{"id":3860,"date":"2012-11-09T15:50:35","date_gmt":"2012-11-09T14:50:35","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=3860"},"modified":"2015-01-19T15:58:17","modified_gmt":"2015-01-19T14:58:17","slug":"eroeffnungsrede-von-katrin-krauss-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/eroeffnungsrede-von-katrin-krauss-2012\/","title":{"rendered":"Er\u00f6ffnungsrede von Katrin Krau\u00df (2012)"},"content":{"rendered":"<h3>\u201eMasche f\u00fcr Masche. Thesen zur Lage des Lokaljournalismus\u201d<\/h3>\n<p><em>Er\u00f6ffnungsrede von Katrin Krau\u00df zur Fachtagung \u201eDicht dran- oder mittendrin? Lokaljournalismus zwischen Recherche und Regionalstolz\u201c am 9.\/10. November 2012 im Hause der S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><br \/>\n<em><strong>Rednerin: Katrin Krau\u00df, Diplom-Journalistin und Dozentin an der Katholischen Universit\u00e4t Eichst\u00e4tt-Ingolstadt<\/strong><\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_2677\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/Katrin-Krau\u00df_jk13_web.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2677\" class=\"wp-image-2677 size-full\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/Katrin-Krau\u00df_jk13_web.jpg\" alt=\"Eroeffnungsrede \u201eMasche f\u00fcr Masche. Thesen zur Lage des Lokaljournalismus&quot;\" width=\"500\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/Katrin-Krau\u00df_jk13_web.jpg 500w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2014\/10\/Katrin-Krau\u00df_jk13_web-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2677\" class=\"wp-caption-text\">Katrin Krau\u00df \u2013 Eroeffnungsrede Lokaljournalismus-Fachkonferenz. Foto: Franziska Senkel<\/p><\/div>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br \/>\nschon wieder so eine Veranstaltung, auf der Recherche gro\u00dfgeschrieben wird. Schon wieder so eine Veranstaltung, auf der so getan wird, als sei Recherche die unverzichtbare Voraussetzung daf\u00fcr, dass Sie die Seiten Ihres Lokalteils f\u00fcllen k\u00f6nnen. Dabei wissen wir doch alle: <em>Recherche kostet Zeit. \u2013 Zeit ist Geld. \u2013 Geld hat Ihr Verleger nicht.<\/em><\/p>\n<p>Also h\u00f6ren Sie auf, das mit der Recherche so furchtbar wichtig zu nehmen! Glauben Sie mir: Es geht auch ohne. Ich zeige Ihnen die Maschen, die Sie brauchen, um mit einem Minimum an Recherche Ihren Lokalteil zu h\u00e4keln. Damit das funktioniert, m\u00fcssen freilich ein paar Grundvoraussetzungen erf\u00fcllt sein.<\/p>\n<p><strong>Grundvoraussetzung 1:<\/strong><br \/>\nSie brauchen einen Verleger, der Sie motiviert, am besten, indem er das kleine fr\u00f6hliche Lied \u201eWer einspart, steigert Qualit\u00e4t\u201c anstimmt. Singen Sie mit und fallen Sie ins Fortissimo, sobald der Refrain beginnt: \u201eWir werden immer besser, jeden Tag ein St\u00fcck, wir werden immer besser \u2013 das ist verr\u00fcckt.\u201c Achten Sie darauf, dass wirklich alle mitsingen \u2013 womit wir schon bei der zweiten Grundvoraussetzung sind.<\/p>\n<p><strong>Grundvoraussetzung 2:<\/strong><br \/>\nBekehren Sie Idealisten und Zweifler, also all jene Ihrer Kolleginnen und Kollegen, die glauben, man k\u00f6nne \u2013 ja, mehr noch, man m\u00fcsse das Lokale besser machen und mehr recherchieren. Machen Sie diesen Zweiflern und Idealisten unmissverst\u00e4ndlich klar:<\/p>\n<ul>\n<li>Wer recherchiert, h\u00e4lt den Betrieb auf.<\/li>\n<li>Von wegen \u201eWer nicht mehr an sich zweifelt, h\u00f6rt auf, ein guter Journalist zu sein\u201c, wie es einst Herbert Riehl-Heyse uns Journalistensch\u00fclern eingeimpft hat \u2013 das war einmal. Die Zeit der Zweifel ist vorbei. Basta.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Grundvoraussetzung 3:<\/strong><br \/>\nNehmen Sie unbedingt R\u00fccksicht auf Ihre masochistisch veranlagten Abonnenten! Diese Leute bezahlen viel Geld daf\u00fcr, dass sie sich jeden Tag aufs Neue \u00fcber ihr Kaasblattl und die Zeitungsschmierer aufregen k\u00f6nnen. Sie wollen alles besser machen und das zack zack? Vorsicht! Der Schuss kann ganz schnell nach hinten losgehen! Sp\u00fcrbare und allzu pl\u00f6tzliche \u00c4nderungen des Gewohnten irritieren masochistisch veranlagte Abonnenten und dr\u00fccken die Auflage Ihrer Zeitung nach unten!<\/p>\n<p><strong>Grundvoraussetzung 4:<\/strong><br \/>\nMachen Sie sich klar, wo Sie sich eigentlich befinden! Sie sitzen dort, wo keiner Karriere macht, denn die f\u00fchrt ja bekanntlich \u00fcber das Lokale. Selbstverst\u00e4ndlich wissen wir auch alle, dass das Lokale der Ort ist, an dem Journalisten ihre ersten Schritte tun. Und wie hei\u00dft der Ort der ersten Schritte? &#8211; Richtig, das ist der Laufstall. Dort sitzen Sie und \u2013 Hand aufs Herz \u2013 es geht Ihnen doch gut dort.<br \/>\nSie haben doch jetzt viel mehr Platz als fr\u00fcher, als Sie sich den Laufstall Lokalredaktion noch mit sieben oder acht Kolleginnen und Kollegen teilen mussten. Jetzt sind es nur noch vier oder f\u00fcnf, aber daf\u00fcr haben Sie ja jede Menge Spielkameraden auf Zeit; die haben auch Namen, aber weil es so viele und st\u00e4ndig neue sind, hei\u00dfen die einfach immer nur \u201edie Praktikantin\u201c oder \u201eder Praktikant\u201c. Die d\u00fcrfen Sie betreuen. Daf\u00fcr werden Sie von anderen betreut: Sie sind umzingelt von Erziehungsberechtigten und Erziehungsberatern, die alle daf\u00fcr sorgen, dass es Ihnen nicht langweilig wird im Laufstall.<br \/>\nAll diese Leute, die sich da rund um den Laufstall Lokalredaktion postieren, sorgen nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die richtige Wohlf\u00fchlatmosph\u00e4re, f\u00fcr dieses Klima von Hypernervosit\u00e4t, in dem Aktionismus Ratlosigkeit kaschiert, f\u00fcr dieses Klima st\u00e4ndiger Verunsicherung \u2013 werden nun Stellen gestrichen oder nicht? \u2013 vermengt mit Resignation, f\u00fcr diese Atmosph\u00e4re der Unruhe, in der der Journalismus alle drei Monate neu erfunden wird. Glauben Sie mir: Sie brauchen das alles, um sich wohl zu f\u00fchlen und nicht tr\u00e4ge zu werden. Sie brauchen es genauso wie all die Konferenzen \u2013 unter drei t\u00e4glich geht gar nix \u2013 in denen Bosse und Halbbosse und M\u00f6chtegern-wenigstens-Halbbosse ihre Kreativit\u00e4t wie in einem Blutrausch austoben. Wer all das umsetzen soll, was da so beschlossen wird? \u2013 Na Sie nat\u00fcrlich! Und zwar pronto!<br \/>\nSo kommt Bewegung in den Laufstall. Wunderbar. Gut, zugegeben: Der Breiteller, den man Ihnen jeweils am Ende des Monats \u00fcber die Gitter reicht, ist vielleicht nicht mehr ganz so gut gef\u00fcllt wie fr\u00fcher, aber doch nicht deshalb, weil der Verleger sich auf Ihre Kosten noch mehr Hummer auf den Teller schaufelt, sondern nur deshalb, weil er es so gut mit Ihnen meint; Sie kennen ja sein Lied: \u201eWer einspart, steigert Qualit\u00e4t\u201c.<br \/>\nVergessen Sie bitte auch nicht, dass der Verleger viel Geld f\u00fcr Ihre Erziehungsberater bezahlt, also f\u00fcr all die Experten, die Ihnen sagen, was Sie tun m\u00fcssen, damit Sie den Lesern gefallen.<br \/>\nWie? Was hei\u00dft hier \u201eBauchgef\u00fchl\u201c und \u201eich wei\u00df selber, was die Leser wollen\u201c? \u2013 Aber hallo! Vergessen Sie das mal ganz schnell! Wir sind doch hier nicht bei der \u201eLandlust! \u2013 Nein, Sie wissen gar nichts.<br \/>\nDie einzigen, die hier was wissen, sind die Experten. Also die, die meist noch nie Journalismus gemacht haben, aber daf\u00fcr wissen, wie man \u00fcber Journalismus spricht. Wenn die auftauchen, wird \u2019s brandgef\u00e4hrlich, denn dann ist der n\u00e4chste Relaunch nicht weit. Aber bitte: Halten Sie an sich! Verkneifen Sie sich die Frage an Experte X, ob er es nicht war, der den Relaunch der Zeitung Y zu verantworten hat, also jener Zeitung, deren Auflage nach dem Relaunch ins Bodenlose gest\u00fcrzt ist. Sparen Sie sich auch Bemerkungen wie: \u201eWie war das nochmal mit dem Tabloid-Format, ohne das angeblich gar nichts geht?\u201c oder \u201eWar da nicht mal was von wegen: kein Artikel l\u00e4nger als hundert Zeilen \u2013 und waren es nicht dieselben Experten, die kurz darauf schon wieder durch die Redaktionen gezogen sind und diesmal so richtig lange Lesegeschichten gefordert haben?\u201c<br \/>\nWie gesagt: Man kann und darf von Ihnen erwarten, dass Sie den Experten gegen\u00fcber auf derlei despektierliche Bemerkungen verzichten. Zeigen Sie sich also bei jedem Relaunch aufs Neue freudig erregt, auch wenn es schon der siebzehnte ist, den Sie mitmachen. Es ist Ihnen ja wohl klar, dass man sich im Laufstall Lokalredaktion anst\u00e4ndig zu benehmen hat. \u2013 Ist es? Gut. Dann kommen wir nun zu Grundvoraussetzung f\u00fcnf:<\/p>\n<p><strong>Grundvoraussetzung 5:<\/strong><br \/>\nVerinnerlichen Sie die Zeitgeistformel \u201eJournalismus minus Recherche ist gleich Content \u2013 und Content ist hip\u201c. Er kommt zwar meist ein bisschen zerbrechlich daher, aber schlie\u00dflich beherrschen Sie ja die Kunst des Layoutens und wissen deshalb, wie man dieses zarte Nichts geschickt verpackt. Und Sie wissen auch: Wer Content gut verkaufen will, der braucht Content-Manager und Redaktions-Manager und Fachleute f\u00fcr \u201eInnovations in Journalism\u201c und \u00fcberhaupt ganz viele, ganz wichtige, ganz teuer bezahlte \u201eBusiness\u201c-Leute. Das ist ein Arbeitsfeld mit Zukunft und deshalb ist es auch gut, dass Hochschulen sich darum k\u00fcmmern, den journalistischen Nachwuchs m\u00f6glichst fr\u00fch an dieses Feld heranzuf\u00fchren, also m\u00f6glichst schon, bevor die jungen Leute verbildet sind und wom\u00f6glich schon richtige Artikel recherchieren und schreiben k\u00f6nnen \u2013 aber das ist ein Kapitel f\u00fcr sich. . .<br \/>\nOkay, lassen wir es gut sein. Ich gehe jedenfalls mal davon aus, dass all die Grundvoraussetzungen, die ich genannt habe, in Ihrer Redaktion zu gro\u00dfen Teilen erf\u00fcllt sind. Sind sie? Sch\u00f6n! Dann zeige ich Ihnen nun \u2013 wie versprochen \u2013 die Maschen, die Sie brauchen, wenn Sie Ihren Lokalteil ohne gro\u00dfen Rechercheaufwand h\u00e4keln wollen.<\/p>\n<p><strong>Masche 1: Fotos sind die halbe Miete \u2013 und manchmal auch die ganze.<\/strong><br \/>\nJe mehr Fotos und je gr\u00f6\u00dfer \u2013 desto besser. Aber bitte: Verk\u00fcnsteln Sie sich nicht! Schnell-mal-draufgedr\u00fcckt-Fotos reichen \u2013 wozu gibt es denn Bildunterschriften, in denen Sie wortreich beschreiben k\u00f6nnen, was auf dem Bild leider nicht zu sehen ist. Sicherer ist nat\u00fcrlich, Sie bestellen gestellte Fotos: Da tummeln sich dann pl\u00f6tzlich zwei Dutzend Kinder in wildem Spiel auf einer sonst stets \u00f6de daliegenden Stra\u00dfe, weil Sie dem Leser eindr\u00fccklich verklickern wollen, wie gef\u00e4hrlich der Ausbau dieser Stra\u00dfe w\u00e4re. Das sieht zwar nur noch leidlich authentisch aus, dient aber Ihrem Anliegen ungemein \u2026 Wenn Ihnen all das zu aufwendig ist, dann greifen Sie doch einfach hemmungslos auf Symbolfotos, Archivfotos und Agenturfotos zur\u00fcck. Wie gesagt: Hauptsache viel und Hauptsache gro\u00df.<\/p>\n<p><strong>Masche 2: Terminjournalismus<\/strong><br \/>\noder: Wir nehmen, was wir kriegen \u2013 und wie wir es kriegen.<br \/>\nEine altbekannte Masche, die immer h\u00e4ufiger angeschlagen wird, weil immer mehr PR-Leute und \u00e4hnliche Gesellen nicht nur extra f\u00fcr Sie Events kreieren, sondern Ihnen freundlicherweise auch gleich noch die fertigen Texte dazu liefern.<\/p>\n<p><strong>Masche 3: Ober-schl\u00e4gt-Unter-Journalismus.<\/strong><br \/>\nEgal, wohin Sie kommen: Irgendeinen Kommunalpolitiker, Verbandssprecher, Organisator oder sonstigen Wichtigtuer gibt es immer \u2013 lassen Sie stets ihn Auskunft geben und sparen Sie sich so die Zeit und M\u00fche, mit den eigentlichen Akteuren ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Das gilt besonders f\u00fcr Reportagen aller Art und f\u00fcr Themen, bei denen Alte, Behinderte, Suchtkranke oder Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt stehen \u2013 Sie wissen doch: Die k\u00f6nnen sich alle eh nicht artikulieren.<\/p>\n<p><strong>Masche 4: Grinsr\u00fcbenjournalismus.<\/strong><br \/>\nWie der funktioniert? Ganz einfach: Umfragen, Umfragen, Umfragen. Von \u201eM\u00f6gen Sie Kiwi-Eis?\u201c und \u201eWie finden Sie Markus Lanz?\u201c \u00fcber \u201eWorauf freuen Sie sich heute?\u201c bis hin zu \u201eWie beurteilen Sie Obamas Nahost-Politik?\u201c geht grunds\u00e4tzlich jedes Thema. Dazu stellen Sie Portr\u00e4tfotos, die jede Falte zeigen \u2013 mehr Lesern\u00e4he geht nicht.<br \/>\nBeliebte, wenn auch nicht mehr ganz taufrische Variante dieser Masche: Sie ersetzen Interviews durch minimalistische Formen, die keinen Rechercheaufwand erfordern und bitten die Befragten zum Beispiel: \u201eVollenden Sie den Satz: In den letzten zehn Jahren hat der Oberb\u00fcrgermeister\u2026\u201c Die Befragten antworten per Mail \u2013 Grinsr\u00fcbenfoto dazu \u2013 fertig.<\/p>\n<p><strong>Masche 5: Tamtam-Journalismus.<\/strong><br \/>\nVerkaufen sie Selbstverst\u00e4ndlichkeiten als Ereignis und setzen Sie dieses Ereignis richtig \u2013 also am besten in Form einer Serie \u2013 in Szene. Besonders beliebte Form: Die Stadtteilserie. Stellen Sie sich dazu circa zwei Stunden lang im jeweiligen Stadtteil vor irgendeinen Supermarkt und warten Sie darauf, dass ein paar Rentner vorbeikommen, die sich beschweren, weil in ihrem Viertel immer \u00fcberall so viele Autos rumfahren und\/oder so viel M\u00fcll rumliegt. K\u00fcndigen Sie diesen Recherche-Gro\u00dfeinsatz (\u201eWir sind vor Ort!\u201c) mit mindestens zwei Mehrspaltern pro Viertel an \u2013 ein bisschen Statistik vermengt mit ein paar Plattit\u00fcden \u00fcber das jeweilige Viertel reichen &#8211; und berichten Sie dann ausf\u00fchrlich und mehrfach \u00fcber das Ereignis selbst.<\/p>\n<p><strong>Masche 6: Beabsichtigungs- und Ank\u00fcndigungsjournalismus<\/strong><br \/>\noder: Der gute Wille ersetzt die Tat.<br \/>\nWo immer wer ank\u00fcndigt, in naher oder ferner Zukunft etwas tun, respektive bauen oder gr\u00fcnden zu wollen: Schreiben Sie dar\u00fcber ausf\u00fchrlich, egal wie unausgegoren die Sache auch immer sein mag. Motto: Spekulieren ersetzt recherchieren. Und fragen Sie besser nie nach, ob das Vorhaben jemals realisiert worden ist! Ersetzen Sie Vor-Ort-Recherche durch aufgepeppte Ank\u00fcndigungen. Das geht zum Beispiel so: K\u00fcndigen Sie auf einer halben Seite wortreich die Sonderfahrt f\u00fcr Fans des \u00f6rtlichen Fu\u00dfballvereins an, fahren Sie aber nicht mit, denn das k\u00f6nnte in Recherche ausarten und am Ende k\u00e4me wom\u00f6glich noch eine Geschichte dabei raus.<\/p>\n<p><strong>Masche 7: Setzen Sie Themen \u2013 und treten Sie sie breit.<\/strong><br \/>\nSchreiben Sie \u00fcber Gefahrenstellen f\u00fcr Radler, am besten als Serie, in der Sie jede Gefahrenstelle einzeln w\u00fcrdigen. Das funktioniert auch mit leer stehenden L\u00e4den und \u00e4hnlichem, ja sogar mit Pflastersteinen, die zu Stolperfallen werden. Glauben Sie es mir, ich habe es erst gestern gelesen.<br \/>\nAndere M\u00f6glichkeit: Suchen Sie ein Thema, das keinen gro\u00dfen Rechercheaufwand erfordert und gut zu bebildern ist und h\u00e4keln Sie daraus \u2013 Luftmasche an Luftmasche \u2013 die Never-Ending-Story. Das funktioniert zum Beispiel wunderbar, wenn in Ihrer Gemeinde neue Parkb\u00e4nke angeschafft werden \u2013 ob drei oder drei\u00dfig, lassen Sie sich die Chance nicht entgehen, damit wochenlang die Seiten zu f\u00fcllen. Lassen Sie die Leute auf den B\u00e4nken Probe sitzen, erst allgemein, dann spezielle Besuchergruppen, Rentner, Einzelh\u00e4ndler, blonde 29-j\u00e4hrige M\u00fctter mit dreij\u00e4hrigen T\u00f6chtern und so weiter. Wenn die Wahl auf ein Parkbank-Modell gefallen ist, dann verleihen Sie dem Thema neue Brisanz, indem Sie dezent erw\u00e4hnen \u2013 aber bitte erst jetzt \u2013 dass die B\u00e4nke aus Tropenholz sind und Ihre Leser fragen, was sie denn davon halten.\u2026<br \/>\nIn Ihrer Gemeinde sind gerade keine neuen Parkb\u00e4nke in Sicht? \u2013 Kein Problem, dann greifen Sie doch auf die Masche mit den Wut-, Mut- und Gutb\u00fcrgern zur\u00fcck.<br \/>\nUnd so geht\u2019s: Bringen Sie drei bis vier Leute dazu, gemeinsam dar\u00fcber zu plaudern, wie die Stadt sch\u00f6ner werden k\u00f6nnte, erkl\u00e4ren Sie die Beteiligten unverz\u00fcglich zu wahlweise Wut-, Mut- oder Gut-B\u00fcrgern, widmen Sie ihnen mindestens einen Aufmacher, gerne auch mehr. Keine Sorge, das Vorbild macht Schule, die n\u00e4chsten vier Gut-, Wut- oder Mutb\u00fcrger sind schnell gefunden!<\/p>\n<p><strong>Masche 8: Pappnasenjournalismus<\/strong><br \/>\noder: Wenn wir schon keine jungen Leser haben, sorgen wir wenigstens daf\u00fcr, dass unsere alten Leser sich ihr kindliches Gem\u00fct bewahren.<br \/>\nPappnasenjournalismus geht irgendwie wie Kindergeburtstagsparty. Schnappen Sie sich zum Beispiel das Maskottchen des Fu\u00dfballvereins und lassen Sie es \u201eSagen Sie jetzt nichts\u201c spielen. Veranstalten Sie \u2013 zu Zeiten von Fu\u00dfball EMs oder WMs \u2013 ein Tischkickerturnier. K\u00fcndigen Sie dieses wunderbare Spiel in Form von drei Mehrspaltern an, schreiben Sie dann ausf\u00fchrlich \u00fcber den Spielverlauf (Fotos nicht vergessen!) Veranstalten Sie ein Kneipenquiz, lassen Sie Eier anmalen, machen Sie einen Tanzkurs mit Kollegen und und und\u2026<\/p>\n<p><strong>Masche 9: Nutzwertjournalismus f\u00fcr Dummis<\/strong><br \/>\noder: Wir halten unsere Leser f\u00fcr einigerma\u00dfen intelligent und lebenst\u00fcchtig und deshalb erkl\u00e4ren wir ihnen in Wort und Bild \u2026<br \/>\n\u2026wie man k\u00fcsst,<br \/>\n\u2026was man an einem Fr\u00fchlingswochenende machen kann (Radeln, Spielplatz, Grillen),<br \/>\n\u2026was man braucht, wenn man zu einem Open-Air-Klassikkonzert geht (Schal, Bonbons, Operngucker).<br \/>\nStellen Sie bitte unbedingt entsprechende Symbolfotos dazu (Rad, Spielplatz, Grill bzw. Schal, Bonbon, Operngucker), damit der Leser auch wirklich versteht, worum es geht.<\/p>\n<p><strong>Masche 10: Tagebuchjournalismus<\/strong><br \/>\noder: Der Leser interessiert mich nicht, aber ich interessiere den Leser.<br \/>\nAlso zum Beispiel: Ich und meine Kollegen unterhalten uns dar\u00fcber, wie wir den Weihnachtsmarkt finden. Das f\u00fcllt locker eine dreiviertel Seite und erspart l\u00e4stige Recherche. Wer quatscht schon gerne Fremde an.<br \/>\nOder: mein sch\u00f6nstes Weihnachtsfest \u2013 Kollegen erz\u00e4hlen. Oder: Vor der Jahrespressekonferenz eines gro\u00dfen Automobilherstellers \u2013 was mich mit dem Automobilhersteller verbindet. Und wie w\u00e4re es damit: Ich und mein Zwilling. Sie finden einen Menschen, der wie Sie selber einen Pferdeschwanz tr\u00e4gt, eine Brille und ungef\u00e4hr gleich alt ist. Zack, schon haben Sie Ihren Zwilling, schon haben Sie wieder eine halbe Seite in der Wochenendausgabe des Lokalen gef\u00fcllt.<\/p>\n<p><strong>Masche 11: Fortsetzungsjournalismus.<\/strong><br \/>\nWieso alles Pulver auf einmal verschie\u00dfen? Halten Sie Informationen zur\u00fcck, das macht die Sache spannender und erleichtert Ihnen die Arbeit, weil Sie ein- und denselben Artikel, jeweils um eine Information erg\u00e4nzt, drei bis vier Mal bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Masche 12: Filialistenjournalismus inklusive Rei\u00dfbrett- und Teflonjournalismus<\/strong><br \/>\noder: Das Lokale global denken und glatt b\u00fcgeln.<br \/>\nEntlokalisieren Sie das Lokale, machen Sie es zum beliebigen Ort \u2013 und schon ist jedes beliebige Thema m\u00f6glich. Also: Denken Sie global, entr\u00fcmpeln Sie die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Raus mit dem provinziellen Mief, den all die kleinen Einzelh\u00e4ndler verbreiten. Machen Sie Platz f\u00fcr die Filialisten: Greifen Sie zu Themen, die alle haben. \u00dcberlassen Sie das Lokalkolorit den Heimatkrimis und der Werbung \u2013 die entdecken es n\u00e4mlich gerade f\u00fcr sich. Handeln Sie stattdessen beim Runterbrechen der Themen nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht. Themenanregungen liefert zum Beispiel der Newsletter der \u201eDrehscheibe\u201c \u2013 da lernen Sie, was echter Rei\u00dfbrettjournalismus ist.<br \/>\n\u00dcbrigens: Was immer geht, ist der Tag-der-Socke-Journalismus, denn jeder Tag ist ein besonderer Tag: Tag der Putzfrau, Tag des Kusses, Tag des dreieinhalb bl\u00e4ttrigen Kleeblattes und so weiter und so fort.<br \/>\nFalls Ihnen das alles noch nicht glatt und verwechselbar, synthetisch und steril genug ist, dann greifen Sie zus\u00e4tzlich zum Teflonjournalismus: gecastet, gedreht, getrimmt, genormt, gepeppt \u2013 v\u00f6llig wurscht wie. Hauptsache, es f\u00fchlt sich<\/p>\n<ul>\n<li>nicht echt an,<\/li>\n<li>es ist mittellang und mittelm\u00e4\u00dfig und l\u00e4sst sich bebildern,<\/li>\n<li>es bleibt nichts h\u00e4ngen in den K\u00f6pfen der Leser und<\/li>\n<li>es funktioniert ohne Recherche.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Na dann, probieren Sie es aus, reihen Sie Luftmasche an Luftmasche.<br \/>\n\u2013 Wie? Was soll das hei\u00dfen? Sie haben keinen Bock auf Filialisten, Pappnasen und Grinsr\u00fcben? Sie wollen ein guter Journalist sein, einer, der alle, die behaupten, Lokaljournalismus sei langweilig, L\u00fcgen straft, \u201eeiner der wei\u00df, dass auf einem Quadratmeter Schrebergarten mehr Wunder zu finden sind, als mancher Reporter auf einem Kontinent findet\u201c, wie Henry Nannen mal \u00fcber G\u00fcnter Dahl gesagt hat?<br \/>\nSie schreiben lange Geschichten, weil Sie wissen, dass lang relativ ist und eine gut recherchierte und geschriebene sechsspaltige Geschichte k\u00fcrzer ist als ein schlecht recherchierter und formulierter zweispaltiger Bericht?<br \/>\nSie sind wild entschlossen, zu beweisen, dass mit ein bisschen sinnvoller Planung des Redaktionsalltags Langzeitrecherche auch im Lokalen m\u00f6glich ist?<br \/>\nSie haben sich wom\u00f6glich entschieden, extrem zu werden? Also nix mehr mit mittellang und mittelm\u00e4\u00dfig und Schluss mit reportagig statt Reportage?<br \/>\nSie beharren stur darauf, dass die Zukunft des Journalismus Journalismus ist? Sie wollen deshalb Ihren Lokalteil nicht mit Content, sondern mit Journalismus f\u00fcllen?<br \/>\nSie wollen recherchieren?<br \/>\nSind Sie sich sicher? &#8211; Na bitte, dann tun Sie \u2019s doch; Sie werden schon sehen, wohin Sie damit kommen:<br \/>\nAm Ende macht Ihnen Ihre Arbeit Spa\u00df!<br \/>\nDas haben Sie dann davon. Sagen Sie nicht, ich h\u00e4tte Sie nicht gewarnt!<br \/>\nSehr geehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit!<\/p>\n<p><em>Dokumentation: Ines Alwardt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMasche f\u00fcr Masche. Thesen zur Lage des Lokaljournalismus\u201d Er\u00f6ffnungsrede von Katrin Krau\u00df zur Fachtagung \u201eDicht dran- oder mittendrin? Lokaljournalismus zwischen Recherche und Regionalstolz\u201c am 9.\/10. November 2012 im Hause der S\u00fcddeutschen Zeitung Rednerin: Katrin Krau\u00df, Diplom-Journalistin und Dozentin an der Katholischen Universit\u00e4t Eichst\u00e4tt-Ingolstadt Sehr geehrte Damen und Herren, schon wieder so eine Veranstaltung, auf der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[48],"tags":[],"class_list":["post-3860","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fachkonferenz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3860","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3860"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3860\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3865,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3860\/revisions\/3865"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3860"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3860"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3860"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}