{"id":6184,"date":"2016-01-30T15:53:18","date_gmt":"2016-01-30T14:53:18","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=6184"},"modified":"2016-01-31T19:01:27","modified_gmt":"2016-01-31T18:01:27","slug":"gestrichelt-verwischt-gerundet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/gestrichelt-verwischt-gerundet\/","title":{"rendered":"Gestrichelt, verwischt, gerundet"},"content":{"rendered":"<h3>Wie viel Unsicherheit vertr\u00e4gt der Datenjournalismus?<\/h3>\n<p>Von Lilith Teusch<\/p>\n<div id=\"attachment_6225\" style=\"width: 364px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.ipcc.ch\/publications_and_data\/publications_and_data_figures_and_tables.shtml\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6225\" class=\"wp-image-6225\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2016\/01\/ipcc_scenarios-1-e1454164329978.png\" alt=\"Wie wird die globale Durchschnitttemperatur im 21. Jahrhundert steigen? Wei\u00df man nicht so genau. Bild: 2007 IPCC WG1 AR-4\" width=\"354\" height=\"220\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6225\" class=\"wp-caption-text\">Wie stark wird die globale Durchschnitttemperatur im 21. Jahrhundert steigen? Wei\u00df man nicht so genau. Bild: 2007 IPCC WG1 AR-4<\/p><\/div>\n<p>17.538.251 Menschen \u2013 exakt so viele lebten am 09.05.2011 in Nordrhein-Westfalen. Das sagt zumindest die <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/PresseService\/Presse\/Pressekonferenzen\/2013\/Zensus2011\/demo_excel.xls?__blob=publicationFile\" target=\"_blank\">amtliche Statistik<\/a>. Und was die sagt, wird ja wohl stimmen. Exakte Zahlen und ihre Visualisierungen wirken immer so wunderbar vertrauenserweckend, mal in einem schlichten Balkendiagramm, mal als bunte und interaktive Karte. Doch der Schein tr\u00fcgt: Auf die einzelne Person genau l\u00e4sst sich die Einwohnerzahl nie bestimmen. Jede Messreihe, jede Bev\u00f6lkerungsz\u00e4hlung enth\u00e4lt Fehler \u2013 etwa noch nicht registrierte Umz\u00fcge oder andere Messfehler. Ein Datensatz birgt immer eine gewisse Unsicherheit. Wie aber soll der Journalist diese Unsicherheiten grafisch darstellen? Eine verbindliche Norm daf\u00fcr gibt es nicht, jedenfalls noch nicht \u2013 aber viele Vorschl\u00e4ge.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/datenlabor15.sched.org\/speaker\/jochenschiewe\" target=\"_blank\">Jochen Schiewe<\/a> ist Professor f\u00fcr Geoinformatik und Geovisualisierung an der HafenCity Universit\u00e4t Hamburg. Das Ziel von Journalisten sollte seiner Meinung nach sein, dass unsichere Werte ohne gro\u00dfe Legende und Erkl\u00e4rung intuitiv vom Leser als solche erkannt werden.<\/p>\n<p><strong>Sturmverlauf als Korridor der Wahrscheinlichkeiten<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Die Entwicklung von St\u00fcrmen auf einer Karte lasse sich etwa durch Korridore veranschaulichen: Welchen Weg genau ein Sturm nimmt ist ungewiss. Statt einer genauen Route, wird bei dieser Darstellung daher ein gr\u00f6\u00dferer Bereich auf der Karte gekennzeichnet \u2013 ein Korridor, in dem der Sturm sich mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit bewegen wird. In anderen F\u00e4llen k\u00f6nne mit gestrichelten oder verwischten Bereichen gearbeitet werden, so der Geoinformatik-Professor. Zahlen k\u00f6nnten entweder gerundet oder in Intervallen dargestellt werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_6220\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6220\" class=\"size-medium wp-image-6220\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2016\/01\/storm_corridor-300x231.jpg\" alt=\"Die Wetterseite \u201eWeather Underground\u201c markiert den voraussichtlichen Verlauf von St\u00fcrmen als Korridor. Screenshot: wunderground.com\" width=\"300\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2016\/01\/storm_corridor-300x231.jpg 300w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2016\/01\/storm_corridor.jpg 736w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-6220\" class=\"wp-caption-text\">Die Wetterseite \u201eWeather Underground\u201c markiert den voraussichtlichen Verlauf von St\u00fcrmen als Korridor. Screenshot: wunderground.com<\/p><\/div>\n<p>Es gibt also Vorschl\u00e4ge, wie Unsicherheiten dargestellt werden k\u00f6nnen. Die Meinungen gehen allerdings bei der Frage auseinander, in welchem Ma\u00dfe es \u00fcberhaupt sinnvoll ist, sie im Journalismus kenntlich zu machen. Einige Wissenschaftler etwa sind der Ansicht, dass in der Berichterstattung gar nicht erst mit Zahlen gearbeitet werden sollte, die genauer scheinen als sie sind. Bei der eingangs erw\u00e4hnten Bev\u00f6lkerungsstatistik zum Beispiel solle dann eben gerundet werden. Doch dagegen wenden Journalisten ein: Wenn man anf\u00e4ngt vor jede Zahl ein \u201eungef\u00e4hr\u201c oder \u201ecirca\u201c zu setzen, kann das beim Leser zu Irritation f\u00fchren. Muss und darf der Journalist also stattdessen darauf vertrauen, dass der Nutzer sich der m\u00f6glichen Ungenauigkeit der Zahlen bewusst ist?<\/p>\n<p><strong>Wollen Leser die Unsicherheiten \u00fcberhaupt sehen?<\/strong><\/p>\n<p>Wie die Darstellung von Unsicherheiten visuell erfasst und verarbeitet wird, dazu gebe es kaum Studien, sagt Geoinformatiker Schiewe. Das sei ein gro\u00dfes Problem, denn die kognitive Verarbeitung von Unsicherheiten sei schwierig und es stelle sich die Frage, ob die Leser \u00fcberhaupt wollten, dass Unsicherheiten in den Daten sichtbar gemacht werden.<\/p>\n<p>Schiewe selbst h\u00e4lt es jedoch f\u00fcr unerl\u00e4sslich, Unsicherheiten zu kennzeichnen. F\u00fcr ihn ist das ein Qualit\u00e4tsmerkmal, welches das Vertrauen in die Recherche des Journalisten steigert. In der Statistik habe man es eben immer mit Unsicherheiten zu tun, sagt er, deshalb d\u00fcrften Journalisten auch keine falsche Genauigkeit suggerieren. <a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/die-klimabild-expertin\/\" target=\"_blank\">Birgit Schneider<\/a>, Vertretungsprofessorin f\u00fcr Medien\u00f6kologie an der Universit\u00e4t Potsdam, besch\u00e4ftigt sich intensiv damit, wie Ergebnisse der Klimaforschung in Wissenschaft und Medien bildlich dargestellt werden. Auch sie pl\u00e4diert daf\u00fcr, bei der Visualisierung auf Unsicherheiten hinzuweisen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Datenlabor 2015 in Dortmund: Jochen Schiewe und Birgit Schneider\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/5GU_ankoL8A?list=PLr8RTcS5UiniN1S9Ohws3P5NyUasnz9ix\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Ein Dialog von Wissenschaftlern und Journalisten<\/strong><\/p>\n<p>Dass Journalisten ein Gef\u00fchl f\u00fcr den Umgang mit Unsicherheiten entwickeln m\u00fcssen, scheint unabdingbar: Die Arbeit mit Daten wird immer wichtiger, Journalisten werden in Zukunft vermehrt im Berufsalltag mit ihnen zu tun haben \u2013 und somit auch mit der Tatsache, dass Daten nur selten wirklich exakt sind. In welchen F\u00e4llen und auf welche Weise dies dargestellt werden sollte und wie viel Hilfestellung der Leser beim Verst\u00e4ndnis braucht, bleibt vorerst umstritten. Vielleicht k\u00f6nnen Wissenschaftler und Journalisten sich dieser Frage gemeinsam n\u00e4hern \u2013 auch wenn es daf\u00fcr noch viele Diskussionen und einige Daten-Labor-Konferenzen braucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie viel Unsicherheit vertr\u00e4gt der Datenjournalismus? Von Lilith Teusch 17.538.251 Menschen \u2013 exakt so viele lebten am 09.05.2011 in Nordrhein-Westfalen. Das sagt zumindest die amtliche Statistik. Und was die sagt, wird ja wohl stimmen. Exakte Zahlen und ihre Visualisierungen wirken immer so wunderbar vertrauenserweckend, mal in einem schlichten Balkendiagramm, mal als bunte und interaktive Karte. 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