{"id":3904,"date":"2010-07-10T13:25:27","date_gmt":"2010-07-10T11:25:27","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=3904"},"modified":"2015-01-26T13:40:25","modified_gmt":"2015-01-26T12:40:25","slug":"experten-zehn-thesen-von-prof-holger-wormer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/experten-zehn-thesen-von-prof-holger-wormer\/","title":{"rendered":"Experten: Zehn Thesen von Prof. Holger Wormer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Beitrag zur Jahreskonferenz 2010<br \/>\nFr.\/Sa., 09.\/10. Juli 2010, Hamburg<\/strong><\/p>\n<p><em>von Holger Wormer, Professor f\u00fcr Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund <\/em><\/p>\n<p>1. Experten nehmen eine <strong>zentrale Rolle<\/strong> in der journalistischen Berichterstattung ein. Ebenso zentral ist daher die F\u00e4higkeit, geeignete Experten zu finden, zu bewerten und kritisch zu hinterfragen.<\/p>\n<p>2. Expertenurteile dienen h\u00e4ufig als <strong>Surrogat<\/strong> f\u00fcr eine echte Auseinandersetzung mit komplexen Themen. Tats\u00e4chlich entbinden Expertenurteile Journalisten nicht von der Pflicht, sich selber in ein Thema einzuarbeiten. Eigenrecherche senkt die Abh\u00e4ngigkeit von reinen Expertenaussagen.<\/p>\n<p>3. Der <strong>Respekt vor Experten<\/strong> und der G\u00fcltigkeit ihrer Aussagen ist zu gro\u00df. Journalisten fehlt aber h\u00e4ufig das notwendige Wissen und die F\u00e4higkeit, die Rolle von Experten einzusch\u00e4tzen. Dabei bietet gerade das Internet Chancen, Experten schnell richtig einzuordnen, weitere geeignete Experten zur \u00dcberpr\u00fcfung zu finden sowie umgekehrt Expertennetzwerke und Abh\u00e4ngigkeiten zu analysieren.<\/p>\n<p>4. Der <strong>Anspruch an einen Experten<\/strong> h\u00e4ngt auch von der Tragweite seiner Aussagen ab. An den Fu\u00dfballexperten oder den \u201eErkl\u00e4rb\u00e4r&#8221; f\u00fcr physikalische Ph\u00e4nomene auf der Basis von Schulwissen sind andere Anforderungen zu stellen als an den Gesundheitsexperten, der weit reichende Empfehlungen gibt, die \u00fcber Heilung und Krankheit, unter Umst\u00e4nden \u00fcber Leben oder Tod entscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>5. Ist ein \u201eExperte&#8221; einmal als solcher in den Medien pr\u00e4sent, kommt es schnell zum <strong>Recycling der immer gleichen K\u00f6pfe<\/strong> auf allen Kan\u00e4len. Nicht selten mutiert der Experte auf einem hochspeziellen Gebiet dabei zu einer Art \u201eUniversalexperten&#8221; f\u00fcr vieles.<\/p>\n<p>6. Ein Experte muss <strong>nicht zwangsl\u00e4ufig Wissenschaftler<\/strong> sein; ein international erfahrener Fu\u00dfballtrainer hat durchaus Expertenstatus auf seinem Gebiet. F\u00fcr Zuschauer, Zuh\u00f6rer und Leser muss aber jederzeit klar sein, worin die Kompetenzen und Grenzen eines pr\u00e4sentierten Experten liegen. Wird der Anschein von Wissenschaftlichkeit erweckt, so muss der Experte auch \u00fcber eine wissenschaftliche Expertise auf dem entsprechenden Gebiet verf\u00fcgen. Ein Unternehmensberater ist kein wissenschaftlicher Experte, auch wenn er gerne als solcher auftritt.<\/p>\n<p>7. Journalistische Grundregeln wie das Einholen einer Gegenmeinung k\u00f6nnen im Falle von Expertenstatements zu Verzerrungen f\u00fchren <strong>(\u201ebalance as bias&#8221;)<\/strong>. Ohne entsprechende Einordnung bekommen wissenschaftliche Au\u00dfenseitermeinungen oft ein \u00fcberproportionales Gewicht in der Berichterstattung: Es entsteht der Eindruck eines gro\u00dfen Expertenstreits, obwohl unter den eigentlichen Experten ein praktisch vollst\u00e4ndiger Konsens herrscht (Beispiel Klimawandel).<\/p>\n<p>8. Die Wissenschaft selbst hat <strong>formale Kriterien f\u00fcr die Bewertung<\/strong> von Experten entwickelt, die auch Journalisten f\u00fcr einen ersten \u201eExperten-Check&#8221; unbedingt nutzen sollten. Dazu geh\u00f6ren Fachpublikationen (in angesehenen Verlagen und m\u00f6glichst begutachteten (\u201epeer reviewed&#8221;) Fachzeitschriften), Zitierh\u00e4ufigkeit in der jeweiligen scientific community, Ruf der Person und seiner Institution unter Fachkollegen, Drittmittel, Forschungspreise, Patente und Lehrerfahrung. Wenngleich diese Kriterien nur Anhaltspunkte geben und zum Teil ambivalent sind (z.B. Drittmittel), lie\u00dfen sich damit bereits die meisten Scharlatane erkennen.<\/p>\n<p>9. Der Staat gef\u00e4hrdet mit einer an \u00f6konomischer Prinzipien ausgerichteten <strong>Forschungspolitik<\/strong>, einem mitunter absurden Wettbewerb bei gleichzeitig fortschreitender Unterfinanzierung der Hochschulen eine zumindest prinzipielle Unabh\u00e4ngigkeit wissenschaftlicher Experten. Die zunehmend nur zeitlich befristete F\u00f6rderng von Projekten, die Forderung nach Medienpr\u00e4senz der Institution und der Zwang zur Verwertbarkeit m\u00f6glichst vieler Forschungsergebnisse erh\u00f6ht den Drittmitteldruck auf Wissenschaftler und <strong>zerst\u00f6rt ihre relative Unabh\u00e4ngigkeit<\/strong>. In Bereichen wie der Medizin gibt es kaum noch einen \u201eunabh\u00e4ngigen Experten&#8221;.<\/p>\n<p>10. Umgekehrt funktioniert der verbreitete journalistische Reflex \u201eWissenschaftler xy erh\u00e4lt auch Projektmittel von Unternehmen z und ist deshalb nicht glaubw\u00fcrdig&#8221; in dieser einfachen Form nicht mehr. In vielen F\u00e4llen &#8211; etwa bei Ingenieuren &#8211; sind Drittmittel aus der Industrie sogar ein besonderes Zeichen f\u00fcr Expertise auf einem bestimmten Gebiet. Voraussetzung ist dabei ein transparenter Umgang des Experten mit solchen Finanzierungen und ggf. die Erkl\u00e4rung eines <strong>\u201econflict of interest&#8221;<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag zur Jahreskonferenz 2010 Fr.\/Sa., 09.\/10. Juli 2010, Hamburg von Holger Wormer, Professor f\u00fcr Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund 1. Experten nehmen eine zentrale Rolle in der journalistischen Berichterstattung ein. Ebenso zentral ist daher die F\u00e4higkeit, geeignete Experten zu finden, zu bewerten und kritisch zu hinterfragen. 2. 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