{"id":3869,"date":"2010-07-10T16:05:52","date_gmt":"2010-07-10T14:05:52","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=3869"},"modified":"2015-01-19T16:07:09","modified_gmt":"2015-01-19T15:07:09","slug":"grusswort-von-thomas-krueger-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/grusswort-von-thomas-krueger-2010\/","title":{"rendered":"Gru\u00dfwort von Thomas Kr\u00fcger (2010)"},"content":{"rendered":"<h3>Das Gewissen unserer Zeit \u2013 von Thomas Kr\u00fcger<\/h3>\n<p><strong>Gru\u00dfwort beim Jahrestreffen des Netzwerk Recherche 2010: \u201eFakten f\u00fcr Fiktionen. Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen\u201c,<br \/>\n9.\/ 10.Juli 2010 in Hamburg<\/strong><\/p>\n<p>\u201eNichts ist mehr so, wie es einmal war\u201c \u2013 mit diesem gefl\u00fcgelten Wort beschreiben Menschen seit dem 11. September gelegentlich Z\u00e4suren von weltpolitischem Ausma\u00df. Es lie\u00dfe sich aber ebenso gut auf die mediensystemischen Verwerfungen anwenden, die wir aktuell erleben: Die Wirtschaftskrise hat offenkundig Spuren hinterlassen \u2013 und sie ist nicht vor\u00fcber, jedenfalls noch nicht ganz.<\/p>\n<p>Die Zeiten \u00e4ndern sich radikal, auch und vor allem im Journalismus. Und lassen Sie mich dazu eines gleich vorwegschicken: Die Revolution durch das Internet ist keine Schim\u00e4re \u2013 und sie war es auch nie. Sie ist pl\u00f6tzlich greifbar geworden, \u00fcberaus konkret und nicht mehr so abstrakt wie noch vor einigen Jahren. Wir merken inzwischen st\u00e4rker am eigenen Leib, wie uns diese Ver\u00e4nderungen im Alltag begegnen: am Arbeitsplatz, auf Reisen, im Supermarkt, in der Beh\u00f6rde, aber auch in der t\u00e4glichen Kommunikation mit unseren Freunden. Das Netz ist also l\u00e4ngst kein Nebenthema mehr, sondern es pr\u00e4gt jeden Bereich unseres Lebens \u2013 im Positiven wie im Negativen.<\/p>\n<p>Das Internet hat unsere Gesellschaft inzwischen fest im Griff. Ob wir diesen nun als W\u00fcrgegriff empfinden oder ihn uns als Griff einer T\u00fcr vorstellen, hinter der sich Welten mit unglaublichen M\u00f6glichkeiten verbergen, liegt wie so oft im Auge des Betrachters. Es h\u00e4ngt aber zu einem wesentlichen Teil auch davon ab, ob dieser Betrachter einen professionellen Bezug zum Internet hat oder nicht.<\/p>\n<p>Der Journalismus geh\u00f6rt zu jenen Berufen, die von den Umw\u00e4lzungen durch das Internet mit Abstand am St\u00e4rksten betroffen sind. Dass sich dieser Wandel zum jetzigen Zeitpunkt in erster Linie negativ auf die \u00f6konomische Situation der Medien auswirkt, ist zum Teil sicher fremdverschuldet. Der \u00f6konomische Negativtrend ist allerdings kein Naturgesetz, sondern auch eine Konsequenz der Unterlassungss\u00fcnden von Verlagen und Medienunternehmen. Die Verleger und Medienunternehmen haben es vers\u00e4umt, fr\u00fchzeitig Bezahlmodelle f\u00fcr ihre Online-Inhalte zu etablieren, um damit eine eigenst\u00e4ndige Online-Qualit\u00e4t ihrer Angebote zu sichern. Jetzt m\u00fcssen die Journalisten pl\u00f6tzlich zusehen, wie sie sich in Zukunft gegen\u00fcber nicht-journalistischen Informations- und Unterhaltungsangeboten behaupten, und m\u00fcssen sich arg versp\u00e4tet damit befassen, wie sich der technologische Wandel insgesamt auf das mediale und damit unser politisches System auswirken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>In meiner Wahrnehmung ist es ein Paradoxon, dass heute zwar gerne und viel von Medienkonvergenz geredet wird, aber dass das Verst\u00e4ndnis dar\u00fcber, was das konkret bedeutet und welche Regeln gelten, im Journalismus erst schwach ausgebildet ist. Das, was jahrzehntelang getrennt war, w\u00e4chst im Internet zwangsl\u00e4ufig zusammen. Und weil sich Journalisten jahrzehntelang entweder mit Wort, mit Ton oder Bild besch\u00e4ftigt haben, neigen sie h\u00e4ufig dazu, die Probleme des Journalismus nicht im Gro\u00dfen und Ganzen zu betrachten, sondern aus ihren jeweils unterschiedlichen Gattungen \u2013 ob Presse, Radio oder Fernsehen \u2013 heraus zu interpretieren. Im Netz aber vermischen sich die hergebrachten Medien und darin liegt auch eine immense Chance, den Journalismus weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p>Ich geh\u00f6re jedenfalls nicht zu denjenigen, die das Internet und diejenigen, die es nutzen, per se verteufeln. Die Hybris, die manche Journalisten an den Tag legen, wenn sie wahllos auf Blogger oder Kommentatoren schimpfen, ist nicht nur t\u00f6richt, sondern auch gef\u00e4hrlich: Wer die Bed\u00fcrfnisse der Nutzer und Leser nicht ernst nimmt, wird sie auf Dauer verlieren. Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass sich das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen Produzenten und Konsumenten zugunsten der Letzteren verschiebt \u2013 und damit m\u00fcssen Sie als Journalisten umgehen.<\/p>\n<p>Der Siegeszug des Internets hat den Printjournalismus in eine Identit\u00e4tskrise gest\u00fcrzt \u2013 an der die Branche jedoch eine Mitschuld tr\u00e4gt. Denn ob das Internet nun gut oder schlecht f\u00fcr den Journalismus ist, h\u00e4ngt ja davon ab, ob und wie man es professionell einsetzt. Es kann aber, soviel ist sicher, durch seine spezifische Beschaffenheit im Vergleich zu anderen Medien, das Erscheinungsbild journalistischer Angebote und deren handwerkliche Qualit\u00e4t entscheidend aufwerten.<\/p>\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich auch die Kehrseite des Internet, die Sie alle aus Ihrer beruflichen Praxis kennen: Die subkutanen Einfl\u00fcsse auf den Journalismus durch gesteuerte PR-Informationen h\u00e4ufen sich und gef\u00e4hrden die journalistische Integrit\u00e4t. Die zunehmende Verschmelzung von Informations- und Entertainment-Industrie bleibt auch f\u00fcr den Journalismus nicht folgenlos \u2013 mitunter sind diese beiden Ebenen kaum mehr trennscharf; und nichtsdestoweniger hat das Internet auch die Expertenkultur revolutioniert, indem immer h\u00e4ufiger Informationen von selbst ernannten Experten an die Adresse der so genannten \u201eseri\u00f6sen Medien\u201c gelangen und von dort ungepr\u00fcft weiter verbreitet werden.<\/p>\n<p>Die Tagung des Netzwerk Recherche behandelt also ein hochsensibles, statisch aufgeladenes Reizthema, das alle genannten Problemzonen des Journalismus \u2013 von der Bequemlichkeit der Journalisten \u00fcber die PR-Durchdringung bis hin zur Experteninflation \u2013 streift und \u00fcber das nicht immer gerne gesprochen wird.<\/p>\n<p>Sie kennen vielleicht noch die unr\u00fchmliche Anekdote \u00fcber einen renommierten Politikwissenschaftler, der kurz nach dem 11. September 2001 von einem Praktikanten interviewt werden sollte: Der Praktikant, der f\u00fcr eine gro\u00dfe deutsche Sendeanstalt arbeitete, wurde mit einem Kamerateam in das B\u00fcro des Politikwissenschaftlers geschickt, um einige O-T\u00f6ne f\u00fcr einen Beitrag einzufangen. Die erste Frage des Praktikanten an den Politikwissenschaftler vor laufender Kamera lautete: \u201eIch bin nur der Praktikant des Senders. Haben Sie einen Vorschlag, was ich Sie fragen k\u00f6nnte?\u201c Der Politikwissenschaftler antwortete: \u201eWas wollen Sie denn wissen, junger Mann?\u201c Der Praktikant entgegnete: \u201eIch habe keine Ahnung. Man hat mich hergeschickt, weil niemand sonst Zeit hatte.\u201c<\/p>\n<p>Diese Geschichte hat sich inzwischen bestimmt schon hundertfach in allen m\u00f6glichen Nuancierungen wiederholt, vielleicht in mehr oder weniger drastischer Auspr\u00e4gung. Nun war es in jenem Fall so, dass der Politikwissenschaftler auch wegen der Erfahrung mit seinen Studenten souver\u00e4n mit der Situation umgegangen ist und der Praktikant schlie\u00dflich doch mit guten O-T\u00f6nen zur\u00fcck in die Redaktion kehren konnte. Ich hielte es aber f\u00fcr ein Signal h\u00f6chster Alarmstufe, wenn heute noch auf diese Weise O-T\u00f6ne im Hauptabendprogramm der gro\u00dfen Fernsehsender platziert werden k\u00f6nnten. Was w\u00e4re, wenn der Praktikant keinen Politikexperten interviewt h\u00e4tte, sondern ein Mitglied von Al-Kaida oder einen Scientologen? Das h\u00e4tte im einen wie im anderen Fall ganz b\u00f6se ins Auge gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich will Ihnen noch eine andere kurze Begebenheit erz\u00e4hlen, diesmal aus der Presse: Ein bekannter Terrorexperte hat mir berichtet, er sei Ende 2005 von einer \u00fcberregionalen Tageszeitung zu einem kurzen Interview zur Entf\u00fchrung von Susanne Osthoff im Irak gebeten worden. Damals ging bei einem Mitarbeiter der ARD in Bagdad eine Videobotschaft ein, in dem die Osthoff-Entf\u00fchrer von der Bundesregierung ein Ende der deutschen Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Irak forderten \u2013 mit einem Ultimatum von drei Tagen nach Ausstrahlung des Films im deutschen Fernsehen. Sie erinnern sich vielleicht, dass die ARD das Video damals nur als Standbild gezeigt hat, um sich nicht zum Mitt\u00e4ter des Geschehens machen zu lassen.<\/p>\n<p>Der Terrorexperte erz\u00e4hlte mir jedenfalls, er sei vom stellvertretenden Chefredakteur der Tageszeitung angerufen worden, der ihn um ein kurzes Mail-Interview zu diesem Erpressungsversuch bat, das am Folgetag auf Seite eins als Beisteller zu einem gr\u00f6\u00dferen Aufmacher erscheinen solle. Der Experte hatte schon einige Statements zu \u00e4hnlichen Themen gegeben, daher betrachtete er die Anfrage als keine gro\u00dfe Sache. Der stellvertretende Chefredakteur schickte ihm also einige Fragen per Mail, und der Terrorexperte beantwortete diese innerhalb k\u00fcrzester Zeit. Nachdem er seine Mail abgeschickt hatte, erhielt er 10 Minuten sp\u00e4ter einen Anruf des Chefredakteurs der Zeitung, der ihn fragte, ob er denn die Sache wirklich so sehe wie beschrieben, denn man m\u00fcsse doch das und das noch bedenken. Und ob er nicht etwas mehr zu den Umst\u00e4nden sagen k\u00f6nne, wie Terroristen die Medien eigentlich f\u00fcr ihre Zwecke benutzten. Der Experte sagte: \u201eNein, das sehe ich tats\u00e4chlich so, und wenn ich Ihnen noch mehr dar\u00fcber erz\u00e4hle, wie Terroristen Medien instrumentalisieren, besteht doch die Gefahr, dass es Nachahmungst\u00e4ter gibt, und deshalb m\u00f6chte ich das nicht.\u201c Der stellvertretende Chefredakteur gab sich aber mit der Antwort nicht zufrieden und insistierte: Wenn es bei der Aussage bliebe und er nicht mehr dazu sagen wolle, m\u00fcsse er sich m\u00f6glicherweise nach einem anderen Experten umschauen. Dem Terrorexperten wurde das nun allm\u00e4hlich zu bunt, und er sagte dem stellvertretenden Chefredakteur: \u201eWenn Sie wirklich in einem Interview Anleitungen f\u00fcr Terroristen abdrucken wollen, handeln sie grob fahrl\u00e4ssig und verantwortungslos. Au\u00dferdem werde ich Ihre Recherchemethoden publik machen und meine Kollegen warnen.\u201c Der stellvertretende Chefredakteur legte schweigend auf, das Interview erschien am n\u00e4chsten Tag in der Originalfassung.<\/p>\n<p>Dieses Beispiel hat es in sich. Es verdeutlicht zum einen, dass sich Journalisten hin und wieder die Realit\u00e4t zurechtbiegen, wenn sie ihnen nicht passt \u2013 und das nicht nur auf Ebene von Praktikanten, sondern offenbar an h\u00f6chster Stelle. Das Ganze nennt man wohl Thesenjournalismus, wenn Redaktionen wild herumtelefonieren, um geeignete Statements einzusammeln, die die These eines Beitrags st\u00fctzen oder widerlegen k\u00f6nnen. Zum anderen finde ich den beinahe aggressiven Ton, der hier angeschlagen wurde und die Drohung, das Interview nicht zu publizieren, wenn dessen Aussagen nicht ge\u00e4ndert werden, alles andere als professionell. Es muss auf den Experten ja so wirken, als d\u00fcrfe er seine Meinung nicht unabh\u00e4ngig \u00e4u\u00dfern, weil er ansonsten damit rechnen muss, dass sie bei Widerworten gar nicht erst publiziert wird \u2013 obwohl er ja angefragt wurde. Ich glaube, es wird an diesem Beispiel klar, dass sich Experten auf gar keinen Fall zum Spielball journalistischer Interessen umfunktionieren lassen d\u00fcrfen, weil sie sonst ihre Glaubw\u00fcrdigkeit verlieren.<\/p>\n<p>Mein drittes und letztes Beispiel ist kurz. Es geht um all die Verlockungen und Halbwahrheiten im Internet, die eine neue Recherchekultur haben entstehen lassen. Sie alle erinnern sich noch an die Geschichte um den \u201efalschen Wilhelm\u201c, den ein Scherzbold als elften Vornamen des ehemaligen Bundeswirtschafts- und heutigen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg frei erfunden und in die Enzyklop\u00e4die Wikipedia eingegeben hatte. Mich hat damals erstaunt, wie viele so genannte \u201eseri\u00f6se Medien\u201c diesen elften Vornamen ungepr\u00fcft \u00fcbernommen haben, ohne zus\u00e4tzliche Quellen zu konsultieren.<\/p>\n<p>Bei diesem Beispiel handelt es sich keineswegs um eine Bagatelle. Denn dieser Hoax, also eine Falschmeldung oder ein Irrl\u00e4ufer, der \u00fcber das Internet gestreut wird, sollte uns zweierlei zu denken geben: Dass das Wissen der Massen gelegentlich \u00fcberpr\u00fcft werden muss, weil die M\u00f6glichkeiten zur Manipulation im Internet schier grenzenlos sind. Und dass es heute umso mehr glaubw\u00fcrdige, professionelle Informationsquellen geben muss, denen ich als Nutzer vertrauen kann. Die Vielstimmigkeit im Netz ist zwar urdemokratisch und stellt grunds\u00e4tzlich einen Mehrwert dar \u2013 aber im Falle von wichtigen Nachrichten gilt umso mehr die Devise \u201eViele Hobby-K\u00f6che verderben den Brei\u201c.<\/p>\n<p>Das Ern\u00fcchternde aber ist: Auch im Journalismus selbst wird manipuliert, und zwar jeden Tag und in fast jeder Redaktion. Es hat mich nicht \u00fcberrascht zu h\u00f6ren, dass es in vielen deutschen Redaktionen \u201eGiftlisten\u201c gibt mit Namen von Experten, die nicht zu Wort kommen d\u00fcrfen, weil ihre Meinung nicht der Redaktionslinie entspricht oder der Chefredakteur sie pers\u00f6nlich nicht leiden kann. W\u00e4hrend einige Experten f\u00fcr Ihre Auftritte etliche hundert Euro Honorar bekommen, k\u00f6nnen andere noch nicht einmal einen feuchten H\u00e4ndedruck erwarten f\u00fcr die Bereitschaft, dem Publikum Auskunft zu geben. Jedes Jahr werden hunderte von Expertengespr\u00e4chen gef\u00fchrt, von denen viele nicht gedruckt oder gesendet werden, weil sie den Redaktionen sp\u00e4ter aus inhaltlichen Gr\u00fcnden nicht mehr in den Kram passen oder ein anderer O-Ton pr\u00e4gnanter war. Viele Experteninterviews werden so lange frisiert und zurechtgestutzt, bis vom urspr\u00fcnglichen Gespr\u00e4ch nur noch ein entstellter Korpus \u00fcbrig bleibt. Ich wei\u00df, dass viele Reporter von den Redaktionen mit dem Auftrag vor die T\u00fcr geschickt werden, um Statements einzuholen, die eine bestimmte These st\u00fctzen sollen. Ich habe geh\u00f6rt, dass es in vielen Fernseh-Talkshows B- und C-Listen f\u00fcr Experten gibt, die zur Sicherheit von den Redaktionen angefragt, aber gleich wieder ausgeladen werden, sobald ein A-Listen-Experte zugesagt hat. Und schlie\u00dflich kommt es auch vor, dass Experten letztlich auch den platten technischen Widrigkeiten zum Opfer fallen, weil das Licht falsch gesetzt oder der Kopf nicht richtig angeschnitten war.<\/p>\n<p>Ich kann nur mutma\u00dfen, dass einige Journalisten solche Redaktionsgeheimnisse gar nicht mehr schockieren, weil viele von ihnen das in ihren Redaktionen genau so praktizieren. Das sollte es aber, denn es verdeutlicht, wie unredlich manche Medien zunehmend arbeiten. Es zeigt nicht nur, dass die Performance und Sprachgewalt in der Expertenauswahl wichtiger sind als Kompetenz und Reflexionsniveau, sondern auch, dass sich Journalisten mitunter die Wirklichkeit zum Untertan machen wollen. Und ich meine damit nicht unbedingt die einschl\u00e4gigen Medien der Boulevardfraktion \u2013 nein, es geht auch und gerade um die so genannten Qualit\u00e4tsmedien. In vielen Redaktionen rangiert Prominenz heute weit vor Kompetenz. Es ist ein bedenkliches Signal, wenn hier sogenannte &#8220;Gesichtsbekannte&#8221; &#8211; so der Journalisten-Jargon &#8211; Experten, Politiker und andere Akteure den Vorrang erhalten. Hier ist es Zeit zum Umdenken. Im Zentrum der Expertenauswahl muss k\u00fcnftig das nachgewiesene Erfahrungswissen, die abgekl\u00e4rte Substanz und die Validit\u00e4t der jeweiligen Analysen stehen.<\/p>\n<p>Worauf ich hinaus will: Ich finde es wichtig und richtig, dass sich das Netzwerk Recherche selbstkritisch dieses hei\u00dfen Themas angenommen hat. Der Journalismus genie\u00dft nicht mehr das Vertrauen, das er einmal hatte, das er sich \u00fcber viele Jahrzehnte hart erarbeitet hat. Sein Publikum hat ihm gro\u00dfen Glauben geschenkt, und dieser Verantwortung sollte er sich bei jeder Zeile und Sendeminute bewusst sein. Journalisten sollten sich nicht als \u201eHohepriester\u201c der Information aufspielen, wie es der Internet-Experte Jeff Jarvis neulich im Interview mit Focus Online ausdr\u00fcckte. Sie sollten niemals Begebenheiten und Ereignisse nach ihren Vorstellungen formen, sondern berichten, was Sache ist. Und sie sollten niemals die Privilegien ihres Berufes missbrauchen, indem sie sich durch ihr Herrschaftswissen Vorteile erschleichen. Wenn Journalisten dies nicht beherzigen, laufen Sie Gefahr, das in sie gesetzte Vertrauen endg\u00fcltig zu verspielen.<\/p>\n<p>Der Journalismus sollte sich stattdessen auf seinen kulturgeschichtlichen Stellenwert, seine ureigenen Talente, Tugenden und Techniken zur\u00fcckbesinnen: der Recherche, der unabh\u00e4ngigen Pr\u00fcfung von Quellen, der Hartn\u00e4ckigkeit, Politikern auf den Fersen zu bleiben und der F\u00e4higkeit, den B\u00fcrgern unsere komplizierte Welt n\u00e4herzubringen und die Mitglieder unserer Gesellschaft zu integrieren, vor allem aber der wahrheitsgetreuen Darstellung, Spiegelung und Kommentierung von Gewesenem, Aktuellem und Kommendem. Journalisten sollten das sein, was sie schon immer waren: das Gewissen unserer Zeit \u2013 eine Instanz, der wir unser Vertrauen schenken und in dessen Hand wir die \u00f6ffentliche Kontrolle und Kritik der M\u00e4chtigen unseres Landes aus Politik, Wirtschaft und Kirche legen k\u00f6nnen. Wenn Sie als Journalisten das weiterhin schaffen, brauchen wir uns vor einer Krise der Expertenkultur nicht zu f\u00fcrchten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gewissen unserer Zeit \u2013 von Thomas Kr\u00fcger Gru\u00dfwort beim Jahrestreffen des Netzwerk Recherche 2010: \u201eFakten f\u00fcr Fiktionen. Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen\u201c, 9.\/ 10.Juli 2010 in Hamburg \u201eNichts ist mehr so, wie es einmal war\u201c \u2013 mit diesem gefl\u00fcgelten Wort beschreiben Menschen seit dem 11. September gelegentlich Z\u00e4suren von weltpolitischem Ausma\u00df. 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