nr-Jahreskonferenz 2013

Kriegsreporterin bei den (wahren) Helden der Gegenwart – Rede zur Lage des Journalismus

nr-Jahreskonferenz 2013Meine Damen und Herren,

manchmal passiert es, dass Silke Burmester um einen Termin bittet. Für einen Artikel oder ein Interview. Und dass der Angefragte dann, meist so ein wenig verunsichert, fragt, ob sie denn mit ihrem Helm käme. Und dann muss Silke Burmester sagen, nein, ich will ja mit Ihnen über Ihre neue Geschirrlinie sprechen oder über den Ausbau von Kitaplätzen in Köln-Ost. Oder sie sagt, nein, dieser Artikel ist für Mare, das hat mit der taz nichts zu tun. Den Helm habe ich nur auf, sagt sie dann, wenn ich als taz-Kriegsreporterin unterwegs bin. Meist sind dann die Leute recht erleichtert.

Sie, meine Damen und Herren, sollten nicht erleichtert sein, denn ich bin zu meiner Freude, als Kriegsreporterin hierher eingeladen. Ich darf, ja ich soll mit Helm kommen und das ist mir eine ganz besondere Freude. Ich glaube, ich fühle mich ein wenig so wie Eckert von Hirschhausen, nachdem er seine Arztpraxis verlassen durfte, um auf den Bühnen des Fernsehens herumzuturnen: Es ist eine Ehre, ich fühle mich befreit von den Zwängen eines 3500 Zeichen großen Kastens und freue mich, Sie 20 Minuten lang in Grund und Boden reden zu dürfen.

Als Thema hat man mir „Die Lage des Journalismus“ gegeben, was nicht nur ähnlich konkret ist, wie über das transatlantische Verhältnis zu reden oder über die Meere im Wandel der Zeit, es umgeht auch die charmante Gefahr, das Thema zu verpassen. Egal, was jetzt kommt, so lange es nur irgendwie mit dem zu tun hat, was wir tun, passt es hier her. Cherno Jobatey hat neue Schuhe? Steht in der Bunten, passt also. Horst Seehofer spricht nicht mehr. Schon gar nicht mit der Presse? Passt. Erster Cicero-Redakteur beim Twittern erwischt? Passt auch. Und, was auch ganz toll ist: Es ist mein Lieblingsthema. Ich kann mir quasi nichts Schöneres vorstellen, als zu gucken wie die Lage ist. Im Journalismus. Dafür habe ich einen Feldstecher und einen Helm und wenn ich aktuell gaaaaanz weit nach Süden gucke und das Augenmerk auf Griechenland richte, dann muss ich sagen: Die Lage ist beschissen.

Da wurde mir nix dir nix, von jetzt auf eben im wahrsten Sinne des Wortes dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Stecker gezogen. Von jetzt auf eben, 5 Fernsehsender, 29 Radiostationen abgeschaltet. Bums aus, Sendeschluss. Ist ja nur der öffentlich-rechtliche Sender. Es sei, so hat jemand gesagt, als schalte man die BBC ab. Also, mal ehrlich, das halte ich jetzt für ein wenig übertrieben, schließlich kann ich mich nicht daran erinnern, irgendwelche grandiosen griechischen Fernsehserien gesehen zu haben oder preisgekrönte Tier-Dokus. Nicht einmal auf Phönix oder Bibel-TV. Und so ein richtig fetten Missbrauchsskandal, bei dem sich ein Starmoderator über Jahrzehnte im Schutze seiner Kollegen des ihn anhimmelnden, jugendlichen Publikums sexuell bedient hat, ist mir auch nicht zu Ohren gekommen. Aber selbst wenn es stimmt, dass ERT ein verschlafener, ultralangweiliger Sender war, der über die geschmackliche Attraktivität von Rezina nicht hinauskommt, ein Hammer ist das schon.

Und jetzt stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn man hier in Deutschland den Stecker zöge. Allein hier beim NDR. Schließen Sie, verehrtes Publikum, für einen Moment die Augen und sehen Sie sie vor sich, die Redakteure und Techniker, die Programmplaner, die Intendantenassistentinnen und Moderatoren, die Kameraleute und Abteilungsleiter, wie sie verzweifelt, verwirrt über die Flure irren, den Schalter suchend, mit dem das Ganze wieder los geht. Wie sie, wie nach einem Erdbeben, nicht fassen könnten, was da geschehen ist und etwas greifen möchten, das nicht zu greifen ist. Wie die Nachrichtensprecherinnen und Moderatorinnen auf der Straße die Kleider mit dem Glitzer drauf anbieten, im Tausch für eine Tüte Bohnen oder Reis. Und dann stelle ich mir vor, wie sie alle vor dem Gebäude stehen und im Angesicht des Aufgabenverlustes auch die Bedeutung weg ist. Und wie egal es auf einmal ist, dass eben noch jemand die Tagesthemen moderiert hat oder das Recht hatte, am Programm rumzumosern und unliebsame Beiträge rauszunehmen. Dass eben einer noch Tom Buhrow, Judith Rakers war oder Frank Beckmann ist völlig egal, wenn er oder sie jetzt neben der Cutterin Karin Schulze steht und beide keine Aufgabe mehr haben, weil es ihren Sender nicht mehr gibt.

Diese Vorstellung gefällt mir natürlich sehr gut. Und dann hört es auch schon auf. Dann nämlich mache ich es mir bewusst, was es heißt, wenn in einem Land, das uns sehr nahe ist, weil wir seit Jahrzehnten dort Urlaub machen, weil wir seine Oliven so lieben und so gern beim Griechen Essen gehen, ein Land, dessen Menschen seit 40 Jahren bei uns leben, wenn in diesem Land, in einem Staat der EU, mal so eben der öffentlich-rechtliche Rundfunk abgeschaltet wird. Weil ein Machthaber es so bestimmt.

Und ich dann sehe, was wir deutsche Journalisten tun. Bzw. nicht tun. Dann schäme ich mich. Dann würde ich gern in meinem Beobachtungsgraben verschwinden. Wo, so frage ich, ist unser Aufschrei der Empörung? Wo ist das Entsetzen über so eine Handlung? Wo die Solidarität mit einem Volk, das seine unabhängige Berichterstattung, eine Hüterin der Demokratie, verliert? Müssten nicht gerade wir, wir Journalisten in Deutschland wissen, welche Gefahren darin stecken? Was ist das für eine läppische Berichterstattung die letzten Tage? Ich begreife schlicht nicht, was wir für ein Verständnis von uns und unserem Beruf haben. Es kann doch nicht sein, dass es immer nur darum geht, dass Medienmänner in teuren Anzügen sich mit Phantasien wie dem Verschwinden der Media-Agenturen oder Bezahlung nach Klicks vor die Kameras drängen. Was sind wir für komische Leute, die wir hier sitzen und über „Traumjob Journalist“ reden, anstatt den Kolleginnen und Kollegen unsere Solidatität zu beweisen?1340 Zeichen ist die Solidaritätsbekundung, die der DJV als Pressemitteilung irgendwo hingeschickt hat, lang. Na super.

Aber, woran hat Thomas Tuma uns jüngst erinnert? Wir dürfen uns nicht mit einer Sache gemein machen. Bloß nicht für etwas kämpfen, sich einsetzen, an das man glaubt. Schon gar nicht für ein demokratisches Grundrecht wie freie Medien oder Gleichberechtigung. Das kommt für einen Mann wie vom Spiegel früher oder später schon von allein. Der Forderung, auf Engagement zu verzichten, geht nicht nur die naive Annahme voraus, es gäbe eine objektive Themenwahl, die Abspaltung des Ichs von dem, was man schreibt, sie ist auch Bullshit.

Warum soll ich mich nicht für eine Sache einsetzen? Warum nicht für etwas Position beziehen, wenn deutlich ist, wer sich warum zu einer Sache bekennt? Ist es nicht genau das, was unsere Medien so langweilig, so austauschbar macht? Dass sie für nichts stehen? Dass keine Haltung, keine Position erkennbar ist? Dass sie von Leuten gemacht werden, die Schiss in der Hose haben? Leute, die sich nicht trauen, mal in die Vollen zu gehen, sich zu etwas zu bekennen und stattdessen den grauen Brei des Konsens suchen, auf dass sie es sich mit niemandem verderben?

Lustig fand ich, von welchem Aufschrei der Artikel von Thomas Tuma über seine Angst vor Frauen begleitet wurde. Landesweit schien man sich einig, dass man so etwas nicht tut, eine Kollegin des eigenen Blatts so öffentlich anzugreifen. Aber warum eigentlich nicht? Ich gebe zu, das war nicht nett. Aber ist es deswegen schon ein Unding? Warum sollte man, wenn man eine Haltung zu etwas verdeutlicht, nicht auf die Person eingehen, die für die gegenteilige Meinung einsteht? Die die Initiatorin einer Bewegung ist? Weil sie im eigenen Haus arbeitet? Wer spricht denn schon über den aktuellen Obama-Titel des Spiegel oder über den zu Thomas de Maiziere  die Woche davor? Niemand. Über Tumas Kampftext haben alle geredet. Auch, weil er inhaltlich so unsäglich ist, klar. Aber eben auch, weil da jemand den Mut hatte, in den Angriff zu gehen. Helmchen ab dafür!

Umso bedauerlicher finde ich es natürlich, dass die Diskussion zwischen Thomas Tuma und Annette Bruns, die für diese Tagung geplant war, abgesagt wurde. Man will den Konflikt intern lösen. Laaangweilig, kann ich dazu nur sagen! Ich frage mich natürlich augenblicklich, was die damit meinen und ob Klaus Brinkbäumer als Chefredakteur der Versöhnung Plätzchen und Tee bereitstellen lässt und die Beiden in an einem Tag nach der heißen Produktionsphase um 17 Uhr in sein Büro geladen hat. Und ob die dann die Bahlsen Gebäckmischung „Selection“ essen oder sie stehen lassen, um dem anderen zu zeigen, ich find Dich richtig doof und ich werde den Teufel tun und hier so´n Keks knabbern, wodurch es so aussehen könnte, als wäre ich bereit für einen Kuschelkurs.

Weil diese Gedanken aber recht unerquicklich sind, weil ich wirklich so gar keine Ahnung habe, was es bedeutet, wenn man beim Spiegel, dem Inbegriff der gekonnten Kommunikation, Dinge intern klären will, guck ich lieber noch mal auf die Lage des Journalismus und blicke dieses Mal schlicht auf unsere hübsche Nation. Die Nachrichtenlage ist super: Die USA erweist sich als heimtückischer Spionagebösling, Deutschland erlebt die größte Flut seit Gott Wasser in den Elbgraben laufen ließ und die Türkei, in Anbetracht der vielen Türken die bei uns leben, eine Art Bruderland, erlebt, wie die Demokratie eingeknastet wird. Und was bringen Spiegel, Stern und Die Zeit? Das transatlantische Verhältnis, Viagra und „Was ist ein freier Mensch?“

Ja, was ist ein freier Mensch? Das frage ich mich auch. Täglich. Manchmal frage ich mich aber auch: Was ist intelligenter Journalismus? Oder was ist die Aufgabe des Journalismus? Oder: Sollten Leitmedien relevante Themen relevant aufbereiten? Aber das sind immer so anstrengende Fragen. Da tun mir nach ein paar Minuten die Schläfen weh und dann kann ich die Herren die, die Blätter verantworten, so gut verstehen, dass sie lieber über Viagra, Freiheit und darüber nachdenken, was von Kennedy übrig blieb. Zumal zuletzt die Sonne so schön schien. Und es doch dumm wäre, sich die Leichtigkeit, die solch eine Wonnesonne bringt, durch so unschöne Themen kaputt machen zu lassen. Zumal die Türkei! Meine Güte, was geht uns das an! Es reicht doch, wenn wir darüber berichten, wenn die Leute bei uns im Land erschossen werden. Damit haben wir nun wirklich unsere Pflicht getan.

Ganz anders begreift man die Frage nach der Lage im Hause Springer. Dort hat man sie anscheinend als schlicht aussichtslos erkannt und sich vom Verständnis, ein Verlagshaus zu sein, verabschiedet. Stattdessen betreibt man nun ein 24-7 Kaufhaus, das u.a. auch journalistische Inhalte bietet. Und ich muss sagen, mich beeindruckt, wie dieser Konzern es schafft, durch den intelligent-unterhaltsamen Einsatz dessen, was Andere als sogenannte „moderne Medien“ mit Angst, Argwohn und Ärger betrachten, sein Image umzukrempeln. Hatte man bislang den Eindruck, der Verlag sei ein kaltes, von höheren Mächten getriebenes Unternehmen, das sich durch altertümliche Fernsehzeitschriften, reaktionäre Verlustbringer und menschenverachtene Zynismuszeitungen als mediales Abbild des Bösen sein Unwesen treibt, präsentiert sich der Laden nun als innovative, lustige Kreativbude mit langem Vorstand. Tatsächlich entsteht das Gefühl, Springer sei momentan der Verlag, der vorführt, wie Erneuerung und Zukunft aussieht. Während die anderen vor sich hin schlummern und ab und zu mal ein Äuglein öffnen, um zu sehen, ob die böse, böse Krise immer noch das Schloss umrankt.

Aber es sind nicht nur die lustigen Filmchen, mit denen sich die Verlagsleitung selbst aufs Korn nimmt oder die Tatsache, dass sie sich und ihre Mitarbeiter nötigt, bei Ausflügen im Doppelzimmer zu schlafen, es ist auch ihre ungewöhnliche Personalpolitik, die beeindruckt.

Wie Sie, verehrtes Publikum wissen, hat der Springer-Verlag sich als Fahrstuhlunternehmen einen Namen gemacht. Rauf oder runter – viele Prominente und Politiker vertrauen dem zuverlässigen Service des Hauses. Und während der Teufel früher so unwürdige Erscheinungsformen wie die des Pudels wählen musste, hält er heute in Verkleidung eines Chefredakteurs höchstselbst die Tür des Fahrstuhls auf. Auch hier zeigt er die hohe Kunst der Wandlungsfähigkeit. Jahrelang ist er in Gestalt eines glatten, gelglänzenden Könighechts über die Flure geglitten, dann ist er nach Amerika gegangen, um als lockerer Coolboy zurückzukehren. Seine allumfassende Macht demonstriert er im Liebesakt: Eine einzige Umarmung reicht aus und sein Gegenüber ist erledigt.

Allerdings war diese Waffe eine Art one-shot-weapon. Noch mal wird kein Politiker so blöd sein und sich von einem sogenannten „Kai Diekmann“ umarmen lassen. Aber der Teufel wäre nicht der Teufel, wenn er nicht noch tolle, drei Mal um die Ecke herumkommende Methoden parat hätte, Leute zu erledigen oder zumindest so zu beschädigen, dass sie unmerklich ausbluten.

Gar nicht mal so unmerklich, sondern eher hoch offiziell will der Bund Deutscher Zeitungsverleger Redakteure ausbluten lassen und hat gestern die Kündigung des Manteltarifvertrags bekannt gegeben. Ein Blick lohnt auch zum Verlag Madsack, denn dort lässt sich erspähen, was aus der guten, alten SPD geworden ist. Der Partei, die früher mal Partei für diejenigen ergriffen hat, die nicht am Geldhahn eines Gasgiganten hängen. Der niedersächsische Platzhirsch Madsack hat in den letzten Jahren schon allerlei unternommen, die Qualität des Journalismus abzubauen, etwa in dem er etliche seiner Unterfirmen aus der Tarifbindung genommen und Aufgaben ausgelagert hat. Noch puschelig warm ist die Aussage des Geschäftsführers der SPD-Medienholding Jens Berendsen. Die ddvg ist mit 23,1 Prozent der größte Anteilseigner bei Madsack und Berendsen hat eine Rendite von 10 Prozent zum absoluten Muss erklärt. Gleichzeitig möchte er die Journalisten nicht länger nach Tarif bezahlen. Die Tariflöhne wären „nicht mehr zeitgemäß,“ sagt das Mitglied der Willy Brandt Partei. Meint damit aber nicht, dass sie erhöht werden müssen, sondern dass sie zu hoch seien, was ich ganz schön crazy finde. Immerhin hat sich der SPD-Mann zum gesetzlichen Mindestlohn bekannt, sagt der Madsack-Betriebsrat. Wobei ich mich frage, welchen meint er? Den für Friseure von oder den der Gebäudereiniger?

Was mich manchmal stutzig macht, ist die Frage, ob so Verlagsleute sich eigentlich absprechen. Oder woran es liegt, dass die Schreckensmeldungen immer alle auf Mal kommen? BDZV, Madsack, Harburger Zeitung, die WAZ-Gruppe, die ihre Auslandkorrespondenten entlässt. Machen die das auf dem Golfplatz zwischen Loch 7 und 8 aus? Während der eine zum Schlag ausholt, sagt der andere: „Du, ich schließ jetzt meine Auslandsbüros. Du wolltest doch aus dem Tarifvertrag raus – sollen wir das nicht zusammen machen?“ Oder rufen die sich an? „Hallo, Harry, hier ist Herbert“ Ich verhandle demnächst mit dem Betriebsrat wegen der Aufkündigung der Tarifverträge. Das wäre doch ein guter Zeitpunkt, um auch Ihren Laden dicht zu machen!“

Aber ich will nicht immer jammern. Man muss ja auch mal positiv auf die Lage des Journalismus gucken. So, wie der Stern es jetzt macht. Zum Beispiel durch Ansage der Chefredaktion an die Redakteure, dass jede Geschichte positiv erzählt werden soll. Oder zumindest ein positiver Aspekt erkennbar ist. Das könnte aktuell bei der Türkei der Umstand sein, dass viele in Deutschland lebende Türken nach Hause geflogen sind, um die Demonstranten zu unterstützen. Und das Positive daran? Sie sehen endlich ihre Familien wieder! Oder die Flut – welch ein Segen für die Wirtschaft, werden doch jetzt so viele neue Kühlschränke und Waschmaschinen gebraucht! Und auch den Journalismus betreffend gibt es so viel Positives zu vermelden. Dass bei der Bild die Auflage sinkt, zum Beispiel. Dass Springer bei der Bild Stellen abbaut.! Hätten die 68er auch nicht geglaubt, dass sich das Problem irgendwann mal von alleine löst! Auch toll ist, dass Ingo Zamperoni wahrscheinlich die Tagesthemen moderieren wird, obschon er bei der Benennung des Spielstandes von 0:2 beim Spiel Deutschland gegen Italien gelächelt hat. Lauter tolle Sachen, die mich mit so viel Freude unter meinem Helm hervor in die Zukunft blicken lassen!

Was mich aber ganz besonders freut, zumal ich mich gern mit einer Sache gemein mache, ist dass sich eines im Journalismus gerade gewaltig ändert: die Situation von uns Frauen. Und was mich auch total freut, ist dass einige von Ihnen jetzt denken: „Oh, nein, jetzt geht der Scheiß wieder los!“, aber hier nicht weg können. Weil das nicht nur total peinlich wäre, sondern auch ihrer Karriere schaden, wenn sie beim Thema „Pro Quote“, das jetzt kommt, den Saal verlassen würden. Das würde nämlich blitzschnell getwittert und auf Verbreitungsreise gehen. Dass XX beim Thema Pro Quote den Raum verlässt.

Das nämlich, meine Damen und Herren, hat der Einsatz von Pro Quote bereits erreicht: Das Thema ist gesetzt und sich dem zu entziehen, ist nicht nur peinlich, MANN kann es sich schlichtweg nicht leisten, wenn man nicht als totale Nudel dastehen will.

Aber ich mache es kurz. Allerdings möchte ich mit einem historischen Abriss beginnen, in dem ich zunächst die Entwicklung des Themas seit 1968 skizziere. Dazu bediene ich mich der Doktorarbeit von Isabelle Corthes mit dem Titel „Die Sichtbarkeit und Transzendenz der Frau in den deutschen Mainstreammedien von 1968 bis heute anhand des normativ-performativen Geschlechterkonstrukts nach Judith Butler“.

Nee, das tue ich natürlich nicht. Ich blicke auf die Lage des Journalismus und sage es einfach so: Es ist unglaublich, was seit der Gründung von Pro Quote vor gut einem Jahr geschehen ist! Gut, das Ziel von 30 Prozent Frauen in Führungspositionen ist noch nicht erreicht, aber wir haben den Herren dafür ja auch bis 2017 Zeit gegeben. Dennoch und allen Anfeindungen zum Trotz: Das Thema ist gesetzt, und vor allem: Es geht nicht mehr weg.

Bislang war es immer so, dass Forderungen auftauchten und kurz den Raum füllten. Dann erloschen sie wieder. Das ist dieses Mal anders. Selbst, wenn etwa der Stern es schafft, seine drei Chefredakteursposten ausschließlich mit Männern zu besetzen und jemand wie Gabor Steingart eher sein Jackett auszieht, als den Anspruch der Frauen als berechtigt zu benennen, es tut sich was. Medienmacher können es sich allein aus Fragen des Images nicht mehr leisten, Führungspositionen ausschließlich männlich zu besetzen. Und immer mehr Frauen begreifen, dass die Forderung nicht frech, sondern selbstverständlich ist. Dies ist auch der Punkt, an dem der Kollege Tuma irrt. Die Forderung, Frauen an der Führung zu beteiligen, ist nicht das Luxusproblem einer gesellschaftlichen Elite, wie Tuma es nennt, es ist die Forderung von Menschen, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung in diesem Land vertreten. Sicher geht es auch darum, ganz konkret Posten zu besetzen. Es geht aber auch darum, andere Themen, andere Inhalten in die Medien zu bekommen, Medien, die letzten Endes Sprachrohr und Anwalt der Bevölkerung sind.

Ich bin, Obacht! Eigeninteresse!, mächtig stolz auf das, was wir verbiesterten, frustrierten, verbissenen und untervögelten Elsen in dieser kurzen Zeit erreicht haben. Und ich bin sehr angetan, wenn ich höre, dass der neue Chefredakteur des Spiegel, ein Blatt, das mittlerweile anmutet, wie ein alter Opa, der im Rollstuhl sitzend vom Krieg erzählt, in Elternzeit geht, bevor er seinen neuen Posten antritt. Das gibt Hoffnung. Hoffnung in Orange.

Wenn Du also, lieber Kuno Haberbusch, die Kriegsreporterin fragst, wie die Lage des Journalismus ist, dann kann sie Dir aus voller Überzeugung sagen: beschissen aber hoffnungsvoll.

Klick-Tipp: Das Branchenblatt “Journalist” bietet online in seiner Werkstatt-Reihe neue Themen in Kooperation mit dem Poynter-Institut in Florida. Los geht’s mit “10 Tipps für mehr Kreativität in Redaktionskonferenzen”.


4 Kommentare

  1. Gratulation! Ist das gut formuliert und auf den Punkt gebracht!

  2. ReVolte sagt:

    “Dass keine Haltung, keine Position erkennbar ist? Dass sie von Leuten gemacht werden, die Schiss in der Hose haben? Leute, die sich nicht trauen, mal in die Vollen zu gehen, sich zu etwas zu bekennen und stattdessen den grauen Brei des Konsens suchen, auf dass sie es sich mit niemandem verderben?”

    Mit Tuma hat doch endlich mal einer den Mund aufgemacht und gegen die – gleich einem sozialistischen Morgenappell – alltäglich plärrende Quotenpropaganda Position bezogen. Zumal darüber hinaus allgegenwärtige feministische Sprachwartinnen mit ihren Rede- und Denkverboten a la Mädchenmannschaft, Schrupp, Wizorek… sich die Lorbeeren für den aktuellen ‘politisch korrekten’ Medienbrei verdient haben. Der Gipfel dieser Entwicklung: Obama musste sich für ein Kompliment bei einer Frau entschuldigen. FÜR EIN KOMPLIMENT, während Bürgerinnenmeisterin Gaschke pauschal und ungestraft von “alten Säcken” schwadroniert, um sich gleich darauf zu beklagen, dass sie nicht sagen darf, was sie denkt.

    Laut aktuellem Zensus leben im deutschen “Patriarchat” 2 Millionen mehr Frauen als Männer. Dennoch sind doppelt soviel Männer als Frauen von Sanktionen des Arbeitsamtes betroffen. Die Selbstmordraten von jungen Männern sind ggb. der Frauen eklatant hoch – ohne erkennbares politisches Interesse für die Ursachen, denn diese liegen für Leute wie Burmester klar auf der Hand: Die Jungs wollen ihre “Privilegien” in Form von Erwerbsobligenheit und fiktivem Einkommen nicht hergeben. So schön einfach ist die ProQuote-Welt. Aufschreien bleibt traditionell und naturgemäß Frauensache.

    Gern verquirlen Leute wie Burmester die Begriffe Gleichstellung und Gleichberechtigung. Sie tun das zielgerichtet, denn sie wissen, dass es ganz und gar nicht das gleiche ist. Beispiel SPD. Die Zahl der Mitglieder ist seit dem Frauenquotenbeschluss 1988 von knapp 1 Million auf unter 500.000 abgestürzt. In den vergangenen 24 Jahren kamen nicht mehr Frauen zur SPD, sondern weniger, deutlich weniger. Die Zahl der weiblichen Mitglieder ist von 240.325 im Jahre 1988 auf 155.077 (Stand August 2011), also um 35,5%, zurückgegangen.
    Kürzlich sahen wir Peer Steinbrück weinen. Auch mir kommen die Tränen angesichts des beklagenswerten Zustandes der deutschen Sozialdemokratie nach 25 Jahren Frauenquote.

    http://www.heise.de/tp/artikel/37/37302/1.html

    Nach Lage der Dinge bin ich inzwischen geneigt, jene Generation von Frauen, welche meint die zu jeder Zeit belastende Lebenssituation von Männern weiterhin kaltschnäuzig und im ureigensten Interesse mittels zweckdienlicher Opferin/Täter-Demagogie zu verleugnen, mit Verweis auf Frau Gaschke als alte Schabracken zu klassifizieren – egal ob sie Gender studieren, dummfreche Kolumnen publizieren oder in einem Rathaus sitzen.

  3. ReVolte sagt:

    Und wenn dieser Kommentar wie so oft nicht freigeschaltet werden sollte, dürfte auch klar sein, wer die Hosen wirklich voll hat und nur grauen Brei serviert.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2013 von netzwerk recherche erscheint auch in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wird die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiatinnen der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Journalismus-Studenten aus Bremen, Leipzig und Dortmund, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg sowie Volontären/innen der dpa, der Axel-Springer-Akademie und der Evangelischen Journalistenschule Berlin.

Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.

Referenten

Adam Thomas | Ada von der Decken | Amrai Coen | Andrea Röpke | Andreas Lange | Anita Zielina | Annette Bruhns | Annette Leiterer | Antje Mosebach | Armin Wolf | Arne Schulz | Arno Dirlam | Axel Vornbäumen | Bastian Obermeyer | Berndt Röttger | Bernhard Bartsch | Bill Adair | Boris Kartheuser | Carin Pawlak | Caterina Lobenstein | Cathrin Gilbert | Cecilia Anesi | Christian Bommarius | Christian Sauer | Christina Berndt | Claudia Spiewak | Cordt Schnibben | Diana Löbel | Dietmar Lucas | Dror Moreh | Emin Milli | Eric Beres | Felix Lee | Florian Flade | Franziska Augstein | Franz Knieps | Fukami | Georg Mascolo | Gerard Ryle | Gerd Antes | Gerd Glaeske | Gerhard Kromschröder | Gregor Aisch | Gudrun Fertig | Guilio Rubino | Gökalp Babayigit | Günter Ederer | Hans-Martin Tillack | Hans Leyendecker | Harald Schumann | Harry Lehmann | Hauke Gierow | Hauke Janssen | Heike Dierbach | Heike Haarhoff | Holger Stark | Holger Wormer | Ines Pohl | Jakob Augstein | Jan-Eric Peters | Jan Eggers | Jan Feddersen | Jan Schulte-Kellinghaus | Judith Scholter | Juliane Wiedemeier | Julia Stein | Jupp Legrand | Jörg Armbruster | Jörg Eigendorf | Jörg Jung | Jürgen Grässlin | Katharina Borchert | Kathy Meßmer | Klaus Koch | Klaus Kranewitter | Klaus Liedtke | Lars-Marten Nagel | Lars Abromeit | Lutz Marmor | Lutz Tillmanns | Marc Engelhardt | Marc Jan Eumann | Marco Maas | Marcus Anhäuser | Marcus Lindemann | Marian Steinbach | Mark Schieritz | Markus Anhäuser | Martina Keller | Martin Durm | Max Müller | Melanie Mühl | Michael Hauri | Michael Lüders | Michael Prellberg | Michael Schomers | Monika Anthes | Nicola Kuhrt | Norbert Grundei | Oliver Alegiani | Oliver Schröm | Panajotis Gavrilis | Patricia Schlesinger | Paul-Josef Raue | Pauline Tillmann | Paul Radu | Peter Onneken | Philipp Köster | Philipp Ostrop | Philipp Walulis | Rahmi Turan | Rainer Erices | Raul Krauthausen | Rebecca Maskos | Reinhard Schädler | René Pfister | René Wappler | Sabine Rückert | Sascha Venohr | Sebastian Esser | Sebastian Heiser | Sebastian Mondial | Silke Burmester | Stefan Candea | Stefan Laurin | Stefan Niggemeier | Stefan Plöchinger | Susan E. Knoll | Susanne Gaschke | Susanne Koelbl | Tasos Teloglou | Thomas Krüger | Tom Schimmeck | Torsten Müller | Uli Rauss | Ulli Jentsch | Urs Spindler | Ursula Kosser | Uwe Krüger | Uwe Ritzer | Uwe Tonscheidt | Veronika Hackenbroch | Volker Stollorz | Volker Zastrow | Wilhelm Klümper | Wolfgang Kaes | Wolfgang Swoboda | Wolfgang Uchatius | Yu Chen | Yvonne Olberding | Zhan Jiang