nr-Jahreskonferenz 2013

Der “Fall Gustl Mollath” – ein offenes Gespräch

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Der “Fall Gustl Mollath” ist voller Fragezeichen. Ist er gemeingefährlich und zurecht zwangsweise in der Psychiatrie untergebracht? Oder soll er zum Schweigen gebracht werden, weil er Wissen haben will, wonach seine Ex-Frau als Angestellte der HypoVereinsbank in Schwarzgeldgeschäfte verstrickt war? Die drei Journalisten, die immer wieder über den Fall  berichten, sind sich in einem Punkt sicher: Mollath bekam nie ein faires Gerichtsverfahren. Auf der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche führt Lena Gürtler vom NDR das Gespräch mit ihnen.

Monika Anthes und Eric Beres (“Report Mainz”) und Uwe Ritzer (“Süddeutsche Zeitung”) arbeiten seit Jahren am “Fall Gustl Mollath”. Ständig stoßen sie auf neue Ungereimtheiten. Sie fordern eine Wiederaufnahme des Gerichtsprozesses.

Den ersten Anstoß zur “Report Mainz”-Recherche gab Mollath selbst. Im Jahr 2010 erreichte Monika Anthes ein Brief von ihm. Er beteuerte darin, dass er ein Opfer der bayerischen Justiz und schlampiger Gutachter sei. “Zuerst war da Skepsis, aber die Schwarzgeldgeschichte hat mich irgendwie elektrisiert.” So erklärt sie, weshalb sie die Worte eines Psychiatrieinsassen beachtete. Schnell gelangte sie an die Unterlagen, konnte Gutachten und Urteile einsehen und schließlich feststellen, dass einige von Mollaths Aussagen über die Geldgeschäfte seiner Frau nachweislich richtig waren.

Interner Revisionsbericht wurde zum Beweis

Die “Süddeutsche Zeitung”, die ebenfalls auf den Fall aufmerksam wurde, entschied sich zu diesem Zeitpunkt gegen eine weiterführende Recherche. Erst 2012 weckte ein neun Jahre alter interner Revisionsbericht der HypoVereinsbank wieder das Interesse der SZ. Durch das Papier wurde klar: Mollaths Anschuldigungen, die er 2002 gegen seine Ex-Frau erhoben hat, sind alles andere als an den Haaren herbeigezogen. Mollath besaß also unangenehmes Insiderwissen. Unangenehm nicht nur für seine Ex-Frau, sondern auch für die Bank und ihre Kunden. Der Revisionsbericht wurde für Jahre in den Tresor der HypoVereinsbank eingeschlossen. “Es geht uns nicht darum zu sagen: Mollath ist normal, Mollath ist ein Heiliger. Es geht darum, zu zeigen, dass er niemals einen gerechten Prozess bekommen hat”, sagt Uwe Ritzer.

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Ob es schwierig gewesen sei, an Interviews mit Mollath zu kommen, will das Publikum wissen. Der SWR führte im Rahmen des Filmes “Der Fall Mollath – in den Fängen von Justiz, Politik und Psychiatrie” zwei Interviews mit Mollath in der Psychiatrie. Das Kamerateam durfte ihn nur auf der Besucherstation treffen, niemals das Umfeld sehen, in dem er tagtäglich lebt. Außerdem musste unterschrieben werden, dass sie den Anweisungen des Personals jederzeit folgen würden, und anerkennen, dass ihnen die Genehmigung zum Dreh jederzeit ohne genannten Grund entzogen werden dürfe. Uwe Ritzer kommentiert: “Offiziell geht ja alles nur um die Gesundheit von dem armen Herrn Mollath. Aber ich glaube, wir gehen denen ziemlich auf die Nerven.”

Solche Verfahrensfehler auch außerhalb Bayerns vorstellbar?
Es folgt eine Diskussion, ob ein solcher Justizskandal sich nicht nur in Bayern, sondern auch in anderen Bundesländern wie Niedersachsen ereignen könnte. Beres lächelt kopfschüttelnd vor sich hin; Bayern sei ein Land mit vielen Merkwürdigkeiten. Dass die Justiz in Norddeutschland ebenso schlampig mit dem Fall umgegangen wäre, glaubt er nicht.

Ritzer von der SZ denkt in eine andere Richtung: “Bayern ist heute nicht mehr wie zu Strauß-Zeiten. Glauben Sie, sonst würde ein Verfahren gegen Uli Hoeneß laufen oder ein Siemens-Skandal aufgedeckt werden? Aber die bayerische Justiz fühlt sich schon extrem beleidigt.” Die Justizministerin Beate Merk wolle Fehler nicht zugeben, konsequent würden Fakten ignoriert und die Gutachten seien gespickt mit sachlichen Fehlern. Zum Beispiel habe Merk behauptet, dass niemand in die geschlossene Anstalt eingewiesen würde, der nicht vorher von Psychiatern begutachtet wurde. Tatsächlich wurde Mollath jahrelang nicht von Psychiatern untersucht.

Das Publikum fragt nach: Mollath selbst sei es schließlich gewesen, der verweigert hätte, sich begutachten zu lassen. Dafür hat er nach Überzeugung der Rechercheure gute Gründe gehabt. So hätte Mollath etwa die Bedingungen gestellt, ihn über den Besuch des Gutachters zwei Wochen im Voraus zu informieren und ihm zuvor auch Einblick in seine Krankenakte zu geben. Beide Bedingungen seien missachtet worden. Deshalb verweigerte Mollath das Gespräch mit dem Gutachter. Dieser stellte schließlich das Gutachten anhand der Krankenakte.

Macht Langzeitrecherche befangen?

Ob die lange Recherche nicht irgendwann befangen mache, will jemand aus dem Publikum wissen.  “Wir sind nicht grundsätzlich der Meinung, dass alles, was Mollath erzählt, wahr ist. Natürlich gibt es auch Gegenargumente, die wir auch in unsere Abwägung einbeziehen. Wir wollen uns da nicht rechthaberisch reingrätschen. Aber er hatte nie ein gerechtes Verfahren und das ist es, was uns antreibt, weiter zu machen”, sagt Beres. Auch Anthes sieht sich nicht als Mollath-Unterstützerin.  Ritzers Problem ist weniger die Nähe zu Mollath. Sondern eher, dass er gern mit dem Generalstaatsanwalt reden würde. Der wolle allerdings nicht mit ihm reden. “Manchmal hab ich Angst, dass ich der bayerischen Justiz bald gar nichts mehr glaube”, fügt er hinzu.

Beres hat aus dem “Fall Gustl Mollath” unter anderem die Lehre gezogen, dass man nicht gleich zur Seite legen sollte, was wirr und unglaublich klingt. “Ich glaube inzwischen, wir müssen viele unserer Informanten ernster nehmen.” Anthes hat fest stellen können, dass man durch intensive Recherche etwas leisten kann für die Gesellschaft und den Einzelnen. Ritzer fügt hier hinzu, dass aber auch das Unbehagen wachse. Beim ihm meldeten sich ständig Menschen, die sich als der zweite Fall Mollath bezeichnen. “Leider lässt sich das nicht alles beachten. Es sind einfach zu viele. Es macht mich unzufrieden, dass ich dem gesamten Feld um den Fall Mollath herum nicht gewachsen sein kann.”

Alle wollen weiter recherchieren

Die drei Rechercheure werden sich auch weiterhin mit dem Fall Mollath beschäftigen und auf eine Wiederaufnahme des Verfahrens hoffen. Täglich finden sie Anerkennung für ihre Arbeit; schon tausende E-Mails, Leserbriefe und Posts auf Facebook haben sie erreicht. Die Menschen schicken ihnen Bestätigung, geben ihnen aber auch das Gefühl, eine Verantwortung tragen zu müssen, die sie vielleicht gar nicht tragen können.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2013 von netzwerk recherche erscheint auch in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wird die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiatinnen der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Journalismus-Studenten aus Bremen, Leipzig und Dortmund, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg sowie Volontären/innen der dpa, der Axel-Springer-Akademie und der Evangelischen Journalistenschule Berlin.

Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.

Referenten

Adam Thomas | Ada von der Decken | Amrai Coen | Andrea Röpke | Andreas Lange | Anita Zielina | Annette Bruhns | Annette Leiterer | Antje Mosebach | Armin Wolf | Arne Schulz | Arno Dirlam | Axel Vornbäumen | Bastian Obermeyer | Berndt Röttger | Bernhard Bartsch | Bill Adair | Boris Kartheuser | Carin Pawlak | Caterina Lobenstein | Cathrin Gilbert | Cecilia Anesi | Christian Bommarius | Christian Sauer | Christina Berndt | Claudia Spiewak | Cordt Schnibben | Diana Löbel | Dietmar Lucas | Dror Moreh | Emin Milli | Eric Beres | Felix Lee | Florian Flade | Franziska Augstein | Franz Knieps | Fukami | Georg Mascolo | Gerard Ryle | Gerd Antes | Gerd Glaeske | Gerhard Kromschröder | Gregor Aisch | Gudrun Fertig | Guilio Rubino | Gökalp Babayigit | Günter Ederer | Hans-Martin Tillack | Hans Leyendecker | Harald Schumann | Harry Lehmann | Hauke Gierow | Hauke Janssen | Heike Dierbach | Heike Haarhoff | Holger Stark | Holger Wormer | Ines Pohl | Jakob Augstein | Jan-Eric Peters | Jan Eggers | Jan Feddersen | Jan Schulte-Kellinghaus | Judith Scholter | Juliane Wiedemeier | Julia Stein | Jupp Legrand | Jörg Armbruster | Jörg Eigendorf | Jörg Jung | Jürgen Grässlin | Katharina Borchert | Kathy Meßmer | Klaus Koch | Klaus Kranewitter | Klaus Liedtke | Lars-Marten Nagel | Lars Abromeit | Lutz Marmor | Lutz Tillmanns | Marc Engelhardt | Marc Jan Eumann | Marco Maas | Marcus Anhäuser | Marcus Lindemann | Marian Steinbach | Mark Schieritz | Markus Anhäuser | Martina Keller | Martin Durm | Max Müller | Melanie Mühl | Michael Hauri | Michael Lüders | Michael Prellberg | Michael Schomers | Monika Anthes | Nicola Kuhrt | Norbert Grundei | Oliver Alegiani | Oliver Schröm | Panajotis Gavrilis | Patricia Schlesinger | Paul-Josef Raue | Pauline Tillmann | Paul Radu | Peter Onneken | Philipp Köster | Philipp Ostrop | Philipp Walulis | Rahmi Turan | Rainer Erices | Raul Krauthausen | Rebecca Maskos | Reinhard Schädler | René Pfister | René Wappler | Sabine Rückert | Sascha Venohr | Sebastian Esser | Sebastian Heiser | Sebastian Mondial | Silke Burmester | Stefan Candea | Stefan Laurin | Stefan Niggemeier | Stefan Plöchinger | Susan E. Knoll | Susanne Gaschke | Susanne Koelbl | Tasos Teloglou | Thomas Krüger | Tom Schimmeck | Torsten Müller | Uli Rauss | Ulli Jentsch | Urs Spindler | Ursula Kosser | Uwe Krüger | Uwe Ritzer | Uwe Tonscheidt | Veronika Hackenbroch | Volker Stollorz | Volker Zastrow | Wilhelm Klümper | Wolfgang Kaes | Wolfgang Swoboda | Wolfgang Uchatius | Yu Chen | Yvonne Olberding | Zhan Jiang