nr-Jahreskonferenz 2013

Brokkoli gegen Brustkrebs? – Über den richtigen Umgang mit Medizinstudien

(Dieser Beitrag erschien zuerst in “nestbeschmutzer” 2)

542_WR_082_blogBerichte über medizinische Studien, neue Therapieansätze oder Medikamente sind beliebt. Aber nicht jede Studie ist so aussagekräftig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Klaus Koch, Holger Wormer und Marcus Anhäuser erklären, worauf man bei der Berichterstattung achten muss.

„Brokkoli schützt vor Brustkrebs“ – die in der Veranstaltung viel zitierte Schlagzeile ist ein typisches Beispiel für ein falsch ausgelegtes Studienergebnis.

Damit unter den Medizinjournalisten „ein Bewusstsein“ für die Problematik solcher Darstellungen entsteht, zeigt Klaus Koch vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG ) anschaulich, worauf es bei der Beurteilung der Aussagekraft einer medizinischen Studie ankommt.

Die in der Studie verwendete Methode ist entscheidend dafür, welche Schlüsse hinterher aus den Ergebnissen gezogen werden können. Bei einer Fall-Kontroll-Studie wie im Brokkoli-Beispiel werden eine große Zahl an Menschen zu ihren Lebens- oder Essgewohnheiten befragt. Aus den gewonnenen Daten lassen sich Häufigkeitsaussagen ziehen – wie viele Menschen essen regelmäßig Brokkoli? – und Vermutungen über die Auswirkungen ableiten. Sie können jedoch keine kausalen Zusammenhänge beweisen. Denn es könnte immer auch eine andere, unbekannte Ursache für den beobachteten Effekt geben.

543_ST_4Verlässliche kausale Aussagen können nur durch kontrollierte Experimente gewonnen werden, bei denen zwei vergleichbare Gruppen unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt werden. Die Qualität der Studie erhöht sich zusätzlich, wenn die Teilnehmer den Gruppen zufällig zugeteilt werden und weder die Versuchsperson noch der betreuende Arzt weiß, ob die Person das zu testende Medikament erhält oder zur Kontrollgruppe gehört („doppelblinde Studie“). So genannte RCT-Studien (randomised controlled trials) erfüllen dabei die höchsten Standards. Nur diese können Kausalität belegen.

Auch alle anderen Arten von Studien haben ihre Berechtigung. Bei der Berichterstattung darüber muss jedoch auf eine genaue Einordnung der Ergebnisse geachtet werden.

Dem interessierten Publikum gaben die drei „Medien-Doktoren“ zudem eine Checkliste zur Hand, mit der Journalisten bereits in der Recherche überprüfen können, ob sie die Kriterien für einen guten medizinjournalistischen Artikel erfüllen.

Die 13 Punkte der Checkliste wurden vom Publikum durchaus kritisch angenommen, insbesondere im Hinblick auf die praktische Umsetzung. Gerade wenn es redaktionelle Vorgaben gebe, wie „wir wollen zuversichtlich schreiben“ oder „die Leser wollen nichts von Toten hören“, sei es schwierig, so differenziert wie verlangt über medizinische Studien zu berichten. Marcus Anhäuser ist das Problem bekannt: „Man macht sich leicht als Spielverderber unbeliebt“, wenn nach einer kritischen Durchleuchtung Themen verworfen werden müssen. Ein weiteres Problem besteht darin, alle wichtigen Aspekte zum Hintergrund einer Studie zu nennen, ohne Leser oder Zuschauer dadurch zu langweilen.

Klaus Koch fasst die gegensätzlichen Standpunkte zusammen: Letztlich sei es auch eine Entscheidung, ob man dem Leser nur Ratschläge geben oder es ihm ermöglichen wolle, sich zu informieren und sich kompetent eine eigene Meinung zu bilden.

 

 

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2013 von netzwerk recherche erscheint auch in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wird die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiatinnen der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Journalismus-Studenten aus Bremen, Leipzig und Dortmund, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg sowie Volontären/innen der dpa, der Axel-Springer-Akademie und der Evangelischen Journalistenschule Berlin.

Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.

Referenten

Adam Thomas | Ada von der Decken | Amrai Coen | Andrea Röpke | Andreas Lange | Anita Zielina | Annette Bruhns | Annette Leiterer | Antje Mosebach | Armin Wolf | Arne Schulz | Arno Dirlam | Axel Vornbäumen | Bastian Obermeyer | Berndt Röttger | Bernhard Bartsch | Bill Adair | Boris Kartheuser | Carin Pawlak | Caterina Lobenstein | Cathrin Gilbert | Cecilia Anesi | Christian Bommarius | Christian Sauer | Christina Berndt | Claudia Spiewak | Cordt Schnibben | Diana Löbel | Dietmar Lucas | Dror Moreh | Emin Milli | Eric Beres | Felix Lee | Florian Flade | Franziska Augstein | Franz Knieps | Fukami | Georg Mascolo | Gerard Ryle | Gerd Antes | Gerd Glaeske | Gerhard Kromschröder | Gregor Aisch | Gudrun Fertig | Guilio Rubino | Gökalp Babayigit | Günter Ederer | Hans-Martin Tillack | Hans Leyendecker | Harald Schumann | Harry Lehmann | Hauke Gierow | Hauke Janssen | Heike Dierbach | Heike Haarhoff | Holger Stark | Holger Wormer | Ines Pohl | Jakob Augstein | Jan-Eric Peters | Jan Eggers | Jan Feddersen | Jan Schulte-Kellinghaus | Judith Scholter | Juliane Wiedemeier | Julia Stein | Jupp Legrand | Jörg Armbruster | Jörg Eigendorf | Jörg Jung | Jürgen Grässlin | Katharina Borchert | Kathy Meßmer | Klaus Koch | Klaus Kranewitter | Klaus Liedtke | Lars-Marten Nagel | Lars Abromeit | Lutz Marmor | Lutz Tillmanns | Marc Engelhardt | Marc Jan Eumann | Marco Maas | Marcus Anhäuser | Marcus Lindemann | Marian Steinbach | Mark Schieritz | Markus Anhäuser | Martina Keller | Martin Durm | Max Müller | Melanie Mühl | Michael Hauri | Michael Lüders | Michael Prellberg | Michael Schomers | Monika Anthes | Nicola Kuhrt | Norbert Grundei | Oliver Alegiani | Oliver Schröm | Panajotis Gavrilis | Patricia Schlesinger | Paul-Josef Raue | Pauline Tillmann | Paul Radu | Peter Onneken | Philipp Köster | Philipp Ostrop | Philipp Walulis | Rahmi Turan | Rainer Erices | Raul Krauthausen | Rebecca Maskos | Reinhard Schädler | René Pfister | René Wappler | Sabine Rückert | Sascha Venohr | Sebastian Esser | Sebastian Heiser | Sebastian Mondial | Silke Burmester | Stefan Candea | Stefan Laurin | Stefan Niggemeier | Stefan Plöchinger | Susan E. Knoll | Susanne Gaschke | Susanne Koelbl | Tasos Teloglou | Thomas Krüger | Tom Schimmeck | Torsten Müller | Uli Rauss | Ulli Jentsch | Urs Spindler | Ursula Kosser | Uwe Krüger | Uwe Ritzer | Uwe Tonscheidt | Veronika Hackenbroch | Volker Stollorz | Volker Zastrow | Wilhelm Klümper | Wolfgang Kaes | Wolfgang Swoboda | Wolfgang Uchatius | Yu Chen | Yvonne Olberding | Zhan Jiang