{"id":9949,"date":"2017-06-13T13:06:37","date_gmt":"2017-06-13T11:06:37","guid":{"rendered":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/?p=9949"},"modified":"2017-06-13T13:06:37","modified_gmt":"2017-06-13T11:06:37","slug":"ich-glaube-in-ungarn-sind-die-vorraussetzungen-fuer-eine-freie-presselandschaft-nicht-mehr-gegeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/blog\/ich-glaube-in-ungarn-sind-die-vorraussetzungen-fuer-eine-freie-presselandschaft-nicht-mehr-gegeben\/","title":{"rendered":"\u201eIch glaube, in Ungarn sind die Vorraussetzungen f\u00fcr eine freie Presselandschaft nicht mehr gegeben\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_9950\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2017\/06\/Ma\u0301rton-Gergely.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9950\" class=\"size-thumbnail wp-image-9950\" src=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2017\/06\/Ma\u0301rton-Gergely-150x150.jpeg\" alt=\"Ma\u0301rton Gergely\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2017\/06\/Ma\u0301rton-Gergely-150x150.jpeg 150w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2017\/06\/Ma\u0301rton-Gergely-300x300.jpeg 300w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2017\/06\/Ma\u0301rton-Gergely-50x50.jpeg 50w, https:\/\/netzwerkrecherche.org\/nr-termine-archive\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2017\/06\/Ma\u0301rton-Gergely.jpeg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9950\" class=\"wp-caption-text\">Ma\u0301rton Gergely<\/p><\/div>\n<p><strong>M\u00e1rton Gergely war stellvertretender Chefredakteur der regierungskritischen Tageszeitung N\u00e9pszabads\u00e1g, die vergangenes Jahr im Oktober vollkommen \u00fcberraschend eingestellt wurde. Inzwischen arbeitet er bei der regierungskritischen Wochenzeitung HVG. Mit ihm sprachen wir \u00fcber den aktuellen Zustand der unabh\u00e4ngigen Presse in Ungarn.<\/strong> <em>Von Minh Thu Tran, DJS<\/em><br \/>\n<!--more--><br \/>\n<strong>Die Regierung von Viktor Orban hat einen Gro\u00dfteil der ungarischen Medienlandschaft unter ihre Kontrolle gebracht, unabh\u00e4ngige Medien k\u00e4mpfen um ihre Existenz. Kann die EU \u00fcberhaupt noch etwas gegen diese Entwicklungen \u00fcbernehmen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df gar nicht, ob ich Forderungen an die EU habe, vor allem, was die heutigen M\u00f6glichkeiten angeht. Es ist heikel, weil ich glaube, dass dieses Problem vor allem in Ungarn gel\u00f6st werden muss. Ich glaube zwar, dass die Europ\u00e4ische Union etwas dagegen unternehmen m\u00fcsste, aber ich glaube, sie hat sehr viel in den letzten sieben Jahren verspielt. Sie sind zu sp\u00e4t aufgewacht, und ich glaube da m\u00fcssten Mechanismen entwickelt werden, und viel besser auf Verst\u00f6\u00dfe der Grundrechte geachtet werden. Aber ich glaube nicht, dass wir heute noch Mittel haben, um dieses Problem auf europ\u00e4ischer Ebene zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Kann die Pressefreiheit in Ungarn also gar nicht mehr gerettet werden?<\/strong><\/p>\n<p>Also, es ist schwierig. Also ich glaube in Ungarn sind die Vorraussetzungen f\u00fcr eine freie Presselandschaft nicht mehr gegeben. F\u00fcr freie Meinungs\u00e4u\u00dferung ist aber noch Platz da. Und ich glaube, es sind verschiedene Faktoren, die f\u00fcr eine freie Presselandschaft k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Ich glaube schon, dass da ausl\u00e4ndische Firmen, die in Ungarn beteiligt sind, mehr auf die Werte achten m\u00fcssen, die sie in ihrer Heimat auch befolgen &#8211; da geh\u00f6ren auch deutsche Firmen dazu. Zweitens m\u00fcssen ungarische B\u00fcrger, die etwas von Demokratie halten, Qualit\u00e4tspresse kaufen und mehr das Bewusstsein entstehen, dass Qualit\u00e4tsjournalismus eine Finanzierung braucht und am besten durch die Leser finanziert werden muss. Und der ungarische W\u00e4hler muss auch entscheiden, ob er weiterhin in diesem Gangstermodus leben will oder nicht. Also ich glaube, dass viel getan werden kann und muss, aber vor allem auf ungarischer Ebene.<\/p>\n<p><strong>Die Regierung \u00fcbt vor allem durch finanzielle Mittel und Investments Einfluss auf die ungarische Presse. Was passiert da genau?<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahren wurden vor allem die finanzstarken, ausl\u00e4ndischen Medienh\u00e4user aus Ungarn verjagt oder aufgekauft, damit die ungarischen Medien in ungarische Hand kommen. Und dann werden durch staatliche Werbeausgaben in den Medienmarkt eingegriffen: Staatliche ungarische Unternehmen wie die gro\u00dfen Elektrizit\u00e4tswerke, die Post oder die Lotterie schalten also Werbung im Sinne der ungarischen Regierung. Diese Woche etwa wurde bekannt, dass eine neu gegr\u00fcndete, der Regierung nahestehende Boulevardzeitung zu 96% durch staatseigene Firmen finanziert wird. Und bei den letzten freien, privaten Medienh\u00e4usern kommt kaum mehr Geld an &#8211; und da kann man auch die deutschen Firmen kritisieren: Es gibt Anzeichen daf\u00fcr, dass Druck von der ungarischen Regierung auf ausl\u00e4ndische Firmen ausge\u00fcbt wird, nur in regierungsnahen Medien Werbung zu schalten. Die ausl\u00e4ndischen Firmen lassen sich halt erpressen.<\/p>\n<p><strong>Und wie ist es um die aktuelle Situation der Medien in Ungarn allgemein bestellt?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt die \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien, die v\u00f6llig gleichgeschaltet sind. Die sprechen mit einer Stimme, und zwar mit der Stimme der Regierung. Es gibt dann die neu aufgebaute regierungsnahen Privatmedien, die zum gr\u00f6\u00dften Teil durch Werbung von staatseigenen Unternehmen finanziert werden, und es gibt die letzten freien Redaktionen, die stark unter Beschuss sind, und auch leider eigentumsm\u00e4\u00dfig h\u00e4ufig nicht die wei\u00dfeste Weste tragen. Insgesamt ergibt sich eine sehr bedr\u00fcckende Medienlandschaft.<\/p>\n<p><strong>Sie arbeiten ja bei einer der wenigen unabh\u00e4ngigen Zeitungen, bei denen die Eigentumsverh\u00e4ltnisse und wirtschaftliche Grundlage stabil ist. Mit welchen Schwierigkeiten haben Sie zu k\u00e4mpfen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen jedes Jahr mehr sparen. Es besteht die Gefahr, dass diese Zeitungen tot gespart werden. Immer mehr Medienschaffende m\u00fcssen gehen, die Arbeitsbedingungen werden immer schlechter. Und wenn man immer weniger Leute hat, um guten Content zu liefern, dann geht einfach alles den Bach runter. Auch bei unabh\u00e4ngigen Medienschaffenden gibt es eine zunehmende Angst vor dem finanziellen Kollaps.<\/p>\n<p><strong>Gibt es au\u00dfer den finanziellen Manipulierungen der Regierung auf dem Medienmarkt andere Versuche, unabh\u00e4ngigem Journalismus die Arbeit zu erschweren?<\/strong><\/p>\n<p>Wir sehen eine neue Tendenz bei staatsnahen Medien, die unabh\u00e4ngige Presse zu diffamieren. Sie \u00e4u\u00dfern den Vorwurf, dass sich die liberale Presse als neue politische Macht aufbaut, und dass sie eigentlich keinen unabh\u00e4ngigen Journalismus mehr bietet, sondern Politik betreibt. Das wird von allen regierungsnahen Medien suggeriert. Das hei\u00dft, ein Gro\u00dfteil der ungarischen Medien beschimpft die unabh\u00e4ngigen Medien als politikbetreibende Macht, die immer einen Hintergrundgedanken haben. Dass sie f\u00fcr die Opposition arbeiten und auf Gehei\u00df vom Ausland Politik betreiben.<\/p>\n<p><strong>Trotz allem haben Sie recht hohe Leserzahlen.<\/strong><\/p>\n<p>Das hei\u00dft aber nicht, dass unser Ansehen in der gesamten Bev\u00f6lkerung gut ist. Im Gegenteil. Man muss unterscheiden zwischen der ganzen ungarischen Bev\u00f6lkerung und der Leserschaft von Qualit\u00e4tsmedien. Es ist nicht dieselbe Bev\u00f6lkerungsgruppe. In den USA sehen wir ja eine \u00e4hnliche Entwicklung: Die Verkaufszahlen der New York Times steigen, aber gleichzeitig sinkt in der Gesamtbev\u00f6lkerung das Ansehen der New York Times. Diese Diffamierungen durch die Regierung Trump, der Vorwurf von Fake News an die Qualit\u00e4tspresse, zeigt in der ganzen Bev\u00f6lkerung Wirkung. \u00c4hnlich ist es eben auch in Ungarn: Die unabh\u00e4ngigen Zeitungen werden w\u00fcst beschimpft. Und wenn sie Geschichten \u00fcber Korruption, Vetternwirtschaft oder Machtmissbrauch in der Regierung bringen, glauben Fidesz-Anh\u00e4nger den Berichten nicht. Die lesen uns nicht. Die breite W\u00e4hlerschaft von Fidesz, also die l\u00e4ndliche, \u00e4ltere, weniger gebildete Bev\u00f6lkerungsgruppe, das ist genau die Gruppe, die unsere Zeitung nicht kauft. Sie bekommen zwar Berichte \u00fcber unsere Arbeit durch regierungsnahe Privatmedien wie RTL Ungarn zum Beispiel in alle Haushalte gesendet &#8211; wir werden darin aber von vornherein misskreditiert. Diese Bev\u00f6lkerungsgruppe schenkt unseren Geschichten keinen Glauben mehr.<\/p>\n<p>Gleichzeitig zeigt sich, dass die gebildeten, st\u00e4dtischen Ungarn inzwischen v\u00f6llig entnervt sind von der Regierung. Es gibt neue Befragungen, wonach die ungarische Regierung die letzten Intellektuellen unter ihren W\u00e4hlern verliert. Vor allem nach der Schlie\u00dfung der Central European University ist der Punkt erreicht, an dem Intellektuelle genug haben von der ungarischen Regierung. Die ungarische Regierung wiederum geht geschickt vor: Sie behaupten, dass wir, die unabh\u00e4ngige Presse, verantwortlich sind f\u00fcr diesen Stimmungsumschwung. Dabei stimmt das nicht, wir sind lediglich die einzigen, die die Entwicklungen unabh\u00e4ngig beobachten und davon berichten. Die \u00f6ffentlich-rechtlichen verschweigen diese Entwicklungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e1rton Gergely war stellvertretender Chefredakteur der regierungskritischen Tageszeitung N\u00e9pszabads\u00e1g, die vergangenes Jahr im Oktober vollkommen \u00fcberraschend eingestellt wurde. Inzwischen arbeitet er bei der regierungskritischen Wochenzeitung HVG. Mit ihm sprachen wir \u00fcber den aktuellen Zustand der unabh\u00e4ngigen Presse in Ungarn. 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