nr-Jahreskonferenz 2013

Einsatz in Syrien – Berichte aus dem Land des Bürgerkriegs

„Wut und Ohnmacht – Wie Journalisten die syrische Tragödie erleben“

579_videoteamWie ist die Arbeit als Kriegsreporter? Wie funktioniert die Recherche vor Ort? Und wer kann einem in den unbekannten Gebieten helfen? „Wut und Ohnmacht – Wie Journalisten die syrische Tragödie erleben“ war die letzte Veranstaltung im großen Konferenzsaal des diesjährigen Netzwerk Recherche Treffens. Moderatorin Julie Kurz sprach mit Auslands-Reporterin Susanne Koelbl (Der Spiegel) und den Journalisten Jörg Armbruster (SWR/ARD) und Martin Durm (SWR2) über ihre Erfahrungen aus dem Bürgerkriegsland Syrien.

Im Flieger nach Istanbul noch von fröhlichen Türkeiurlaubern umgeben, standen sie wenige Stunden später mitten im syrischen Bürgerkrieg. Jörg Armbruster und Martin Durm haben sich im Frühjahr auf die Reise in den Norden Syriens nach Aleppo gemacht. Nach einer Woche Dreharbeiten gerieten sie dort Ende März dort in eine Schießerei. Armbruster überlebte den Vorfall – schwer verletzt.

Doch gibt es die Möglichkeit, solche Zwischenfälle zu vermeiden? Kontakt zu anderen Korrespondenten und Absprachen mit einheimischen Kontaktmenschen – das sei im Grunde alles, was im Vorfeld geplant werden könne, erklärt Armbruster. „Aber vor Ort ist es dann ganz anders“, ergänzt ihn sein Kollege Durm. „Es ist ein Zwiespalt. Man verlässt sich auf Gedeih und Verderb auf den Fahrer und Begleiter – den man nicht kennt. Und leider geht man auch fälschlicherweise schnell davon aus, dass diese Personen allwissend sind“, erklärt Durm.

„Man muss sich eben auf eine Kette vom Empfehlungen verlassen“, fügt Spiegel-Journalistin Susanne Koelbl hinzu. Analysten, Mitarbeiter von Geheimdiensten, andere Journalisten – sie zählt eine lange Liste möglicher Kontaktmenschen auf. Doch eine einhundertprozentige Sicherheit könne es eben nie geben. Dass Angst also zu einem ständigen Begleiter auf Auslandseinsätzen wird, ist klar. Für die drei Journalisten zählt sie jedoch zu den wichtigsten Instrumenten für die Berichterstattung aus Kriegsgebieten. „Wenn sich bei mir ein gewisses Maß an Angst angesammelt hat, dann lasse ich es einfach oder versuche, die Situation auf eine andere Weise zu lösen“, sagt Armbruster. „Bei mir ist es eine Art Aufspaltung. Ich bin immer sehr gut vorbereitet, wäge aber jede Situation ab und höre da auf mein Bauchgefühl“, erzählt Koelbl.

Es ist also eine Mischung aus Bauchgefühl und guter Vorbereitung, die Kriegsberichterstatter durch ihre Einsatzgebiete leitet. Nach dem Vorfall im März habe der SWR, laut Armbruster, die Auflagen für die Vorbereitung von Kriegsreportern verschärft. „Ich bin zunächst einmal sehr glücklich darüber, dass uns solche Reisen weiterhin ermöglicht werden. Jetzt gilt es, die Ausbildung der Kollegen zu intensivieren. Erste-Hilfe-Kurse und Schulungen zur richtigen Kontaktaufnahme im Notfall werden jetzt auch für die Journalisten, die uns im Ausland begleiten, zur Pflicht. Außerdem müssen wir jetzt schusssichere Westen tragen und einen Erste-Hilfe-Koffer bei uns haben, für dessen Nutzung es wiederum auch verpflichtende Schulungen gibt“, erklärt Armbruster die neuen Regelungen.

Die Lage in Syrien ist in den Augen der drei Reporter besonders schwierig. „Es gibt keine echten Frontlinien. Die ändern sich ständig, sodass man als Fremder schnell in Schießereien geraten kann“, sagt Armbruster. Auch sein Kollege Martin Durm sieht im syrischen Bürgerkrieg eine neue Dimension der Gewalt. „In Jemen beispielsweise war Destruktivität, die Zerstörung bestimmter Stadtteile, das vorrangige Ziel. Was sich in Syrien jedoch als primäres Ziel herauskristallisiert ist, den Gegner zu töten. Dieser Krieg wird immer aussichtsloser, denn die Leute sind sich bewusst, dass man den Sieg des Gegners nicht überleben wird“, sagt Durm.

Eine Entwicklung, die auch die Arbeit der Journalisten vor Ort immer gefährlicher macht. Trotzdem: der Einsatz von Auslandskorrespondenten dürfe nicht reduziert oder gar eingestellt werden. Da sind sich die drei Journalisten trotz aller Risiken einig. „Es ist so wie es ist – und darüber müssen wir berichten“, sagt Armbruster – seinen rechten Unterarm noch immer von einer Schiene fixiert.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2013 von netzwerk recherche erscheint auch in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wird die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiatinnen der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Journalismus-Studenten aus Bremen, Leipzig und Dortmund, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg sowie Volontären/innen der dpa, der Axel-Springer-Akademie und der Evangelischen Journalistenschule Berlin.

Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.

Referenten

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