nr-Jahreskonferenz 2013

Investigativ mit Datenbank

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Vielen Journalisten mangelt es an Zeit für intensives Recherchieren. Im hektischen Redaktionsalltag kommt der investigative Journalismus oft zu kurz, weil die Beschaffung von Informationen wie eine Art „Fischen“ nach Daten und Fakten ist. Um Journalisten das Recherchieren zu erleichtern, entstehen immer mehr Datenbanken und Websites im Internet. Der aus Rumänien stammende Entwickler des „Investigative Dashboard“ Paul Radu, hielt seinen Fachvortag über seine internationale Datenbank in Englisch.*

Eine “Recherchier-Werkzeugbox”, die auf der ganzen Welt vernetzt ist. Sie ermöglicht den Nutzern, über verschiedene Recherchetechniken an Informationen zu gelangen. Außerdem bietet die Plattform den Nutzern Raum, Quellen und Informationen zu finden, auszutauschen und sich neue Recherchetricks anzueignen.

Wichtig bei einer Recherche sei vor allem, dass der Journalist seine Rechercheergebnisse gut strukturiere, damit er die Informationsflut ordnen könne und keine wichtigen Nachrichten verliere, weiß Radu. Eine Variante seine Ergebnisse zu gliedern, sei die Verbildlichung anhand von Mindmaps. Dabei gehe es vor allem um die Frage, wie man eine Recherche so aufbauen könne, dass der Rezipient die Informationen geordnet dargelegt bekomme.

„Im Vordergrund einer Recherche sollte darüber hinaus immer die Weitergabe von richtigen Informationen stehen“, betont Radu. Andernfalls könne man sich nie sicher sein, dass die Neuigkeiten, die man verbreite, stimmen. Hilfreich hierbei sind Kooperationen auf der ganzen Welt, um für jedes Thema einen passenden Ansprechpartner zu haben, den man befragen könne. Seiner Meinung nach sind Netzwerke wie „netzwerk-recherche“ und soziale Netzwerke daher eine gute Möglichkeit, um sich zu versichern, dass die Befragten ehrliche O-Töne geben.

Zu Beginn einer jeden Recherche sollte sich jeder ein Minimum an Recherchezielen setzen, das er in jedem Fall immer erreichen sollte. Erst danach solle sich der Rechercheur höhere Ziele stecken und nach deren Erreichen streben. Radu empfiehlt: „Am Anfang ist es hilfreich, mit großen Datenbanken zu arbeiten. Also von außen nach innen zu ermitteln.“ Der Rumäne sagt, für eine sichere Recherche sei es notwendig, dass die Nutzer von Datenbanken immer ihre Informationen mit anderen Quellen vergleichen um sich einen sicheren Überblick zu verschaffen. Der Entwickler hat sein Ziel klar formuliert: „Ich möchte ein System schaffen, in dem jeder Nutzer alle Informationen finden kann!“

Mehr Information finden Sie unter:

http://www.investigativedashboard.org/

Weitere internationale Datenbanken sind die „Mint Global“, welcher ein kommerzieller, kostenpflichtiger Service ist. Die Datenbank „open corporates“ umfasst über 54 Millionen eingetragene Firmen.

*Alle Zitate wurden aus dem Englischen ins Deutsche  übersetzt von Vanessa Ranft und Maike Menke

Auch Hendrik Maaßen hat die Veranstaltung besucht:

Paul Radu spricht rasend schnell, weil er viel zu berichten hat. Und seine Zuhörer im hoffnungslos überfüllten R3 hängen an seinen Lippen. Es geht um das Entschlüsseln von internationalen Firmengeflächten, Personen und Netzwerken, mithilfe von Datenbanken und Registern.

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Der rumänische Journalist Paul Radu weiß aus dem Kopf, was eine Handelsregisterauskunft in Zypern kostet (10 Euro), oder wie man einen russischen Oligarchen zum Reden bringt (schreib ihm erst eine Mail, wenn du wirklich alles über ihn weißt). Paul fasziniert mit einer unglaublichen Motivation und Fachkenntnis. Er zeigt einzelne Suchmaschienen wie Mint Global („sehr teuer“), Open Corporates, („das ist wirklich machtvoll“) und erklärt das eigene Portal „Investigativedashboard.org“ http://www.investigativedashboard.org/

Es soll dem Rechercheur zur richtigen Datenbank für seine Anfrage leiten (Worldwide Company Data), bieten verschiedene Analyse-Werkzeuge (Tools), und unterstützt sogar die eigene Recherche aktiv (Research Desk). Zum Erklären bleibt trotz seines hohen Sprechtempos überhaupt keine Zeit, aber Radu verweist auf die Tutorials auf der Seite.

Ausführlich berichtet der Rumäne von den recherchierten Firmengeflechte, die er und seine Kollegen vom „Organized Crime and Corruption Reporting Project“ (OCCRP) aufgedeckt haben. Die Ergebnisse sind frei auf der Seite verfügbar und anschaulich visualisiert. „Ohne unsere Kreativen wäre das nicht möglich“, sagt Radu. Es ist eine sinnvolle Arbeitsteilung: Journalisten recherchieren, Hacker kopieren die Handelsregister („Wir machen nichts illegales!“) und Grafiker machen die Ergebnisse erst mit Animationen verständlich. Zudem arbeitet das Netzwerk international mit vielen anderen Investigativ-Netzwerken zusammen. Ergebnisse werden nicht nur auf der Website veröffentlicht, was  zu Netzwerkeffekten führt: „uns rufen Leute an, die weitere Informationen zu Firmen haben, mit denen wir das Spinnennetz weiter flechten können“, so Radu; Sondern es werden auch sensible Daten zwischen den Netzwerken ausgetauscht, sich gegenseitig geholfen.

„Wir fischen eine Menge“, sagt Radu. „Nach Namen, Firmen. Warum nehmen wir nicht einfach alle Parlamentsmitglieder und schauen, ob sie illegal in Unternehmenkonsortien verwickelt sind?“

Was ihn antreibt hatte er schon in einer ersten Veranstaltung erklärt. Es sind einfache Beispiele: Die Wasserversorgung eines aserbaidschanischen Dorfs bricht zusammen, weil das Grundwasser für eine neue Mine abgezwackt wird. Die Bewohner des Dorfs dachten, die Mine gehöre „irgendwelchen Engländern“. Doch Radu und seine Kollegen hatten schnell raus, dass der eigene Präsidenten und seine Familie dahinter steckten. Er hatte sogar selbst ein entsprechendes Gesetz dafür erlassen.

Finanziert wird das Investigativ-Projekt von vielen Institutionen, Ländern und Privatpersonen. Unter anderem von der US- und schwedischen Regierungen, ein Antrag bei der Europäischen Union läuft. Einflussversuche hätte es nie gegeben, sagt Radu. Wenn die Internetseite des Projekts in Kürze einen Relaunch erfährt, dann allerdings auch mit Hilfe von Google. Dabei ginge es aber nur um technische Unterstützung, versichert Radu. Ob er auch die Steuerspartricks des US-Giganten recherchieren würde? „Ja, ich mache das bei jeder Firma“, antwortet Radu.

Paul Radu zu seiner Motivation, internationale Wirtschaftsgeflechte aufzudecken (1:57)
 

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2013 von netzwerk recherche erscheint auch in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wird die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiatinnen der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Journalismus-Studenten aus Bremen, Leipzig und Dortmund, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg sowie Volontären/innen der dpa, der Axel-Springer-Akademie und der Evangelischen Journalistenschule Berlin.

Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.

Referenten

Adam Thomas | Ada von der Decken | Amrai Coen | Andrea Röpke | Andreas Lange | Anita Zielina | Annette Bruhns | Annette Leiterer | Antje Mosebach | Armin Wolf | Arne Schulz | Arno Dirlam | Axel Vornbäumen | Bastian Obermeyer | Berndt Röttger | Bernhard Bartsch | Bill Adair | Boris Kartheuser | Carin Pawlak | Caterina Lobenstein | Cathrin Gilbert | Cecilia Anesi | Christian Bommarius | Christian Sauer | Christina Berndt | Claudia Spiewak | Cordt Schnibben | Diana Löbel | Dietmar Lucas | Dror Moreh | Emin Milli | Eric Beres | Felix Lee | Florian Flade | Franziska Augstein | Franz Knieps | Fukami | Georg Mascolo | Gerard Ryle | Gerd Antes | Gerd Glaeske | Gerhard Kromschröder | Gregor Aisch | Gudrun Fertig | Guilio Rubino | Gökalp Babayigit | Günter Ederer | Hans-Martin Tillack | Hans Leyendecker | Harald Schumann | Harry Lehmann | Hauke Gierow | Hauke Janssen | Heike Dierbach | Heike Haarhoff | Holger Stark | Holger Wormer | Ines Pohl | Jakob Augstein | Jan-Eric Peters | Jan Eggers | Jan Feddersen | Jan Schulte-Kellinghaus | Judith Scholter | Juliane Wiedemeier | Julia Stein | Jupp Legrand | Jörg Armbruster | Jörg Eigendorf | Jörg Jung | Jürgen Grässlin | Katharina Borchert | Kathy Meßmer | Klaus Koch | Klaus Kranewitter | Klaus Liedtke | Lars-Marten Nagel | Lars Abromeit | Lutz Marmor | Lutz Tillmanns | Marc Engelhardt | Marc Jan Eumann | Marco Maas | Marcus Anhäuser | Marcus Lindemann | Marian Steinbach | Mark Schieritz | Markus Anhäuser | Martina Keller | Martin Durm | Max Müller | Melanie Mühl | Michael Hauri | Michael Lüders | Michael Prellberg | Michael Schomers | Monika Anthes | Nicola Kuhrt | Norbert Grundei | Oliver Alegiani | Oliver Schröm | Panajotis Gavrilis | Patricia Schlesinger | Paul-Josef Raue | Pauline Tillmann | Paul Radu | Peter Onneken | Philipp Köster | Philipp Ostrop | Philipp Walulis | Rahmi Turan | Rainer Erices | Raul Krauthausen | Rebecca Maskos | Reinhard Schädler | René Pfister | René Wappler | Sabine Rückert | Sascha Venohr | Sebastian Esser | Sebastian Heiser | Sebastian Mondial | Silke Burmester | Stefan Candea | Stefan Laurin | Stefan Niggemeier | Stefan Plöchinger | Susan E. Knoll | Susanne Gaschke | Susanne Koelbl | Tasos Teloglou | Thomas Krüger | Tom Schimmeck | Torsten Müller | Uli Rauss | Ulli Jentsch | Urs Spindler | Ursula Kosser | Uwe Krüger | Uwe Ritzer | Uwe Tonscheidt | Veronika Hackenbroch | Volker Stollorz | Volker Zastrow | Wilhelm Klümper | Wolfgang Kaes | Wolfgang Swoboda | Wolfgang Uchatius | Yu Chen | Yvonne Olberding | Zhan Jiang