{"id":2674,"date":"2004-06-05T16:32:29","date_gmt":"2004-06-05T14:32:29","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=2674"},"modified":"2015-01-26T15:44:21","modified_gmt":"2015-01-26T14:44:21","slug":"medien-zwischen-anspruch-und-realitaet-johannes-rau-2004","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/medien-zwischen-anspruch-und-realitaet-johannes-rau-2004\/","title":{"rendered":"&#8220;Medien zwischen Anspruch und Realit\u00e4t&#8221; \u2013 Johannes Rau (2004)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rede von Bundespr\u00e4sident Johannes Rau beim Jahrestreffen des Netzwerk Recherche am 05. Juni 2004 im NDR-Konferenzzentrum in Hamburg<\/strong><\/p>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>Sie haben mich eingeladen, \u00fcber die Entwicklung der Medien in Deutschland zu sprechen. Ich habe spontan zugesagt &#8211; und will die Gelegenheit gerne nutzen, Ihnen einmal ausf\u00fchrlich darzustellen, welche Artikel mich in den vergangenen 46 Jahren, so lange habe ich jetzt politische Mandate inne, ge\u00e4rgert haben. Ich hoffe, Sie haben genug Zeit mitgebracht &#8230;<\/p>\n<p>Nein, im Ernst: Ich habe zum einen zugesagt, weil mich dieses Thema seit langem bewegt, und weil es eine ganze Reihe von Entwicklungen gibt, die mir Sorgen machen. Zum anderen, weil ich viele Journalisten seit langem kenne und sch\u00e4tze, die hier im Netzwerk Recherche zusammengeschlossen sind.<\/p>\n<p>Damit bin ich aber auch schon beim ersten Problem angekommen. Normalerweise freuen sich Menschen ja \u00fcber Lob. Wenn aber Politiker Journalisten loben, dann f\u00fcrchten die Gelobten nicht selten eine besonders perfide Form von Rufmord. Das liegt daran, dass Journalisten generell v\u00f6llig uneitel sind und deshalb gut auf Lob verzichten k\u00f6nnen &#8211; da gleichen sie ja den Politikern.<\/p>\n<p>Der andere Grund f\u00fcr dies Misstrauen liegt in der professionellen Distanz zwischen Politik und Journalismus. Erst diese Distanz macht ein unabh\u00e4ngiges und objektives Urteil m\u00f6glich. Nichts belegt diese Distanz angeblich eindrucksvoller als harte Kritik. Wer also gelobt wird, war m\u00f6glicherweise nicht kritisch und damit auch nicht distanziert genug. Wer will sich das schon &#8211; selbst in ein Lob verpackt &#8211; vorwerfen lassen?<\/p>\n<p>Damit bin ich beim zweiten Problem. Wenn Politiker \u00fcber Journalisten sprechen, werden sie schnell verd\u00e4chtigt, Beschwerdef\u00fchrer in eigener Sache zu sein. Politiker f\u00fchlen sich falsch verstanden, fehlinterpretiert oder &#8211; schlimmer noch &#8211; ignoriert. Schnell ist heute von Kampagnen die Rede. Auch die Debatte um die Autorisierung von Interviews hat gezeigt, wie aufgeladen die Atmosph\u00e4re ist. Ich kenne solche gegenseitigen Schuldzuweisungen seit vielen Jahren und auch ich selber hatte in fast f\u00fcnf Jahrzehnten politischer Arbeit Anlass zu mancher Beschwerde.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4ren wir aber wieder in der klassischen Gespr\u00e4chssituation: Journalisten schimpfen \u00fcber Politiker, Politiker schimpfen \u00fcber Journalisten. Das ist manchmal vielleicht ganz unterhaltsam, aber in der Sache bringt uns das nicht weiter.<\/p>\n<p>Ich sehe reichlich Anlass zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Die Medienlandschaft hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch ver\u00e4ndert und mit ihr auch der Journalismus. Die Politik hat sich ver\u00e4ndert, und das hat auch mit den Medien zu tun. Und schlie\u00dflich hat sich unsere Gesellschaft ver\u00e4ndert und das politische Klima in unserem Land. Das wiederum hat mit beidem zu tun.<\/p>\n<p>Ich will hier also nicht lamentieren \u00fcber die Frage, ob der Journalismus zu schlecht ist, um eine gute Politik zu vermitteln oder ob die Politik so schlecht ist, dass sie den hohen Anforderungen der Journalisten nicht gen\u00fcgt. Ich verzichte heute auch darauf, \u00fcber manche Klischees und Etiketten zu sprechen, die mir Journalisten in all den Jahren so angeh\u00e4ngt haben &#8211; und ich hoffe, dass Sie mir diesen Akt der Selbstzensur zugute halten!<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Ihnen vielmehr sagen, was ich f\u00fcr guten Journalismus halte. Das mag ein wenig schlicht klingen, aber mir scheint es dringend notwendig zu sein, an das vermeintlich Selbstverst\u00e4ndliche zu erinnern, bevor wir in der Diskussion nachher zu intellektuellen H\u00f6henfl\u00fcgen aufbrechen. Um diese Diskussion zu erleichtern, habe ich einige S\u00e4tze formuliert, die ich n\u00e4her erl\u00e4utern will. Ich wollte nicht von &#8220;Thesen&#8221; sprechen, weil das doch sehr gewaltig klingt, und ich mir nicht anma\u00dfe, den Journalismus neu erfinden zu wollen. Zehn S\u00e4tze sind es aber trotzdem geworden.<\/p>\n<p>Mein erster Satz lautet:<br \/>\n<strong> Gute Journalisten brauchen eine gute Ausbildung.<\/strong><\/p>\n<p>Im vergangenen November habe ich in Marbach die so genannte &#8220;Schiller-Rede&#8221; gehalten. Darin ging es unter anderem um die Entstehung von Kultfiguren und um die Wechselbeziehung von Medienwirkung und Wirklichkeit. &#8220;Bildung,&#8221; so habe ich damals gesagt &#8220;hat in dieser von den visuellen Medien gepr\u00e4gten Gesellschaft eine besondere, n\u00e4mlich eine kritische Funktion. Und ich bin fest davon \u00fcberzeugt, dass zu einem solchen Begriff von Bildung die Bildung des sprachlichen Verm\u00f6gens und die literarische Bildung unverzichtbar sind.&#8221; So weit mein eigenes Zitat. Nach dieser Rede kam eine junge Reporterin auf mich zu, hielt mir das Mikrofon hin und fragt unvermittelt: &#8220;Herr Rau, was war das Wichtigste in Ihrer Rede?&#8221; Ich habe ihr geantwortet: &#8220;Die Einleitung, der Hauptteil und der Schluss.&#8221;<\/p>\n<p>Man mag \u00fcber die junge Frau schmunzeln. Sie ist aber leider kein Einzelfall. Sie kennen alle die Geschichte von dem jungen Kollegen, der ein kritisches Interview in der Bundestagslobby f\u00fchrt und sich anschlie\u00dfend nach dem Namen des befragten Politikers erkundigt. Selbst wenn sie nicht stimmt, ist sie zumindest gut erfunden und sie illustriert ein durchaus verbreitetes Problem. Ich halte es jedenfalls noch nicht f\u00fcr einen Ausdruck von emanzipiertem Journalismus, wenn das Selbstbewusstsein eines Journalisten seiner Kompetenz weit voraus ist. Auch Unh\u00f6flichkeit kann nur vor\u00fcbergehend verbergen, dass man von einer Sache m\u00f6glicherweise keine Ahnung hat. Forschheit und Kritikf\u00e4higkeit sind noch lange nicht dasselbe.<\/p>\n<p>Deshalb pl\u00e4diere ich f\u00fcr eine solide und umfassende Ausbildung von Journalisten. Dazu geh\u00f6rt zum einen das Handwerk: Das beginnt mit der Sprache und endet noch nicht mit der Kenntnis journalistischer Darstellungsformen. Es gibt eben einen Unterschied zwischen Nachricht und Kommentar, und nicht alles, was mit einem Witz endet, ist deshalb schon ein Feature.<\/p>\n<p>Der Journalismus lebt &#8211; wie die Politik &#8211; von der Glaubw\u00fcrdigkeit. Darum muss eine Information, die glaubw\u00fcrdig sein will, auch einen sauberen handwerklichen Rahmen haben. Da mag man noch so modische Fachbegriffe benutzen: Wer Objektivit\u00e4t verspricht und die Fakten der Meinung unterordnet, der manipuliert. Und wer ein Interview erfindet, betreibt keinen Borderline-Journalismus, wie das neudeutsch hei\u00dft, sondern hat ein Interview erfunden. Das ist das eine: Junge Journalisten m\u00fcssen ihr Handwerk beherrschen.<\/p>\n<p>Das andere ist: Journalisten brauchen auch Bildung, jenseits der Berufsausbildung. Ich erwarte von politischen Journalisten, dass sie die Grundlagen unseres politischen Systems und die in ihm handelnden Hauptpersonen kennen. Der Bundespr\u00e4sident hei\u00dft eben nicht Johannes Rau &#8211; SPD, weil der Bundespr\u00e4sident nun mal keiner Partei angeh\u00f6rt. Ich kann das verschmerzen. Blamabel wird es aber, wenn die Berichterstattung \u00fcber zentrale politische Themen eklatante Wissensm\u00e4ngel \u00fcber das Gesetzgebungsverfahren oder \u00fcber die Zust\u00e4ndigkeit von Verfassungsorganen offenbart. Wie wollen Journalisten ihre Leser informieren, wenn sie selbst nicht verstehen, was passiert? Ich sage das aus Erfahrung: Als Leser, als Zuh\u00f6rer und Zuschauer habe ich den Eindruck, dass sich die Kompetenz der Berichterstattung vielerorts deutlich verschlechtert hat.<\/p>\n<p>Damit bin ich bei meinem zweiten Satz:<br \/>\n<strong> Guter Journalismus kostet Geld.<\/strong><\/p>\n<p>Wir wissen alle, wie sehr die schlechte Wirtschaftslage viele Verlage und Sender getroffen hat. Die Anzeigen- und Werbeerl\u00f6se sind erheblich zur\u00fcckgegangen, die hohe Arbeitslosigkeit f\u00fchrt in vielen St\u00e4dten zu sinkenden Auflagen. Zugleich ist mit dem Internet eine starke Konkurrenz vor allem im traditionellen Gesch\u00e4ft der Rubrikenm\u00e4rkte entstanden. Die Folgen sind un\u00fcbersehbar. In den Redaktionen wurden in den vergangenen Jahren massiv Stellen abgebaut, der Umfang von Zeitungen und Zeitschriften wurde reduziert, und wo es geht, arbeiten Verlage zusammen &#8211; mit gemeinsamen Korrespondenten oder mit gemeinsamen Beilagen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind auch Medienunternehmen in erster Linie Unternehmen und m\u00fcssen auf eine solide Ertragslage achten. Aber wir m\u00fcssen uns klarmachen, wohin diese Entwicklung f\u00fchrt. Wenn immer weniger Journalisten immer mehr Themen bearbeiten m\u00fcssen, nimmt das Fachwissen zwangsl\u00e4ufig ab. Flexibilit\u00e4t allein macht aber noch keinen guten Journalismus.<\/p>\n<p>In einer globalisierten Welt werden auch die Sachverhalte immer komplexer. Wer im Lokalteil \u00fcber Umweltschutz berichtet, wird sich zwangsl\u00e4ufig auch mit dem EU-Recht besch\u00e4ftigen m\u00fcssen. Wer \u00fcber Gesundheits- oder Rentenreformen schreibt, hat mit einer hochkomplizierten Gesetzesmaterie zu tun. Journalisten brauchen Zeit, um sich solches Wissen anzueignen, und sie brauchen Platz, um ihre Erkenntnisse darstellen zu k\u00f6nnen. Wenn beides fehlt, sind Journalisten in einer schwachen Position &#8211; gegen\u00fcber ihren Gespr\u00e4chspartnern, gegen\u00fcber den Einfl\u00fcsterungen einer immer m\u00e4chtiger werdenden PR-Industrie und damit letztlich auch gegen\u00fcber ihren Zuschauern und Lesern.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt mich zu meinem dritten Satz:<br \/>\n<strong> Journalisten m\u00fcssen unabh\u00e4ngig von \u00f6konomischen Interessen sein<\/strong><\/p>\n<p>Ich spreche jetzt gar nicht von kriminellen Insider-Tips oder davon, dass Journalisten unbestechlich sein sollten &#8211; diesen Anspruch halte ich immer noch f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich. Schwieriger wird es schon, wenn Motor- oder Reisejournalisten ihre Arbeit nur noch tun k\u00f6nnen, wenn sie von den Unternehmen dazu eingeladen werden. Es gibt heute aber andere Anfechtungen, die f\u00fcr das Publikum viel schwerer zu durchschauen sind.<\/p>\n<p>Wenn Medien \u00fcber neue Trends berichten, beeinflussen sie damit nat\u00fcrlich auch das Kaufverhalten ihrer Leser oder Zuschauer. Ich frage mich inzwischen immer \u00f6fter, an welchen Kriterien sich eine solche Berichterstattung orientiert. Ist ein Trend wirklich ein Trend? Oder stellt sich die Publizistik in den Dienst einer umfassenden Verwertungskette der beteiligten Medienkonzerne? Ist ein Superstar wirklich ein Talent? Oder werden Menschen aus \u00f6konomischem Interesse mit journalistischen Mitteln zum Medienereignis gemacht?<\/p>\n<p>Wie entstehen eigentlich Themen, die uns wochen-, manchmal auch monatelang besch\u00e4ftigen? Nat\u00fcrlich durch aktuelle Ereignisse. Immer \u00f6fter aber stellt sich doch die Frage, was der eigentliche Anlass gro\u00dfer Debatten in unserem Land ist. Auch das hat mit Unabh\u00e4ngigkeit zu tun, allerdings nicht mit \u00f6konomischer, sondern mit geistiger Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Mein vierter Satz lautet deshalb:<br \/>\n<strong> Gute Journalisten brauchen einen eigenen Kopf.<\/strong><\/p>\n<p>Das sagt sich leicht dahin, und selbstverst\u00e4ndlich lie\u00dfe sich kein Journalist vorwerfen, er sei leicht zu beeinflussen. Aber wie kommt es dann, dass manche Themen wie aus dem Nichts auftauchen und nach einer Phase hektischer Betriebsamkeit ebenso pl\u00f6tzlich wieder im Nichts verschwinden? Hat das vielleicht nicht doch etwas zu tun mit dem neu entstandenen Berufsbild des Spin-Doctors, dessen Aufgabe ja darin besteht, im Sinne seines Auftraggebers Themen zu setzen und Meinung zu beeinflussen? Wenn spekulative Exklusivmeldungen zu harten Nachrichten gemacht werden &#8211; hat das vielleicht auch etwas mit fehlender Recherche zu tun?<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re gelegentlich von Chefredakteuren, dass man an diesem oder jenem Thema nicht vorbeigekommen sei, obwohl es nicht wirklich relevant war oder gar den Tatsachen widersprach. Warum eigentlich? Weil eine gro\u00dfe Zeitung es zu ihrem Thema gemacht hat? Nat\u00fcrlich gab es immer Medien, die Meinungsf\u00fchrer waren. Aber es ist schon bemerkenswert, wenn der &#8220;journalist&#8221;, die Zeitschrift des Deutschen Journalistenverbandes, schreibt: &#8220;,Bild&#8217; gilt der erstaunten Branche inzwischen als ,Leitmedium&#8217;.&#8221; Ich habe nichts gegen den Boulevard. Aber kann es wirklich sein, dass ein Boulevardblatt zum &#8220;Leitmedium&#8221; der deutschen Presse wird?<\/p>\n<p>Es gibt viele M\u00f6glichkeiten, ein Thema zu betrachten &#8211; unter politischen, weltanschaulichen oder auch nur unter regionalen Aspekten. Ich w\u00fcnsche mir, dass Journalisten sich ihren eigenen Kopf dar\u00fcber machen, dass sie Themen setzen, weil sie dies aus eigener Erkenntnis, gepr\u00fcft durch eigene Recherche, f\u00fcr sinnvoll halten. Sie kennen die ber\u00fchmte Antwort des Bergsteigers auf die Frage, warum er einen Berg besteigen will: &#8220;Weil er da ist&#8221;. Das gilt nach meiner Auffassung nicht zwangsl\u00e4ufig auch f\u00fcr Journalisten. Man muss nicht jeder Ente hinterherjagen, nur weil sie jemand in die Welt gesetzt hat.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir da manches Mal auch in den Chefredaktionen gr\u00f6\u00dferes Vertrauen in die eigene Urteilsf\u00e4higkeit. Dabei sein ist nicht immer alles, und von Zeitungen, von Radio- und Fernsehprogrammen erwarte ich mehr als hohen Unterhaltungswert.<\/p>\n<p>Das ist der Kern meines f\u00fcnften Satzes:<br \/>\n<strong> Journalisten m\u00fcssen Zusammenh\u00e4nge erkennen.<\/strong><\/p>\n<p>J\u00fcrgen Leinemann hat das vor einigen Jahren einmal ziemlich polemisch formuliert. Er hat vorausgesagt, dass die \u00e4rgerliche Neigung der Journalisten abnehmen werde, Dinge aus dem Zusammenhang zu rei\u00dfen &#8211; &#8220;denn Zusammenh\u00e4nge, aus denen man etwas rei\u00dfen k\u00f6nnte, sind den wenigsten Journalisten bekannt&#8221;. So weit will ich nun nicht gehen. Aber haben Sie nicht auch manchmal, in stillen Momenten, das Gef\u00fchl, dass es in der Politik eigentlich nicht nur und nicht ausschlie\u00dflich um die Frage geht, ob nun Gerhard Schr\u00f6der, Angela Merkel oder Edmund Stoiber im Politbarometer oben stehen?<\/p>\n<p>Ich lese es doch auch regelm\u00e4\u00dfig in Leitartikeln und h\u00f6re es in Kommentaren: Politik m\u00fcsse sich den Sachproblemen zuwenden, der dauernde Streit verstelle den Blick aufs Wesentliche und die B\u00fcrger wollten konkrete Antworten und keine Wahlkampf-Slogans. Wenn ich dann aber weiterbl\u00e4ttere oder weiterh\u00f6re, erfahre ich oft genug ausschlie\u00dflich das: Wer streitet mit wem, und wer liegt vorn? Manchmal erf\u00e4hrt man auch noch, wor\u00fcber gestritten wird. Aber den Kern der Auseinandersetzung erreicht die Berichterstattung immer seltener.<\/p>\n<p>Ich r\u00e4ume sofort ein, dass die Politik selber einen gro\u00dfen Anteil an dieser Entwicklung hat.<\/p>\n<p>Medien erwarten ja zu Recht, dass Politiker in verst\u00e4ndlichen Worten erkl\u00e4ren, was sie tun. Aber Politiker sind dabei auf die Vermittlung durch Medien angewiesen. Man kann die Probleme der Sozialversicherung nicht sinnvoll in einem Statement von einer Minute erkl\u00e4ren. Und es ist inzwischen eher die Regel als die Ausnahme, wenn bei der K\u00fcrzung von Interviews in den Sachaussagen gestrichen wird und nicht bei den Aussagen \u00fcber Personen.<\/p>\n<p>Ich halte es f\u00fcr eine der wichtigsten Aufgaben von Journalismus, den Menschen komplexe Zusammenh\u00e4nge verst\u00e4ndlich zu vermitteln. Es mag zwar bequemer sein, Konflikte zu personalisieren und sie damit auf die Frage &#8220;Wer-gegen-wen?&#8221; zu reduzieren. Das Ergebnis ist aber auf Dauer verheerend f\u00fcr unsere Demokratie. Wenn Menschen Zusammenh\u00e4nge nicht begreifen, wenn Transparenz fehlt, dann wird es umso schwieriger, Zustimmung f\u00fcr politische L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge zu gewinnen. Das ist eines der Probleme, vor denen wir derzeit im Zusammenhang mit der Reformdebatte stehen. Ich habe gelegentlich den Eindruck, dass durch diesen Hang zur Boulevardisierung die Medien selbst zu der Reformblockade beitragen, die sie selber h\u00e4ufig in ihren Kommentaren beklagen.<\/p>\n<p>Deshalb ist mein sechster Satz:<br \/>\n<strong> Journalisten sollten einen Standpunkt haben.<\/strong><\/p>\n<p>Ich meine das wahrlich nicht im parteipolitischen Sinne. Nat\u00fcrlich haben auch Journalisten ihre politischen Pr\u00e4ferenzen und solange sie das nicht daran hindert, die Dinge n\u00fcchtern und unvoreingenommen einzusch\u00e4tzen, ist dagegen nichts einzuwenden. Ich meine das vielmehr ganz w\u00f6rtlich: Es w\u00e4re hilfreich, wenn mehr Journalisten in ihrer eigenen Arbeit so standfest w\u00e4ren, wie sie das von Politikern h\u00e4ufig fordern.<\/p>\n<p>Ich glaube, es ist gibt einen Zusammenhang zwischen dem vielfach beklagten Populismus in der Politik und dem Populismus in manchen Medien. Beides wiederum hat gewiss mit zu der Situation gef\u00fchrt, die seit Jahren unter der \u00dcberschrift &#8220;Reformstau&#8221; beschrieben wird.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt fast schon zur Standardforderung in Leitartikeln und Kommentaren, dass die Politik angesichts der Haushaltsn\u00f6te sparen m\u00fcsse. Werden aber konkrete Sparvorschl\u00e4ge vorgelegt, rollt eine publizistische &#8220;Wut-Welle&#8221; durchs Land. \u00dcberall ist vom notwendigen Subventionsabbau die Rede &#8211; dar\u00fcber, was Subventionen sind, lie\u00dfe sich \u00fcbrigens trefflich streiten. Werden aber Subventionen gestrichen, erhebt sich auch in vielen Redaktionen genau dar\u00fcber vielfach gro\u00dfes Klagen.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re und lese st\u00e4ndig, dass die Steuern sinken m\u00fcssen, aber in der gleichen Sendung oder in der gleichen Zeitung wird mehr Geld vom Staat f\u00fcr dieses oder jenes gefordert. Neuerdings verteilt die &#8220;Bild&#8221;-Zeitung sogar Aufkleber, mit denen gegen den hohen Benzinpreis und die \u00d6kosteuer protestiert werden soll. Nun will ich mich nicht zur \u00d6kosteuer \u00e4u\u00dfern. Aber wissen die Menschen, die solche Aufkleber tragen, dass ihre \u00d6kosteuer in die Rentenkasse flie\u00dft? Und kommt dann auch konsequenterweise die n\u00e4chste Aktion &#8211; Aufkleber f\u00fcr h\u00f6here Rentenbeitr\u00e4ge oder gar f\u00fcr Rentenk\u00fcrzungen?<\/p>\n<p>Jeder kennt die Wechselwirkung von Medienberichterstattung und Wahlentscheidungen. Wenn Journalisten also von Politikern unpopul\u00e4re Ma\u00dfnahmen verlangen, k\u00f6nnen sie nicht am n\u00e4chsten Tag die gleichen Politiker daf\u00fcr kritisieren, dass sie Unpopul\u00e4res tun. Das ist zumindest gedankenlos. Meistens ist es populistisch. Beides schafft weder Glaubw\u00fcrdigkeit noch Vertrauen.<\/p>\n<p>Mein siebter Satz h\u00e4ngt damit eng zusammen:<br \/>\n<strong> Journalisten sind Beobachter, nicht Handelnde.<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe diese Aufkleber-Aktion gerade erw\u00e4hnt. Man mag das f\u00fcr eine Spielart des Boulevard halten und nicht weiter wichtig nehmen. Aber ich stelle doch fest, dass Medien und Journalisten immer h\u00e4ufiger selbst zu Handelnden werden wollen. T\u00e4uscht mein Eindruck, dass selbst in gro\u00dfen Magazinen die modische Trendgeschichte heute mehr gilt als die profunde Analyse? Dabei werden Fakten, die der \u00dcberschrift entgegenst\u00fcnden, ganz bewusst ignoriert, um den Effekt der These zu verst\u00e4rken und immer \u00f6fter kann man auch den Eindruck gewinnen, der Weltuntergang stehe unmittelbar bevor.<\/p>\n<p>Ich spreche hier nicht \u00fcber kritische Berichterstattung, die Missst\u00e4nde enth\u00fcllt und Skandale aufdeckt und damit nat\u00fcrlich auch Einfluss nimmt auf politische Entwicklungen. Das ist eine geradezu klassische Aufgabe des Journalismus und deshalb empfinden sich die Medien zu Recht auch als Kontrollinstanz im demokratischen System.<\/p>\n<p>Gef\u00e4hrlich wird es da, wo Journalisten politische Prozesse oder gar Wahlentscheidungen durch aktives, von anderen Interessen geleitetes Handeln beeinflussen. Gef\u00e4hrlich wird es da, wo durch Zuspitzung oder Halbwahrheiten Stimmungen absichtlich verst\u00e4rkt oder sogar erst gemacht werden.<\/p>\n<p>In einem demokratischen System unterwerfen sich die gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentanten der Kontrolle durch den B\u00fcrger &#8211; sie \u00fcbernehmen f\u00fcr eine begrenzte Zeit Verantwortung und sie k\u00f6nnen bei Wahlen abgew\u00e4hlt werden. Medien und Journalisten unterliegen einer solchen demokratischen Kontrolle nicht. Warum auch? Sie machen ja keine Gesetze, sie w\u00e4hlen keine Regierungen, sie berufen keine Minister. Was aber geschieht, wenn sie doch Einfluss nehmen? Wer kontrolliert, ob und auf welchem Wege sie das tun? Wer pr\u00fcft, welche \u00f6konomischen Interessen die beteiligten Medienunternehmen dabei m\u00f6glicherweise haben? Wo verl\u00e4uft die Grenze zwischen Aufkl\u00e4rung, Meinung und Manipulation?<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund muss man sehr vorsichtig umgehen mit Begriffen wie &#8220;Kampagne&#8221;. Wird dieser Vorwurf aber erhoben, dann muss man ihn umso ernster nehmen. Es geht dabei um mehr als nur um die Auseinandersetzung zwischen Politikern und Journalisten. Es geht letztlich um die Transparenz von politischen Entscheidungsprozessen und diese Transparenz ist ein Grundpfeiler unseres demokratischen Systems.<\/p>\n<p>Manipulation kann auf unterschiedliche Weise stattfinden. Eine halbe Wahrheit ist oft schlimmer als eine ganze L\u00fcge, habe ich in meiner letzten &#8220;Berliner Rede&#8221; gesagt.<\/p>\n<p>Deshalb ist mir der n\u00e4chste Satz so wichtig:<br \/>\n<strong> Journalisten sollen die Wirklichkeit abbilden.<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber die in Deutschland verbreitete Lust zur Schwarzmalerei habe ich ja vor einigen Wochen gesprochen. Es gibt aber noch ein anderes Ph\u00e4nomen, das mich beunruhigt. Es geh\u00f6rt ja inzwischen zum guten Ton, dass Medien st\u00e4ndig Exklusives melden und damit in eigener Sache werben. Daran ist nichts auszusetzen, wenn die Meldung denn auch stimmt. Inzwischen hat sich aber ein verh\u00e4ngnisvoller Medien-Mechanismus entwickelt, der die Politik und das Land in einen atemlosen Zustand Art permanenter Dauererregung versetzt.<\/p>\n<p>Ich will versuchen, diesen Mechanismus an einem Beispiel ganz plastisch zu erl\u00e4utern. Vor drei Wochen erkl\u00e4rte der Bundesverkehrsminister in einem Interview mit einer Sonntagszeitung, was seit Jahren die Rechtslage in Deutschland ist: Privatunternehmen, die ein neues Verkehrsprojekt privat finanzieren und betreiben, k\u00f6nnen eine Mautgeb\u00fchr f\u00fcr dieses Projekt erheben. &#8220;Allerdings&#8221;, so sagte Manfred Stolpe, &#8220;ist diese Variante auf Grund europ\u00e4ischer Rahmenbedingungen beschr\u00e4nkt auf Tunnel, Br\u00fccken oder Gebirgsp\u00e4sse und einige wenige Bundesstrassen und Autobahnen.&#8221; So weit der Originalton.<\/p>\n<p>Die Zeitung macht daraus die \u00dcberschrift &#8220;Stolpe will Maut f\u00fcr Pkw&#8221; und gibt eine Vorabmeldung an die Nachrichtenagenturen. Am Samstag meldet die erste Agentur: &#8220;Stolpe &#8211; Maut auch f\u00fcr Pkw denkbar&#8221;. Die n\u00e4chste spitzt schon weiter zu: &#8220;Stolpe plant Maut auch f\u00fcr Pkw&#8221;. Am Abend, das Interview ist noch immer nicht erschienen, beliefert eine andere Zeitung die Agenturen vorab mit einer exklusiven Stellungnahme des ADAC, der &#8220;mit allen Mitteln gegen die Pkw-Maut k\u00e4mpfen&#8221; wolle.<\/p>\n<p>Am Sonntag, das Interview ist endlich erschienen, stellt das Ministerium klar, dass keine Maut geplant sei. Wenige Stunden sp\u00e4ter weist ein Gr\u00fcner die Pl\u00e4ne Stolpes zur\u00fcck, der CSU-Generalsekret\u00e4r spricht von &#8220;hemmungsloser Abzockerei&#8221;, die CDU kritisiert die &#8220;neue Schr\u00f6pfkur&#8221;.<\/p>\n<p>Am Montag ist die offenbar unmittelbar bevorstehende Einf\u00fchrung einer Pkw-Maut in Deutschland das Thema aller Kommentare, es gibt Sonderberichte im Fernsehen, Experten werden befragt, die Opposition beschimpft die Regierung und umgekehrt.<\/p>\n<p>So geht das noch drei, vier Tage. Danach kehrt langsam wieder Ruhe ein. Der Nebel lichtet sich. Es gibt keine allgemeine Pkw-Maut, das hat auch niemand geplant. Der Verkehrsminister sei &#8220;l\u00e4diert&#8221;, schreibt eine Zeitung, und nicht nur die B\u00fcrger sind verunsichert und fragen sich: &#8220;Sind denn alle verr\u00fcckt geworden?&#8221;<\/p>\n<p>Es gibt inzwischen leider viele Beispiele dieser Art. Virtuelle Debatten, deren Ursprung keinerlei Aufregung rechtfertigen w\u00fcrde, besch\u00e4ftigen Journalisten und Politiker tagelang, manchmal wochenlang. Aus Referentenentw\u00fcrfen werden in den Nachrichten Gesetzesvorhaben, aus Interview\u00e4u\u00dferungen werden in der flotten Moderation gleich Pl\u00e4ne. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Die B\u00fcrger verstehen immer weniger, was wirklich und was wirklich wichtig ist. Sie wenden sich ab und beschlie\u00dfen, vorsichtshalber gar nichts mehr zu glauben. Daf\u00fcr tragen Journalisten eine erhebliche Mitverantwortung.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt mich zu meinen beiden letzten S\u00e4tzen. Der eine lautet:<br \/>\n<strong> Journalisten tragen Verantwortung f\u00fcr das, was sie tun.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist in den vergangenen Wochen viel von Ethik in Politik und Wirtschaft die Rede gewesen. Auch ich habe mich dazu ja h\u00e4ufig ge\u00e4u\u00dfert. Die Medien verweisen gern darauf, dass es solche Richtlinien dort l\u00e4ngst gibt und auch Kontrollinstanzen wie den Presserat. Aber sind Sie sicher, dass das, was sich in Jahren bew\u00e4hrt hat, auch heute noch zuverl\u00e4ssig wirkt? Im Kampf um Quoten, und damit um den lukrativen Werbemarkt, geht es heute um viel Geld. Ich f\u00fcrchte, dass immer mehr Verantwortliche in der Medienbranche bereit sind, daf\u00fcr auch einen hohen Preis zu zahlen.<\/p>\n<p>Ich finde es nicht akzeptabel, wenn Fotos von toten deutschen Polizeibeamten im Irak ver\u00f6ffentlicht werden. Ich finde es absto\u00dfend, wenn Menschen zur Belustigung anderer im Dschungel oder in heimischen Talkshows in dem\u00fctigenden Situationen vorgef\u00fchrt werden. Auch der Einwand, dass dies doch freiwillig geschehe, \u00fcberzeugt mich nicht. Ich bezweifle, dass die Betroffenen immer richtig einzusch\u00e4tzen k\u00f6nnen, was mit ihnen geschieht.<\/p>\n<p>Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar, steht im Grundgesetz. Und dennoch wird die Menschenw\u00fcrde in Medien immer \u00f6fter angetastet &#8211; nicht selten unter dem Vorwand journalistischer Kritik. Pers\u00f6nliche Angriffe auf Menschen sind aber etwas anderes als sachliche Kritik. Ich wei\u00df, dass der Grat zwischen beidem manchmal schmal ist. Aber kein journalistisches Interesse kann die gezielte Verletzung von Menschen rechtfertigen. \u00dcbrigens: auch Politiker sind Menschen. Und eine Schlagzeile wie &#8220;Frau Minister, Sie machen uns krank&#8221;, ist kein Kommentar zur Gesundheitspolitik. Das ist schlicht und einfach eine Entgleisung.<\/p>\n<p>Wer im Privatleben anderer Menschen w\u00fchlt, kann sich nicht einfach auf ein \u00f6ffentliches Interesse berufen und die Trag\u00f6dien ignorieren, die sich aus solchen Berichten nicht selten ergeben. Wer einem Menschen, der den Bundeskanzler t\u00e4tlich angreift, \u00fcber mehrere Seiten Raum zur unreflektierten Selbstdarstellung gibt, muss sich der Folgen einer solchen Berichterstattung bewusst sein. Wer grausame Gewaltverbrechen oder Kriegsgr\u00e4uel um des Schockeffektes willen detailreich ausbreitet, muss wissen, was er damit anrichtet.<\/p>\n<p>Das h\u00e4ufigste Argument zur Verteidigung solcher journalistischen Grenzverletzungen ist f\u00fcr mich zugleich das armseligste: Die Zuschauer oder die Leser, so hei\u00dft es, wollten das so. Selbst wenn es so w\u00e4re &#8211; was ich in vielen F\u00e4llen bezweifle: Ist es nicht ein Armutszeugnis, wenn sich Blattmacher oder Programmplaner damit aus der eigenen Verantwortung f\u00fcr ihr Blatt oder ihr Programm stehlen?<\/p>\n<p>Mein letzter Satz ist letztlich nur eine Erweiterung dieses Themas:<br \/>\n<strong> Journalisten tragen Verantwortung f\u00fcr unser Gemeinwesen.<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass da mancher zusammenzuckt, denn Journalisten wollen ja gerade nicht staatstragend daherkommen. Aber sollten Sie das nicht gelegentlich doch? Bei aller gebotenen Distanz: Es ist auch Ihr Staat, \u00fcber den Sie berichten, dessen Bild Sie durch Ihre Arbeit pr\u00e4gen. Es kann Ihnen eigentlich nicht gleichg\u00fcltig sein, wie es um diesen Staat bestellt ist.<\/p>\n<p>Wenn Sie erlauben, will ich mich ein zweites mal selber zitieren: : &#8220;Vieles in unserer Gesellschaft, vieles in Politik und Wirtschaft gibt wahrlich Anlass zu Kritik. Die kritische Auseinandersetzung mit Fehlern und M\u00e4ngeln kann das Vertrauen st\u00e4rken. Es gibt aber auch in den Medien eine fatale Lust an Schwarzmalerei und klischeehafter \u00dcbertreibung. Diese Lust f\u00f6rdert die Entfremdung der B\u00fcrger von Politik und Staat.&#8221; Das habe ich vor wenigen Wochen in der &#8220;Berliner Rede&#8221; gesagt.<\/p>\n<p>Noch einmal: Nat\u00fcrlich tragen Politiker eine erhebliche Verantwortung daf\u00fcr, wenn durch Missmanagement oder das Fehlverhalten einzelner die Politik insgesamt in Misskredit ger\u00e4t. Das habe ich ja vor kurzem nochmals sehr deutlich kritisiert.<\/p>\n<p>Die h\u00e4ufig zu beobachtende Politikverdrossenheit wird aber auch durch ein undifferenziertes Bild gef\u00f6rdert, das Medien von Politik vermitteln. H\u00e4me und Zynismus k\u00f6nnen ein Gemeinwesen ebenfalls in Gefahr bringen.<\/p>\n<p>Kritik an Politik darf sein, ja sie muss sein. Die Grenze verl\u00e4uft aber da, wo Politik und Politiker insgesamt ver\u00e4chtlich gemacht werden. Das Bild vom Parlament als &#8220;Quasselbude&#8221; hat eine traurige Tradition in Deutschland.<\/p>\n<p>Wer Politiker unter Pauschalverdacht stellt, zerst\u00f6rt ebenso Vertrauen wie jene Politiker, die den Verdacht im einzelnen Fall best\u00e4tigen. \u00dcbrigens: Auch Journalisten k\u00f6nnen gelegentlich irren. Allerdings erfahren die Leser und Zuschauer davon bemerkenswert selten. Dabei k\u00f6nnte die Glaubw\u00fcrdigkeit der Medien sogar zunehmen, wenn sie falsche Meldungen bei besserem Wissen revidierten. Allzu h\u00e4ufig bleibt es aber bestenfalls bei einer versch\u00e4mten Kurzmeldung, wenn sich ein zun\u00e4chst gro\u00df aufgemachter Vorwurf hernach als falsch erweist.<\/p>\n<p>Ich will hier gar nicht von eigenen Erfahrungen sprechen. Ich nenne Ihnen als Beispiel den fr\u00fcheren Bundeskanzler Helmut Kohl. \u00dcber lange Zeit hinweg wurde der ungeheuerliche Verdacht erhoben und immer wieder publiziert, er und seine Bundesregierung seien im Zusammenhang mit dem Thema Leuna bestochen worden. Dieser Verdacht hat sich als haltlos erwiesen. Ich habe nicht wahrgenommen, dass Helmut Kohl in dieser Frage mit gro\u00dfen Aufmachern rehabilitiert worden w\u00e4re &#8211; von wenigen Ausnahmen abgesehen. Daf\u00fcr ist beispielsweise Hans Leyendecker zu danken. Die Mehrheit ist dagegen irgendwann zur Tagesordnung \u00fcbergegangen und die alte Weisheit k\u00f6nnte sich einmal mehr best\u00e4tigen: Irgendwas bleibt immer h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Was da h\u00e4ngen bleibt, besch\u00e4digt nicht nur den Ruf von Personen. Es besch\u00e4digt den Ruf und die Glaubw\u00fcrdigkeit von Institutionen und zerst\u00f6rt so Vertrauen. Wir brauchen aber dringend neues Vertrauen, gerade in schwierigen Zeiten. Wir brauchen aktive B\u00fcrger, die sich in ihre eigenen Angelegenheiten einmischen und Verantwortung \u00fcbernehmen. Die Demokratie lebt nicht von Gesetzen, sondern von leidenschaftlichen Demokraten.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herren,<\/p>\n<p>wir brauchen in dieser Demokratie auch leidenschaftliche Journalisten, die sich einmischen und Verantwortung \u00fcbernehmen. Ich habe manche Sorge ge\u00e4u\u00dfert, aber ich sehe auch viel Positives. Wir haben noch immer eine bemerkenswert vielf\u00e4ltige Medienlandschaft. Es gibt viele Journalisten, bekannte und unbekannte, die in ihrem Beruf weit mehr leisten, als der Tarifvertrag von ihnen fordert. Sie leisten einen unverzichtbaren Beitrag zu unserem Gemeinwesen, auch indem sie Missst\u00e4nde aufdecken und Fehlentwicklungen aufzeigen. Viele von ihnen sind heute hier, und ich freue mich dar\u00fcber, dass Sie bei dieser Jahrestagung des netzwerks recherche Ihre eigene Arbeit so kritisch hinterfragen.<\/p>\n<p>Politiker, und seien sie Bundespr\u00e4sidenten, sind nur bedingt als Medienkritiker geeignet &#8211; ich habe das am Anfang erw\u00e4hnt. Unsere Gesellschaft braucht eine selbstkritische Debatte innerhalb der Medien. Wir brauchen eine Diskussion \u00fcber die Rolle und \u00fcber das Verhalten von Medien aber nicht nur bei Treffen wie diesem, bei Gewerkschaftsversammlungen, auf Medientagen oder im Rundfunkrat. Ich w\u00fcnsche mir, dass im Alltag, in Redaktionskonferenzen, aber auch bei Vorstandstreffen, kritisch \u00fcber die eigene Arbeit und ihre Folgen und Wirkungen gesprochen wird.<\/p>\n<p>Deutschlands Presse hat noch immer einen guten Ruf. Aber das ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, und das ist auch nicht f\u00fcr immer gesichert. Die Medien vermitteln ein Bild der Wirklichkeit, aber sie vermitteln damit gleichzeitig auch ein Bild von sich selbst. Beides erscheint mir reformbed\u00fcrftig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede von Bundespr\u00e4sident Johannes Rau beim Jahrestreffen des Netzwerk Recherche am 05. Juni 2004 im NDR-Konferenzzentrum in Hamburg Sehr geehrte Damen und Herren, Sie haben mich eingeladen, \u00fcber die Entwicklung der Medien in Deutschland zu sprechen. 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