{"id":510,"date":"2014-07-05T15:18:48","date_gmt":"2014-07-05T13:18:48","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wordpress\/blog14\/?p=510"},"modified":"2020-10-14T12:05:44","modified_gmt":"2020-10-14T10:05:44","slug":"glauben-sie-nie-dem-archivar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/glauben-sie-nie-dem-archivar\/","title":{"rendered":"\u201eGlauben Sie nie dem Archivar\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_22975\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Recherchen_im_Gestern_ST_K6_B_9.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-22975\" class=\"wp-image-22975\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Recherchen_im_Gestern_ST_K6_B_9-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Recherchen_im_Gestern_ST_K6_B_9-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Recherchen_im_Gestern_ST_K6_B_9-300x200.jpg 300w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Recherchen_im_Gestern_ST_K6_B_9-768x512.jpg 768w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Recherchen_im_Gestern_ST_K6_B_9-272x182.jpg 272w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/10\/Recherchen_im_Gestern_ST_K6_B_9.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-22975\" class=\"wp-caption-text\">Panel \u201eRecherchen im Gestern \u2013 Wie man historische Themen anpackt\u201c mit Henning Sietz, Moderator Egmont R. Koch, Rosalia Romaniec und Ingolf Gritschneder (v.l.n.r., Foto: Sebastian Stahlke)<\/p><\/div>\n<p><strong>Wie w\u00fchlt man sich durch unsauber archivierte Akten, wie kommt man an Zeitzeugen? \u201eRecherche im Gestern\u201c ist kein angestaubtes Thema, sondern aktuell und gefragt wie nie. Die freien Journalisten Ingolf Gritschneder, Rosalia Romaniec und Henning Sietz berichteten von ihren Recherchen zur Zeitgeschichte.<\/strong><\/p>\n<p>Fast w\u00e4re seine Recherche schon am Archivar gescheitert. \u201eAlle zwei Jahre kommt ein Journalist und fragt danach. Haben wir aber nicht\u201c, hie\u00df es beim Staatsarchiv in M\u00fcnchen, in dem eigentlich Akten \u00fcber ein Attentat auf Adenauer im Jahr 1952 lagern sollten. Henning Sietz, als freier Journalist vor allem f\u00fcr die FAZ und DIE ZEIT unterwegs, war in einer Jahreschronik auf eine Notiz \u00fcber das Attentat gestolpert. \u201eMan wusste nichts dar\u00fcber und das hat nat\u00fcrlich mein Interesse geweckt\u201c, erz\u00e4hlt Sietz.<\/p>\n<p>Er w\u00e4lzte alte Zeitungen. Die Berichterstattung \u00fcber die f\u00fcr Adenauer bestimmte Paketbombe, die im Polizeipr\u00e4sidium M\u00fcnchen beim Versuch der Entsch\u00e4rfung explodierte und den Sprengmeister in den Tod riss, war nur kurz ein Thema. Sietz suchte nach den Ermittlungsakten zum Fall. Doch im Staatsarchiv M\u00fcnchen konnte man ihm nicht helfen, auch aus dem Adenauer-Haus in Bonn kam zun\u00e4chst nichts Verwertbares. Doch nachtr\u00e4glich trudelte ein Brief ein mit einem Dokument, auf dem der Name des damaligen Ermittlungsleiters stand. Sietz machte ihn ausfindig \u2013 und der wiederum wusste noch genau, wie er die Akte damals beschriftet hatte: nicht mit \u201eAttentat auf Adenauer\u201c, sondern mit \u201eVergehen gegen das Sprengstoffgesetz\u201c. So kam Sietz doch noch an die Polizeiakte und machte aus dem Fall ein Buch. \u201eGlauben Sie dem Archivar nie, wenn er sagt, dass er die Akte nicht hat\u201c, res\u00fcmiert Sietz. Im Staatsarchiv M\u00fcnchen treffe an manchem Tag gern mal ein ganzer M\u00f6belwagen neuer Akten ein. \u201eDie meisten Archivare k\u00f6nnen gar keinen \u00dcberblick \u00fcber ihre riesigen Best\u00e4nde haben.\u201c<!--more--><\/p>\n<p>Mit Archivrecherchen kennt sich auch Rosalia Romaniec bestens aus. Die geb\u00fcrtige Polin, die arbeitete einen Vorfall auf, der sich in ihrer eigenen Familie abgespielt hatte. Ein verloren geglaubter Sohn \u2013 Romaniecs Onkel \u2013 tauchte pl\u00f6tzlich wieder auf, stellte sich jedoch sp\u00e4ter als polnischer Spion heraus. Mit viel Geduld arbeitete sie drei Jahre lang die Geschichte aus der Perspektive der Opfer auf. Dann entschloss sie sich, auch den ehemaligen Spion mit den Geschehnissen zu konfrontieren. Mit zwei Kamerateams reiste sie nach Polen und stellte ihn ruhig, aber bestimmt vor die Wahl, sich im Film zu erkl\u00e4ren. Der Mann willigte ein. Das Interview forderte Romaniec auch emotional, wurde aber der dramaturgische H\u00f6hepunkt. \u201eGeschickt fragen\u201c, das r\u00e4t die freie Journalistin im Umgang mit zentralen Interviewpartnern &#8211; denn sonst sei die schriftliche Einwilligung zur Ver\u00f6ffentlichung anschlie\u00dfend kaum zu bekommen.<\/p>\n<p>Nicht \u00fcber pers\u00f6nliche Verbindungen, sondern schlicht \u00fcbers Ausmisten alter Rechercheunterlagen stie\u00df Ingolf Gritschneder auf die Idee zu seinem neuen Filmprojekt \u00fcber Nazis in Argentinien. Vor zehn Jahren hatte er in der Doku \u201eHehler f\u00fcr Hitler\u201c die Rolle des K\u00f6lner Unternehmers Otto Wolff von Amerongen bei der Devisenbeschaffung f\u00fcr die Nazis untersucht, nun weckte ein anderer Name in den Unterlagen sein Interesse \u2013 ein Name, der in altdeutscher Schrift auch auf den Unterarmen eines chilenischen Motorradfreaks t\u00e4towiert war, wie ein Foto im Internet zeigte. Gritschneder wollte die Spur des Geldes verfolgen und fand heraus, dass eine mit diesem Namen verbundene Firma noch in Argentinien und der Schweiz aktiv war. Gritschneder reiste nach Chile und interviewte den jungen Mann mit der T\u00e4towierung, der sich als Enkel des Nazi-Devisenbeschaffers entpuppte.<\/p>\n<p>Eine wichtige Lektion hat Gritschneder noch parat: \u201eFahren Sie immer an die Orte des Geschehens.\u201c Nachdem er die fr\u00fchere Wohnadresse jenes verstorbenen Nazis herausbekommen hatte, fuhr er dorthin und klingelte bei allen Nachbarn. Die meisten konnten nichts dazu sagen, aber ein alter Mann war dabei, der sich seltsam stumm gab, als ob er etwas w\u00fcsste. Und tats\u00e4chlich: Als Gritschneder ihn mit diesem Bauchgef\u00fchl konfrontierte und ihn auch noch intuitiv fragte, ob er vielleicht Jude sei, bekam er die ganze Geschichte zu h\u00f6ren. Dieser Nachbar hatte Dutzende Familienangeh\u00f6rige durch die Nazis verloren und war schon in den 1930er Jahren nach S\u00fcdamerika emigriert \u2013 um dann nach dem Krieg erleben zu m\u00fcssen, wie sich in seiner unmittelbaren Nachbarschaft die wohlhabenden gefl\u00fcchteten Altnazis niederlie\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie w\u00fchlt man sich durch unsauber archivierte Akten, wie kommt man an Zeitzeugen? \u201eRecherche im Gestern\u201c ist kein angestaubtes Thema, sondern aktuell und gefragt wie nie. Die freien Journalisten Ingolf Gritschneder, Rosalia Romaniec und Henning Sietz berichteten von ihren Recherchen zur Zeitgeschichte. 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