{"id":2660,"date":"2005-06-04T15:50:19","date_gmt":"2005-06-04T13:50:19","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=2660"},"modified":"2015-01-26T15:46:00","modified_gmt":"2015-01-26T14:46:00","slug":"medien-im-hoehenrausch-von-juergen-leinemann-2005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/medien-im-hoehenrausch-von-juergen-leinemann-2005\/","title":{"rendered":"Medien im H\u00f6henrausch \u2013 von J\u00fcrgen Leinemann (2005)"},"content":{"rendered":"<h3>Zum Spannungsverh\u00e4ltnis von Journalisten und Politikern<\/h3>\n<p><strong>Rede von J\u00fcrgen Leinemann (DER SPIEGEL) auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche am 4. Juni 2005 beim NDR in Hamburg<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>&#8220;Wir jagen sie&#8221; &#8211; In ihrem spannungsgeladenen Verh\u00e4ltnis zu den Politikern geraten auch die Medien in Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren.<\/strong><\/p>\n<p>Vor zwei Wochen ist Carl Bernstein hier in Hamburg gewesen, der ber\u00fchmte Kollege von der Washington Post, der zwischen 1972 und 1974 zusammen mit Bob Woodward die Watergate-Aff\u00e4re aufdeckte, die den Pr\u00e4sidenten Richard Nixon schlie\u00dflich sein Amt kostete. Ich war damals Korrespondent in Washington, zun\u00e4chst bei der dpa, sp\u00e4ter beim SPIEGEL, und ich verfolgte geradezu fiebrig die Ergebnisse der beharrlichen Recherchen dieser beiden Kollegen, die noch j\u00fcnger waren als ich.<\/p>\n<p>Ja, so m\u00fcsste eine freie Presse funktionieren, die sich als vierte Macht im Staat verstand. Mein Respekt, ach, meine Bewunderung f\u00fcr die investigative Leistung der beiden Reporter und die aufrechte Haltung der Washington Post hatte fast schw\u00e4rmerisches Format.<\/p>\n<p>Und nun kommt derselbe Carl Bernstein her und redet vom &#8220;Triumph der Idiotenkultur&#8221;, wenn er den Zustand der US-Medien beschreibt. Nicht mehr Wahrheitssuche sei h\u00e4ufig der Antrieb f\u00fcr die Berichterstattung im amerikanischen Journalismus, sagt er, sondern Ger\u00fcchte, Prominente und Sensationen. Viel zu oft berichte die Presse ohne gesellschaftlichen Kontext, setze auf Klatsch und Tratsch und widme sich aufgeblasenen Debatten. Bernstein wundert es nicht, dass 45 Prozent der Amerikaner nichts oder nur noch wenig von dem glauben, was in der Zeitung stehe.<\/p>\n<p>Was sind wir doch fein raus. In Deutschland halten &#8211; Umfragen zufolge &#8211; immerhin noch 80 Prozent der Menschen wenigstens die Zeitungen f\u00fcr glaubw\u00fcrdig. Und Stern-Chefredakteur Andreas Petzold wird mit dem triumpfierend klingenden Satz zitiert &#8220;Wir k\u00f6nnen hier in einer offeneren Atmosph\u00e4re arbeiten, und das deutsche Publikum goutiert die Wahrheitsfindung&#8221;.<\/p>\n<p>Das mag so sein. Wer k\u00f6nnte auch was gegen Wahrheitsfindung haben? Allerdings bezweifele ich, dass tats\u00e4chlich noch allzu viele unserer geneigten Leser die Wahrheit ausgerechnet in den Medien zu finden hoffen.<\/p>\n<p>Seit Monaten tingele ich nun mit meinem Buch &#8220;H\u00f6henrausch&#8221; zu Lesungen und Diskussionen durch die Lande. Und ob in Trier oder Weimar, L\u00fcneburg, Bottrop oder Regensburg &#8211; immer sind sich die Zuh\u00f6rer ganz schnell dar\u00fcber einig, dass es zwei Schurken gibt im politischen Spiel &#8211; die Politiker und die Medienmenschen. Die B\u00fcrger, die zu solchen Veranstaltungen kommen, \u00e4ltere zumeist, sind politisch interessiert, informationshungrig, ziemlich gebildet &#8211; und absolut verunsichert<\/p>\n<p>Nein, sie trauen uns nicht wirklich mehr, glaube ich.<\/p>\n<p>Und haben sie nicht Gr\u00fcnde genug? Es ist ja nicht nur der Bundeskanzler, der auch im deutschen Journalismus &#8220;einen Trend in Richtung Boulevardisierung, Personalisierung und auch Skandalisierung&#8221; feststellt. Dass auch in der Bundesrepublik die Medien in der Krise stecken, wird seit Jahren \u00fcberall beklagt und diskutiert, nicht zuletzt von uns selbst.<\/p>\n<p>\u00dcber die strukturellen Ursachen &#8211; den technischen Wandel, die Abh\u00e4ngigkeit von Auflagen und Quoten, von Anzeigen und Werbespots und der daraus resultierende Kostendruck &#8211; will ich heute nicht reden. Dar\u00fcber wissen andere hier besser Bescheid. Ich m\u00f6chte mich stattdessen auf uns beschr\u00e4nken &#8211; auf uns Journalisten &#8211; und auf die Frage, wieviel wir wohlm\u00f6glich als Personen zum dramatischen Qualit\u00e4tsverfall im Journalismus beitragen, \u00fcber den sich beispielsweise die Politiker partei\u00fcbergreifend einig sind.<\/p>\n<p>Und ich frage mich, ob es uns wirklich soviel anders ergeht als denen, \u00fcber deren Gef\u00e4hrdung durch die Macht ich mich in meinem Buch ausgelassen habe.<\/p>\n<p>Drei Gr\u00fcnde hat der ehemalige tschechische Staatspr\u00e4sident Vaclav Havel einmal f\u00fcr die Sehnsucht eines Menschen nach politischer Macht aufgef\u00fchrt: die Vorstellung von einer besseren Gesellschaftsordnung, Selbstbest\u00e4tigung und Privilegien. Sollten diese Kategorien nicht auch in unserem beruflichen Selbstverst\u00e4ndnis eine Rolle spielen?<\/p>\n<p>Sind es denn wirklich nur die Politiker, die ihre enormen M\u00f6glichkeiten auskosten, sich selbst zu best\u00e4tigen , indem sie &#8211; wie Havel sagt &#8211; &#8220;weithin sichtbare Abdr\u00fccke der eigenen Existenz&#8221; hinterlassen? Und behaupten nur sie, dass die vielen Privilegien, die notwendiger- und erfreulicherweise ihr Berufsleben begleiten, nichts anderes seien, als quasi unvermeidliche Zugaben zur hehren Gemeinwohl-Aufgabe?<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rte f\u00fcr mich zu den unerw\u00fcnschten Folgen und Nebenwirkungen der Watergate- Aff\u00e4re vor mehr als drei\u00dfig Jahren, dass Richard Nixons verzweifelter und erbarmungsloser Kampf um sein Amt mich zum ersten Mal auf solche Parallelen aufmerksam machte. O ja, ich vermochte mich so gut einzuf\u00fchlen in die Lebensl\u00fcgen des gehetzt wirkenden amerikanischen Pr\u00e4sidenten, dass ich sein Scheitern fr\u00fch voraussagte. Aber warum? Heute wei\u00df ich, was ich damals verdr\u00e4ngte &#8211; ich tickte wie er und die meisten politischen Karrieristen.<\/p>\n<p>Ich teilte ihren uners\u00e4ttlichen Hunger nach Anerkennung und Best\u00e4tigung. Wie sie sah auch ich mich bald nicht nur auf der Erfolgsleiter, sondern zugleich auf der Flucht vor der immer unangenehmer werdenden Realit\u00e4t aus Selbstzweifeln, Furcht vor dem Scheitern und qu\u00e4lenden Fragen nach dem pers\u00f6nlichen Preis f\u00fcr die Karriere. Aus bescheidenen Verh\u00e4ltnissen stammend war ich schnell weit gekommen. Mit 34 Jahren wurde ich B\u00fcroleiter des SPIEGEL in der amerikanischen Hauptstadt.<\/p>\n<p>Da war damals zwar noch nicht viel zu leiten, aber zu viel f\u00fcr mich: ich begann zu ahnen, dass ich meinem Aufstieg nur unzureichend gewachsen war. Zwar hatte ich gelernt, die Erwartungen meiner Umwelt zu erkennen, und ich war auch talentiert und flei\u00dfig genug, sie zu erf\u00fcllen. Doch meinem \u00e4u\u00dferen Aufstieg fehlte das innere Gegengewicht. Ich brauchte Erfolg, um meine Selbstzweifel zu kompensieren. Ich war hungrig nach Lob und Zustimmung, um meine \u00c4ngste zu ersticken. Und ich arbeitete bis zur Bewusstlosigkeit, um meinen Aufstieg zu rechtfertigen und meinem Leben einen Sinn zu geben.<\/p>\n<p>Dabei half mir zun\u00e4chst, dass ich &#8211; ohne je ein Journalismusseminar besucht zu haben &#8211; eine ziemlich verl\u00e4ssliche Vorstellung von den Erfordernissen und Regeln meines Berufes zu haben glaubte. In meinen Phantasien sah ich mich auf der Trib\u00fcne des Weltgeschehens sitzen, aufmerksam und objektiv die Ereignisse protokollieren und diese Informationen an urteilsf\u00e4hige, m\u00fcndige B\u00fcrger weitergeben. Keiner sollte mich manipulieren k\u00f6nnen, strikt wollte ich der Wahrheit dienen &#8211; kurz, ich hatte ein so kitschig edles Selbstbild von mir und meinem Beruf, dass ich eigentlich nur scheitern konnte. Und das passierte ja auch.<\/p>\n<p>Ich versackte in Depressionen, qu\u00e4lte mich beim Schreiben und versuchte, meine \u00c4ngste mit Alkohol zu bet\u00e4uben. Erst nach einer intensiven und schmerzhaften Therapie, mit deren Hilfe ich mein Leben &#8211; und meine Arbeit &#8211; anders zu gestalten lernte, konnte ich neu anfangen.<\/p>\n<p>Das ist jetzt fast drei Jahrzehnte her. Ich bin noch immer Journalist, aber die Medienlandschaft, zu der ich geh\u00f6re, ist eine v\u00f6llig andere. Sie ist bunt geworden, vielf\u00e4ltig, voller Trallala und Albernheiten, der Werbung nahe und dem Showgesch\u00e4ft und immer auf Rendite bedacht. Wenn ich heute Publizistikstudenten frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, sagt kaum noch einer, dass er Journalist werden m\u00f6chte. Die meisten wollen &#8220;irgendwas mit Medien&#8221; machen. Und das reicht dann vom Sportmoderator bis zum Pressesprecher von Attac oder der Dresdner Bank, vom Filmemacher bis zum Werbetexter. Und viele schw\u00e4rmen von Medienjobs im Internet, von denen ich noch nie geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Gewiss, auch den guten alten klassischen Journalisten gibt es noch, sonst w\u00e4ren wir heute nicht hier. Aber in der Familie der Medienberufe stellen wir &#8211; die politisch interessierten, f\u00fcr \u00f6ffentliche Angelegenheiten engagierten Kolleginnen und Kollegen, die melden, erkl\u00e4ren, recherchieren und kommentieren, ob auf Papier , im Radio, im Fernsehen oder online &#8211; eine Minderheit dar.<\/p>\n<p>Die coolen Smarties aus der Spasskultur-Branche des Feuilletons und der Frohsinns-Wellen halten uns &#8211; Sie werden es erfahren haben, meine Damen und Herren &#8211; f\u00fcr ziemlich angestaubt, obwohl es kaum noch ideologische Missionare und Menscheitsbegl\u00fccker unter uns gibt. Im Gegenteil, die Neigung , auch Politik vor allem nach ihrem Unterhaltungswert zu beurteilen, w\u00e4chst auch in seri\u00f6sen Redaktionen.<\/p>\n<p>Und so ist es wohl kein Wunder, dass selbst die etwas altbackene Minderheit der klassischen Journalisten dort, wo sie Mehrheit ist und als &#8220;Meute&#8221; auftritt &#8211; in Berlin etwa, in den Landeshauptst\u00e4dten und wo sonst noch Politik gemacht wird &#8211; im Vergleich zu fr\u00fcher ein ziemlich exotischer, bunter, modebewusster Haufen geworden ist. Stil wird nicht nur geschrieben sondern auch getragen.<\/p>\n<p>Wir Journalisten verkaufen uns &#8211; nicht einmal immer bewu\u00dft &#8211; selbst als Ware im Medium, gegelte Frisuren und un\u00fcbersehbare Dekolletee&#8217;s, Designer Anz\u00fcge und kunstvoll dekorierte Schlampigkeit sind Markenzeichen von Akteuren, die sich im Promi-Wettbewerb mit den Showstars der Politik erleben.<\/p>\n<p>Sind wir ihnen nicht auch sonst bis zur Austauschbarkeit \u00e4hnlich? Ich habe in meinem Buch darzustellen versucht, wie die Wahrscheinlichkeit, dem Suchtsog des Politikbetriebs zu verfallen und damit die Wirklichkeit neben der Karriere aus den Augen zu verlieren, im Nachkriegsdeutschland von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gewachsen ist. Hatten die Alten noch noch ein ereignisreiches Leben vor dem Eintritt in die Politik, kennen die Jungen nur noch ihren Weg nach oben.<\/p>\n<p>Im Medienbetrieb ist es nicht sehr viel anders. Die derzeit in Regierung und Opposition tonangebende Politikergeneration von Erfolgs-Junkies hat es in den F\u00fchrungsetagen der Redaktionen, Sendern und Fernsehanstalten mit Gleichaltrigen zu tun, die der Mode-Guru Wolfgang Joop &#8211; Jahrgang 44, so alt wie Gerhard Schr\u00f6der und nur ein Jahr \u00e4lter als Ex-Stern-Chefredakteur und Erfolgs-Buchautor Michael J\u00fcrgs &#8211; einmal so beschrieben hat: &#8220;Ohne Verankerung in Vergangenheit oder Zukunft passen wir uns der Chance des Augenblicks an. Unser Ego hat Priorit\u00e4t vor Parteien, Politik und den Parolen von gestern&#8221;.<\/p>\n<p>Auch bei den J\u00fcngeren sehe ich keine markanten Unterschiede zwischen Politikern und gleichaltrigen Journalisten. Noch haben die zwischen 1960 und 1980 geborenen Deutschen \u2013 ob Ost oder West \u2013 keine gemeinsame Physiognomie, allenfalls in ihrer ironisch-larmoyanten Selbstbespiegelung \u00e4hneln sie einander. Florian Illies machte diesen Mangel an generationeller Originalit\u00e4t, das fehlende Schicksal, selbst zum zentralen Merkmal der Beschreibung. &#8220;Wir sind&#8221;, schreibt er, &#8220;wahrscheinlich die erste Generation, die ihr Leben nicht mehr als authentisch empfindet, sondern als ein einziges Zitat\u201c. Der Soziologe Heinz Bude \u00e4u\u00dferte sogar die Sorge, dass diese Generation am Ende einfach wegzudenken sein k\u00f6nnte. Ich zitiere: \u201eSie ist ganz geschickt, ganz reflexiv, gar nicht bl\u00f6d \u2013 aber spurlos\u201c.<\/p>\n<p>Solche Generationsgemeinsamkeiten verst\u00e4rken nat\u00fcrlich die Gefahr, dass Politiker und Journalisten einander ungeb\u00fchrlich nahe kommen. Bundeskanzler Schr\u00f6der hat im vergangenen Jahr an dieser Stelle sein Verh\u00e4ltnis zu mir mit dem Satz beschrieben: &#8220;We had rocky times in our mariage&#8221;, und da kann ich ihm zustimmen, wenngleich der Ehebegriff mir als Bild nicht gl\u00fccklich erscheint. Nicht, weil Gerd Schr\u00f6der so oft verheiratet war, sondern weil er eine Intimit\u00e4t suggeriert, die wir beide &#8211; bei aller anf\u00e4nglichen, fast noch jugendlichen Freundschaftlichkeit unserer Beziehung vor drei\u00dfig Jahren &#8211; nie empfunden haben. Wir haben uns einen vertrauensvollen Abstand erarbeitet.<\/p>\n<p>Zwischen den beiden Fl\u00fcgeln der politischen Klasse hat immer schon ein symbiotisches Verh\u00e4ltnis bestanden, in Bonn wurde es durch die r\u00e4umliche N\u00e4he zus\u00e4tzlich beg\u00fcnstigt. Der Kollege Peter Zudeick hat damals vor einem &#8220;Schmiergeld namens N\u00e4he&#8221; gewarnt, wobei beide Seiten sowohl als Empf\u00e4nger wie als Zahler auftreten k\u00f6nnen. Wer in dieser engen Beziehung wessen Parasit ist, entscheidet sich von Fall zu Fall. F\u00fcr beide Seiten gilt die sch\u00f6ne amerikanische Faustregel: &#8220;If you can not beat them &#8211; join them&#8221;. Wobei es nat\u00fcrlich immer viel sch\u00f6ner ist, den anderen zu besiegen, als sich an ihn ranzuwanzen.<\/p>\n<p>Nicht nur die Schr\u00f6ders, Fischers und Stoibers betrachten die Art ihrer Medienpr\u00e4senz als eine schiere Machtfrage. Auch Journalisten in verantwortlicher Position &#8211; und ich spreche jetzt nat\u00fcrlich \u00fcber alle au\u00dfer den SPIEGEL &#8211; bekennen sich heute ungenierter den je zu ihrem Anspruch, im politischen Gesch\u00e4ft als gleichberechtigter Macht-Mitstreiter agieren zu wollen, obwohl sie von niemanden gew\u00e4hlt und legitimiert sind.<\/p>\n<p>Sie f\u00fchlen sich &#8220;im Zentrum der Macht&#8221;, wie der Leiter eines Berliner Zeitungsb\u00fcros einen Kollegen wissen lie\u00df, der sich dessen Meinungsschelte verbat. Und sie leiten daraus Jagdrechte ab. Ein erfahrener Auslandskorrespondent, der seinen B\u00fcrochef um Genehmigung f\u00fcr ein Politiker-Portr\u00e4t bat, erfuhr von dem herablassend, dass die Zeiten, in denen Reporter Politiker begleiteten, um sie beobachten, verstehen und beschreiben zu k\u00f6nnen, nun wirklich vorbei seien. Ach, sagte da der Berlin-Neuling, und was machen wir jetzt? Antwort: &#8220;Wir jagen sie&#8221;.<\/p>\n<p>Der Herausgeber der New York Times, Arthur Sulzberger, hat als Rezept gegen solchen Hochmut vorgeschlagen, dass kein Nachwuchsjournalist das College verlassen sollte, ohne wenigstens einmal selbst von den Medien an den Pranger gestellt zu werden.<\/p>\n<p>Politiker f\u00fcrchten solche Treibjagd-Kampagnen nicht wirklich. Sechzehn Jahre lang hat uns Helmut Kohl ausgelacht, jetzt mopst sich Joschka Fischer: &#8220;Zw\u00f6lfeinhalb Stunden Primetime-Fernsehen, der Traum jedes Politikers&#8221; .<\/p>\n<p>Was ihnen die Stars der Medien inhaltlich entgegenzusetzen haben &#8211; detaillierte Kenntnisse von Sachverhalten und Personen, politische Urteilsf\u00e4higkeit und Erfahrung, schreckt die Schr\u00f6ders, Westerwelles , Pfl\u00fcgers und Co auch nicht. Ego-Gerangel sind sie gewohnt.<\/p>\n<p>Aber dass die Medienfuzzis dar\u00fcber hinaus mit Schlagzeilen, Bildschirmpr\u00e4senz und Sendezeiten locken, vergiftet das Klima. Denn damit sind sie nicht nur aufdringliche Konkurrenten beim Promi- Schaulaufen, sondern leider auch die Vertreiber der unverzichtbaren Wichtigkeitsdroge &#8220;\u00f6ffentliche Aufmerksamkeit&#8221;. Dass sie davon abh\u00e4ngig sind, verzeihen die Politiprofis den Medienmenschen nie.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt deswegen ist in Berlin das Verh\u00e4ltnis zwischen den gew\u00e4hlten Amtsinhabern und der \u201eplappernden Zunft\u201c, wie Joschka Fischer die Journalisten absch\u00e4tzig nennt, zunehmend gespannter geworden. Viele der eingespielten Selbstverst\u00e4ndlichkeiten zwischen den beiden Fl\u00fcgeln der politischen Klasse haben sich verfl\u00fcchtigt, der Ton wurde wechselseitig aggressiver, ja ver\u00e4chtlich.<\/p>\n<p>Das unverkennbare Bed\u00fcrfnis, es einander wenigstens einmal heimzahlen zu k\u00f6nnen, l\u00e4sst nicht nur auf vergangene Kr\u00e4nkungen schlie\u00dfen. Es signalisiert einen Machtkampf. Denn die Medienleute verf\u00fcgen einerseits \u00fcber die B\u00fchnen, die selbst Bundeskanzler zu ihrer \u00f6ffentlichen Inszenierung brauchen. Sie inszenieren andererseits aber auch selbst politisches Geschehen, indem sie komplexe Sinnzusammenh\u00e4nge in Mini-Dramen zerlegen, durch Personen verk\u00f6rpern oder in symbolischen Schl\u00fcsselszenen gipfeln lassen. Damit geraten sie nahezu unausweichlich in Konflikte mit den Politikern um die Deutungshoheit. \u201eSo d\u00fcrfen Sie das nicht sehen\u201c hei\u00dft deren Standart-Mahnung an Journalisten seit Genschers Zeiten.<\/p>\n<p>Zunehmend wird die Kluft tiefer zwischen den Darstellungen, die Politiker \u2013 vor allem die jeweils verantwortlichen \u2013 von der Welt und den aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Problemen geben, und den Bildern, die Medienmenschen dagegensetzten. Es entstehen getrennte Welten mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. \u201eDie Langsamkeit der Politik liefert wenig sichtbare Gestaltungskraft\u201c, sagt Wolfgang Thierse. Im hektischen Tempo der Medienwelt nehmen die B\u00fcrger das selbst dann als Unf\u00e4higkeit war, wenn ihre eigene Erwartung oder die von den Medien suggerierte ganz und gar absurd ist.<\/p>\n<p>Auf die Bildersturzb\u00e4che, die t\u00e4glich \u00fcber sie hereinbrechen, hochgejazzt zu Sensationen oder einges\u00fclzt als Beitr\u00e4ge zur unterhaltenden Wissensbereicherung, auf die Wortlawinen und Papiermassen, die Internet-Str\u00f6me und die B\u00fccherstapel reagieren die B\u00fcrger offenkundig mit einer wachsenden inneren M\u00fcdigkeit. Viele schalten ab. Oder sie lassen den Informationsstrom durch sich hindurchrauschen.<\/p>\n<p>Das idealisierte &#8220;Prinzip \u00d6ffentlichkeit&#8221; &#8211; seit der Aufkl\u00e4rung gedacht als eine Art \u00fcbergreifende Gesamtvernunft &#8211; funktioniert nicht mehr. L\u00e4ngst hat es seine diskursf\u00f6rdernde und sinnstiftende Funktion f\u00fcr Staat und Gesellschaft verloren und sich aufgel\u00f6st in eine neue Unverbindlichkeit unterschiedlicher Teil-\u00d6ffentlichkeiten. Das Publikum macht davon nach Belieben seinen eigenst\u00e4ndigen Gebrauch.<\/p>\n<p>Dem einzelnen Journalisten, der es nach wie vor ernst meint mit der Funktionsf\u00e4higkeit einer demokratischen und sozial gerechten Ordnung, verlangt diese Lage immer aufs Neue den \u00f6ffentlichen Nachweis seiner professionellen Kompetenz und seiner intellektuellen Redlichkeit ab. Er tr\u00e4gt als Person Verantwortung f\u00fcr das Bild der Welt, das er dem Publikum anbietet. Auf einen etablierten verbindlichen \u00dcberbau kann er nicht mehr zur\u00fcckgreifen. Wenn er im \u00f6ffentlichen Diskurs mit seinen Informationen und Meinungen geh\u00f6rt oder gesehen werden will, muss er sich und seine Wert- und Zielvorstellungen zu erkennen geben.<\/p>\n<p>Ich selbst bin &#8211; davon habe ich in meinem Buch erz\u00e4hlt &#8211; bei dem Versuch, meine journalistische Zuschauerposition zu verlassen und mich auch als Zeitgenosse und B\u00fcrger zu verstehen, der gegen\u00fcber dem Vietnamkrieg, der Rassendiskriminierung und der Watergate -Aff\u00e4re keineswegs neutral war, in eine lebensbedrohliche Krise geraten. Ich wollte kenntlich werden, aber ich hatte Zivilcourage nie ge\u00fcbt, nur gefordert.<\/p>\n<p>Deshalb rede aus eigener Erfahrung, aber ich spreche nicht nur von mir. Denn ich habe die pers\u00f6nliche Krise durchaus auch zugleich als eine politische und eine journalistische Krise erlebt habe. Und w\u00e4hrend ich gezwungen war, mich intensiv mit mir selbst, meinen Pr\u00e4gungen, Gef\u00fchlen und Erfahrungen zu befassen, habe ich auch viel \u00fcber andere gelernt. Das hat nicht nur mein Schreiben ver\u00e4ndert, sondern auch meinen Blick auf die Politik und auf meine Profession.<\/p>\n<p>In jedem Jahr sterben in vielen Teilen der Welt weit \u00fcber hunderte Kollegen in Kriegen und Folterst\u00e4tten, weil sie ernsthaft ihren Beruf aus\u00fcben, auch Deutsche. Viele werden get\u00f6tet, weil sie irgendwelchen Machthabern kenntlich wurden als Beobachter der Welt\u00f6ffentlichkeit. &#8220;Zensur durch Mord&#8221; hat Freimut Duve, der Medien-Ombudsmann der Osze, solche Verbrechen genannt &#8211; einer wird umgebracht, hunderte schweigen.<\/p>\n<p>Hierzulande ist Kenntlichkeit eher ehrenvoll und eintr\u00e4glich f\u00fcr Journalisten als riskant oder gar lebensgef\u00e4hrlich. Der Medienstar geh\u00f6rt zu den Privilegierten der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Unbequem wird Kenntlichkeit bei uns weniger dann, wenn sich ein Journalist als Kritiker gegen die M\u00e4chtigen der Regierung hervortut als dann, wenn er den politischen und wirtschaftlichen Interessen seines Arbeitgebers und dessen Freunden schadet. Und unbequem kann es auch sein, die eigenen Freunde zu entt\u00e4uschen, von Gegnern Applaus zu bekommen, oder aus konkreten Gr\u00fcnden gegen allgemeine hehre Prinzipien zu versto\u00dfen<\/p>\n<p>Die Journalistische Freiheit wird in der Bundesrepublik heute &#8211; davon bin ich nach mehr als vierzig Jahren journalistischer Praxis \u00fcberzeugt, auch wenn es immer Ausnahmen gibt &#8211; viel weniger durch obrigkeitsstaatliche Pressionen bedroht als durch die weiche Knechtschaft einer eitlen Selbstverliebtheit.<\/p>\n<p>Gy\u00f6rgy Konrad, der vor dem Fall des Eisernen Vorhangs als ungarischer Dissident Jahrzehnte unter staatlicher Bevormundung gelitten hat und bis vor kurzem der Pr\u00e4sident der Akademie der K\u00fcnste in Berlin war, behauptet: &#8220;Jetzt ist es nicht mehr die Geheimpolizei, die bei den B\u00fcrgern Gehirnw\u00e4sche betreibt, sondern die als Abfolgen von Moden dahinwogende Oberfl\u00e4chlichkeit&#8221;.<\/p>\n<p>Es ist ja wahr, dass die Freiheit der Journalisten &#8211; wie der Kollege Siegfried von Kortzfleisch einmal geschrieben hat &#8211; &#8220;nicht schon dadurch angefochten ist, dass es Versuche gibt, auf sie Einfluss zu nehmen oder ihnen Informationen vorzuenthalten und so fort&#8221;. Solche Versuche sind sozusagen normal.<\/p>\n<p>Angefochten wird die Freiheit erst wirklich, wenn Redaktionen oder Journalisten nicht den Anf\u00e4ngen wehren, wenn sie leichtfertig hinnehmen, was man mit ihnen macht oder wenn sie gar in vorauseilendem Gehorsam gegen\u00fcber irgendwem vorwegnehmen, was irgendwelche M\u00e4chtigen vielleicht tun k\u00f6nnten. Ist nicht die vielbeklagte &#8220;Schere im Kopf&#8221; oft eher ein Sofa im Kopf? Ausdruck von Bequemlichkeit und nicht von berechtigter Furcht vor Risiken ?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass ich nach 35 Jahren Festanstellung beim SPIEGEL leicht reden habe. Aber sie sollten mir auch abnehmen, dass ich nicht wie ein Blinder von der Farbe spreche. Dass Journalismus auch bei uns schon mal einfacher war, ist mir nicht verborgen geblieben. Die Angst um den Arbeitsplatz ermutigt nicht zu Mutproben.<\/p>\n<p>Aber wie auch immer &#8211; ein bisschen Selbstbewusstsein sollte schon sein. Wenn wir unsere Arbeit als \u00f6ffentlichen Auftrag verstehen &#8211; und davon gehe ich in diesem Kreis aus &#8211; dann kann eine aufrechte Haltung nicht schaden. Redlicher Journalismus ist auch eine Charakterfrage.<\/p>\n<p>Wer sich den aufrechten Gang erhalten will, der braucht ein reflektiertes Verh\u00e4ltnis zu sich selbst und seinen Beruf, einen verantwortlichen, bewussten Umgang mit der eigenen Subjektivit\u00e4t. Sich dem Leben zu \u00f6ffnen und Erfahrungen zu sammeln, wird nicht auf Universit\u00e4ten und Journalistenschulen gelehrt, es wird aber auch nicht offiziell behindert.<\/p>\n<p>Sachkenntnis, Wissen um Zusammenh\u00e4nge und eine verl\u00e4ssliche Personen- und Institutionen-Kompetenz sind unverzichtbare Voraussetzung f\u00fcr eine gut recherchierte Geschichte. Um sie jedoch erz\u00e4hlerisch &#8220;rund&#8221; zu kriegen, sie richtig zu gewichten und einzuklinken in den Lebens- und Verst\u00e4ndniskontext der Leser oder Zuschauer sollte noch eine ganz spezielle F\u00e4higkeit zur Urteilskraft hinzukommen, wie sie der britische Philosoph Isaiah Berlin neben guten Reportern auch erfolgreichen Staatsm\u00e4nnern, Dompteuren, Dirigenten, Dichtern und M\u00fcttern zuschreibt. \u201eWirklichkeitssinn\u201c nennt er diese Gabe. Sie hat eher mit Verstehen zu tun als mit Wissen, und sie ist durch nichts zu ersetzen. Journalisten erm\u00f6glicht sie, bewusst oder halbbewusst die Grundmuster menschlicher oder historischer Situationen aufzunehmen und Fakten als Symptome vergangener und zuk\u00fcnftiger M\u00f6glichkeiten zu sehen.<\/p>\n<p>Was er damit meint, beschreibt Berlin so: \u201eEs handelt sich um eine gewisse Vertrautheit mit den relevanten Tatsachen, die sie erkennen l\u00e4sst, was zu einander passt, was unter den gegeben Umst\u00e4nden getan werden k\u00f6nnte und was nicht, welche Mittel in welcher Situation und in welchem Umfang anzuwenden sind, ohne dass sie zwangsl\u00e4ufig erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, warum sie dies wissen, oder worin dieses Wissen \u00fcberhaupt besteht.\u201c Diese F\u00e4higkeit, die eher eine der Synthese als der Analyse ist, l\u00e4\u00dft sich nicht am Schreibtisch oder Computer erlernen, wohl aber im richtigen Leben ausbilden.<\/p>\n<p>Und damit komme ich abschlie\u00dfend noch einmal zur\u00fcck auf die Watergate-Aff\u00e4re, die sich ja gerade wieder in unser aller Erinnerung zur\u00fcckgemeldet hat, weil der geheimnisvolle Informant &#8220;Deep Throat&#8221; sich selbst enttarnt hat. Bei aller schon anfangs ausgedr\u00fcckter Bewunderung f\u00fcr die Enth\u00fcller des Kriminal-Falls &#8220;Watergate&#8221; &#8211; dass es den amerikanischen Kollegen an Isaja Berlins Synthese-F\u00e4higkeit gebrach, war mir schon damals aufgefallen. Denn den politischen Stellenwert der Aff\u00e4re erkannten alle ausl\u00e4ndischen Korrespondenten besser als die amerikanischen Kollegen. Die verzettelten sich in der Analyse von Analogien in Einzelaspekten zu fr\u00fcheren Pr\u00e4sidentschaften, alle Ausl\u00e4nder sahen Nixons kriminellen Verschleierungsversuch als eine Art verkappten Staatsstreich, als Versuch , von der Spitze aus die demokratischen Grundregeln au\u00dfer Kraft zu setzen.<\/p>\n<p>Ich nahm mir daher vor, in Bonn mit dem Abstand eines Auslandskorrespondenten auf das Geschehen zu blicken. Das misslang. Als einheimischer Beobachter muss man einfach dichter an die Akteure heranr\u00fccken, weil das Publikum mehr wissen will. Aber die Problematik von N\u00e4he und Distanz habe ich seither verinnerlicht. Nur so konnte ich mich bei meinen Portr\u00e4ts emotional so dicht an die Akteure heranwagen, ohne Sorge zu haben, dass ich den Abstand v\u00f6llig verlieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das ist deshalb meine wichtigste Erfahrung, die ich zur Vervielf\u00e4ltigung anbiete; So wie jeder Mensch die M\u00f6glichkeit hat, so sollte es f\u00fcr jeden Journalisten selbst auferlegte Pflicht sein, sich durch reflektierte Erinnerung eine Haltung zu erwerben, eine f\u00fcr ihn ganz pers\u00f6nlich charakteristische bewegliche Beharrlichkeit im Umgang mit dem Leben.<\/p>\n<p>In seiner Haltung hat die Freiheit des Journalisten ihren R\u00fcckhalt. Wie er auf Ereignisse und auf Menschen reagiert, wie er sich zur Macht und gegen\u00fcber M\u00e4chtigen verh\u00e4lt, das ist nicht nur individuell relevant, sondern das hat auch politische Folgen. F\u00fcr mich sind dabei zwei S\u00e4tze leitmotivisch geworden. Der erste heisst: Wirklichkeit ist alles, wo man durch muss. Und der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter R\u00fchmkorff: &#8220;Bleib ersch\u00fctterbar und widersteh&#8221;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Spannungsverh\u00e4ltnis von Journalisten und Politikern Rede von J\u00fcrgen Leinemann (DER SPIEGEL) auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche am 4. Juni 2005 beim NDR in Hamburg &nbsp; &#8220;Wir jagen sie&#8221; &#8211; In ihrem spannungsgeladenen Verh\u00e4ltnis zu den Politikern geraten auch die Medien in Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren. 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