nr-Jahreskonferenz 2013

Journalismus in China – Der riskante Balanceakt zwischen erwünschten und unerwünschten Enthüllungen

Die Veranstaltung fand in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Chinesischen Mediennetzwerk e.V. (www.zhongde-media.net) statt.

Investigativer Journalismus in China? Gibt es. Immer mehr davon. Vor allem aus zwei Gründen, wie Zhan Jiang bei der Diskussionsveranstaltung „Journalismus in China – Der riskante Balanceakt zwischen erwünschten und unerwünschten Enthüllungen“ darlegte: „Die Kommunistische Partei hat heute nicht mehr den Anspruch, alles zu kontrollieren. Sondern nur noch die zentralen Themen.“ Zudem seien Enthüllungsgeschichten etwa über Korruption inzwischen nicht nur geduldet, sondern sogar erwünscht – insofern sie eine gewisse Machtebene innerhalb der Partei nicht überschreiten.

Auf diese Weise kann die KP-Zentrale indirekt Kontrolle über ihre lokalen oder regionalen Parteikader ausüben und Amtsmissbrauch ahnden. Die sozialen Medien spielten hierbei eine zentrale Rolle, da sie die traditionellen Medien – die noch immer mehr oder weniger der Kontrolle der KP unterliegen – vor sich hertreiben würden. Diese müssten die wichtigsten Themen aufgreifen, um ihre Glaubwürdigkeit nicht völlig einzubüßen, so Zhan.

Investigative Reportagen über höchste Regierungskreise, wie etwa der New York Times-Artikel über das immense Vermögen, das die Familie des früheren Premierministers Wen Jiabao angehäuft hat, seien allerdings nach wie vor ein klares Tabu, so Zhan. Zu diesen eindeutigen Tabuthemen gehörten auch religiöse oder militärische Angelegenheiten sowie Probleme mit Minderheiten.

Yu Chen sagte, der Alltag von Journalisten in China sei geprägt von roten Linien. Manche, wie die eben genannten, seien für alle sichtbar. Andere seien unsichtbar und schwer einzuschätzen selbst für erfahrene Journalisten wie ihn: „Die können heute existieren und morgen vielleicht schon nicht mehr. Es gibt zahllose Fälle, in denen ich mit meiner Einschätzung falsch lag.“ Es gebe immer wieder große Überraschungen – in der einen wie in der anderen Richtung.

Wer eine der sichtbaren, also offiziellen und dauerhaften, roten Linien überschreite, gehe aber jedenfalls ein sehr hohes Risiko ein, seinen Job oder seine Freiheit zu verlieren. Vor einigen Tagen erst sei ein Kollege, Du Bin, verhaftet worden. Du hatte kurz zuvor einen Dokumentarfilm über Folter in dem chinesischen Arbeitslager Masanjia und ein Buch über die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz 1989 veröffentlicht. „Er ist der vierte oder fünfte Kollege, der dieses Jahr festgenommen wurde“, so Yu.

Felix Lee erzählte, dass es unter den Journalisten in China bisweilen zu einer Arbeitsteilung komme: „Wir ausländischen Korrespondenten sind meistens nicht die, die große investigative Leistungen vollbringen. Das sind vor allem junge chinesische Journalisten. Wir sind dann eben die, die die Ergebnisse eher veröffentlichen können.“ Der Quellenschutz sei unter diesen Umständen ein zentrales Problem.

Auch geht Lee davon aus, dass er und seine Korrespondenten-Kollegen überwacht werden. Aber in Peking zumindest und in anderen großen Städten fühle er sich relativ sicher. In den Provinzen dagegen müsse man manchmal um seine körperliche Unversehrtheit fürchten, wie Anfang des Jahres ein ARD-Fernsehteam zu spüren bekam, das von einem Schlägertrupp angegriffen wurde.

Dass auch deutsche Medien nicht frei von äußeren Einflüssen sind, habe er in China ebenfalls sehen können. Eines der augenscheinlichsten Themen in dieser Hinsicht, so Lee, waren die Qualitätsprobleme, mit denen deutsche Autohersteller in China zu kämpfen hatten. „Diese Probleme gab es über einen längeren Zeitraum. Aber in vielen deutschen Medien wurden sie heruntergespielt oder schnell abmoderiert.“ Für Lee ein Zeichen dafür, wie viel Macht die Autoindustrie in der deutschen Medienlandschaft hat.

 

 

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2013 von netzwerk recherche erscheint auch in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wird die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiatinnen der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Journalismus-Studenten aus Bremen, Leipzig und Dortmund, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg sowie Volontären/innen der dpa, der Axel-Springer-Akademie und der Evangelischen Journalistenschule Berlin.

Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.

Referenten

Adam Thomas | Ada von der Decken | Amrai Coen | Andrea Röpke | Andreas Lange | Anita Zielina | Annette Bruhns | Annette Leiterer | Antje Mosebach | Armin Wolf | Arne Schulz | Arno Dirlam | Axel Vornbäumen | Bastian Obermeyer | Berndt Röttger | Bernhard Bartsch | Bill Adair | Boris Kartheuser | Carin Pawlak | Caterina Lobenstein | Cathrin Gilbert | Cecilia Anesi | Christian Bommarius | Christian Sauer | Christina Berndt | Claudia Spiewak | Cordt Schnibben | Diana Löbel | Dietmar Lucas | Dror Moreh | Emin Milli | Eric Beres | Felix Lee | Florian Flade | Franziska Augstein | Franz Knieps | Fukami | Georg Mascolo | Gerard Ryle | Gerd Antes | Gerd Glaeske | Gerhard Kromschröder | Gregor Aisch | Gudrun Fertig | Guilio Rubino | Gökalp Babayigit | Günter Ederer | Hans-Martin Tillack | Hans Leyendecker | Harald Schumann | Harry Lehmann | Hauke Gierow | Hauke Janssen | Heike Dierbach | Heike Haarhoff | Holger Stark | Holger Wormer | Ines Pohl | Jakob Augstein | Jan-Eric Peters | Jan Eggers | Jan Feddersen | Jan Schulte-Kellinghaus | Judith Scholter | Juliane Wiedemeier | Julia Stein | Jupp Legrand | Jörg Armbruster | Jörg Eigendorf | Jörg Jung | Jürgen Grässlin | Katharina Borchert | Kathy Meßmer | Klaus Koch | Klaus Kranewitter | Klaus Liedtke | Lars-Marten Nagel | Lars Abromeit | Lutz Marmor | Lutz Tillmanns | Marc Engelhardt | Marc Jan Eumann | Marco Maas | Marcus Anhäuser | Marcus Lindemann | Marian Steinbach | Mark Schieritz | Markus Anhäuser | Martina Keller | Martin Durm | Max Müller | Melanie Mühl | Michael Hauri | Michael Lüders | Michael Prellberg | Michael Schomers | Monika Anthes | Nicola Kuhrt | Norbert Grundei | Oliver Alegiani | Oliver Schröm | Panajotis Gavrilis | Patricia Schlesinger | Paul-Josef Raue | Pauline Tillmann | Paul Radu | Peter Onneken | Philipp Köster | Philipp Ostrop | Philipp Walulis | Rahmi Turan | Rainer Erices | Raul Krauthausen | Rebecca Maskos | Reinhard Schädler | René Pfister | René Wappler | Sabine Rückert | Sascha Venohr | Sebastian Esser | Sebastian Heiser | Sebastian Mondial | Silke Burmester | Stefan Candea | Stefan Laurin | Stefan Niggemeier | Stefan Plöchinger | Susan E. Knoll | Susanne Gaschke | Susanne Koelbl | Tasos Teloglou | Thomas Krüger | Tom Schimmeck | Torsten Müller | Uli Rauss | Ulli Jentsch | Urs Spindler | Ursula Kosser | Uwe Krüger | Uwe Ritzer | Uwe Tonscheidt | Veronika Hackenbroch | Volker Stollorz | Volker Zastrow | Wilhelm Klümper | Wolfgang Kaes | Wolfgang Swoboda | Wolfgang Uchatius | Yu Chen | Yvonne Olberding | Zhan Jiang