{"id":6278,"date":"2016-02-07T16:52:22","date_gmt":"2016-02-07T15:52:22","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=6278"},"modified":"2016-02-07T17:47:41","modified_gmt":"2016-02-07T16:47:41","slug":"der-daten-akrobat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/der-daten-akrobat\/","title":{"rendered":"Der Daten-Akrobat"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_5517\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5517\" class=\"size-medium wp-image-5517\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2015\/10\/MG_5448-flexslider-300x200.jpg\" alt=\"Sascha Venohr (Zeit Online) spricht \u00fcber das Projekt \u201eEuropa schiebt ab&quot;\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2015\/10\/MG_5448-flexslider-300x200.jpg 300w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2015\/10\/MG_5448-flexslider-272x182.jpg 272w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2015\/10\/MG_5448-flexslider.jpg 556w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-5517\" class=\"wp-caption-text\">Sascha Venohr (<em>Zeit Online<\/em>) spricht \u00fcber das Projekt \u201eEuropa schiebt ab&#8221;. Foto: Franziska Senkel<\/p><\/div>\n<p>Von Jana Burczyk<\/p>\n<p>24. M\u00e4rz 2015, 11:30: Ein vollbesetztes Flugzeug soll \u00fcber S\u00fcdfrankreich abgest\u00fcrzt sein. Das Schicksal der 148 Passagiere und der Crew ist unbekannt, vermutlich waren viele Deutsche an Bord \u2013 so weit die Meldungen der Nachrichtenagenturen. Jetzt m\u00fcssen <a href=\"https:\/\/datenlabor15.sched.org\/speaker\/sascha.venohr\" target=\"_blank\">Sascha Venohr<\/a> und sein Datenjournalismus-Team bei <em>Zeit Online<\/em> schnell sein: Welche Daten gibt es zum Flugverlauf der Maschine? Was sagen meteorologische Daten \u00fcber das Wetter vor Ort? Kann ein Unwetter der Grund f\u00fcr den Absturz gewesen sein? F\u00fcr Venohr geh\u00f6rt es zum Alltag, dass solche unerwarteten Ereignisse die Arbeit an gro\u00dfen Projekten unterbrechen. Er muss daher stets einen Balanceakt zwischen aufwendigen Datengeschichten einerseits und aktueller Berichterstattung andererseits meistern.<!--more--><\/p>\n<p>Um schnell reagieren zu k\u00f6nnen, muss Venohr wissen, welche Quellen rasch verl\u00e4ssliche Daten liefern. Im Fall eines Flugzeugsabsturzes ist die Webseite Flightradar24.com eine erste Anlaufstelle f\u00fcr ihn. Sie zeigt die Routen von Zivilflugzeugen. &#8220;Jenseits von irgendwelchen Nachrichtentickern k\u00f6nnen wir da sehen, ob eine Linie wirklich in den Alpen endet&#8221;, sagt Venohr. Auch, ob sich die Maschine in einem Sinkflug befunden hat, geht aus den Daten hervor. &#8220;Wir wollen zun\u00e4chst die grundlegenden Fakten rund um das Ungl\u00fcck sicherstellen.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Keine Zeit f\u00fcr aufwendige Visualisierungen<\/strong><\/p>\n<p>Wenn bis zur geplanten Ver\u00f6ffentlichung nur Minuten oder Stunden bleiben, l\u00e4sst sich keine aufwendige Datenvisualisierung programmieren. Doch es gibt viele Tools, die selbst Journalisten ohne Programmierkenntnisse in so einem Fall helfen. \u201eF\u00fcr Karten nutzen wir auch Mapbox, Diagramme lassen sich mit Infogr.am gut darstellen\u201c, sagt Venohr. Highcharts und Highmaps seien weitere Werkzeuge, mit denen sich Karten und Diagramme schnell und einfach erstellen lie\u00dfen. Gerade wenn es schnell gehen muss, gleicht seine Arbeit dem Balanceakt auf einem Drahtseil: in der einen Hand den Druck der Aktualit\u00e4t, in der anderen den Anspruch, nur Fundiertes zu berichten und Informationen anschaulich darzustellen.<\/p>\n<p>Venohr ist selbst weder Programmierer, noch durchlief er eine klassische Journalistenausbildung. Stattdessen versuchte er lange einen Spagat: Neben seinem Jura-Studium schrieb er nebenbei f\u00fcr verschiedene Zeitungen, um sein Studium zu finanzieren \u2013 bis er eines Tages lieber Zeit in der Redaktion als im H\u00f6rsaal verbrachte.<\/p>\n<p>\u201eSp\u00e4ter, als Online-Redakteur beim Hessischen Rundfunk, habe ich zunehmend Projekte \u00fcbernommen, bei denen ich Vermittler zwischen Redaktion und Technik war \u2013 unter anderem beim Aufbau der Webseite.\u201c Bei <em>Zeit Online<\/em> f\u00fchrte sein Interesse an Technik und am Programmieren zu ersten datenjournalistischen St\u00fccken. Inzwischen leitet Venohr als Head of Data Journalism ein Team, das bekannt f\u00fcr aufwendige Recherchen und Visualisierungen ist, etwa zum maroden <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/mobilitaet\/2014-09\/deutsche-bahn-bruecken-zustand\" target=\"_blank\">Zustand von Eisenbahnbr\u00fccken<\/a>, zu den <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2015-11\/rechtsextremismus-fluechtlingsunterkuenfte-gewalt-gegen-fluechtlinge-justiz-taeter-urteile\" target=\"_blank\">Anschl\u00e4gen auf Fl\u00fcchtlingsheime in Deutschland<\/a> oder zur <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/feature\/gesundheit-arzt-privat-versicherung-praxis\" target=\"_blank\">regionalen Verteilung der \u00c4rzte in Deutschland<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Je nach Situation Tretboot oder Rennwagen<\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Bei aufwendigeren Projekten k\u00f6nnen wir viel mehr Zeit und Liebe zum Detail hineinstecken&#8221;, sagt Venohr. Hier k\u00f6nnen er und sein Team sich austoben und Neues ausprobieren. &#8220;Man sieht uns dann vor wei\u00dfen Tafeln stehen und malen&#8221;, erz\u00e4hlt er. Ohne hohen k\u00fcnstlerischen Anspruch entst\u00fcnden so Skizzen, in denen ein Umsetzungsvorschlag Gestalt annimmt. Auch dabei haben Venohr und sein Team die Ressource Zeit stets im Hinterkopf. &#8220;Das Malen ist ein Prozess, bei dem sich die Frage stellt, wie umfangreich eine Idee ausgearbeitet werden kann. Nehmen wir die abgespeckte Variante Tretboot, wenn es beispielsweise wichtig ist, Infos schnell zu bringen, oder entscheiden wir uns f\u00fcr die Variante Rennwagen, f\u00fcr die wir uns dann auch Zeit nehmen k\u00f6nnen?&#8221; Nach viel Skizzieren und Diskutieren entwickelte das Team etwa eine Grafik zu Abschiebefl\u00fcgen, die sich dem Leser nicht als schn\u00f6des Balkendiagramm pr\u00e4sentiert, sondern als ein <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/feature\/abschiebung-fluechtlinge-fluege-frontex\" target=\"_blank\">Flugzeug mit Sitzplatzverteilung<\/a>.<\/p>\n<p>Dass er bei der Arbeit immer wieder zwischen solch aufwendigen Vorhaben und unvorhergesehenen Ereignissen hin- und herpendeln muss, st\u00f6rt Venohr nicht. Es schlafe auch nicht alle Arbeit an gro\u00dfen Projekten zwischendurch g\u00e4nzlich ein, sondern sie gehe im Hintergrund weiter. &#8220;Im Zweifelsfall m\u00fcssen Priorit\u00e4ten abgewogen werden und dann wird das Projekt geschoben&#8221;, sagt er. Das sei meist auch problemlos m\u00f6glich, da die eher aufwendigen Projekte in der Regel zeitloser seien als eine Meldung \u00fcber einen Flugzeugabsturz. Zudem seien manche Datenrecherchen ohnehin mit langen Wartezeiten verbunden, wenn Daten etwa nur \u00fcber einen Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz zu bekommen sind.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Datenlabor 2015 in Dortmund: Sascha Venohr\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/IzozgVwlSW4?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Wenn&#8217;s mal l\u00e4nger dauern darf: Daten selbst erheben<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Manche Projekte ziehen sich auch allein deshalb in die L\u00e4nge, da Daten nur in schwer zu verarbeitenden Formaten vorliegen, etwa als PDF-Datei, oder erst m\u00fchsam erhoben werden m\u00fcssen. So f\u00fchrten Venohr und sein Team etliche Einzelfallgespr\u00e4che mit Staatsanwaltschaften und Polizeidienststellen, um die Aufkl\u00e4rungsrate bei Angriffen auf Fl\u00fcchtlingsheime zu ermitteln. &#8220;Uns war von vornherein klar, dass da ein etwas gr\u00f6\u00dferer Rechercheaufwand hinter steht. Wir wollten nicht nur zeigen, wo diese Angriffe stattgefunden haben \u2013 das l\u00e4sst sich relativ schnell machen \u2013 sondern haben es uns zum Ziel gemacht, den Ermittlungsstand jedes einzelnen Falles zu \u00fcberpr\u00fcfen.&#8221;<\/p>\n<p>Datenjournalismus werde zu oft nur an gro\u00dfen Leuchtturmprojekten gemessen, findet Sascha Venohr. Ihm macht beides Spa\u00df, sowohl das schnelle Arbeiten, als auch das lange T\u00fcfteln an gr\u00f6\u00dferen Projekten. &#8220;Wenn man merkt, dass man im Newsroom wirklich helfen kann, da sind die Kollegen immer sehr dankbar und begeistert wenn man auch kleinere Informationen auf Basis der eigenen Recherchem\u00f6glichkeiten beisteuern kann. Und dann fiebert man ja als Journalist bei besonderen Nachrichtenlagen auch mit&#8221;, erkl\u00e4rt er l\u00e4chelnd. Und so balanciert er erfolgreich zwischen blitzschneller Recherche und beh\u00e4biger Datensuche, zwischen fertigen Werkzeugen und ausgefeilten T\u00fcfteleien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Jana Burczyk 24. M\u00e4rz 2015, 11:30: Ein vollbesetztes Flugzeug soll \u00fcber S\u00fcdfrankreich abgest\u00fcrzt sein. Das Schicksal der 148 Passagiere und der Crew ist unbekannt, vermutlich waren viele Deutsche an Bord \u2013 so weit die Meldungen der Nachrichtenagenturen. 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