimatn\u00e4her eingesetzt werden. Ich lehnte ab, und einige Monate sp\u00e4ter wurde das &#8220;Vorpr\u00fcfungsamt&#8221; der Bundesanstalt, in dessen Dienst ich treten sollte, g\u00e4nzlich abgeschafft \u2026<br \/>\n<strong>Von der Welt<\/strong> au\u00dferhalb der Anstalt wurde ich so gut das ging abgeschottet. Dazu verf\u00fcge ich \u00fcber einen aufschlussreichen Schriftwechsel.<br \/>\n<strong>Schlie\u00dflich<\/strong> vollstreckte man die bereits erw\u00e4hnte <strong>Beurteilung<\/strong> meiner dienstlichen Leistungen und meines Potenzials. Damit schuf man sich eine formal-juristisch schwerlich angreifbare Grundlage f\u00fcr weitere Formen subtilen und weniger subtilen Mobbings.<\/p>\n<p>Nach drei erfolglosen Versuchen, gegen diese Beurteilung vorzugehen und einigen weiteren Blicken in eine trostlose Zukunft, f\u00fchlte ich mich endlich alt genug. Ich folgte dem dringenden Rat meines Arztes, mich dieser auf Dauer enervierenden Situation keinesfalls l\u00e4nger auszusetzen. Seit dem 1. Juni befinde ich mich im vorzeitigen Ruhestand.<\/p>\n<p><strong>Sehr geehrte Damen und Herren, <\/strong><\/p>\n<p>vielleicht wurde es nicht deutlich \u2013 aber ich habe Ihnen gerade die Geschichte eines grandiosen Erfolges erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Sehen Sie: Manche Menschen sollen ja davon tr\u00e4umen, einmal in ihrem Leben einen bestimmten Berg zu erklimmen und auf seinem Gipfel zu stehen. Diese Menschen sind unter Umst\u00e4nden bereit, f\u00fcr die Verwirklichung <em>ihres<\/em> Traumes ihre Gesundheit und manchmal sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen.<\/p>\n<p>Mein &gt;Gipfeltraum&lt; war, es eines Tages zu erreichen, dass sich gen\u00fcgend einflussreiche Kreise bestimmter Probleme und Verh\u00e4ltnisse annehmen.<\/p>\n<p><em>Mein Traum ging in Erf\u00fcllung<\/em>! Ich stand auf dem Gipfel &gt;meines Berges Der Erfolg ist mir auch und gerade aus heutiger Sicht den gezahlten Preis wert. Ich hoffe, dass er sich eines Tages dergestalt auszahlen wird, dass es mehr und mehr Menschen wagen k\u00f6nnen, politische und sonstige Entscheidungstr\u00e4ger \u00fcber gravierende Fehlentwicklungen zu informieren. Denn Reformen k\u00f6nnen am besten gelingen, wenn man mit dem Reformieren an den Stellen beginnt, an denen es wirklich brennt. Aber eben diese Stellen sollten den Entscheidungstr\u00e4gern unseres Landes benannt werden d\u00fcrfen, ohne dass der &gt;Bote&lt; Gefahr l\u00e4uft, sich anschlie\u00dfend ziemlich schutzlos dem Zorn blo\u00dfgestellter B\u00fcrokraten ausgesetzt zu sehen.<\/p>\n<p>Ich danke Ihnen f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede\u00a0 \u2013 von Erwin Bixler Rede von Erwin Bixler beim Jahrestreffen des Netzwerk Recherche am 05.06.2004 im NDR-Konferenzzentrum in Hamburg Sehr geehrte Damen und Herren, einer der heute stattfindenden Workshops wird das Thema &#8220;Whistleblower \u2013 Quellen ohne Schutz&#8221; bearbeiten. Deshalb wurde ich eingeladen. Daf\u00fcr danke ich dem &#8220;Netzwerk Recherche&#8221; ganz herzlich. 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