{"id":2665,"date":"2006-05-20T15:59:40","date_gmt":"2006-05-20T13:59:40","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=2665"},"modified":"2015-01-26T15:48:19","modified_gmt":"2015-01-26T14:48:19","slug":"rede-von-frank-a-meyer-2006","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/rede-von-frank-a-meyer-2006\/","title":{"rendered":"Rede von Frank A. Meyer (2006)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Diese Rede hielt Frank A. Meyer, Chefpublizist des Ringier-Verlages, auf der Jahrestagung des Netzwerks Recherche am 20. Mai 2006<\/strong><\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Kolleginnen und Kollegen,<\/p>\n<p>Die Einladung von Netzwerk Recherche, vor Ihnen eine kurze Rede zu halten, findet ihre Begr\u00fcndung auch darin, dass ich von aussen komme: aus der Schweiz, die f\u00fcr Sie, die Deutschen, politisch zwar fremd, aber kulturell doch nahe ist, also vertraut.<\/p>\n<p>Ich habe bei der Verfertigung dieser Rede gemerkt, dass ich nicht nur von aussen komme, weil ich Schweizer bin. Auch was meine journalistische Tradition und meine Vorstellungen von unserem Beruf betrifft, komme ich irgendwie von aussen.<\/p>\n<p>Darf ich Ihnen dazu zwei Beispiele vortragen:<\/p>\n<p>Das erste Beispiel: Im Hamburger Schauspielhaus wurde vor einer Woche der Henri- Nannen-Preis vergeben. Einen Journalistenpreis! Ein Preis f\u00fcr journalistische Leistung! Die Feier wurde, wie ich lesen durfte, inszeniert als glamour\u00f6ses gesellschaftliches Ereignis, mit abgesperrten Strassen zur Vorfahrt der Limousinen, mit rotem Teppich, mit Hostessen, mit Showeffekten. Das Programm versprach \u00fcbrigens, es werde Qualit\u00e4tsjournalismus erlebbar gemacht.<\/p>\n<p>Die geehrten Kollegen nahmen die Preise zum Teil im Smoking entgegen. Sie hatten \u00fcber Sterbehilfe und Arbeitslosigkeit, \u00fcber Kriegsversehrte und Mord und Globalisierungsopfer geschrieben. Sie strahlten, die Henri Nannen-B\u00fcste in den H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Aus einem journalistischen Monument meiner Generation hat man ein Bambi gemacht. Die Auszeichnung von Journalismus als ball\u00e4hnliche Veranstaltung? Eine Gala f\u00fcr Gala. Das irritiert mich. Das macht mich, liebe Kolleginnen und Kollegen, doch irgendwie ratlos. Geh\u00f6ren wir jetzt alle dazu? M\u00fcssen wir dazugeh\u00f6ren wollen? Zur Gesellschaft der Erfolgreichen und Reichen, der Sch\u00f6nen und Prominenten? Also zu einer Gesellschaft, der wir doch so lange Zeit skeptisch und mit \u00e4tzender Kritik gegen\u00fcberstanden? Ich frage ja nur.<\/p>\n<p>Und nun das zweite Beispiel: In der Tageszeitung &#8220;Die Welt&#8221; las ich, ebenfalls vor einer Woche, wie sehr die Medien unzufrieden seien \u00fcber die Grosse Koalition von CDU\/CSU und SPD. Ich zitiere aus dem Artikel folgenden Satz: &#8220;Die Grosse Koalition stellt in der Tat f\u00fcr die Medien ein grosses Dilemma dar.&#8221;<\/p>\n<p>Das Klagelied \u00fcber die medial so unergiebige Grosse Koalition erklingt seit einiger Zeit auch in andern Zeitungen und Zeitschriften. Man ist ganz offensichtlich ungehalten unter den Kollegen \u00fcber diese Regierung, die den Anforderungen und W\u00fcnschen der Medien so ganz und gar nicht gerecht wird.<\/p>\n<p>Die Medien als selbstbezogene gesellschaftliche Kraft, die es zu befriedigen gilt, neben, ja sogar vor allen anderen Kr\u00e4ften wie Wirtschaft und Kultur &#8211; und Volk. Noch nie habe ich dieses neue journalistische Selbstverst\u00e4ndnis so unverh\u00fcllt erlebt wie jetzt gerade in Deutschland.<\/p>\n<p>Vierzig Jahre lang, liebe Kolleginnen und Kollegen, betrieb ich meinen Beruf im Bem\u00fchen, als politischer Journalist dem Begriff Medium gerecht zu werden. Das heisst: vermittelndes Element zu sein, also Vermittler zu sein von Meinungen und Stimmungen und N\u00f6ten und Freuden. Auch betrieb ich mein Metier im Bewusstsein, nur eine Stimme zu sein unter vielen Stimmen.<\/p>\n<p>Schliesslich war ich stolz darauf, dass mein Berufsstand mit all den eigensinnigen und eigenst\u00e4ndigen Kolleginnen und Kollegen die Vermittlerrolle wahrnahm zwischen den verschiedenen Kr\u00e4ften der Gesellschaft, zwischen den verschiedenen Str\u00f6mungen der Gesellschaft, vor allem zwischen den B\u00fcrgern unterschiedlichster kultureller und sozialer Herkunft.<\/p>\n<p>Auch hier bin ich irritiert, sogar befremdet: Die deutschen Medien betrachten sich offenbar als eigenst\u00e4ndige Macht, noch vor dem Volk bestimmend f\u00fcr die Politik, insbesondere f\u00fcr die Regierungspolitik.<\/p>\n<p>Da diese neu erwachte Medienmacht gegenw\u00e4rtig ungehalten ist, \u00fcberlegt sie sich &#8211; anders kann ich es nicht lesen -, ob sie der gew\u00e4hlten Regierung ihre Gunst entziehen will oder nicht. Wie ich es verstehe, kann sich die Regierung auch bessern, indem sie den Medien liefert, was diese fordern, n\u00e4mlich Hauskrach und Spektakel.<\/p>\n<p>Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, das neue Rollenverst\u00e4ndnis der Medien bringt, wie k\u00f6nnte es anders sein, die Bild-Zeitung auf den Punkt. Im April habe ich dort die folgende Titelzeile gelesen: \u201eBild-Verh\u00f6r mit dem fr\u00fcheren Arbeitsminister.\u201c<\/p>\n<p>Sie haben richtig geh\u00f6rt: \u201eBild-Verh\u00f6r\u201c &#8211; Bild verh\u00f6rte Norbert Bl\u00fcm. Die Zeitung als Staatsanwaltschaft. Solch mediale Anmassung ist mir noch nicht vorgekommen. Hybris ist das. Bei der Auflage-Macht von Bild gef\u00e4hrliche Hybris.<\/p>\n<p>Ich betrachtete die bizzare deutsche Szenerie allerdings bereits w\u00e4hrend des letzten Wahlkampfes ratlos von aussen. Ich war verwundert \u00fcber die gleichf\u00f6rmig vorgetragene Entschlossenheit praktisch aller bedeutenden Medien, die damalige Regierung abzuw\u00e4hlen: abzuw\u00e4hlen gewissermassen durch die Medien selbst! Nat\u00fcrlich \u2013 leider \u2013 durch Mitwirkung der im Grundgesetz immer noch vorgesehenen W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler.<\/p>\n<p>Es hat mich erschreckt. Es hat mich mehr erschreckt, als Berlusconi mich erschreckt hat. In Italien missbrauchte ein Medienmogul seine politische Macht. In Deutschland spielten die Journalisten ganz von selbst konzertierte Macht aus, mit politisch subtiler Bildwahl, mit politisch gezielter Wortwahl, mit der ganzen Kunst des Handwerks. Es war eine Machtdemonstration sondergleichen. Sie stiess, gottlob, auf den demokratischen Widerstand der B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Lassen Sie mich einige Gedanken &#8211; wie gesagt, sehr pers\u00f6nliche Gedanken &#8211; vortragen \u00fcber dieses neue Selbstgef\u00fchl der Medien. Und wenn ich Medien sage, meine ich Journalistinnen und Journalisten. Also uns hier:<\/p>\n<p>Neben der Finanzwirtschaft bilden die Medien die einzige Branche, die tats\u00e4chlich vollst\u00e4ndig globalisiert ist. Die Medien haben ihr Netz \u00fcber den Erdball geworfen. Niemand entgeht ihnen. Sie sind immer schon da. Rund um den Globus und rund um die Uhr. Sie sind omnipr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Oh, ich weiss! Wir sind nicht schuld daran, wir nutzen nur die Technik, und wir w\u00e4ren pflichtvergessen, t\u00e4ten wir es nicht. Auch sind wir zur\u00fcckhaltend, geradezu kleinlaut, wenn man uns fragt, wie wir es denn mit dieser Omnipr\u00e4senz ethisch und moralisch halten. Wir tun unsern Job. Nach bestem Wissen und Gewissen. Was sollen wir sonst tun?<\/p>\n<p>F\u00fcr die Konsumenten, wie ja heute Leser, Zuh\u00f6rer und Zuschauer genannt werden, wirkt unsere Omnipr\u00e4senz &#8211; glauben Sie mir! &#8211; wie Omnipotenz. Und es ist auch so, dass Quantit\u00e4t in eine neue Qualit\u00e4t umschlagen kann. In der Wahrnehmung der Menschen, die sich den Medien, die sich uns Journalistinnen und Journalisten ausgeliefert f\u00fchlen, ist dies bereits geschehen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte auch dazu ein Beispiel anf\u00fchren: Die m\u00e4chtige, die unbeirrbare, die dogmatisch immer noch so gefestigte katholische Kirche hat erfahren m\u00fcssen, dass die Medien die gr\u00f6ssere Macht sind als der Vatikan.<\/p>\n<p>Sie erinnern sich an das qu\u00e4lend langsame Sterben des Papstes Johannes-Paul II. Sie haben das Bild noch vor Augen, wie er moribund am Fenster sitzt, einen \u00d6lzweig hilflos in der zitternden Hand, den Mund aufgerissen, das Gesicht verzweifelt, der Stimme beraubt. Showtime mit einem Sterbenden.<\/p>\n<p>Fanden wir diese Bilder unw\u00fcrdig, schamlos, impertinent? Ich habe sie auch hingenommen als Magic moment im Fernsehen, in den Zeitungen und Zeitschriften. Wann hat man schon einen solch dramatischen Augenblick vor der Kamera?<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir uns darauf hinaus reden, dass der Vatikan diese Inszenierung seinerseits betrieben habe? Der Vatikan hat sich den Anforderungen des Medienzeitalters angepasst. Er hat sogar Rituale angepasst. Das Beispiel: Seit Jahrhunderten pflegt der Vatikan, die Tore zu schliessen, wenn der Papst tot ist. Auch diesmal wurde das Tor geschlossen. Doch durch die Hintert\u00fcr bat die Kurie eilfertig das Fernsehen an den Sarg. Auch der tote Papst hatte dem Anspruch der medial total vernetzten Welt-Gesellschaft zu gen\u00fcgen. Darf ich zum Begriff &#8220;total&#8221; eine ganz b\u00f6se Provokation hinzuf\u00fcgen: Total und totalit\u00e4r liegen sehr nahe beieinander. Hat nicht das totale mediale Erfassen von allem und jedem, das totale Entbl\u00f6ssen von allem und jedem, das totale Beschwatzen von allem und jedem &#8211; hat das nicht etwas Totalit\u00e4res?<\/p>\n<p>Die Menschen zappeln in unserem Netz. Das be\u00e4ngstigt sie. Wir Journalisten waren einst die besten Verb\u00fcndeten Machtloser im Kampf gegen M\u00e4chtige, gegen M\u00e4chte, vor allem gegen Herrschaftswissen, das die M\u00e4chtigen f\u00fcr sich nutzten.<\/p>\n<p>Heute sind wir selbst M\u00e4chtige: Wir wissen, wie wir unsere Macht umsetzen und einsetzen. Und unsere Medienmacht ist dem einfachen B\u00fcrger ganz und gar nicht transparent. Wir verf\u00fcgen \u00fcber Herrschaftswissen. Wir sind zu Machttr\u00e4gern von eigenen Gnaden geworden.<\/p>\n<p>So hat sich der Beruf ver\u00e4ndert, den ich in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts erlernte. Es war damals ein Laufberuf. Ich fuhr zu den Politikern, von denen ich etwas wissen wollte, zu den Beamten, Unternehmern, K\u00fcnstlern, Forschern.<\/p>\n<p>Ich lebte journalistisch von Begegnungen, von sinnlichen Eindr\u00fccken, von Gesichtern, die meine Recherchenarbeit begleiteten. Ich eilte zu Versammlungen und Protestm\u00e4rschen. Es war ein ununterbrochenes Kennenlernen anderer Menschen.<\/p>\n<p>Wie gestaltet sich der journalistische Alltag heute bei meinen jungen Kolleginnen und Kollegen? Ich sehe sie gebannt am Laptop sitzen. Sie rufen ab, was andere schon formuliert haben. Sie schreiben Geschichten, die sie aus anderen, vorgeformten Geschichten im Netz verfertigen.<\/p>\n<p>Sie zeichnen Portraits aus biographischen Versatzst\u00fccken und Ger\u00fcchten, wie sie auf dem Internet in Unzahl vorzufinden sind. So werden Vorurteile und Falschurteile, Unwahrheiten und Unterstellungen \u00fcber Menschen im System nicht nur konserviert, sondern auch regelm\u00e4ssig neu aufbereitet.<\/p>\n<p>Oft sind es vernichtende Bilder, die so gezeichnet werden, in der Regel sind es Bilder voller H\u00e4me. H\u00e4me hat sich ja mittlerweile durchgesetzt als Stilersatz \u2013 Muckefuck statt Kaffee.<\/p>\n<p>Am Bildschirm l\u00e4sst es sich sehr bequem \u00fcber Politiker oder Unternehmer journalistisch zu Gericht sitzen. Man begegnet den Opfern nur noch selten.<\/p>\n<p>Richter sollten f\u00fcr einige Monate ins Gef\u00e4ngnis gesteckt werden, bevor sie richten d\u00fcrfen. Dann w\u00fcssten sie, was sie tun. Auch Journalisten sollten einer Kampagne von Kollegen ausgesetzt werden. Dann w\u00fcssten sie, was sie anrichten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mehr und mehr lebt unser Berufsstand vom Copy-&amp;-Paste. Sie kopiert sich fortw\u00e4hrend selbst. Seit Jahren schon. Und wie es aussieht, auch in Zukunft.<\/p>\n<p>Ja, so viele &#8211; allzuviele &#8211; Journalistinnen und Journalisten verlernen es, fiebernd vor Spannung hinauszugehen und nachzusehen, bevor sie schreiben.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es damit zu tun haben, dass &#8211; um ein deutsches Beispiel anzuf\u00fchren &#8211; die Resultate der CDU\/CSU und, vor allem, der SPD bei den letzten deutschen Wahlen so viele Kollegen so gewaltig \u00fcberraschten?<\/p>\n<p>Lasen sie wom\u00f6glich, vom Laptop hypnotisiert, allzu ausschliesslich die Meinungsumfragen? Und die Meinungen der Kollegen?<\/p>\n<p>Vergassen sie wom\u00f6glich, an die Wahlveranstaltungen zu eilen, wo sie die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler h\u00e4tten erleben k\u00f6nnen? Wo sie h\u00e4tten sp\u00fcren k\u00f6nnen, was die Menschen begeistert, wen sie m\u00f6gen, zu wem sie hinstreben?<\/p>\n<p>Auch das nur die Frage eines verwunderten und etwas ratlosen Schweizers.<\/p>\n<p>Erfahren wir noch gen\u00fcgend sinnliches, wirkliches Leben in unserem Beruf?<\/p>\n<p>K\u00fcssen Sie einmal einen Bildschirm, dann wissen Sie, woran uns mangelt.<\/p>\n<p>Doch es gibt noch ein weiteres Netz, das uns gefangen h\u00e4lt. Ein intimeres: Wir bewegen uns mehr und mehr und am liebsten untereinander. Neben dem Arbeits-Bildschirm ist die Medienszene unsere engere, unsere enge Heimat geworden. Wir sind auf dem besten Weg, eine Kaste zu werden. Und die eherne Regel jeder Kaste heisst: Eine Kr\u00e4he hackt der anderen kein Auge aus.<\/p>\n<p>Ja, man kennt sich in unserem Beruf. Man verhilft sich zu Prominenz: Man interviewt sich gegenseitig, man l\u00e4dt zu Talkshows ein, der eine den andern, der andere den einen, reihum, man lanciert die B\u00fccher von guten Kollegen, man ignoriert die B\u00fccher von Kollegen, die aus der Reihe tanzen.<\/p>\n<p>Was ist gegen so wunderbare Kollegialit\u00e4t einzuwenden? Nichts. Nirgends eine Verschw\u00f6rung.<\/p>\n<p>Und dennoch ergeben sich ob so vieler verst\u00e4ndlicher Gemeinsamkeiten auch fatale Gemeinsamkeiten: Zum Beispiel ganz pl\u00f6tzlich und ganz ohne b\u00f6se Absicht ein Mainstream in der Einsch\u00e4tzung von Politik oder Wirtschaft, von Politikern und Unternehmern, von Parteien und Verb\u00e4nden und Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Gesellschaftliche Entwicklungen werden pl\u00f6tzlich, ohne b\u00f6se Absicht, von den f\u00fchrenden Medien, von den Stimmungs- und Meinungsmachern unter den Journalisten sehr, sehr \u00e4hnlich gesehen \u2013 fatal \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Erliege ich einer Sinnest\u00e4uschung, wenn ich mich beim Lesen deutscher Zeitungen und Zeitschriften, beim Konsum deutscher Fernseh- und Radioprogramme des Eindrucks frappierender Gleichf\u00f6rmigkeit nicht erwehren kann?<\/p>\n<p>Die Kanzlerin gestern hui, morgen pfui? Bereits zeichnet sich der neuste Mainstream ab. Wer wagt es noch auszubrechen, andersherum zu denken, neu zu denken? Wer wagt noch den Konflikt, den Schlagabtausch &#8211; mit Florett oder mit Schwert &#8211; von Blatt zu Blatt, von Journalist zu Journalist?<\/p>\n<p>Und wer wagt noch Kritik an einem Kollegen?<\/p>\n<p>J\u00fcngst sah ich die ganzseitigen Annoncen, auf denen Gross-Talkmaster Kerner f\u00fcr die Aktien von Air Berlin warb. Ich will nicht davon reden, was aus diesen Aktien nach dem B\u00f6rsengang wurde. Ich will auch nicht reden vom Schicksal der einfachen Kerner6 Zuschauer, die sich auf die Empfehlung ihres Idols eingelassen haben und Air Berlin- Aktien kauften.<\/p>\n<p>Ich frage mich nur, wie ein Journalist &#8211; notabene des \u00f6ffentlich-rechtlichen Programms &#8211; dazu kommt, sich f\u00fcr kommerzielle Werbung kaufen zu lassen. Eigentlich h\u00e4tte ihn die Anfrage von Herrn Hunold in der journalistischen Ehre treffen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Er h\u00e4tte das Angebot mit der Frage beantworten m\u00fcssen: Wof\u00fcr halten Sie mich, Herr Hunold, dass Sie es wagen, mir, einem Journalisten, ein solch sittenwidriges Angebot zu machen?<\/p>\n<p>Nicht anders h\u00e4tte Beckmann, der andere Gross-Talkmaster, reagieren m\u00fcssen, als man ihn als Werbe-Model entdeckte. Als Journalist h\u00e4tte er reagieren m\u00fcssen!<\/p>\n<p>Oder kollidieren solche Angebote gar nicht mehr mit den journalistischen Sitten, mit dem Ehrgef\u00fchl der Journalisten?<\/p>\n<p>Jedenfalls gab es in der Kaste keinen Aufschrei, nur Nachfragen, ob so etwas denn nicht doch eventuell und \u00fcberhaupt anr\u00fcchig sein k\u00f6nnte. Man wird ja noch fragen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Was h\u00e4tte der deutsche Journalismus mit der geballten Kraft des Mainstreams aus einem Politiker gemacht, der auf \u00e4hnliche Weise amts- und funktionsvergessen dem leichten Geldverdienen erlegen w\u00e4re? Ja, was macht der deutsche Journalismus mit Ministern, die nur mal auf offiziellem Papier einen Chip f\u00fcr Einkaufswagen empfehlen oder sich von einer PR-Agentur modisch ausstaffieren lassen?<\/p>\n<p>Doch Kerner und Beckmann sind die Szene. Unsere Szene. Kerner und Beckmann sind prominent, sind \u00fcberaus erfolgreich. Mit Prominenten und Erfolgreichen ist gut dabei sein &#8211; und schlecht Kirschen essen.<\/p>\n<p>Man m\u00f6chte doch so gerne dabei sein, dazugeh\u00f6ren, bei Wahlen zu den Siegern, am Wahlabend in der richtigen Parteizentrale. Wehe man steht in der falschen! Ich habe Ihnen gesagt, dass ich hier ganz pers\u00f6nliche Eindr\u00fccke vortrage. Hunderte von Artikeln, zahlreiche Sendungen der deutschen Medien haben mir diese Eindr\u00fccke vermittelt.<\/p>\n<p>Ich habe noch die Zeit erlebt, da fochten M\u00fcnchner Journalisten gegen Hamburger Journalisten gegen Berliner Journalisten. Da war der deutsche journalistische Pluralismus fester Bestandteil der demokratischen Kultur.<\/p>\n<p>Es war die grosse Zeit der Krokodile im Tempelweiher der deutschen Medien: Bucerius, Nannen, Augstein, Springer. Ihre vielen Schreiber und Denker und sogar Pamphletisten dazugez\u00e4hlt: von Doenhoff bis Boenisch.<\/p>\n<p>Sie haben sich durchaus immer mal wieder am Hamburger Leinpfad oder auf Sylt zum Butterbrot getroffen &#8211; aber sie schenkten sich nichts.<\/p>\n<p>Wie steht es heute mit der gegenseitigen Kritik? Mit der kritischen Berichterstattung der Medien \u00fcber die Medien? Wir bestehen doch sonst berufsstolz darauf, dass wir keine tabuisierten Bereiche der Gesellschaft kennen.<\/p>\n<p>Das aber w\u00fcrde doch heissen, dass auch wir uns selbst kein Tabu sind. Gerade angesichts der anschwellenden Medien-Macht d\u00fcrften wir uns selbst kein Tabu sein! Liebe Kolleginnen und Kollegen, w\u00e4hrend Monaten war der Versuch des Hauses Springer, ProSieben-Sat.1 zu \u00fcbernehmen, das grosse, auch das spannende politische, wirtschaftliche und kulturelle Thema Deutschlands. Sogar im Ausland wurde dar\u00fcber berichtet.<\/p>\n<p>Weshalb fand dieses Thema im Spiegel &#8211; meinem Blatt, das ich seit 40 Jahren lese, dessen Gr\u00fcnder und Verleger ich verehrte! &#8211; warum fand dieses Thema im Spiegel keinen Niederschlag als Titelgeschichte? Nat\u00fcrlich wurde berichtet, gerade so, dass die wohltemperierte Tonalit\u00e4t dem mit journalistischen Usanzen unvertrauten Leser nicht auffiel &#8211; also ohne Biss, Dienst nach Vorschrift sozusagen.<\/p>\n<p>Wie ist das zu erkl\u00e4ren? Vielleicht wissen Sie mir die Antwort? Meine Ratlosigkeit ist gross.<\/p>\n<p>Wenn die Journalisten sich zur Kaste formieren, wenn die Medienwelt eine in sich geschlossene Welt wird, wenn die journalistischen Chefs und ihre Ideologen sich informell immer st\u00e4rker vernetzen, dann kommt jemand zu kurz: Der B\u00fcrger! Und damit die lebendige Demokratie!<\/p>\n<p>Der Chefredaktor des Stern hat im vergangenen M\u00e4rz \u00fcber einen Kommentar den Titel gesetzt: &#8220;Eine kranke Gesellschaft.&#8221; Darauf haben sich die deutschen Medien offenbar geeinigt: Die deutsche Gesellschaft ist krank. Ist in der Krise: die Politik ganz grunds\u00e4tzlich, die Parteien im besonderen, schlimm befallen nat\u00fcrlich die Wirtschaft, aber auch das Theater, der Fussball, die Familie, die Schule, die Universit\u00e4t &#8211; alles in kritischem Zustand, bettl\u00e4gerig, auf der Notfallstation oder bereits im Koma.<\/p>\n<p>Nur die Medien werden von den Medien nicht krank gemeldet, erfreuen sich also in den Augen der Journalisten allerbester Gesundheit! Kann das sein?<\/p>\n<p>Vielleicht kann das sein. Aber ich glaub&#8217;s nicht.<\/p>\n<p>Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich komme zum Schluss noch auf eine Erscheinung zu sprechen, die viel zu tun hat mit der k\u00fcnftigen Entwicklung unseres Berufes, nicht nur in Deutschland, auch, zum Beispiel, in der Schweiz:<\/p>\n<p>Welcher Weg f\u00fchrt junge Menschen heute in den Journalismus?<\/p>\n<p>Einst f\u00fchrten ganz verschiedenartige Wege in den Journalismus: verschlungene, m\u00fchselige, sozusagen ungepflasterte. Junge und mitunter sogar \u00e4ltere Menschen ganz und gar unterschiedlicher Herkunft fanden durch ihr Talent, ihre Intelligenz und ihr \u201efeu sacr\u00e9\u201c in unseren Beruf.<\/p>\n<p>Es fanden sich darunter gescheiterte Dichter, ersch\u00f6pfte Weltenbummler, engagierte Weltverbesserer, gel\u00e4uterte Knastbr\u00fcder, bildungshungrige Autodidakten, Menschen mit Berufsabschluss und ohne Berufsabschluss.<\/p>\n<p>Sie alle verk\u00f6rperten mit ihren divergierenden und kontr\u00e4ren Lebenserfahrungen in den Redaktionen den sozialen und kulturellen Pluralismus unserer Gesellschaft &#8211; Multikulti im bestem Sinne. Sie garantierten dadurch auch die ganz unterschiedliche Sicht auf das gesellschaftliche Leben, auf Politik und Wirtschaft und Kultur.<\/p>\n<p>Sie hatten das wirkliche Leben schon einmal geschmeckt.<\/p>\n<p>Wie ist das heute? Heute lautet die Herkunft in der Regel so: Studium, allenfalls abgebrochenes Studium, Journalistenschule \u2013 also Lebenserfahrung in Form von f\u00fcnf Paar Markenjeans, die auf Schulb\u00e4nken durchgescheuert wurden.<\/p>\n<p>Oh ja, ich dr\u00fccke mich drastisch aus. Aber das werden Sie mir ja wohl als Journalisten nicht ankreiden.<\/p>\n<p>Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, wir reden t\u00e4glich und mit Lust \u00fcber die Probleme, am liebsten \u00fcber die Katastrophen anderer.<\/p>\n<p>Es ist Zeit, dass wir \u00fcber uns reden. Kritisch. Am besten sehr kritisch. Und schonungslos. So schonungslos und unpfleglich, wie wir mit den Andern umzugehen pflegen. Ich danke den Veranstaltern, dass sie mir hier vor Ihnen genau dazu eine Gelegenheit einger\u00e4umt haben.<\/p>\n<p>Es ist keine Gala, es gibt keinen Preis, schon gar nicht f\u00fcr meine b\u00f6se Rede; nirgends liegt ein roter Teppich, ich sehe keine Smokings. Wunderbar. Ich atme Journalismus.<\/p>\n<p>Ich bin gl\u00fccklich, dass ich meine Sorgen kritischen Kollegen mitteilen durfte. Danke.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Rede hielt Frank A. Meyer, Chefpublizist des Ringier-Verlages, auf der Jahrestagung des Netzwerks Recherche am 20. 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