Dokumentation nr14

Paul Myers: “I’m a researcher for the BBC”

Veranstaltung: Best of Online-Recherche auf der Jahreskonferenz 2014
Referent:  |  Moderation:
Text: Philipp Daum, Philipp von Nathusius  |  Fotos:

Paul Myers Arbeit beginnt mit dem immer gleichen Satz: „Finde jemanden für uns.“ Wenn die Recherche für die meisten Journalisten beendet ist, zu schwierig, zu wenig Hinweise, dann fängt sie für Myers erst an. 

Myers ist Internetexperte, Rechercheur und Trainer bei der BBC. Früher wäre er ein klassischer Mann der zweiten Reihe gewesen. Jemand, der im Archiv wühlt, während die Journalisten die großen Geschichten schreiben und den Ruhm ernten. Aber heute hält jemand wie Myers Vorträge in Deutschland, Großbritannien, Norwegen und den Niederlanden, mit hunderten Zuhörern.

Auch an diesem Freitagnachmittag steht Myers auf einer Bühne, die Sitze vor ihm sind bis auf den letzten besetzt. Myers trägt ein St.-Pauli-Trikot, am Bauch spannt es ein wenig. Ein Zuschauer hat Bedenken: Müsse Myers denn nicht erwähnen, dass jedes Mal, wenn jemand mit Hilfe von google recherchiert, die NSA mithöre? Stimmt, sagt Myers. Einmal habe er eine Geschichte über britische Verteidigungspolitik recherchiert. Er war der IP-Adresse des Verteidigungsministeriums auf der Spur, als sein Handy anfing zu klingeln. Eine halbe Minute klingelte es, bis er auf Google ging und in die Tastatur tippte: „I’m a researcher at the BBC.“ Myers grinst: „Dann ging das Telefon aus.“ Ungläubige Pause. Das Publikum lacht.

Es sind solche Geschichten, die Myers Popularität ausmachen. Seit der digitalen Revolution suchen Verlage nach Internetspezialisten – und seit der NSA-Affäre sehnen sich Journalisten nach Leuten, die Gelassenheit und Sachverstand in die Debatte einbringen.

Myers strahlt beides aus, vielleicht weil sein Weg alles andere als geradlinig war. Früher bedruckte er Band-T-Shirts und organisierte Ausstellungen für die britische Band The Smiths. Mitte der 90er Jahre fing er bei der BBC an – als „news information researcher“: Das bedeutete damals, Zeitungsartikel auszuschneiden und zu archivieren. Mittlerweile ist Myers ein gefragter Mann, in- und außerhalb der BBC. Neben seinen Vortragsreisen ist Myers in der hauseigenen Academy für die Rechercheausbildung des Nachwuchses zuständig.

Dabei ist Myers Legastheniker. Er tut sich schwer, Texte zu lesen und zu viele Informationen zu verarbeiten. Für die Arbeit als Rechercheur sieht er das als Vorteil. Er selbst kenne viele Kollegen mit Leseschwäche: Sie könnten mehrere Spuren gleichzeitig verfolgen – im Gegensatz zu den Kollegen, die sich zu sehr auf Details versteiften. Für Myers ist Recherche wie eine Schnitzeljagd. Eine Spur führt zur nächsten, von Google über Facebook zu Twitter, zum inoffiziellen Archiv des Internets, der Wayback-Machine, und zurück. Wer nur eine Spur verfolgt, kommt nicht ans Ziel.

Wer wissen will, mit welchen Tricks und Web-Hilfsmitteln Paul Myers seine Suche-Mosaike vervollständigt, kann sich die Research-Links auf seiner Homepage anschauen.

Wie Journalisten in der Ukraine das Intrigennetz Janukowitschs zusammenpuzzlen

Veranstaltung: “YanukovychLeaks – Die Spurensuche in den Akten des ukrainischen Ex-Präsidenten” auf der Jahreskonferenz 2014
Referent: Kateryna Kapliuk (Mitglied der YanukovychLeaks und investigative Journalistin bei Slidstvo.info) | Moderation: Pauline Tillmann
Text: Katharina Korn

 

Foto: YanukovichLeaks.org

Es war filmreif, was im Februar 2014 auf dem Anwesen des hastig nach Russland geflüchteten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch geschah: Ein M Mitarbeiter der Residenz hatte Journalisten darüber informiert, dass in dem angrenzenden Stausee Papiere schwimmen. Taucher fischten daraufhin hunderte Aktenordner aus dem See – und Journalisten begannen damit, die Papiere zu sichten, zu trocknen und zu scannen: Sogar die Gästesauna des opulenten Anwesens half dabei, die Blätter vom Wasser zu befreien. Es war der Beginn von YanukovychLeaks. Inzwischen sind mehr als 23.000 Seiten online abrufbar. Natalie Sedletska zählt zu den Journalistinnen, die von Anfang an dabei waren. Auf der nr-Jahreskonferenz 2014 wird sie von den „Ausgrabungen“ erzählen – und berichten, wie die Dokumente Machtmissbrauch und Korruption belegen. Schon vor YanukovychLeaks machte sich Natalie Sedletska einen Namen als kritische Investigativjournalistin: Beim Kiewer Fernsehsender TVi produzierte und moderierte sie zuletzt „Tender News“, eine Sendung, die kriminelle Auftragsvergaben und Korruption aufdeckte. Derzeit ist Sedletska Stipendiatin bei Radio Free Europe / Radio Liberty und Mitglied des „Organized Crime and Corruption Reporting Projects“.

Sogar in Janukowitschs Gästesauna wurden Dokumente getrocknet. (Foto: YanukovichLeaks.org)

Als Sedletska erfuhr, dass Taucher auf Janukowitsch-Dokumente gestoßen waren, nahm sie den ersten Flug zurück nach Kiew, um bei der Sicherung des Materials zu helfen. „Es war lange Zeit so, als würde man versuchen in einen geschlossenen dunklen Raum vorzudringen. Und dann waren die Wände plötzlich gefallen.“ Überraschend war für sie, dass auch viele „normale Leute“ die Journalistengruppe, beispielsweise durch das Heranschaffen von Trocknern und Scannern, Tag und Nacht tatkräftig unterstützten. Das lang ersehnte Verlangen der ukrainischen Gesellschaft nach Transparenz könne nun niemand mehr abstreiten.