nr-Jahreskonferenz 2013

#altersack: Es geht nicht um einen Kampf zwischen Frauen und Männern

nr-Jahreskonferenz 2013Anfang des Jahres erschütterte eine mediale Debatte die deutsche Gesellschaft. Dabei ging es um mehr als einen ›alten Sack‹, der eine junge Journalistin angräbt. Das Podium #aufschrei: Sexismus in Medien und Politik auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche zieht Bilanz. 

Wie hat diese mediale Aufregung der Brüderle-Debatte funktioniert? Was hat sich nach der Debatte um Sexismus in Deutschland verändert? Und wie geht es nun weiter? Susanne Stichler stellt die Leitfragen der Podiumsdiskussion gleich zu Beginn. Die Tagesschau-Sprecherin moderiert die Veranstaltung #aufschrei: Sexismus in Medien und Politik auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche. Neben ihr dem Podium sitzen die Kieler Oberbügermeisterin Susanne Gaschke und Kathy Meßmer, eine der Initiatorinnen der #aufschrei-Diskussion auf Twitter. Die dritte Diskutantin ist Ursula Kosser, Autorin des Buches “Hammelsprünge”. Dort beschreibt die Journalistin den Sexismus im Bonner Hauptstadtjournalismus der 80er Jahre.

Subtiler Sexismus

“Was darf man heute noch sagen? Darf man überhaupt noch flirten?”, fragt Susanne Stichler. “Natürlich”, antwortet Ursula Kosser, aber Flirten im Beruf sei etwas anderes. Da herrsche ein Machtgefälle zwischen den Flirtenden. Diese Abhängigkeitsverhältnisse ließen aus einem Flirt eine sexistische Handlung werden.

“Die mediale Debatte hat die Rolle der Machtstrukturen aber kaum thematisiert”, kritisiert Kathy Meßmer. Über Banalitäten, wie die Frage, ob man noch flirten dürfe, sei viel einfacher zu berichten, sagt Meßmer. Machtgefälle zu erörtern sei trocken und kompliziert.

Sexismus ist mehr als ein ‘alter Sack’, der eine junge Journalistin anbaggert, aber die Brüderle-Debatte setzte Sexismus gleich mit sexueller Belästigung. Die gesellschaftlichen Machtstrukturen, die subtilen Diskriminierungen von Frauen wurden weitgehend ausgeklammert. Susanne Gaschke spricht diesen Aspekt an: “Es gibt einen subtilen Sexismus, der mir in meiner politischen Arbeit oft begegnet.” Gaschke beschreibt, wie Frauen beim Reden öfter unterbrochen werden, wie ihre Argumente nicht so ernst genommen, werden, wie die, die ein Mann ausspricht. Auch als sie noch bei der ZEIT war, ist Gaschke dieser subtile Sexismus begegnet. “Damals war es üblich, dass Frauen in Gehaltsverhandlungen gesagt wurde, ‘ihr Mann verdient doch gut’”, erzählt sie. Gaschke sprach das offensiv an, das hat funktioniert.

Twitter zeigt: Sexismus ist verbreitet

Die mediale Brüderle-Debatte wurde unterstützt von einer Diskussion auf Twitter, unter #aufschrei berichteten dort Frauen über ihrer Erfahrungen mit Sexismus. “Sie zeigten, der Fall Laura Himmelreich ist kein Einzelfall”, erklärt Kathy Meßmer. Das sei wichtig gewesen für die Sexismus-Debatte in den Medien.

Wie kam es zur #aufschrei-Diskussion auf Twitter? “#aufschrei begann über Nacht”, sagt Kathy Meßmer. Angefangen hat es mit einem Artikel, den Annett Meiritz im Spiegel veröffentlichte. Darin beschreibt sie, wie sie von Mitgliedern der Piratenpartei für ihre Berichterstattung über die Partei kritisiert wurde. Ihr wird vorgeworfen, sie habe mit Mitgliedern der Partei geschlafen und komme im Spiegel nur wegen ihres “Tittenbonus” voran. Nach dem Spiegel-Artikel twitterten Frauen über persönliche Erfahrungen. Anne Wizorek schlug noch in der selben Nacht vor, die Berichte über Sexismus mit dem Hashtag ‘aufschrei’ zu verknüpfen. “Am nächsten Morgen rief die Frankfurter Rundschau an”, erinnert sich Kathy Meßmer. Die Autorin des Spiegelartikels, Annett Meiritz, sollte eigentlich auch auf dem Podium bei Netzwerk Recherche sitzen, aus persönlichen Gründen könne sie nicht kommen, sagt Susanne Stichler.

#aufschrei kam vor der Brüderle-Debatte

Annett Meiritz Artikel erschien gut drei Wochen vor dem Stern-Artikel, in dem Laura Himmelreich über ihre Erfahrungen mir Rainer Brüderle an der Hotelbar berichtet. Aber erst der Brüderle-Artikel hat eine breite gesellschaftliche Debatte ausgelöst. “Das lag sicher daran, dass die FDP an der Regierung war und dass die Medien den Piraten sehr positiv gegenüber standen”, sagt Susanne Gaschke. Kathy Meßmer ergänzt: “Während der Sexismus der Piraten gegenüber der Journalistin Annett Meiritz sehr eindeutig war, bot der Fall Brüderle Raum für Diskussionen.” Hier konnte erwidert werden: ‘man wird doch wohl noch flirten dürfen’. Ein Ereignis muss kontrovers sein, um eine große mediale Debatte hervorzurufen.

“Das was Laura Himmelreich über Rainer Brüderle berichtete, hat eigentlich niemanden überrascht”, sagt Susanne Gaschke, “Brüderle ist ein alter Sack.” Von einem wie ihm erwarte sie nachts an der Bar nichts anderes. Wütend meldet sich ein Mann aus dem Publikum zu Wort. “Ab welchem Alter ist man für Sie ein ‘alter Sack’?”, fragt er die Frauen auf dem Podium. Der Vorwurf: “Ageism”. “Brüderles Verhalten steht für die Haltung einer Generation”, verteidigt Susanne Gaschke ihre Wortwahl. Moderatorin Susanne Stichler verspricht dem aufgebrachten Zuhörer, der Ausdruck werde nicht mehr verwendet. Mit einem Augenzwinkern fängt sie die Kritik souverän auf.

Der Wandel passiert in den Köpfen

“Wie geht es weiter?”, fordert Moderatorin Susanne Stichler die Panel-Teilnehmerinnen zu einem Schlussstatement auf. Susanne Gaschke sieht auch sich persönlich in der Verantwortung. Führungspersonen müssen sensibel für diskriminierte Personengruppen sein, sagt sie und will das Thema in den Führungsebenen der Kieler Politik thematisieren.

“Männer und Frauen müssen das Problem gemeinsam angehen”, sagt Ursula Kosser. In Männerrunden müssten auch Männer sexistische Sprüche verurteilen. “Das geschieht auch”, meldet sich Christian Schicha, von der Mediadesign Hochschule in Düsseldorf aus dem Publikum zu Wort. Das freut das Podium.

Kathy Meßmer ergänzt: “Gesellschaftlicher Wandel findet nicht nur dadurch statt, dass in den Medien diskutiert wird. Die mediale Berichterstattung hat etwas angestoßen, das arbeitet nun in den Köpfen der Menschen weiter.” Für diesen Wandel müsse das Thema aber immer wieder diskutiert werden: Nicht nur auf einem gesonderten Panel, besetzt nur mit Frauen, sondern in allen Veranstaltungen und mit Männern und Frauen, sagt Meßmer. Die anderen auf dem Podium nicken. Das ist das Ergebnis dieses sehr homogenen Podiums, das aber dank der geistreichen Statements der Teilnehmerinnen und der humorvollen Moderatorin dennoch eine sehr unterhaltsame und informative Veranstaltung war.

2 Kommentare

  1. [...] #altersack: Es geht nicht um einen Kampf zwischen Frauen und Männern [...]

  2. Hadmut Danisch sagt:

    Schade, dass es keine Videoaufzeichnung gibt, denn dann würde man sehen, dass die Kritik keineswegs “souverän aufgefangen” wurde. Es war vielmehr so, dass man glaubte, unter sich zu sein und draufloswetterte wie Mülleimer.

    Nach außen hin echauffiert man sich darüber, dass Brüderle einer Journalistin nicht-öffentlich das (wohl missglückte, aber als solches gemeinte) Kompliment macht, dass ihr das Dirndl gut steht, auf der anderen Seite hält man es für völlig normal, Männer halböffentlich und in deren Abwesenheit immer wieder als “Alte Säcke” zu bezeichnen, und das nicht nur verbal, sondern in so einem unbeschreiblich überheblichen, herablassenden, widerlichen Tonfall, dass man sich fragen muss, ob man es da überhaupt mit intellektuell orientierten Menschen zu tun haben kann.

    Was da abgelaufen ist, hat mit Journalismus überhaupt nichts zu tun, und das beruht wesentlich auch darauf, dass die Zusammensetzung des Podiusm mit seriösen Journalisten nicht viel zu tun hatte. Denn hier wurden private Kriege als journalistische Tätigkeiten ausgegeben, und damit das Vertreten eigener Interessen (und Hasspositionen) als Journalismus ausgegeben. Seinen persönlichen Hass auszuleben, indem man Männer und Piraten beschimpft, ist nicht Journalismus. Auch nicht dann, wenn man sich auf das Podium einer Journalistenkonferenz setzt. Diese Diskrepanz im Umgang mit “Dirndl ausfüllen” und “Alter Sack” ist bezeichnend für die abgrundtief verlogene Kampagne, für die man Medien hier missbraucht hat.

    Viel wichtiger wäre es gewesen, dem #Aufschrei-Unfug entgegenzusetzen, wie fragwürdig und manipuliert Medien wie Twitter, Wikipedia usw. heute sind und wie sehr bei #Aufschrei und anderen Beispielen gefälscht und manipuliert wird. Aber das würde ja dem heutigen Eigen-Interessen-Pseudojournalismus widersprechen, bei dem das Ergebnis fest vorgegeben ist. Und man müsste ja recherchieren, was auch nicht mehr üblich ist.

    Die überaus tendenziöse und verfälschende Berichterstattung hier in diesem Blog-Artikel ergänzt das ganze noch.

    Würde ein männlicher Politiker eine Journalistin in dieser Weise beschimpfen, würde man ihn kreuzigen und seinen Rücktritt folgern. Beschimpft aber eine Journalistin und Politikerin einen Mann als “Alter Sack”, nimmt man das nicht nur hin, sondern rechtfertigt es auch noch als richtig. Was ja nicht nur “Ageism” ist, sondern auch abgrundtief sexistisch, denn es wurde ja selektiv nur gegen Männer gehetzt.

    In einer anderen Veranstaltung zur Frauenquote wurde gesagt, dass der Frauenanteil in Redaktionen umso höher ist, je niedriger der Qualitätsanspruch des Blattes ist, und mit steigendem Qualitätsanspruch abnimmt.

    Veranstaltungen wie diese belegen nachhaltig, warum das so ist. Denn hier ging es nur um Hetze und Schimpfen gegen Männer. Von einer sachlich-journalistischen Darstellung kann hier keine Rede sein. Jede Kritik wurde schon im Vorfeld systematisch ausgeblendet und die Berichterstattung geschönt. Und über das Niveau “Alter Sack” kam die Veranstaltung auch nie hinaus. Man gab zwar den verbalen Vorwurf auf, geistig-inhaltlich blieb man aber dabei. Das ist offenbar auch das Niveau, auf dem man sich da bewegt. Veranstaltungen wie diese (und Berichte wie dieser) belegen sehr offen den Qualitätsverlust im Journalismus und den Grund für die sinkenden Umsätze. Denn das hier ist Propaganda, kein Journalismus.

    Über Brüderle hat man eine riesige Medienwalze rollen lassen.

    Warum aber steht morgen nicht in den Schlagzeilen „Oberbürgermeisterin von Kiel beschimpft Politiker als »alten Sack«?”

    Weil man noch nie dieselben Qualitätsanforderungen wie an Männer auch an Frauen gestellt hat. Männer müssen sich in jeder Hinsicht wohlverhalten, Frauen dagegen gestattet man ein derart rotziges und dümmliches Auftreten, da hält man das für normal und erwartet nicht mehr. Und deshalb leisten viele dann auch nicht mehr. Was wir hier haben war ein Podium ordinärer Personen, die sich aus eigener Kraft, ohne Hilfestellung eines Dritten (eines Mannes) nicht benehmen konnten und ein Unterschichtentheater aufführten.

    Und das ist auch der Grund, warum Frauen nicht in die Chefredaktionen kommen. Denn solange sie sich nicht nur dieses “Alter Sack”-Niveaus bedienen, sondern das auch noch verteidigen und für normal halten, haben sie da nichts verloren.

    Man muss sich entscheiden zwischen Chefredaktionsanspruch und “Alter Sack”-Niveau. Das Podium, das Publikum und die Autorin dieses Berichts haben sich für “Alter Sack” entschieden.

    Und solange man “Double Standards” für Männer und Frauen beansprucht, kann man sich #Aufschrei, Gleichstellung und Pro Quote komplett sparen. Denn das ist die weibliche Kapitulation vor dem Anspruch. Und es ist zutiefst selbstwidersprüchlich, an Männer soviel höhere Anforderungen zu stellen als an Frauen.

    Die Autorin dieses Blog-Artikels hat laut ihrer Webseite Mathematik studiert. Warum schreibt sie dann nicht mal über die vielen Statistik-Fehler und -Manipulationen, auf denen die Quote-Forderungen beruhen? Als Mathematikerin muss sie diese erkennen können. Werden die Fehler des Genderismus und der Quotenforderungen hier komplett durchtabuisiert?


Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2013 von netzwerk recherche erscheint auch in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wird die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiatinnen der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Journalismus-Studenten aus Bremen, Leipzig und Dortmund, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg sowie Volontären/innen der dpa, der Axel-Springer-Akademie und der Evangelischen Journalistenschule Berlin.

Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.

Referenten

Adam Thomas | Ada von der Decken | Amrai Coen | Andrea Röpke | Andreas Lange | Anita Zielina | Annette Bruhns | Annette Leiterer | Antje Mosebach | Armin Wolf | Arne Schulz | Arno Dirlam | Axel Vornbäumen | Bastian Obermeyer | Berndt Röttger | Bernhard Bartsch | Bill Adair | Boris Kartheuser | Carin Pawlak | Caterina Lobenstein | Cathrin Gilbert | Cecilia Anesi | Christian Bommarius | Christian Sauer | Christina Berndt | Claudia Spiewak | Cordt Schnibben | Diana Löbel | Dietmar Lucas | Dror Moreh | Emin Milli | Eric Beres | Felix Lee | Florian Flade | Franziska Augstein | Franz Knieps | Fukami | Georg Mascolo | Gerard Ryle | Gerd Antes | Gerd Glaeske | Gerhard Kromschröder | Gregor Aisch | Gudrun Fertig | Guilio Rubino | Gökalp Babayigit | Günter Ederer | Hans-Martin Tillack | Hans Leyendecker | Harald Schumann | Harry Lehmann | Hauke Gierow | Hauke Janssen | Heike Dierbach | Heike Haarhoff | Holger Stark | Holger Wormer | Ines Pohl | Jakob Augstein | Jan-Eric Peters | Jan Eggers | Jan Feddersen | Jan Schulte-Kellinghaus | Judith Scholter | Juliane Wiedemeier | Julia Stein | Jupp Legrand | Jörg Armbruster | Jörg Eigendorf | Jörg Jung | Jürgen Grässlin | Katharina Borchert | Kathy Meßmer | Klaus Koch | Klaus Kranewitter | Klaus Liedtke | Lars-Marten Nagel | Lars Abromeit | Lutz Marmor | Lutz Tillmanns | Marc Engelhardt | Marc Jan Eumann | Marco Maas | Marcus Anhäuser | Marcus Lindemann | Marian Steinbach | Mark Schieritz | Markus Anhäuser | Martina Keller | Martin Durm | Max Müller | Melanie Mühl | Michael Hauri | Michael Lüders | Michael Prellberg | Michael Schomers | Monika Anthes | Nicola Kuhrt | Norbert Grundei | Oliver Alegiani | Oliver Schröm | Panajotis Gavrilis | Patricia Schlesinger | Paul-Josef Raue | Pauline Tillmann | Paul Radu | Peter Onneken | Philipp Köster | Philipp Ostrop | Philipp Walulis | Rahmi Turan | Rainer Erices | Raul Krauthausen | Rebecca Maskos | Reinhard Schädler | René Pfister | René Wappler | Sabine Rückert | Sascha Venohr | Sebastian Esser | Sebastian Heiser | Sebastian Mondial | Silke Burmester | Stefan Candea | Stefan Laurin | Stefan Niggemeier | Stefan Plöchinger | Susan E. Knoll | Susanne Gaschke | Susanne Koelbl | Tasos Teloglou | Thomas Krüger | Tom Schimmeck | Torsten Müller | Uli Rauss | Ulli Jentsch | Urs Spindler | Ursula Kosser | Uwe Krüger | Uwe Ritzer | Uwe Tonscheidt | Veronika Hackenbroch | Volker Stollorz | Volker Zastrow | Wilhelm Klümper | Wolfgang Kaes | Wolfgang Swoboda | Wolfgang Uchatius | Yu Chen | Yvonne Olberding | Zhan Jiang